Berglauf

9. La Petite Trotte à Léon (PTL) 2016

Geschrieben von Thomas Delling.

22.08.2016  9:00 Uhr  299,5 km  25.010 Hm+  25.010 Hm-

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Wenn Leon seine jährliche Mont-Blanc-Umrundung unternimmt, ist stets mit neuen Überraschungen zu rechnen. Es variiert sowohl Streckenführung als auch Streckenrichtung, die Teilabschnitte werden dabei meist komplizierter als im Vorjahr und das Teilnehmerfeld lichtet sich während der Woche im Haute Savoie, Wallis und Aostatal von mal zu mal mehr aus. Das aber zum diesjährigen "Spaziergang" eher ein Klettergurt und eine Abseilacht mit ins Wandergepäck gehören müßten als Laufschuhe und Kompressionssocken, davon war in der Vorbereitung darauf keine Rede.

Normalerweise waren Ute und ich nach unserer Teilnahme am 2014er PTL mit dieser Geschichte durch. Wir hatten es damals gemeinsam mit Torsten Hentsch geschafft, zu den wenigen Finishern zu gehören und uns eine Wiederholung der Strapazen für die Zukunft "verboten". Doch das Leben hält sich nicht immer an die selbstauferlegten Regeln und so war es gerade Ute (die die damals größte Abneigung gegen ein PTL-Revival hegte), welche einen Rückzieher machte. Schuld daran war das kurz vor Weihnachten zugesandte Video von unserer Teilnahme am 2015er TDS. Sooo schlecht ist es in den Bergen nun doch wieder nicht! Mit feuchten Augen unterbreitete sie mir eine erneute PTL-Bewerbung, der ich notgedrungen zustimmte, denn die Urlaubsplanung für 2016 wies für August noch einige Lücken auf. Außerdem fehlt uns ja noch die Kult-Glocke (welche jeder erfolgreiche PTLer bekommt), da wir 2014 nicht zur Siegerehrung anwesend waren und somit dieses wichtige Utensil (noch) nicht zu unserem Hausrat gehört.

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Um die Veranstaltung kurz zu beschreiben, bediene ich mich nachfolgend der offiziellen Leseart (© ultratrail.com): "Der PTL (La Petit Trotte à Léon) ist einer der fünf Bewerbe im Rahmen des UTMB. Mit ihm beginnt die Veranstaltung. Durch sein originelles und außerhalb der Normen liegendes Konzept, unterscheidet er sich von allen anderen Läufen. Er fordert starkes geistiges Engagement, Mannschaftsgeist und Abenteuerlust, sportliches Verhalten und alpine Erfahrung. Das charakterisiert den PTL. Dieser Ultra-Ausdauer-Bewerb führt die Konkurrenten in einer großen Runde um den Mont-Blanc, in große Höhen und teils abseits der Wege, ohne Markierung, so daß guter Orientierungssinn erforderlich ist. Jedes Jahr wird die Strecke geändert, wodurch immer neue Teile des französischen, italienischen und Schweizer Mont-Blanc-Massivs entdeckt werden können. Der PTL ist ein Mannschaftsbewerb ohne abschließende Rangordnung. Die Mannschaften bestehen aus zwei oder drei Teilnehmern, die gemeinsam den Lauf beginnen und beenden müssen. Dieser findet in schwierigem gebirgigen Gelände statt und verlangt hohes technisches Können und starke physische und psychische Kräfte. In Anbetracht der Schwierigkeiten, werden die Kandidaten an Hand von Bewerbungsunterlagen, die jede Mannschaft einreichen muß, ausgewählt."

Es galt also nicht mehr ein schnelles Anmelden (bei dem die ersten einhundert Mannschaften automatisch dabei waren), sondern das Einreichen eines PTL-bezogenen "Bewerbungsschreibens". In einer Tabelle wurden dabei u.a. Erfahrungen mit Steigeisen, Klettersteigen, weglosem Gelände, selbstversorgerischem Handeln, die Benutzung von Kompaß, Höhenmesser und GPS-Gerät abgefragt. Wir konnten zwar kein Bergführerdiplom und keine Skibergtouren vorweisen, hatten aber mit dem "kompletten" PTL-Finish 2014 und mehreren anderen erfolgreichen Abschlüssen im Ausdauerbereich (Tor des Geants 332 km, Ultra-Trail du Mont-Blanc 168 km, Trail Ticino 133 km, Trail Verbier St-Bernard 110 km, Jurasteig Nonstop Ultratrail 230 km) gute Karten. Dazu kamen noch diverse (vorweisbare) Bergtouren im Wetterstein, Wallis, Aosta, Graubünden und Watzmanngebiet, die sicherlich positiv in die Bewertung mit einflossen. Mit dem kurzen Umschreiben der persönlichen und der gemeinsamen Motivation für die Unternehmung endete dieser Fragebogen und mit der Überweisung der 690 Euro Startgebühr ist unsere Bewerbung auf dem Weg zu ihrer Prüfung durch das PTL-Komitee.

Die Spannung über die Feiertage und den Jahreswechsel ist ja stets bei einer der UTMB-Bewerbungen gegeben. Egal, ob nun Auslosung oder widerspruchslose Prüfung der eingegebenen Unterlagen - am 13. Januar 2016, ab 10 Uhr haben jedoch alle Gewißheit. Diesem Mittwoch wird dann auch alles andere untergeordnet. Zwei Minuten vor der Zeit, also 9:58 Uhr kommt per E-Mail der positive Bescheid - wir sind für die Teilnahme am PTL angenommen worden!

Das Frühjahr schleppt sich mit den üblichen Wettkämpfen so dahin und Mitte Juli beginnt dann mit einem längeren Bergurlaub die Endphase der Vorbereitung. Das Südtirol Ultra Skyrace (ein nicht ganz einfacher 120er in den Sarntaler Alpen) mit seiner daraufhin ausgerichteten Streckenbegutachtung macht dabei den Anfang. Es folgt das komplette Abwandern des Berliner Höhenweges im Zillertal an vier Tagen. Zu guter Letzt wird noch am Donnerstag vor dem Wettkampf das Mittaghorn (3.143 m) im Wallis im Eiltempo von Saas Grund (1.590 m) aus erklommen. Damit dürfte dann auch genügend zur Akklimatisation getan sein, um beim PTL nicht (vor lauter dünner Luft) aus den Latschen zu kippen.

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 Südtirol Ultra Skyrace  Berliner Höhenweg  Mittaghorn

In Chamonix ergattern wir für die drei Tage vor dem Start noch ein kleines, preiswertes Hotelzimmer mit dem Charme der sechziger oder siebziger Jahre. Es liegt strategisch günstig in der Nähe des Sportcenters, wo am Sonntagnachmittag die Startnummernausgabe stattfindet. Gegen die Vorlage des Personalausweises erhält man dabei die Nummer und eine Tasche für Wechselsachen, Nahrung, Ersatzbatterien, Ersatzschuhe, etc. - welche an den beiden Verpflegungspunkten in Champex-Lac (km 97) und Morgex (km 210) bereitstehen wird. Am Abend findet dann vor allen Teilnehmern die Unterweisung in den Wettkampf statt - in englischer und französischer Sprache. Dabei geht es um die Ethik, die Pflichtausrüstung und das Wetter.

Bei der Pflichtausrüstung gibt es einige Änderungen zu unserem letzten PTL. So sind z.B. zwei statt nur einem Liter Wasser pro Person mitzuführen, wobei Ute's Rucksack bei so einer Menge schnell an seine Kapazitätsgrenze stößt. Aufgrund der sehr sommerlichen Wettersituation (30°C und darüber) und der streckenweise doch recht raren Nachfüllmöglichkeiten ist dieser Pflichtteil jedoch mehr als berechtigt. In meinem 25-Liter-Rucksack ist dafür schon etwas mehr Platz. Außerdem ist Verpflegung für Zwischendurch (Riegel, Gels, Kekse, Nußmischung, Pumpernickel und Wurst) mitzuführen. Weiterhin füllen den Rucksack: zwei Stirnlampen mit genügend Ersatzbatterien, eine Überlebensdecke, eine Pfeife, ein Mobiltelefon mit eingespeicherten Notrufnummern, ein mobiles Aufladegerät, ein T-Shirt aus atemaktiven Material, zwei lange, warme und atemaktive Unterhemden, eine lange Hose und eine "Weste" (jeweils atemaktiv und wasserundurchlässig), ein wasserdichter Regenumhang, eine lange Hose, eine Sonnenbrille, ein paar Handschuhe, eine Mütze, ein Trinkbecher, ein Kompaß, ein Höhenmesser, ein Paar Steigeisen (Yaktrax XTR) und ein Messer. Pro Mannschaft ist nun noch ein Biwakschlafsack, ein GPS-Gerät (mit Ersatzbatterien), das vom Veranstalter zur Verfügung gestellte 22-DIN-A4-seitige Roadbook, genügend Bargeld (Euro und Schweizer Franken), ein Knicklicht sowie ein umfangreiches Erste-Hilfe-Set mitzuschleppen. Zusätzlich nehme ich noch eine Windjacke, einen Fotoapparat, eine kleine Kamera und mein Berghütten-Stempelbuch mit, damit auch die letzten, verbliebenen "Luftblasen" aus dem Rucksack entweichen können. Vor dem Start wird dann noch der GPS-Tracker zum Aufzeichnen der Streckendaten an der Außenseite des Rucksacks befestigt - so hat man dann schnell mal 13 Kilogramm zusätzlich auf dem Leib.

Der Sonntagabend klingt mit einem gemeinsamen Kneipenbesuch der Mannschaften "G Cent Venti G" (Deutschland), "Double Run = Double Fun" (Deutschland), "Palanquin Porters" (Deutschland, USA, Schweiz), "Too Dumb To Quit" (Belgien, Schweiz) und uns "Wald- u. Wiesensportlern" am Place Balmat (Café Valentino) bei Rotwein und Pizza aus. Danach wird der Wagen noch vom Hotelparkplatz auf eine Nebenstraße umgeparkt, wo er (verkehrsrechtlich) sicher steht. Die Nacht ist, wie immer vor solchen Unternehmungen, recht unruhig und die Sehnsucht nach dem Weckerklingeln riesengroß. Sechs Uhr ist es dann soweit, das große Eincremen und finale Packen beginnt. Bis 7:15 Uhr sind wir in wettkampfgerechten Zustand "umgestyled" und die restlichen Sachen sind im Auto verstaut. Das Frühstück soll bei unserem "Lieblingsbäcker" stattfinden, welcher 7:30 Uhr öffnet - nur eben heute nicht, da er Inventur macht. Deshalb werden die Frühstücksutensilien (Kaffee, Baguette, Süßkram) von mehreren Bäckern zusammengesammelt und am Brunnen am Place Balmet verspeist. Bis 8 Uhr müssen dann die Taschen mit den persönlichen Wechselsachen abgegeben werden. Doch da nehmen es die Franzmänner nicht ganz so genau und selbst kurz vor neun eilen noch Läufer mit ihren Dropbags zu den beiden bereitstehenden Transportern. Eine Stunde verbringen wir nun auf dem legendären Place du Triangle de L'Amitié, dem Start- und Ziel des UTMB (Ultra-Trail du Mont-Blanc, 170 km) und des PTL. Außerdem beenden hier die Läufer des OCC (Orsière-Champex-Chamonix, 55 km), des CCC (Courmayeur-Champex-Chamonix, 101 km) und des TDS (Sur les Traces des Ducs de Savoie, 119 km) ihre Läufe. Wir unterhalten uns mit der "Konkurrenz" und schießen jede Menge Vorher-Fotos - wohlwissend, das das Nachher-Bild (in gut einer Woche) um einiges erbärmlicher aussehen wird!

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Mit Holger und Torsten von "Double Run ..." Großes Zuschauerinteresse beim Start.

Wir erhalten für die Aufzeichnung der Streckendaten unseren GPS-Tracker von dem netten Herrn, der am Vortag bei der Erläuterung zur Funktion des Gerätes schon Schwerstarbeit leisten mußte. So "durfte" er den 106 angetretenen Mannschaften jeweils das System erklären, dabei gestikulierte er großartig und simulierte das Signal des Senders mit einem zackig vorgetragenem "Bieb, bieb" - und das ungefähr zehn Mal pro Mannschaftseinweisung. In der Hoffnung, daß uns der Tracker nicht zu sehr mit Nachrichten "belästigt" (auf welche wir dann auch reagieren müßten), begeben wir uns Richtung Startbogen.

Die Musik vom "Letzten Mohikaner" erklingt - feuchte Augen bei Ute und mir. Das Teilnehmerfeld zählt herunter: "Huit, sept, six, cinq, ...", wir schauen uns in die Augen und drücken fest die Hände, "quatre, trois, deux, un, ..." - es geht los! Am Startbogen (1.036 m) steht UTMB-Chefin Catherine Poletti, die fleißig Hände abklatscht. Es geht langsam voran, nur keine Hast! Im schnellen Wanderschritt bahnen wir uns den Weg durch die zahlreichen Zuschauer. Erst als wir aus der Fußgängerzone abbiegen, wird dieses Spalier kleiner. Vorbei an der Talstation der Seilbahn zur Aiguille du Midi und am Parkplatz Grepon biegt der Weg auf einer Pferdekoppel in die Natur. Wir sind im hinteren Drittel unterwegs und nehmen gern das etwas langsamere Tempo an. Die ersten Höhenmeter werden beim Durchstreifen des Waldes Richtung Cascade du Dard (1.233 m), einem Wasserfall, noch zaghaft angeboten und nach 40 Minuten erreichen wir die Einfahrt zum Mont-Blanc-Tunnel (1.274 m). Danach führt ein Pfad hinauf zum (alten) Gare de la Para (1.692 m), der sich später mit phantastischem Blick auf den Glacier du Bossons unter den alten Seilbahnmasten zur ehemaligen Bergstation Gare des Glaciers (2.414 m) hinaufschlängelt. Während unseres Aufstiegs kreist über uns ein Hubschrauber, dessen Besatzung unser Tun in Bildern festhält. Nun wird es wieder leichter, denn ohne große Höhenunterschiede überwinden zu müssen, gelangen wir an die südwestliche Moräne des Glacier des Pèlerins. Auf deren Gesteinsrücken umgehen wir das Gletscherbett und arbeiten uns durch "grobkörniges" Schutt- und Felsgelände Richtung Plan de l'Aiguille. Eine Schleife gen Aiguille du Peigne läßt uns dabei noch den Lac Bleu (2.299 m) mit passieren. Es folgen die Moränenüberschreitungen des Glacier de Blaitière und des Glacier des Nantillons. Am Frètes des Charmoz (2.350 m) biegt der Pfad auf den Wanderweg Grand Balcon Nord, der über Signal Forbes (2.198 m) zum Grand Hôtel du Montenvers (1.909 m) führt. Der Blick auf den ehemaligen Riesengletscher Mer de Glace ist dabei überwältigend. Der Trubel am Berggasthaus ist enorm, weil eine Bahn den sonst anstrengenden Aufstieg hierher übernimmt. An der Toilette kann man sich wenigstens erfrischen und/oder die leeren Wasserflaschen wieder auffüllen. Ein Besuch im Restaurant ist jedoch unerwünscht, wie wir später von Torsten und Holger erfahren, denn dafür gilt ein gewisser Dresscode - den der schon leicht verdreckte und süßlichsauer nach Schweiß riechende Trailer nunmal nicht erfüllen kann.

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Blockgelände oberhalb Plan de L'Aiguille: jeder sucht hier seine eigene Ideallinie.

Durch den Wald talwärts zum Chalet du Rocher des Mottets (1.638 m) und weiter auf breitem Weg nach La Ferme d'Orthaz (1.083 m) hinab. An einer Weggabelung steht hierbei ein "Engländer", der die vorbeikommenden Läufer anfeuert. Ute ist davon so beeindruckt, daß sie nach seinen Zwischenrufen instinktiv den falschen Weg einschlägt, obwohl in Sichtweite vor uns eine französische Equipe den Weg "spurt". "Nooo! This way! For the next five days.", so die spontane Kurskorrektur des Zuschauers, mit dem Fingerzeig auf den richtigen Abzweig. Kurz darauf erreichen wir les Tines (1.082 m), wo vor Betreten des am Wegesrand liegenden Cafés mein GPS-Empfänger am Rucksack von einer Helferin noch in die richtige Stellung (Antenne immer nach oben ausgerichtet!!) gebracht wird. Viele Läufer haben es sich hier auf der Terrasse bequem gemacht und lauschen der Live-Musik oder genießen ein kühles Getränk. Da wir jedoch nicht zum Spaß hier sind, füllen wir unsere Flaschen am Ausgang der Wohlfühloase mit dem Gartenschlauch wieder auf und sondieren die Gegend nach dem weiteren Weg ab. Der führt uns über die Straße von Argentière nach Chamonix, wo uns ein Junge bei der weiteren Wegbeschreibung hilft, erst französisch und weiter englisch - bis ihm die Begriffe ausgehen. Wir bedanken uns bei ihm, denn der Rest steht ja in unserer (englischen) Wegbeschreibung. Nach der Brücke über die l'Arve biegen wir (für kurze Zeit) auf den Weg, der bei der UTMB-Streckenverlegung 2011 die "Zielgerade" nach Chamonix markierte. Damals hatte ich mächtig mit den Füßen an den Blasen (Achtung: schlechter Wortwitz!) zu kämpfen und konnte kaum noch vernünftig gehen. Dies ist heute natürlich nicht der Fall. Durch die mit Babycreme beschichteten Füße und die doppelt darübergezogenen Socken (wegen der Verlagerung der Reibung) ist heute Genußwandern angesagt, denn über viele Kehren nimmt der Weg jetzt den Kurs Richtung La Flégère.

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Blick auf das Mont-Blanc-Massiv Steinbock am Wegesrand

Wir zweigen unterhalb der letzten UTMB-Verpflegung (La Flégère) Richtung Combe Lachnal ab. Auf dem grobgeschotterten Fahrweg bietet sich uns die Möglichkeit die leeren Flaschen wieder mit Bachwasser aufzufüllen. Dabei treffen wir auf Torsten und Holger ("Double Run = Double Fun"), mit denen wir gemeinsam 2014 den JUNUT gelaufen sind. Torsten hat uns zudem 2014 beim PTL als drittes Mannschaftsmitglied durch die Berge navigiert und Holger beim 2015er Südtirol Ultra Skyrace bis zum damals bitteren Ende begleitet. Heute sind beide jedoch wesentlich schneller als wir und so ziehen sie kurz nach unserem Eintreffen an der "wilden" Wasserstelle von dannen. Unser Weg biegt später ins unmarkierte und unwegsame Gelände. Es geht steil Richtung La Chapelle de la Glière nach oben. Dort treffen wir wieder auf einen Wanderweg, welcher uns oberhalb des Combe de la Glière zum gleichnamigen Col (2.461 m) führt. Bevor wir die finalen Seilsicherungen am Übergang ins Val Diosaz erreichen, posieren am Wegesrand, wie im Streichelzoo, einige Steinböcke, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Der Paß ist gut besucht mit Läufern, welche die Spätnachmittagssonne noch für ein Sonnenbad nutzen. Von Lucio, dem omnipräsenten Bergführer, lassen wir uns noch vor der Kulisse des Mont Blanc ablichten, ehe wir den steilen Abstieg zum Lac Cornu (2.276 m) nehmen. Von da an heißt es wieder: Wegsuche und Wegfindung. Mit Holger und Torsten, sowie zwei französischen Mannschaften quälen wir uns nun den begrasten, mit Felsbrocken garnierten und mit allerlei Löchern versehenen Hang hinab zum Weitwanderweg GR5, den wir 2014 bis zur Hütte Moede Anterne (welche man auf der gegenüberliegenden Talseitein der Ferne in Umrissen erkennen kann) schon genommen hatten. Stürze bleiben bei der Stocherei natürlich nicht aus - sie verlaufen jedoch glimpflich und werden sofort durch ein kurzzeitiges Schimpfen "neutralisiert". Wie vor zwei Jahren setzt auf dem GR5 (Tour du Pays du Mont-Blanc var.) zur Flußüberquerung am Pont d'Arlevé (1.097 m) die Dunkelheit ein und wir nehmen die Lampen aus dem Rucksack. Im Anstieg zur Hütte registrieren wir die vielen Stirnlampen, die sich jetzt noch vom Massif de Aiguilles Rouges in Gras, Gebüsch und Fels nach unten kämpfen.

Gegen 21:50 Uhr sind wir am Refuge Moede Anterne (2.002 m) angelangt. Bevor es in die Hütte geht, wird die Startnummer registriert und für jede Mannschaft hält man ein nummeriertes Stück Klebeband für die Stöcke der Mitstreiter parat, mit dem dann ein Bündel Stöcke entsteht und es so nicht zu Verwechslungen kommen kann. Wir haben unsere Gehhilfen heute allerdings noch nicht benötigt und haben sie noch im Rucksack verstaut, daher wird das Band mit der cent sept (107) wohl noch für ein anderes Team umgeschrieben. Die Schuhe werden gegen Hausschuhe getauscht, wobei mir noch zwei linke, unterschiedlich große Exemplare bleiben. Der Gastraum ist hoffnungslos überfüllt. Das ist aber zu erwarten gewesen, befindet sich die Hütte doch nach 41 Kilometern (fast) direkt hinter dem Start und da ist das Teilnehmerfeld noch nicht so weit auseinandergezogen. Wir finden im hintersten Eck des Raumes Platz und bestellen ein Menü mit zwei Cola und einem Bier (für 27,50 Euro). Aufgrund der Hektik im Raum kommt es natürlich zu längeren Wartezeiten und fehlerhaften Lieferungen - das kann passieren, macht ja schließlich niemand mit Absicht! Den Hüttenstempel für mein Buch hole ich mir noch, bevor wir 23 Uhr wieder aufbrechen.

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Ohne Weg durch Sträucher und Gestein. Refuge Moede Anterne (2.002 m)

Es ist nur geringfügig abgekühlt und so verschwindet die (vorsichtshalber übergezogene) Windjacke schon nach wenigen hundert Metern wieder im Rucksack. Über den Col d'Anterne (2.257 m) führt der Weg zum Lac d'Anterne (2.083 m) und weiter über den Petit Col du Col d'Anterne (2.038 m) hinab ins Tal nach Les Mitaines (1.445 m). Dort biegt der Pfad über einen Fluß Richtung Mont Buet. Dafür sind fünfeinhalb Stunden auf dem Wegweiser angeschrieben. Demnach würden wir 6:45 Uhr auf dem höchsten Punkt der Strecke stehen - zum Sonnenaufgang! Das wäre mal was! Doch dafür gilt es 1.650 Höhenmeter zu überwinden. Schon der Anfang ist beschwerlich: die Überquerung des Baches ist nicht ganz einfach und auch die Wegfindung danach. So kommt es, daß wir den vermeintlich leichten Pfad bachaufwärts nehmen. Als dieser plötzlich verschwindet, wird navigiert. Der GPS-Track verläuft weiter links und natürlich ein paar Meter weiter oben. Der kürzeste Weg da hinauf ist natürlich der Anstieg über den sehr steilen Grashang. Zwei Portugiesen vor uns praktizieren diese Methode, doch zum Nachahmen lädt diese Variante nicht ein. Ihr dritter Mann ist noch hinter uns und wird später von oben "eingewiesen": ungefähr zweihundert Meter geht er am Bach zurück und gelangt so auf einen Trampelpfad, der zwar auch recht steil, aber ziemlich sicher zu begehen ist. Dieser Umweg ist uns dann auch lieber, als am Grashang herumzuexperimentieren.

Der Anstieg ist mühsam. Die Intervalle zum Pausieren werden kürzer und Torsten sagt zu allem Überfluß auch noch die bevorstehenden Höhenmeter an. Das ist zwar nicht böse von ihm gemeint und er soll uns ja auch nicht belügen, aber motivierend ist es auf keinen Fall. "Noch 900 Meter ...", dabei dachte ich, nach der nächsten Ecke taucht der Gipfelaufbau des Buet endlich auf. Darum heißt es, monoton im Dunkel der Nacht weiterstapfen! Die endlose Lichterkette im Nacken macht ein wenig Mut - es geht uns nicht allein so. Rund 200 Höhenmeter unterhalb des Gipfels gelangen wir zum Paß Grenier de Villy (2.901 m), wo Bergführer Lucio mit Hund in einer Felsnische auf uns wartet. Dort ist der weitere Weg mit Seilen gesichert und führt nach einer intensiven Kletterei und einigen Richtungsänderungen auf den Bergrücken des Buet. Vorbei an Schneefeldern und den Bauten von Abri de Pictet (3.040 m) gelangen wir nun zum Mont Buet (3.096 m), dem auch "Le Mont-Blanc des Dames" genannten Aussichtsberg. Es ist 5:25 Uhr und der Sonnenaufgang noch weit entfernt. Ich hatte es bergauf schon angesprochen: Sonnenaufgänge auf markanten Bergen - ein Kapitel, welches Ute und ich noch nicht so recht beherrschen. Damals mit Siggi in einer schneereichen Oktobernacht sollte der heimische Fichtelberg für dieses Schauspiel herhalten und wir waren nach rund 60 Kilometern kräftezehrender Lauferei eine Stunde zu spät, diesmal sind wir gut eine Stunde zu früh am Ziel. Gewartet wird trotzdem nicht, denn es geht nach anfangs entspanntem Abstieg in den nächsten "Klettergarten". Das kostet Zeit genug, denn der Grat Arete du Buet zum Pointe du Genevrier (2.870 m) ist lang. Über ein Schneefeld gelangen wir danach zum Col du Genevrier (2.691 m), dessen Umfeld mit den bizzarsten Steinformen und -farben (meist mit Quarz) aufwarten kann. Während Ute und die zwei "Doublerunner" vorwegeilen, nehme ich mir etwas Zeit für diese Unzahl an verschiedenen Gebilden und ein besonders markantes Stück ergänzt ab da die Rückenlast - in Champex kann ich den Stein ja dann in meine Läufertasche tun.

Eine Schneefeldquerung und ein kurzer Grat bringen uns zum Cheval Blanc (2.831 m), einem Berg, der ganz und gar nichts mit einem Schimmel zu tun hat, ist sein Erscheinungsbild mehr grau als weiß. Der Ausblick ist in diesen Morgenstunden jedoch phantastisch, wesentlich besser als vom Rücken eines Schimmels. So blickt man auch auf die beiden Stauseen Lac d'Emosson und Lac du Vieux Emosson. Wobei sich letzterer ohne die knapp 14 Millionen (möglichen) Kubikmeter Wasser präsentiert. Für den Abstieg Richtung Traces de Dinosaures und dem Anstieg zum Col des Corbeaux (2.602 m) verlassen wir Frankreich und sind somit für gut eine Stunde im Wallis unterwegs. Der weitere Weg durch das Val de Tré les Eaux zieht sich, zumal für eine Flußüberquerung noch eine Extraschlaufe gelaufen werden muß.

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Mit Torsten auf dem Mont Buet (3.096 m). Abstieg ins Val de Tre les Eaux

Kurz vor 12 Uhr erreichen wir "Buet Skiroc" (1.307 m). Dabei handelt es sich um einen vom Veranstalter betriebenen Verpflegungspunkt, bei dem das angebotene Essen frei ist und nur die Getränke zu bezahlen sind. Das Bier (0,33 l) für 2,40 und der Orangensaft (0,33 l) für 2 Euro - das sind Schnäppchen, denn auf der Moede Anterne (Berghütte!) galt da der Einheitspreis von 3,50 Euro. Das wichtigste für mich ist jedoch der angebotene Salat. Einfacher, stinknormaler Salat! Tomate, Gurke, Paprika, Oliven und Fetakäse - genau das habe ich hier nicht vermutet, aber genau das will ich jetzt essen! Drei Schüsseln davon hole ich mir, auch wenn daneben ein Linsengericht mit Hühnchenfleisch wartet (von dem ich später auch noch probiere). Ich bin rundum versorgt. Leider nimmt der anschließende Toilettenbesuch beängstigende Ausmaße an. Eine halbe Stunde lang blockiere ich eins von zwei "Häuschen", weil das was drückt, nicht raus will. Nebenan gibt es diese Version "vertont", mit heftigen Press- und Stöhngeräuschen. Durch den immensen Wasserverbrauch des Körpers verstopft es nun mal - war vor zwei Jahren auch so und hat sich danach recht schnell wieder normalisiert. Beim Verlassen des Skigebäudes bekomme ich ein Gespräch mit, indem es um die führende PTL-Mannschaft geht. Um 3 Uhr nachts, also neun Stunden vor uns, waren die schon hier. Nur zehn Minuten Schlaf gönnten sie sich und die Gesamteinschätzung lautete: Das sind keine Menschen, das sind Maschinen!

Weiter gehts kurz nach halb zwei - hoch zum Col de Balme, wie 2014, nur nicht nachts bei strömenden Regen , sondern schön in der Nachmittagssonne bei 30°C.  Trotz der Hitze kommen wir gut voran und erreichen gegen 16 Uhr die Refuge du Col de Balme (2.191 m). Dort ist Gastlichkeit nicht gerade das Aushängeschild der Wirtschaft und somit ist auch eine barsche Abfertigung bei der Bestellung von zwei Cola garantiert. Zu allem Überfluß muß ich dann bei der älteren Dame auch noch das Wechselgeld beanstanden, dessen Fehlbetrag von einem Euro sie mir nach langem Hin- und Herrechnen widerwillig auf den Tresen knallt. Ich mag sicherlich äußerliche Abnutzungserscheinungen der bisherigen rund 31 PTL-Stunden zu verzeichnen haben, rechnen kann ich allerdings noch und den Trinkgeldsatz bestimme immer noch ich und der ist in diesem Fall bei Null! Über das Auffüllen der leeren Wasserflaschen brauchen wir hier gar nicht erst ins Gespräch zu kommen, verkündet doch ein Schild am Haus vom Nichtvorhandensein von Trinkwasser.

Anfangs über Wiese und dann immer steiler werdend auf dem Grat wird nun der nächste "Berg" in Angriff genommen. Noch im unteren Teil des Anstieges ist für Holger und Torsten Schluß. Der PTL 2016 ist doch eine Spur zu heftig und Holger sieht sich mehr und mehr als Belastung für uns. Trotz Diskussion und Abwägen der Dinge treffen beide die Entscheidung umzukehren und sich in Le Buet abzumelden. Nun sind wir erstmal wieder zu zweit unterwegs. Der Aufstieg wird nicht leichter und mehrere Kletterstellen folgen. Ab dem Grand Autannes (2.680 m) wird es aber wieder einfacher. Es geht in das Tal  La Chaux hinab und selbst als sich Weg und die GPS-Vorgabe verlieren und wir durch Blockgelände einen Umweg nehmen müssen, ist die "Stimmung" bei uns gut. Wir gelangen zur kleinen Berghütte Chalet des Grands (2.113 m) und lassen uns dort für ein kleines Abendmahl nieder. Bezahlt wird mittlerweile in Schweizer Franken: 7,50 CHF für eine klare Brühe mit Parmesan und ein "Quöllfrisch"-Bier aus der Dose. Hier ist die Bedienung nett und spricht sogar deutsch. Wir unterhalten uns mit den zwei älteren Frauen über unsere bisherige Route und das wir noch nach Champex wollen, um uns dort etwas Schlaf zu gönnen. Man zeigt uns den Weg auf der gegenüberliegenden Seite des Vallon du Trient, der zum Fenêtre d'Arpette führt. Lange können wir uns aber nicht mehr an der Hütte aufhalten, da uns die Dunkelheit bald wieder einholen wird. Wir nehmen den Weg hinab zum Buvette des Glaciers (1.583  m), um auf der anderen Flußseite des Le Trient den langen Aufstieg zum Paß anzugehen. Noch vor Einsetzen der Dunkelheit sehe ich schon wieder die wundersamsten Dinge am Wegesrand: Kabeltrommeln, aufgestapelte Zaunsfelder usw. Das kann ja für den Rest der Nacht heiter werden!

Gegenüber des mächtigen Glacier du Trient mühen wir uns redlich nach oben. Die Schritte werden kleiner und die Atmung nimmt zu - es ist auch in den Abendstunden noch verdammt warm, was die Sache nicht gerade angenehmer macht. Unterhalb der Baracke von Vesevey (2.096 m) fehlen durch einen Erdrutsch rund 50 Meter Weg, die nach oben (um die Kuhle) umgeleitet sind. Danach wird es Zeit für die Kopfbeleuchtung. Auch eine französische Mannschaft vor uns bedient sich der Stirnlampen und bei unserem Eintreffen an deren Rastplatz liegt noch ein GPS-Gerät auf dem Fels - diesmal schaue ich genau und zweimal hin: es ist keine Halluzination, das Teil ist echt und kurze Zeit später auch wieder bei seinem Besitzer.

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Le Buet - Skiroc (1.307 m)
Fenêtre d'Arpette (2.665 m)

Es ist 22:30 Uhr als wir den Fenêtre d'Arpette (2.665 m) erreichen. Auf der anderen Seite geht es gleich wieder steil hinab, anfangs noch gut markiert, später im matten Lichtkegel der Lampen nicht immer eindeutig im Blockgelände auszumachen. Je weiter wir in das Val d'Arpette gelangen umso feuchter wird es an den Füßen. Mehrere "saftige" Grasabschnitte und Bachquerungen sorgen für Ungemach in den Schuhen. Auch die Geisteskraft nimmt immer mehr ab - so identifizieren Ute und ich einen besonders geformten Stein auf dem Weg als ein in Folie eingepacktes GPS-Gerät und ein Wurzelteller eines umgestürzten Baumes am Wegesrand wird zweifelsfrei als Statue erkannt. In Steine oder Gewächse interpretiere ich stets eine gewisse Achsensymmetrie, zu dieser die natürlichen Formen verschwinden und mir alles wie am Reißbrett, gerade und winklig, vorkommt. Eine kurze Schaffenspause käme da jetzt recht, aber wir wollen ja noch bis zur ersten "Life base" nach Champex-Lac.

Unterhalb der Häuser von Relais d'Arpette (1.627 m) biegen wir von der Straße auf den ausgeschilderten Wanderweg nach Champex. Dieser endet jedoch nach rund zehn Minuten für uns im Dunkel zwischen tosendem Fluß und weglosem Wald. Wir entschließen uns zur Umkehr und können dann auch zwei Franzosen davon überzeugen, die gerade auf diesen Weg abgebogen sind. Zur Argumentation ziehen wir die Passage heran, die zum Wegpunkt 037 im Roadbook steht: "Arrived to the Relais d'Arpette, keep going in the direction of Champex." und da auch das GPS "grob" auf die Straße verweißt, nehmen wir den Rest der Strecke zum Verpflegungspunkt zu Viert. An der rechten Seite des Lac de Champex (1.466 m) vorbei zum ehemaligen Fort d'artillerie von Champex, wo noch ehemaliges Kriegsgerät ausgestellt ist. Dort befindet sich auch nach rund 97 Kilometern der erste von zwei Verpflegungspunkten des PTL - natürlich auf und nicht in der Artilleriefestung, welche im II. Weltkrieg mit 600 Metern Stollengängen und von außen nicht sichtbar im Berg angelegt wurde. Hier machen auch der CCC, der OCC und der UTMB Rast, außerdem befindet sich hier beim Trail Verbier St-Bernard eine Labestation.

Wir werden 1:41 Uhr in die Liste der angekommenen Mannschaften aufgenommen und bekommen unsere Tasche ausgehändigt. Das Essensangebot ist nicht gerade umwerfend, aber vor zwei Jahren war das ähnlich, nur daß diesmal die Atmosphäre im Zelt wesentlich entspannter ist als damals. Es herrscht wenigstens ein freundlicher Umgangston und man kommt sich nicht vor wie ein Schwerverbrecher auf der Flucht. Es gibt heiße Suppe mit Teigware und Käse, Obst, Apfelmus, Cola oder Tee. Danach wird geduscht - leider ist da bei mir gerade kein warmes Wasser vorrätig, aber das ist egal - das Salz muß vom Pelz! Während Ute sich rechtzeitig für einen Schlafplatz angemeldet hat, versäume ich dies beim dritten Teller Suppe der nächtlichen Freßorgie. Danach ist alles belegt. Deshalb mache ich es mir im "Speisesaal" auf einer Holzbank bequem (natürlich nach Absprache mit dem "Bettenzuteiler"). Durch das kalte Duschen findet mein Körper jedoch nicht zu seiner Normaltemperatur und ich beginne zu frieren. Auch das lange Unterhemd, die Fleecejacke und eine lange Hose schaffen da keine Abhilfe. Es sind nur ein paar Minuten, die ich immer mal wieder wegnicke - an Schlaf ist nicht zu denken. Ich wechsle von der Horizontalen in die Sitzhaltung, aber auch das bringt es nicht. So beobachte ich immer wieder die Neuankömmlinge im Zelt, obwohl ich schlafen müßte. Gegen 4:30 Uhr gehe ich dann doch mal Richtung Schlafzelt. Vielleicht ist ja mittlerweile ein Plätzchen frei geworden? Im Zelt kommt mir auch jemand zwischen den belegten Matratzen vorsichtig entgegengestakt - es ist Ute. Sie "übergibt" mir damit ihren Schlafplatz für die nächste dreiviertel Stunde.

Nach dem Pflichtschlaf folgt nun die Neueinkleidung an den Füßen: Babycreme satt, neue Socken und auch neue Schuhe. Neue Schuhe mußte ich mir ja für den PTL noch kurzfristig zulegen, da mein geliebter "Speedcross 2" auf dem Berliner Höhenweg vor drei Wochen das Zeitliche segnete. Was war ich glücklich, als ich am Sonnabend in Chamonix den "XR Crossmax 1 Neutral Trail" ergattern konnte. Mit ihm hatte ich 2012 komplett den Tor des Geants bestritten und ich war froh, dieses Auslaufmodell noch einmal zu besitzen. Doch schon nach wenigen Kilometern riß das Plasteteil des Schnürsystems (Alterserscheinung oder Obsoleszens?) und der Griff (grip) der Sohle bei Nässe war katastrophal. Ich mußte daher umsteigen und hatte so die Wahl zwischen Pest und Cholera, denn mein (noch im Zillertal erstandener) Ersatzschuh, der "Mammut MTR 141", wies schon in der Testphase nach wenigen Kilometern Auflösungserscheinungen an den geklebten Frontpartien auf. Er überzeugte aber mit seinem Halt, auch auf nassem Gestein - deshalb der Schuhtausch, allerdings mit gewissen Magenschmerzen. Von sogenannten Trailrunning-Schuhen erwarte ich einfach mehr, als chic auszusehen. Sie müssen, neben der Funktionalität, auch eine gewisse Lebensdauer aufweisen und mich nicht auf "längeren Runden" unnütz ins Schwitzen bringen, weil ich mir nicht sicher sein kann, ob sie denn bis zum Ende durchhalten oder nicht. Fürs Flanieren in Mayrhofen, Saas Fee, Garmisch oder Chamonix sind sie tauglich - doch das nützt mir nichts, wenn ich im Blockgelände, weit entfernt vom Outdoor-Händler nur noch auf einen funktionierenden Schuh zurückgreifen kann, weil sich der andere in Wohlgefallen aufgelöst hat!

Bis alles ein- und umgepackt ist, vergeht viel Zeit und so wird es 6:30 Uhr, als wir das Areal in Champex-Lac (1.473 m) verlassen. Im Morgengrauen laufen wir, wie 2014, vorbei am Hôtel du Belvédère hinab nach Chez les Reuses (1.076 m) und weiter nach Orsiere (901 m). Unter der Straße zum Sankt-Bernhard-Paß hindurch nehmen wir den nächsten Anstieg auf Asphalt und Wiesenpfaden nach Reppaz (1.158 m). Im Fôret des Grottes verliert sich dann unsere Spur, weil das GPS sehr ungenau agiert. Als Folge laufen wir einen Umweg und kommen unterhalb von Commeire (1.454 m) auf die ausladenden Serpentinen der Straße, welche wir nun langatmig bis zum Ort nehmen müssen. Dort geht es auf einem Pfad gleich steil weiter, denn dies ist auch die Wettkampfstrecke vom Vertic'Alp (5,8 km / 1.015 Hm+ / 160 Hm-), welcher dieses Jahr am 1. Oktober über die Bühne geht. Später wird die Sache wieder "flacher" und über den Bergrücken Les Arpalles wird, unterbrochen von kleinen Heidelbeer-Pausen, der Mont Brulé (2.572 m) angesteuert. Von oben ist der Blick frei - auf Mont Blanc, Glacier du Trient, Grand Combines, ... Doch diese grandiosen Aussichten genießen wir nun schon seit gestern. Man stumpft deswegen nicht gleich ab, wenn es um phantastische Bergpanoramen en masse geht, aber wir haben ja nicht unendlich viel Zeit zum Rundumblick, da nur wenige Laufminuten entfernt die nächste Hütte auf uns wartet, die Cabane du Col de Mille (2.473 m). Hier gibt es für uns das nächste Menü, dazu eine Cola und ein Bier.

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Mont Brulé (2.572 m) Mont Rogneux (3.084 m)

Eine dreiviertel Stunde pausieren wir hier, ehe wir gegen 12 Uhr aufbrechen. Vom Col de Mille (2.473 m) führt der Steig über den Westgrat zur Steinbaracke auf der westlichen Spitze des Mont Rogneux (3.032 m) und weiter zu dessen Gipfel (3.084 m). Wir sind mit zwei Portugiesen ("Paredes Aventura") hier oben zur Landschaftsschau und zum Gipfelbild. Sie sind im Abstieg jedoch wesentlich schneller als wir. Es geht hinab zum grün schimmernden See Goli d'Aget (2.760 m) und weiter talwärts zur im Handbuch offerierten Wasserstelle "Pindin" (2.397 m). Dort wird im Bergbach neben der Flaschenbefüllung auch noch bei Ute eine Haarwäsche (natürlich ohne chemische Zusatzstoffe, wie Shampoo) durchgeführt. Etwas weiter unten im Tal, an einer Hütte, rasten wir kurz darauf. Als erstes werden dabei stets die Schuhe und Socken ausgezogen, damit die arg strapazierten Füße wieder etwas Luft bekommen. Danach wird der reichliche Vorrat aus dem Rucksack um einige Riegel und Nüsse erleichtert und im Anschluß am Wasserhahn der Hütte die tägliche Zahnpflege erledigt.

Ein Fahrweg bringt uns hinab zur Brücke über den Dyure de Sery (2.243 m). Dann folgt der Anstieg zum nächsten Paß - zunächst weglos auf einer steilen Wiese und danach auf "normalen" Wanderwegen zum Col du Avouillons (2.649 m). Zwei Italiener rasten hier bereits und wir kommen mit ihnen über den weiteren Streckenverlauf ins Gespräch. Wobei sich die Vorstellungen dabei weit unterscheiden. Wir haben einen herrlichen Blick auf den Glacier de Corbassière und seine Moräne mit der Cabane FXB Corbassière. Dort müssen wir hin um weiter zum Col des Otanes zu gelangen. Es sieht alles so spektakulär aus und man möchte meinen, daß dies gerade so bis zum Einbruch der Dunkelheit zu schaffen ist. An der südlichen Felswand des Becca de Sery gelangen wir zur Hängebrücke Passerelle de Corbassière (2.358 m). Sie ist 210 Meter lang und bietet in der Mitte einen 70-Meter-Tiefblick auf das abfließende Gletscherwasser. Auf der östlichen Seite der Gletschermoräne gelangen wir nun zur Cabane Francois-Xaver Bagnoud Corbassière (2.645 m), welche wir nur eine Stunde nach unserer Streckenführungsdiskussion am Paß gegen 18 Uhr erreichen. Auf der Terrasse machen wir Halt. Für 10 CHF erhalte ich in der Gaststube zwei kleine Flaschen Cola und kostenlos obendrein den Hüttenstempel. Dort sitzen auch Uwe, Chris und Dima von der deutsch-schweizerisch-amerikanischen Dreiermannschaft "Palanquin Porters" (Sänftenträger) zum Abendmahl. Man grüßt sich und bequatscht kurz das weitere Vorgehen, denn man läuft sich ja immer mal wieder über den Weg. Ute ist es mittlerweile ganz schön kalt geworden. Da für 7 CHF eine Suppe am hölzernen Speiseplan am Eingang der Hütte angeschrieben steht und wir noch 7 Franken und 20 Rappen im Portemonnaie haben, geht sie jetzt (natürlich ohne Schuhe) in das Wirtshaus, kommt aber enttäuscht zurück, denn die Suppe ist "aus". Ein zweiter Versuch (mit ein paar mehr Euros) folgt, da auch noch andere Speisen angepriesen werden. Diesmal kommt sie verärgert und wütend wieder zurück. Der Koch hätte sie runderneuert, was sie sich einbilde. Er würde schon zehn Stunden in der Küche stehen und ein Essen nach 17 Uhr müsse man bei ihm vorbestellen. Auch die drei "Sänftenträger", die das intensive Gespräch aus nächster Nähe mitbekommen, sind verstört. Dima bestätigt uns dann, daß in seinem Reiseführer über die Schweiz vor der schlechten Art der eidgenössischen Küche gewarnt wurde. Und wenn ich nicht schon wieder meine Schuhe angehabt hätte, wäre ich vielleicht noch mal 'rein und hätte ihm gesagt, daß er seine Sonderformen der Essensbestellung auch gern am außen hängenden Brett notieren könne, um solch ungehobeltes Verhalten der Gäste von vorn herein auszuschließen. Aber ich bin ja nicht streitsüchtig und unser Problem ist nicht der Koch, sondern der nächste Paß, dem wir uns nun widmen. Zuvor erklären wir noch, auf Nachfrage einer deutschen Touristin, die unsere Diskussion verfolgte, was wir denn hier machen. Nach Bekanntgabe der Eckdaten des PTL herrscht bei ihr großes Erstaunen - was sonst?

Der Col des Otanes (2.846 m) ist relativ schnell erreicht. Der Abstieg ist nun wieder mit Seilen gesichert. Über La Tseumette (2.297 m) und Pazanou (2.147 m) gelangen wir noch im Hellen nach Mauvoisin (1.875 m). Dort werden wir (zusammen mit den Schweden von "Living the dream") mit Akkordeonmusik empfangen. Auf der Terrasse der Holzbaracke gibt es vom Veranstalter gestellte Getränke und ein Nudelgericht. Danach kann man sich für eine Stunde eine Liege im Inneren der Hütte zuteilen lassen. Und genau so machen wir es: erst essen und trinken und dann schlafen. Der Schlaf ist jedoch mehrfach unterbrochen durch immer wieder neu ankommende Läufer. Nachdem die Füße nochmal ordentlich gesalbt und verpackt wurden, geht es nach zweieinhalbstündiger Pause gegen 23:15 Uhr für uns weiter. Der Offizielle vom Verpflegungspunkt gibt uns dabei noch den Tip, lange Hosen anzuziehen, da wir am Ufer des Stausees entlang mit aufziehender Kälte zu rechnen hätten. Nach einem kleinen Anstieg an der Straße gelangen wir an einen bunkerähnlichen Eingang. Das in den Verbau ausgerichtete Schild "Sentiero" beseitigt die letzten Zweifel: wir müssen in den Stollen, der wenig später steil bergauf führt. Das Licht im Tunnel ist ausreichend und so können wir die Stirnlampen ausschalten. An den Wänden hängen in gewissen Abständen Informationstafeln rund um den Stausee, der mit 250 Metern Höhe die höchste Bogenstaumauer Europas besitzt. Im Jahr 1818 entleerte sich der Lac de Mauvoisin nach einem Bruch des natürlichen Eisdammes ins Tal. Rund 18 Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich damals bis Martinach/Martigny. Es fanden dabei 44 Menschen den Tod. Von 1951 bis 1957 entstand nun die Staumauer des künstlichen Stausees, der der Abwehr von Naturgewalten und der Energiegewinnung dient.

Durch den in den Felsen gehauenen Gang gelangen wir auf die Staumauerkrone (1.976 m). Von da sind es noch einige Meter im Tunnel, ehe wir das Mondlicht wieder sehen. Ein breiter Weg entlang des gesamten Westseite des fast fünf Kilometer langen Sees nimmt nun Kurs Richtung Mont Durand und Cabane de Chanrion. Wir folgen jedoch der "Tour des Combins" auf ihrm Weg ins Aostatal und biegen daher im Tal La Barme zur Alpage Grand Charmotage (2.250 m) ab. Im 16. Jahrhundert "bekriegten" sich hier die Bauern aus dem Wallis und dem Aostatal um diese Weideflächen, heute Nacht versperren nur jede Menge Kühe unseren weiteren Weg nach Italien. Über Plan Petit Giétro (2.323 m) und oberhalb des Glacier de Fenêtre folgen wir grob dem Stirnlampenlicht, der (eine halbe Stunde) vor uns Laufenden. Allerdings sind auch Lichtkegel im Tal auszumachen. Wir rätseln schon eine Weile, ehe wir registrieren, daß sich da im Abfluß des Gletschers das Mondlicht spiegelt und durch die relativ große Entfernung von uns ebenfalls als Stirnlampenschein wahrgenommen wurde. Halb vier stehen wir dann auf dem Fenêtre Durand (2.797 m), dem Grenzübergang Schweiz-Italien und einzigen eisfreien Paß auf dem Alpenhauptkamm zwischen Monte Rosa und Grand Combin.

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 Passerelle Corbassiere: 210 m lang / 70 m hoch  Im Tunnel am Lac de Mauvoisin.

Die Zollabfertigung geht hier oben recht zügig und so sind wir kurz darauf schon wieder talwärts unterwegs. Vorbei am Lac Fenêtre (2.708 m), Thoules (2.378 m), Lombardin (2.310 m) und Balme de Bal (2.128 m) gelangen wir oberhalb der Commune de By (2.056 m) zur Flußquerung des Torrent de By. Danach biegt ein Pfad von der Forststraße ins Gelände ab. Laut Wegbeschreibung ist dieser Anfang bei Nacht nur schwer zu finden und genau dieses Umherirren der Stirnlampen konnten wir auf unserem Weg hierher schon länger beobachten. Nun sind wir an der Reihe, mit dem Unterschied, daß der Tag so langsam beginnt und wir mit dem Dunkel der Nacht schon mal einen Störfaktor weniger haben. Trotzdem bleibt es ein Hin und Her zwischen Grashügeln, Büschen, Felsen und diversen Feuchtstellen, wenn man haargenau dem GPS folgt. Stellenweise gibt es zwar Trampelspuren, aber diese sind nur wenige Meter lang und die Sucherei beginnt dann wieder von vorn. Irgendwann sind wir dann doch auf dem "normalen" Wanderweg angelangt, der das Val d'Ollomont etwas über der 2.000er Höhenlinie umgeht. Es ist mittlerweile hell und die Sicht oberhalb des Tales ist phantastisch, so kann ich Ute in meiner klugscheißerischen Art mal mit der weiteren Topographie vertraut machen. Ein größerer Abschnitt unserer Route ist jedoch wegen einer Baustelle gesperrt. Wir müssen aber dort durch (wie alle anderen auch) und zum Glück beginnt hier die Arbeitszeit nicht vor 7 Uhr, so das wir "ungestört" diesen Sektor nutzen können. Dafür beginnt um diese Zeit schon der Kuhauftrieb auf die umliegenden Wiesen. Wir sind dabei natürlich mittendrin, aber das Fleckvieh ist verhältnismäßig zahm und nur auf die Futtersuche fokusiert und hat daher kein Interesse mit uns zu "kollidieren". Kurz vor Pessinoile (2.151 m) wird es dann noch einmal eng auf dem Weg - diesmal winden wir uns durch Felsbrocken, welche bei mir einen noch größeren Rucksack oder ein noch größeres Bauchgewölbe nicht zulassen würden.

Pessinoile wird durch einen Wiesenpfad umgangen und so die Strecke etwas verkürzt. Wir gelangen so etwas weiter oben auf den Weitwanderweg "Alta Via 1", auch "Alta Via dei Giganti" genannt, weil er an den großen Prestige-Bergen der Alpen vorbeiführt: Monte Rosa, Matterhorn und Mont Blanc. Mit seinem Pendant "Alta Via 2" (dem südlichen Bogen um das Aostatal) bildet er die 332 Kilometer lange Streckenführung des "Tor des Geants", einem "Wohlfühl-Wettkampf" im Vergleich zum PTL. Vorbei an Tsa de Champillon (2.300 m) sind es nur noch wenige Höhenmeter bis zur Rifugio Champillon Adolpho Letey (2.375 m). Dort ist die nächste längere Rast für uns angesagt. Wir essen jeder ein Menü, bestehend aus Suppe und Polenta, dazu gibt es einen Kaffee oder einen Tee. Außerdem gönne ich mir ein kleines Bier, damit der geplante "Mittagsschlaf" (gegen 9 Uhr) auch keine zu lange Schäfchenzählerei benötigt. Während sich viele müde PTL-Kollegen ein Schlafgemach in der Hütte geben lassen, organisiert Ute zwei Matratzen in einer Jurte. Dort zeigt das Bier sofortige Wirkung und so wie ich liege, schlafe ich auch ein. So wird es mir Ute zumindest hinterher berichten. Nicht ganz eine Stunde in der Horizontalen müssen für den Tag reichen. Wir fetten unsere Füße wieder ein und begeben uns zum Col Champillon (2.708 m). Hier bin ich nun schon zum dritten Male (nach TDG 2012 und PTL 2014) und es ist immer wieder beeindruckend. Die Augen haben dabei viel zu verarbeiten und es folgt wieder eine kleine, private Lehrstunde für Ute, bei der ich ihr erläutere, wo wir überall schon waren. Am markantesten (für mich und unsere gemeinsamen Unternehmungen) sind dabei die Zacken am Col de Malatra. Er ist Titelbild des "Tor des Géants"-Bildbandes und irgendwie ist er auch "unser" Malatra. Für mich war es damals die schönste Paßüberquerung während des TDG. Gemeinsam mit Ute erreichte ich ihn kurz vor Einbruch der Dunkelheit, als wir die (wegen Vereisung im Anstieg zum Malatra) "gesperrte" Schlußetappe des TDG von Saint-Rhémy-en-Bosses nach Courmayeur noch abliefen. Wir waren ganz für uns allein und bevor die Berge schlafen gingen, zeigten sie sich noch einmal in ihrer vollen Schönheit und nur für uns! Heute blicken wir dafür in die andere Richtung und unten im Tal sieht man schon die größere Ortschaft Etroubles mit dem Mont Fallère im Rücken. Um ins Tal zu gelangen, nehmen wir noch den frisch mit "TOR" (Start am 11.September 2016) markierten Zickzack-Weg im Kar bis zu den Resten der Alpe Crouse de Bleints (2.381 m). Dort biegen wir vom Alta Via ab und kämpfen uns nun an den Hängen von Mont de Crou de Bleintse und Mont Champ Rion auf teils ausgesetzten Wiesenwegen hinab.

In Etroubles (1.264 m) füllen wir unsere Flaschen an altbekannter Stelle (vom 2014er PTL) auf und queren anschließend den Ort. Die uns folgenden Franzosen verlieren wir nach dem Passieren der Straße zum Großen Sankt Bernhard. Vielleicht sind sie ja irgendwo eingekehrt? Wir haben jedenfalls keinen Laden oder ähnliches entdeckt. Wir kommen zwar noch an einem Campingplatz vorbei, wo es sicherlich auch einen Lebensmittelverkauf gibt - aber eben nicht zur Mittagszeit. Da wir uns nun vorwiegend auf Asphalt bewegen und wir auch allein (also ohne Sichtkontakt zu anderen Mannschaften) unterwegs sind, wird Ute mißtrauisch. Dies verstärkt sich noch, als ich ihr anhand der Karte die Route erklären will und dabei den Plan in die falsche Richtung "einnorde". Ihr Vertrauen gewinne ich danach nur mit dem GPS-Gerät und der übereinstimmenden Wegbeschreibung aus dem Roadbook zurück. An den Investruinen von Lavanche (1.348 m) geht die Straße in eine "4x4 road" (laut Beschreibung) über. Das bedeutet soviel wie "der Asphalt fehlt und mit Allradfahrzeugen könnte man sich hier noch mit dem abgelegten groben Gestein die Radkästen ausbeulen". Nebenbei sind wir nun auch auf der Suche nach einem Bach, wo wir unseren arg geschundenen Füßen etwas Kühlung und somit etwas Erholung bieten könnten. Da sich aber in dieser Hinsicht nichts abzeichnet, machen wir an einem Wegabzweig im Wald Halt und kümmern uns wenigstens um die Blasen an den Sohlen. Nur drei minimale Ausbeulungen (pro Fuß) habe ich da zu behandeln. Die Blasen sind so klein, daß ich nur zwei von ihnen mit der Fingernagelschere aufschneiden kann. Die anderen quetscht die Schere beim Schneiden nur zusammen. Nach dem Desinfizieren kommt ein Streifen Pflaster darüber und der chirurgische Teil unserer Pause ist beendet. Während unserer langen Pause kommen zwei Franzosen den "falschen" Weg zurück und gestikulieren uns ihr Mißgeschick. Wir verweisen auf den steilen Stieg, der kurz darauf (zusammen mit zwei Portugiesen) auch unsere Marschroute ist. Was wir da allerdings mühsam erklimmen, wird gleich mit 100 Höhenmetern bergab wieder vernichtet. Grund dafür ist die Brücke über den D'Ars (1.644 m), nach der es am Bergbach entlang wieder steil hinauf geht. An der Baumgrenze treffen wir einen einheimischen Bergwanderer, mit dem wir über den PTL ins Gespräch kommen. Er zeigt uns (nachdem er unser Kartenmaterial "ausgewertet" hat) wo wir nun lang müssen: an der nahegelegenen Bergeries d'Ars (1.981 m) auf einem Wiesenhang zum Weg zur Alm Tardiva (2.220 m) und weiter im Gelände zum Col de Tardiva (2.410 m). Der Rest der Strecke befindet sich dann hinter den Bergen und wird somit nur mit weiterführenden Handbewegungen abgetan. Wir erfrischen uns noch schnell am Wasser, ehe wir seinen Plan in die Tat umsetzen. Auf dem (für uns nicht sichtbaren) Bergrücken gelangen wir zum Pointe de Chaligne (2.607 m). Das letzte Mal waren wir nachts hier und hatten einen herrlichen Blick auf Aosta, der Hauptstadt des Aostatales. Heute wartet oben am Gipfel ein Kameramann. Mit gestellten und natürlichen Aufnahmen hält er uns nun die nächste Viertelstunde in Schach. Wir kommen dabei gern seinen Wünschen nach, versichert er uns doch, daß uns diese Zeit am Ende gutgeschrieben wird. Letztendlich sind u.a. diese Aufnahmen abends schon im Internet zu sehen. Wie 2014 nehmen wir den TDF ("Tour du Mont-Fallère") über den Col de Metz (2.492 m), Bergeries de la Nouvaz (2.269 m), vorbei am Lac Fallère (2.415 m) zum Refuge du Mont Fallère (2.385 m).

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Verbotsschilder empfangen uns im Aostatal.  Pointe de Chaligne (2.607 m)

Diese Hütte ist für mich ein Meisterwerk aus Holz und Stein. Außen sorgen dabei mehrere geschnitzte Figuren für Aufmerksamkeit und im Inneren wurden ebenfalls viele Details mit dem Baustoff Holz umgesetzt. Es herrscht ein großer Menschenauflauf an der Berghütte. Deshalb lassen wir uns das bestellte Essen und die Getränke auch auf die Terrasse bringen. Etwas später findet dann auch, der im ca.-zwei-Stunden-Rhythmus abgehaltene Bettenwechsel statt. Wir bekommen ein gemütliches Zimmer mit sieben Betten und einer Naßzelle zugewiesen. Da wir die ersten Bezieher des Raumes sind, können wir schnell noch duschen, bevor wir uns dem Schlaf widmen. Dieser wird dann zwar ziemlich abrupt mit dem "Ausschlafen" der restlichen Bewohner beendet, war aber erholsam und ausreichend, da während dieser Zeit keine Zwischenbelegung des Zimmers stattfand. Nun werden die Füße wieder flott gemacht und noch ein weiterer Essensgang bestellt. Nebenbei wir noch der Hüttenstempel ins Buch gedrückt und sich mit Karte und Beschreibung auf den folgenden Abschnitt eingestimmt. Es ist Freitag, der 26. August, 0:20 Uhr - wir verlassen gemeinsam mit Chris, Dima und Uwe die Hütte Richtung Col Fenêtre. Der Anfang des Weges ist schwer zu finden. Wir stochern über eine Wiese, durch Wasser und immer schön im Zickzack. Erst im oberen Teil des Anstieges ist ein Weg sicht- und nutzbar. Eine Stunde nach unserem Aufbruch stehen wir auf dem Col Fenêtre (2.728 m). Vor zwei Jahren waren wir hier zum Sonnenaufgang und nahmen den Weg ins Tal. Heute müssen wir auf dem Grat über den Col Vertosan (2.690 m), den Col Flassin (2.607 m) und den Mont de Flassin (2.772 m) zum Col Citrin (2.484 m), den wir 3:20 Uhr erreichen. Meist müssen hier für diverse Kletterpartien beide Hände zur Hilfe genommen werden und auch der Einsatz des GPS erforderlich. Dabei sind mit Dima's, Chris' und meinem Gerät gleich drei Signalempfänger synchron aktiv - damit wird nichts dem Zufall überlassen. Im Schlepptau haben wir noch die drei jungen Schweden und eine spanisch-peruanische Mannschaft. Wir passieren die Lacs de Dzioule (2.524 m) und befinden uns kurz darauf zusätzlich mit Franzosen und Portugiesen in einem schweißtreibenden Anstieg durch größere Felsblöcke. Mitten in diese nächtliche Monotonie des "Einen-Fuß-vor-den-anderen-Platzieren" stürzt plötzlich Uwe mit einem klassischen Salto und reißt alle aus diesem Trott. "Nichts passiert!", so seine kurze Entwarnung, doch beim Aufstehen verfärbt sich der Fels im Scheinwerferlicht. Uwe hat am Schienbein eine größere Platzwunde, welche stark blutet. Sofort werden Chris' und meine Rucksackapotheke gezückt und unter fachlicher Anleitung und Ausführung eines Portugiesen (der zehn Jahre Rettungssanitäter war) die Wunde versorgt. Von mir erhält er aufgrund seines kompetenten Auftretens den Namen "Bergdoktor" verpaßt. Natürlich in Anlehnung an den Bergdoktor schlechthin - Martin Gruber aus der beliebten gleichnamigen ZDF-Reihe. Immerhin zwei Folgen dieser Serie habe ich bisher schon gesehen und mir gewünscht, bei Husten oder Heiserkeit oder auch bei ganz schwerwiegenden Fällen nur von diesem Arzt behandelt zu werden, da nur er sein Amt auch zu 100% beherrscht. Mit weißem Verband am Bein und rotgefärbter Socke im Schuh geht es für Uwe weiter. Es scheint alles bestens.

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 Refuge du Mont Fallère (2.385 m)  Col Citrin (2.482 m)

Am Tête des Fra (2.818 m) verliert sich wieder die Spur. Die Beschreibung verweist auf "the secondary spur that is oriented NW". Aufgrund des felsigen Abstiegs vom Berg in diese Richtung, welche unmöglich erscheint, haben sich einige Mannschaften vor uns (sichtbar durch das Stirnlampenlicht) auf eine südwestliche Passage am Berghang entschieden. Meiner Meinung nach steigen sie dafür aber zu weit hinab - auch Uwe, Chris und Dima gehen diesen Weg. Mit Ute und Mario aus Peru bleiben wir knapp unterhalb des felsig vergrasten Grates und der GPS-Track gibt uns insofern auch recht. Mit dem Hellwerden finden dann auch alle Mannschaften am steilen Grashang zur Tramail des Ors (2.384 m) wieder zusammen. Das vor uns liegende Aostatal bietet nun einen spektakulären Anblick. Die Wolken haben in ca. 2.000 Metern Höhe eine Grenze gezogen und bieten ein nun beliebtes Fotomotiv. Bis zu den Resten der Bergeries de Rantin (2.340 m) führt nun ein Pfad, welcher dort in eine Forststraße übergeht. Durch Planaval (1.762 m), Piginiere (1.669 m) und Villar Enson (1.326 m) erreichen wir Chatêau de La Salle (1.200 m). Oberhalb der Ortschaft erkenne ich dabei sofort die etwas eigenartige weitere Streckenführung, die sich im Ort auch bestätigt. Als wir 2014 (allerdings aus östlicher Richtung von Vedun kommend) hier entlang mußten, dachte ich wir sind falsch, da die Route durch eine Art Grundstück führte - schmale, gepflasterte Einfahrt mit anschließendem Durchgang zur kleinen Rasen(liege)fläche. Nur die aufgebrachten Markierungspfeile des (in der Vorwoche stattgefundenen) "Licony Trail" bestätigen heute, wie damals, die Richtigkeit des Begehungsrechtes. Diesen Pfeilen folgen wir nun über Villar (975 m) bis zur zweiten "Life base" bei Kilometer 210 in Morgex (934 m). Vorbei an der Turnhalle, in der man duschen und schlafen kann, sind es noch ca. 100 Meter auf der Viale Abbè Cerlogne bis zur Registration vor einer Kriegerkapelle, wo wir 9:35 Uhr von "Live trail" für die Zwischenzeiten erfaßt werden.

Es gibt zum zweiten Mal die persönliche Tasche ausgehändigt und im Inneren des Gebäudes wird geradezu übermäßig Essen und Trinken angeboten. Die Zeit scheint nun still zu stehen. Keine Ahnung, wie lange wir uns unseren Essensgelüsten hingeben. Ich nehme zweimal die hausgemachte Lasagne, die in Größe und Geschmack besticht. Dazu zwei Bier und mehrere Stück frisch gebackenen Kuchen. Mit einer Apfelsine und ein paar Apfelstücken wird zudem der Vitaminhaushalt nicht vernachläßigt, bevor es dann zurück zur Sporthalle geht. Da ich vor rund 14 Stunden erst geduscht habe, schenke ich mir diese Zeit und kümmere mich dafür lieber um das Austauschen der Batteriesätze und das Wechseln der Kleidung. Auch die restlichen Nahrungsvorräte werden komplett aus der Tasche in den Rucksack übernommen. Nachdem alle wichtigen Sachen umsortiert wurden, bleibt noch Zeit für ein Stündchen Schlaf auf einer der bereitliegenden Turnmatten. Dann heißt es: Füße salben und in die Schuhe zwängen, ab zur "Verpflegungskapelle" und Taschen abgeben, noch einen kleinen Snack mit Cola und Wasser einnehmen und 14:15 Uhr am Stand abmelden.

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Frühmorgens über dem Aostatal. Ankunft mit den Palanquin Porters in Morgex.

Wir folgen anfangs der Beschilderung "Vertikal 2000", einem Berglauf (im Rahmen des Licony Trail) mit 9 horizontalen und 2 vertikalen Kilometern, der am 14. August stattfand. Es geht entlang von Straßen und vorbei an Weinstöcken nach Lavanchers (980 m) und Dailley (1.019 m) zur Einfahrt vom Straßentunnel nach Courmayeur. Dort beginnt der sehr steile Anstieg durch eine mit verkohlten Baumstümpfen übersäte Freifläche. Dazu drückt die Sonne erbarmungslos von oben und die Luft steht. Bis zu den Ruinen von Bou de Baou (1.710 m) führt wenigstens noch ein "Weg", danach beginnt der vielleicht nervigste Anstieg des diesjährigen PTL. Durch hohes Gras und stachlige Büsche folgen wir dem GPS-Gerät. Wegspuren Fehlanzeige! Ab und zu sieht man mal die vor uns aufsteigenden Trupps am Hang umherirren und hat so wenigstens einen Anhaltspunkt zur groben Richtung, denn mit der Satellitennavigation macht man sich nur mürbe, wenn man genau diese Vorgabe umsetzen würde. So kommt es, daß beim Rückblick auf die Folgenden ca. 15 Leute von denen zehn verschiedene Varianten genutzt werden. Erst im oberen Bereich kann man wieder von einer einheitlichen Linie über Grat und Wiese reden. Von Mont Cormet (2.476 m) führt ein angenehmer Weg auf dem Bergmassiv Richtung Tête de la Suche und biegt an deren Lawinenverbau ins Val Sapin ab. Der Weg ist eindeutig und leicht, die Höhenmeter schwinden schnell und in Suche (1.810 m) werden wir von einem Passanten zum Verweilen in einem privaten Verpflegungspunkt eingeladen. Wir sind darüber erstaunt, müssen aber absagen, weil uns die Dämmerung im Nacken liegt. Die Getränkevorräte sind zwar stark zur Neige gegangen, aber im Tal kommt definitiv noch einmal Wasser und zwar der Torrent Val Sapin - sind ja schließlich nicht zum ersten Mal hier unterwegs und da kann ich so eine Behauptung Ute gegenüber schon mal rechtfertigen. In Villair (1.293 m), am Aufstieg von Courmayeur zur Bertone, können wir dann sogar an einem Brunnen unsere Flaschen auffüllen. Kurz darauf verpassen wir den Abzweig nach La Saxe (1.223 m) und suchen mit den Briten von "North and South" wie wild die Gegend danach ab. Ute hatte zwar zwischenzeitlich von einer Markierung an einem Zaun erzählt, dieser Bemerkung aber nicht den nötigen Nachdruck verliehen. So vergeht noch etwas Zeit, ehe wir auf dem richtigen Pfad sind. Im Ort passieren wir (an der Straße zum Mont-Blanc-Tunnel gelegen) einen "Supermercato". Leider ist es schon 20:15 Uhr und unsere Einkaufsträume damit ad acta gelegt. Wir verlassen noch den Ort, um uns nach einer schlecht sichtbaren Abzweigung an einem Felsen zum Abendbrot niederzulassen. Ich wollte zwar noch den Klettersteig am unteren Teil des Mont Chétif (2.343 m) im Hellen erledigen, dies ist nun jedoch aussichtslos geworden und daher stärken wir uns ausgiebig mit Pumpernickelbrot und "Kaminwurzen".

Gut gesättigt machen wir uns auf den Weg zu den ersten Seilen und Stufen im Fels. Ein Helfer des PTL-Teams ist dort und rät die Stöcke im Rucksack zu verstauen, da jetzt beide Hände gebraucht werden. Bei uns kann er sich diesen Hinweis sparen, da wir die Knüppel sowieso fast nur spazieren führen. Der Steig beginnt mit Seilen und gleich darauf folgt ein mit Klammern versehener Felsen - ein spektakuläres Motiv fürs Fotoalbum: Ute mit im Dunkel der Nacht mit dezenter Hintergrundbeleuchtung aus dem urbanen Teil des Tales. Doch genau jetzt versagt wieder der Fotoapparat. Den Ersatzknipser habe ich im unteren Teil meines Rucksacks und Utes Telefon (welches ich ersatzweise auch schon zum Fotografieren nutzen mußte) ist in ihrem Rucksack. Ute würde auch gern weitermachen, da die Arme langsam schwer werden. So bleibt diese Ansicht unarchiviert und uns noch viele Kletterabschnitte bis nach oben. Dabei sind wir recht zügig unterwegs und gönnen uns daher auch zwei kleinere Pausen am Wegrand. Der Anstieg scheint jedoch kein Ende zu nehmen. Als wir dann aber gar nicht damit rechnen, sitzt an einer Weggabelung (2.250 m) ein wartender Teilnehmer, der meint, es gehe wieder 'runter. Keiner wäre da hoch - warum auch, mitten in der Nacht? Die Bestätigung dieser Aussage übernimmt dann das Roadbook. In einer Geröllrinne steigen wir nun wieder ab. Später gibt es zwar noch einige Ungereimtheiten in der Wegewahl, aber mit vereinten Kräften (mit anderen Mannschaften) klären sich diese auch.

Die Hütte "Le Ranndoneur" oberhalb Praz Neyron (1.897 m) ist hell erleuchtet. Es sind mehrere Nachtschwärmer in den Räumen des Hauses auszumachen. Ich vermute bei ihnen Zuschauer des UTMB, der in der nächsten Zeit hier durchziehen wird. Ute hätte gern etwas gegessen und getrunken, aber ich dränge auf ein flotteres Weitermachen. Kurz darauf werden wir von jemand überholt - ein Zuschauer des UTMB, der den kurzen Anstieg zum Verpflegungspunkt Maison Vieille recht schnell angeht. Weit gefehlt, es ist der Japaner Shinya vom Team "Papet Tempura Lasagne", dessen Schweizer Kollege Jean-Pierre uns kurz darauf überholt. Sie hätten sich in der Hütte gestärkt und auch geschlafen, verrät er uns. Das hätten wir auch tun sollen, da die nächste Möglichkeit dafür die "Robert Blanc" wäre und bis dorthin noch ordentlich Stunden ins Land gängen. Ich verweise auf den UTMB-Halt Maison Vieille am Col Chécroit (1.956 m) und er kann dies nicht so recht als für uns PTLer gedachte Zusatzverpflegung einordnen. Als wir dort 0:30 Uhr ankommen, empfängt uns französisch anmutende Musik und wir werden sogar vom Versorgungsstand auf einen kleinen Stehimbiß eingeladen. Dazu können wir noch unsere Flaschen mit Wasser auffüllen. Für die folgenden drei Kilometer sind wir nun auf der UTMB-Strecke unterwegs. Wir laufen also den Spitzenathleten entgegen, doch noch sind keine Stirnlampen vom, in der Ferne leuchtenden Zelt am Arête du Mont-Favre zu sehen. Es ist schon seltsam, da es doch langsam soweit wäre, oder ist mir da ich etwa einen Rechenfehler unterlaufen, bei all der körperlichen und geistigen Belastung? Irgendwann legen wir uns am Wegesrand in unseren Biwaksack, um etwas Schlaf nachzuholen. Es ist trotzdem schnell kalt und Ute hat Probleme mit der richtigen Lage auf dem harten Untergrund. Also wird diese Pause kaum der Erholung gedient haben und hat eher noch mehr Schmerzen im Gebälk verursacht, als vorher vorhanden waren. Allerdings kommt nun langsam Bewegung auf die UTMB-Strecke. In der Dunkelheit sind die Läufer nur anhand ihrer Startnummer zu "identifizieren", da wir ihnen ja nun nicht mit voller Wucht unser Stirnlampenlicht präsentieren. Wir applaudieren brav und manch' einer von ihnen bedankt sich auch.

Für uns ist jetzt aber vorrangig der Abzweig zum Col de la Youlaz wichtig. Alles kein Problem, das weiß ich noch wie gestern, als wir 2012 die Tour zum Mont Favre unternommen haben. Da ist am Wegesrand linkerhand ein gelber Pfeil mit schwarzer Inschrift, der den Paß ausweist, auf einen Stein aufgemalt. Darauf versteife ich mich zu sehr und lasse andere "Hinweise", wie ein am Boden liegendes Absperrband (parallel zur UTMB-Strecke liegend) außer acht. Wir irren umher, da wir schon viel zu weit am Anstieg zum Arête du Mont-Favre sind. Widerwillig hole ich das GPS-Gerät heraus, weil ich mir doch gerade hier so sicher war, was die Streckenfindung betrifft. Wir laufen also zurück und kommen zum rot-weiß gestreiften Band, welches einen kleinen Pfad absperrt. Zuvor hatte ich dies für Fahrspuren(!) gehalten, in die die UTMBer auf keinen Fall 'reinlaufen sollen. Doch welches Fahrzeug soll hier Fahrspuren hinterlassen? Ute kombiniert messerscharf, warum das Band hier liegt und weiter hinten im abgedunkelten Bereich liegt auch der von mir herbeigesehnte Stein mit gelb-schwarzem Pfeil. Diese Beschriftung ist nur zu sehen, wenn man aus der anderen Richtung kommt. An den Lacs de Vesses (2.355 m) vorbei schlängelt sich der Weg über graues Gestein zum Col de la Youlaz (2.661 m), der 4:15 Uhr erklommen ist. Danach windet sich der Pfad weiter hinauf zum Col de Charmonts (2.787 m) und nach einigen kurzen Pausen sind wir gegen 5:30 Uhr am Col du Berrio Blanc (2.840 m). Nun wird der Weg am Kamm entlang wieder einfacher, zwingt uns aber auch wieder zu einer kurzen Ruhepause. Wir dösen kurz weg und sind von der Kälte gleich wieder hellwach. Der Tag hält langsam Einzug und das Schauspiel mit den Wolken vom Vortag über dem Valle d'Aoste vollzieht sich nun über dem Val Veny vor der Kulisse des mächtigen Mont-Blanc-Massivs. An den Gebäuderesten des Mont Fortin (2.753 m) biegen wir zum Südhang des Mont Perce ab, von wo aus wir den Col de Chavannes (2.603 m) erreichen.

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Aufstieg zum Mount Cormet (2.476 m)  Val Veny mit Mont-Blanc-Massiv

Es ist kurz vor halb acht und am Paß ist ganz schön was los. Im Container, der hier für die Streckenposten des TDS (der vor zwei Tagen stattfand) abgestellt worden ist, holt ein PTLer seinen Pflichtschlaf nach. Die anderen vier Italiener machen sich einen Spaß daraus, diese Szene im Bild festzuhalten. Außerdem gibt die Glashütte noch jede Menge nicht benötigte Getränke frei, welche nun auch noch für den Eigenbedarf genutzt werden. Wir setzen uns zu der illustren Runde und unterhalten uns, während wir die Füße lüften, so gut es geht englisch. Dabei geht es u.a. auch um den Anfeuerungsruf der Italiener ("Dai, dai, dai!" - "Gib alles!"), dessen Laute im Englischen mit "Stirb! Stirb!" übersetzt werden. Zu diesem allgemeinen Gelächter stoßen nun auch Chris und Dima - allerdings ohne Uwe. Er mußte in Morgex, wegen der Folgen des nächtlichen Sturzes, aussteigen. Ein zufällig im Läuferfeld befindlicher Arzt hatte ihm das Schienbein zwar im Gang zur Turnhalle genäht (ohne Narkose, versteht sich!), aber die Blutung konnte wegen einer verletzten Vene nicht wieder gestoppt werden. Wirklich traurig für ihn, da er doch zwei gute Mitstreiter an seiner Seite hatte.

Für das Zeitmanagement hatte ich vor dem PTL eine ganz einfache Milchmädchenrechnung aufgemacht. Pro Tag (von 9 Uhr bis 9 Uhr am folgenden Tag) müssen wir 50 Kilometer schaffen, dann haben wir am Sonntag um 9 Uhr die knapp 300 km im Kasten. Da erst 17 Uhr Zielschluß ist, bleiben immer noch acht Stunden Puffer. Das müßte reichen, um den PTL erfolgreich zu meistern. Nun ging diese Rechnung bisher gut auf, nur heute wird es etwas knapp und wir müssen schon mal an die Zeitreserve gehen. Die Berghütte "Robert Blanc" liegt bei Kilometer 250, den wir (nach meiner Theorie) 9 Uhr erreichen müßten, doch daraus wird nichts. Erst kurz vor 8 Uhr starten wir, gemeinsam mit Dima und Chris, um zwischen Mont Lechaud und Vallon de la Lex Blanche zum Col de Seigne (2.516 m) zu gelangen. Eine dreiviertel Stunde später erreichen wir den UTMB-Posten an der italienisch-französischen Grenze. Beim UTMB 2011 ging es hier im Schnee ins andere Tal, heute brennt dagegen (schon am Morgen) erbarmungslos die Sonne. Alle jetzt noch ankommenden Läufer des Ultra-Trail du Mont-Blanc werden am Kontrollcontainer aus dem Rennen genommen, d.h. ihre Startnummer wird entwertet, indem der Strichcode herausgeschnitten wird. Auch hier ist Bergführer Lucio wieder an der Strecke. Für den Moränenabschnitt zur Hütte gibt er uns anderthalb bis zwei Stunden vor, angeschrieben stehen allerdings dreieinhalb.

Unterhalb des Glacier des Glaciers machen wir uns nun auf, die unzähligen "Moränen" mit insgesamt sechs Abflüssen des Gletscherwassers zu queren. Stellenweise sind diese Felsabschnitte mit Seilen und Tritten gesichert, die Bachläufe jedoch breit und schlecht zu passieren. Während Dima keine nassen Füße scheut und einfach durch die Bäche läuft, versuche ich mit einem Sprung das andere Ufer zu erreichen, um dann Ute und Chris bei ihren Sprüngen "nachzuziehen". Eine Methode, die sich schon die gesamte Woche über bei Ute und mir bewährt hat. Am Ende der Moränenlandschaft wartet noch ein kurzer Anstieg mit etwas Kletterei und nach dem Bezwingen der Kuppe führt ein normaler Weg (fast wie in einem Park) zum Refuge Robert Blanc (2.750 m). Dort machen wir uns in der Mittagssonne, es ist nämlich schon 11:15 Uhr, ein Plätzchen auf den Felsen neben der Hütte klar. Wir befreien die Füße von ihrem Ballast und gehen in die Hütte, um uns zu stärken. Die Bewirtung dauert etwas, da zu viele Läufer im Gastraum zu Gange sind. Ich bestelle mir das obligatorische Büchsenbier und auch Ute nimmt eine Büchse, allerdings mit (für sie) unbekanntem Inhalt. Das es dann nur stinknormales Mineralwasser ist, ist bei 3,50 Euro für 0,33 Liter recht ärgerlich. Dafür ist die Polenta zwar auch sehr klein, aber sehr wohlschmeckend. Dazu gibt es noch selbstgebackenes Brot und später frischen Kuchen als Nachtisch. Die Betten im Haus sind leider alle belegt, so daß wir unser Glück vor der Hütte versuchen. Auf dem felsigen Untergrund ist zwar kein Tiefschlaf möglich, aber ein paar "intensive" Ruheminuten werden es trotzdem. Nach drei Stunden Aufenthalt verlassen wir die Berghütte 14:10 Uhr wieder. Wir steigen über felsiges Gelände hinab zum Plan des Lanchettes (2.450 m), dem ehemaligen Ende des Glacier des Lanchettes, wo nun der breite Ablauf des Gletschers zu überwinden ist. In steilen Kehren gelangen wir zum Col de l'Ecaille (2.751 m). Auf der Gegenseite werden nun die Höhenmeter ganz sachte wieder verbraucht, es geht stellenweise über Schneefelder und ein Steinbock positioniert sich später wie abgesprochen fürs Erinnerungsfoto. Vorbei am Lac d'Enclave nehmen wir die letzte Steigung zum Col d'Enclave (2.672 m), den wir kurz vor 16 Uhr erreichen. Die Sicht ist immer noch atemraubend, obwohl einige Wolken den Himmel schon in Besitz genommen haben. Ute beunruhigt dies etwas und drängt daher auf ein zügigeres Vorankommen, denn nun folgt der Abstieg, den wir wegen der Steinschlaggefahr beim PTL 2014 nur in Gruppen gehen durften. Heute sind wir auf uns allein gestellt - die nachfolgenden Franzosen von "VELOMAX" hatten wir kurz hinter dem Grand Ecaille überholt und damit rund 20 Minuten hinter uns. Die anfängliche blaue Markierung auf dem Felsgrat geht später in Steigspuren über. Ein kleiner Versteiger "gelingt" uns bei dieser Kraxelei, aber aufgrund der guten Sicht ist ebenso schnell der richtige Weg wieder gefunden. Am Fuß des Grates, bei den Lacs de Jovet (2.174 m), ziehen wir das Abendbrot vor - diesmal werden die Riegel- und Nußvorräte aus dem Rucksack minimiert, weil nur noch eine Notration Brot vorhanden ist. Im weiteren Abstieg wird der knurrende Magen dann noch mit Heidelbeeren vom Strauch gefüllt. An den Chalets de Jovet (1.850 m) biegen wir auf die UTMB-Strecke, nur eben gegen dessen Laufrichtung, talwärts. Am Chalet de la Balme (1.706 m) und dem Chalet de Nant Borrant (1.459 m) führt der zu Beginn recht steinige Fahrweg ins Val Montjoie.

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Col Chavannes (2.603 m) Col d'Enclave (2.672 m) mit Lac Jovet (1.850 m)

An der Pont Romain (1.425 m) mit dem beeindruckenden Cascade du Combe Noire biegen wir vom GR5 in den Wald La Rossière ab. Der Waldweg führt fast parallel zum bisherigen Weg, nur eben abseits vom eventuellen Touristenrummel. Vor dem Dunkelwerden wollen wir noch einmal die Schuhe lüften und unsere Füße in irgendeinen Bach halten. Glücklicherweise sind auf der Karte gleich drei Bäche eingemalt, welche wir in Kürze kreuzen müßten. Doch aufgrund der Trockenheit der gesamten Woche ergießen sich da nur Rinnsale am Weg. Da deren Wasser doch recht kalt ist, wird kurzerhand ein bestehendes Wasserloch etwas vertieft, damit die Füße auch Platz finden. Nach der Fuß- folgt dann die Augenpflege. Ein kleines Nickerchen im Gras am Wegesrand wird allerdings frühzeitig durch Donnergrollen beendet. Kurz darauf beginnt es zu regnen. Das fehlte gerade noch - nach unseren Erlebnissen in Südtirol und im Zillertal nun auch hier ein Gewitter, in das wir auch noch hineinlaufen! Der Regen wird stärker und das Flackern am Himmel nimmt zu. Wir treffen auf die zwei VELOMAXer, die von einer Nachricht auf dem Tracker erzählen. Diese haben wir natürlich nicht erhalten, auch nicht auf dem Telefon. Die Strecke wäre verkürzt worden, entnehmen wir ihren Aussagen - weitere Details dazu scheitern an der Sprachbarriere. Auf dem Weg nach Le Cugnon "versagt" auch noch das GPS (oder der, der das Gerät bedient!?). Der Pfeil zeigt stets auf dem Track die richtige Richtung an, deshalb rennen wir, so schnell es geht, auch immer weiter bergab. In einer 340°-Kurve bemerke ich den Fehler, da der Weg immer noch gerade angezeigt wird. Stop! Nach genauerer Betrachtung der angezeigten Karte, bemerke ich, daß das Bild "steht". Toll, also zurück und alles wieder hoch. An der Weggabelung, wo der richtige Weg abbiegt, treffen wir wieder auf Dima und Chris. Mit ihnen laufen wir nun in die letzte Nacht des diesjährigen PTL, es ist die sechste für uns. Die ersten Zieleinläufer (so hatten wir es an der Maison Vieille von einem Helfer erfahren) waren schon am Freitagabend in Chamonix. Sie haben also zwei Nächte weniger auf dem Konto - unvorstellbar!

Nach der Überquerung des Nant d'Armancette nehmen wir den TPMB-Wanderweg (Tour du Pays du Mont Blanc), welcher uns später steil auf der TDS-Streckenführung durch den Wald zum Chalet du Truc (1.733 m) bringt. Es ist 0:15 Uhr und im Gastraum brennt noch Licht. Wir entschließen uns daher für eine kurze Rast und aus den zwei werden nun vier Zweier-Mannschaften, welche die Wirtsleute nicht zur Ruhe kommen lassen. Unser "Nachtgedeck" besteht aus vier halben Litern Cola und vier Kaffee - für gerade einmal 17,80 Euro. Während sich Dima intensiv mit den Holländern von "Aegir" unterhält, studiere ich die Karte und gleiche sie mit dem Roadbook ab. Unsere Gastgeber sind jedoch vom Tag geschlaucht und würden gern ein paar Stunden schlafen, bevor der neue Tag auch wieder sehr zeitig für sie beginnt, sagen sie mir beim Bezahlen. Ich unterbreche daher Dimas Redefluß und erinnere ihn an unsere Aufgabe. Kurz darauf sind wir Richtung Chalets du Miage (1.599 m) unterwegs und treffen dort sogar auf einen (außerhalb der Siedlung befindlichen) "PTL-Point de Ravitaillement". Ein Ein-Mann-Zelt trägt dabei noch das, von den PTL-Partnerhütten bekannte "Refuge Partenaire"-Schild und ein reichlich gedeckter Tisch erwartet uns. Zuvor wird aber noch der GPS-Tracker getauscht. Ich bekomme einen neuen Sender an den Rucksack gebaut, welcher jedoch von da an keine Signale mehr sendet, denn die Zwischenzeiten Miage, Tricot und Griaz fehlen später in der Laufstatistik. Wir bekommen nun auch offiziell bestätigt, das die Strecke wegen Unwetterschäden geändert wurde. So fällt der Bogen über Nid d'Aigle (2.372 m) und Baraque Forestière des Rognes (2.723 m) der Variante R10 und der finale Talabschnitt der Variante R11 zum Opfer. Aus so einem Grund gibt es beim PTL auch keine Rangordnung, da die zu laufenden Strecken aller teilnehmenden Mannschaften im Laufe der Woche doch zu stark voneinander abweichen können. Dieses Jahr ist das Szenario aufgrund des Kaiserwetters erst am letzten Tag eingetreten. Doch wenn es schon zu Beginn wetterbedingte Änderungen geben sollte, trifft dies auch nicht alle Teams gleichermaßen.

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Chalet du Truc: Kaffee und Cola um Mitternacht "Partnerhütte" an den Chalets de Miage

Jetzt haben wir also bis Chamonix den selben Weg wie 2014. Der Anstieg zum Col de Tricot (2.120 m) ist in etwas über einer Stunde erledigt. Nun geht es im Combe des Juments hinab zur Hängebrücke über den Bionassay. Wir hören dabei, wie oberhalb im Gebiet um den Bionassay-Gletscher eine Gesteinsfuhre abgeht. Es ist vielleicht besser, nicht die östliche Originalstrecke mehr zu laufen, sondern in der Nähe der Chalet de l'Are (1.815 m) den westlichen Bogen zur Bergstation der "Telepherique Bellevue" (1.801 m) zu nehmen. Am Bahnhof der Tramway du Mont-Blanc, der sich in unmittelbarer Nähe zur Gondelstation befindet, ist jeder freie Platz mit Schlafenden belegt. Es ist früher Morgen, vielleicht 4 Uhr oder 4:30 Uhr, ein Weiterlaufen verbietet sich da, denn wer will schon am Sonntagmorgen fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit im  Ziel einlaufen? Nach einer Woche voller Entbehrungen kann man sich schon mal mit etwas Applaus belohnen lassen. Deshalb suchen wir uns mit Chris und Dima an der Seilbahnstation ein gemütliches Plätzchen, für das ich nochmal den Biwakschlafsack aus dem Rucksack krame. Der Betonuntergrund ist hier an der Hauswand verdammt hart und mit Schlaf hat die Aktion nicht viel zu tun, trotzdem vergeht die Zeit bis zur Dämmerung recht schnell. Das Aufstehen vollzieht sich bei mir nur in Zeitlupe, da nun dem Anschein nach, alles "eingerostet" ist. Es dauert! Mit einer abschließenden CR7-Freistoß-Pose und einem locker vorgetragenen "Taataa!" kann ich das Prozedere stilecht abschließen und habe die ersten Lacher des Tages auf meiner Seite. Nicht ganz so lustig sieht es um die Ecke aus: dort wird ein Franzose von seinen beiden Mannschaftskameraden an den Füßen "operiert" - einer hält ihn dabei fest, während der andere das "Skalpell" ansetzt.

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Col de Tricot (2.120 m) Zurück in der Zivilisation: Les Houches

Eilig haben wir es jetzt nicht mehr, als wir 6:30 Uhr den nächsten Anstieg nehmen. Es ist geschafft! Wir haben zwar noch ein paar Kilometer vor uns, aber nichts Aufregendes mehr. Wir unterhalten uns mit den zwei Sänftenträgern und lassen das Erlebte revuepassieren. Nach dem Abzweig (1.977 m) folgen die uns bekannten Serpentinen, welche kein Ende nehmen wollen. An der Baraque Forestière des Arandellys (1.757 m) wird gerade das Lagerfeuer neu bestückt, während sich im Inneren der Hütte noch Wanderer (oder doch PTLer?) in ihren Schlafsäcken räkeln. Halb neun betreten wir in Les Houches Chef-Lieu (1.012 m) wieder "zivilisierten" Boden. In La Griaz (1.020 m) bringt uns eine Straßenbrücke auf die andere Seite der l'Arve und der Chemin des Eaux Rousses auf den langen Waldweg nach Chamonix. Auch hier hat es vom Gewitter ordentliche Ausspülungen gegeben, sonst würde nicht zum Sonntagmorgen ein Bagger jede Menge Sand vom Weg kratzen, der normalerweise zur benachbarten Baustelle gehört.

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Sechs Stunden vor Ultimo: Zieleinlauf in Chamonix.    © Christian Marolf

Der Rest des Tages ist Schaulaufen. Selbst im Wald nach Gaillands (dem Klettergarten vor den Toren Chamonix') ernten wir den Beifall der entgegenkommenden Passanten. Ute bekommt dabei sogar respektvoll im Vorbeigehen die Schulter geklopft. In der Stadt nehmen diese Bekundungen dann zu und auf den letzten Metern zum Ziel gehört uns auch der abgezäunte Weg des UTMB, dessen Läufer auch (noch) von ihrer Tour heimkehren. Wir drücken ganz fest unsere Hände, so wie wir es vor dem Start gemacht haben. Die Augen werden wieder feucht und die Zielgerade könnte ewig lang sein. Wir lassen Chris und Dima vor (sie haben allerdings die um vier Sekunden schlechtere Nettozeit) und genießen diesen Triumphzug. Mit einem ungalanten Stolperer auf der Ziellinie meinerseits beenden wir nach sechs Tagen, einer Stunde, 28 Minuten und 53 Sekunden als 19. Mannschaft den "Kleinen Spaziergang des Leon" (La Petit Trotte à Léon). Nach 592.722 Schritten* und 43.237 verbrannten Kilokalorien* sind wir wieder am Ausgangsort angelangt. Zum zweiten Mal nach 2014 ist es uns gelungen, diese Strapazen zu bestehen. Auch in diesem Jahr werden nicht ganz die Hälfte der 106 gestarteten Mannschaften den Zielbogen am Place du Triangle de l'Amitié erreichen. Einige Dreiertruppen werden zudem nur als Duo einlaufen, wie die "Palanquin Porters". Jedenfalls bekommen wir diesmal neben der Finisher-Weste die PTL-Glocke gleich mit ausgehändigt - endlich haben wir das langersehnte Teil und müssen nicht erst noch bis zur Siegerehrung (für alle angekommenen PTL-Mannschaften) warten, denn die Gefahr des Verschlafens der Ehrung wäre ja auch noch möglich. Mit Büchsenbier stoßen wir kurz darauf auf unseren Erfolg an - der Frühschoppen in Chamonix ist damit eröffnet.

* meine Daten von der Polar V800

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Nach 145 Stunden und 28 Minuten im Ziel. Der neueste japanische Trend ...

Fazit: Der PTL hinterläßt definitiv tiefe Spuren - positive und negative, lustige und nachdenkliche. Wie kann es sonst sein, daß ich nach einer Woche Telefonabstinenz fünf weitere Tage benötige um zu wissen, daß mein Fernsprecher neben einer PIN auch ein Gerätekennwort zum Aktivieren benötigt? Wäre hier vielleicht die Abfrage nach der Tastensperren-Kombination gekommen, hätte ich diese Gedächtnislücke vielleicht schon eher schließen können. So aber habe ich sieben von zehn Möglichkeiten der Entschlüsselung verbraten, ehe ich mich durch einen Zufall daran erinnern konnte. Eine Tätigkeit, die ich 50-, 60mal am Tag ausführe war im Gehirn gelöscht, einfach weg! Dafür kann ich mich an die Begebenheiten der Woche in den Bergen stellenweise bis ins Detail erinnern. Die folgenden Tage und Nächte träume ich fast ausschließlich vom Bergan-Marschieren (natürlich ohne Schmerzen oder Kraftanstrengung). Es war eine Woche, die man nie missen möchte, mit all' ihren Höhen und Tiefen. Die Müdigkeit als Hauptfeind Nr. 1 - es gab Nächte, da war man hellwach, wie z.B. in den Stollen am Mauvoisin-Stausees oder den Klettereien am Buet oder Chetif und es gab überaus träge Abschnitte, wie das Einschlafen während des monotonen Bergangehens (auf der "Straße" zum Chalet du Truc). Bei insgesamt nur acht bis neun Stunden Schlaf ist dies auch nicht verwunderlich. Es gab Momente, in denen Ute zusammenzuckte, als sie mich sah, weil sie mich für jemand anderen hielt. Dazu die vielen lustigen Wortsalate, wie "keine Blumentöpfe ausreißen" (als gelungenen Mix der Redewendungen "Keinen Blumentopf gewinnen" und "Keine Bäume ausreißen") oder wirre Deutsch-Englisch-Kombinationen (die vielleicht in ein paar Jahren Gang und Gebe sind), dazu völlig "falsche" Antworten auf normale Fragen (Beispiel: "Thomas, wie bist Du mit Deinen Mammut-Schuhen zufrieden?", fragt mich Chris und ich entgegne "Ich habe es gerade mit Ute besprochen. Es wäre schön, mal wieder ein ganz normales Leben zu führen."). Es gab zudem Probleme beim Aufsagen der Startnummer, so habe ich auch mal statt der 107 (cent sept) die 106 (cent six), die wir 2014 hatten, oder gar die 700 (sept cents) beim Kontrollposten angesagt. Komisch war auch, daß sich zwei Deutsche in einem längeren Gespräch plötzlich englisch unterhalten (so geschehen zwischen Uwe und mir beim Abstieg nach Morgex). Tagelang ist man mit total ausgetrocknetem Hals und aufgeplatzten Lippen unterwegs und kann kaum sprechen und beschränkt sich daher auf die nötigste Kommunikation untereinander. Und trotzdem gab und gibt es nichts Schöneres wie diesen PTL! Die Erinnerung an die fast einsamen Morgenstunden mit ihrem spektakulären Wolkenspiel hoch über dem Aostatal oder dem Val Veny werden wohl nicht so schnell wieder aus dem Kopf gehen. Ebenso die nächtliche Begegnung mit den führenden Läufern des UTMB, die wahrlich die Weltspitze dieser Sportart darstellen. Und dann dieser Zieleinlauf, die Ehrung der PTL-Verantwortlichen und -Helfer sowie der PTL-Finisher, beendet mit einem großen Abschlußbuffet - alles wunderbar aber ein drittes Mal für uns unvorstellbar! Warum sollte man auch die Bestätigung des ersten PTL-Finish's noch einmal bestätigen müssen? Vielleicht, wenn genügend Gras über die Entbehrungen und Schmerzen gewachsen ist und das Video zur Veranstaltung im Hause Herfurt/Delling eintrudelt ... 2017 aber auf keinen Fall, da haben andere "Termine" Priorität!

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Die PTL-Glocke. Klassement "PTL Mixte", obwohl es keine Wertung gibt!

Tabelle mit den Streckendaten (© livetrail.com / © ultratrailmb.com):

Streckenabschnitt Ankunft Distanz Hm+ Hm- kumul. Dist. kumul. Hm+
Chamonix - Les Tines Mo. 16:09 23 km 2.131 2.080 23 km 2.131
Les Tines - Ref. Moede Anterne Mo. 21:56 18 km 2.006 1.120 41 km 4.137
Ref. Moede Anterne - Buet Skiroc Di. 11:54 31 km 2.514 3.098 72 km 6.651
Buet Skiroc - Champex Mi. 1:41 25 km 2591 2.487 97 km 9.242
Champex - Cabane de Mille Mi. 11:14 15 km 1.700 708 112 km 10.942
Cabane de Mille - Mauvoisin Mi. 20:36 19 km 1.527 2.125 131 km 12.469
Mauvoisin - Ref. Champillon Do. 8:00 30 km 1.557 1.156 161 km 14.026
Ref. Champillon - Ref. Fallère Do. 20:03 26 km 2.251 2.168 187 km 16.277
Ref. Fallère - Morgex Fr. 9:35 23 km 1.191 2.630 210 km 17.468
Morgex - Maison Vieille Sa. 0:41 20 km 2.620 1.592 230 km 20.088
Maison Vieille - Ref. Robert Blanc Sa. 11:19 19 km 1.804 960 250 km 21.892
Ref. Robert Blanc - Ch. de Miage So. 1:21 23 km 1.354 2.591 273 km 23.246
Chalets de Miage - Chamonix So. 10:28 27 km 1.764 2.295 299 km 25.010
  145:28:53 h 299,5 km 25.010 25.010 299,5 km 25.010

 

Zum Abschluß gibt es noch fünf Blöcke mit Bildern vom PTL:

Vor dem PTL:

 

Chamonix - Champex:

 

Champex - Morgex:

 

Morgex - Chamonix:

 

Nach dem PTL:

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