Rundenhatz

28. Reichenbacher 24-Stundenlauf 2016

Geschrieben von Thomas Delling.

18.06.2016 10:00 Uhr 24 Std. 1.199,19-m-Runde  5 Hm+ 5 Hm-

Kopie von DSC02157Stadion am Wassserturm - Heimstätte des Reichenbacher FC und des 24-Stundenlaufes

Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man sich zum Bergfest, also dem Erreichen der 12-Stundenmarke des 24-Stundenlaufes, beim abendlichen Zähneputzen im heimischen Badezimmer im Spiegel trifft und den völlig schiefgelaufenen Tag mit dem Gegenüber revuepassieren läßt. Ein leerer Blick sagt dabei mehr als tausend Worte, denn ein "DNF" bei einem der sportlichen Jahreshöhepunkte hinterläßt nun einmal tiefe Spuren ...

Dabei beginnt alles wie sonst. Die Hauptsorge für das Wochenende im Vogtland ist das zuletzt recht unbeständige Wetter. Der Freitag erinnert dabei stark an den 24-Stundenlauf von Basel, als es während des Wettkampfes 19 Stunden lang recht intensiv regnete. Für Sonnabend/Sonntag sind jedoch nur vereinzelte Schauer angekündigt, dafür aber auch Gewitter. Die unmittelbare Vorbereitung auf den Wettkampf beinhaltet mehr Ruhephasen als kräftezehrendes Kilometerschrubben und die Erwartungshaltung aus dem Freundeskreis ist (wie immer) verdammt hoch. Der stetig zunehmende Alltagsstreß läßt jedoch keine richtige Vorfreude aufkommen und so fahren wir mehr urlaubsreif statt wettkampfgierig des Morgens nach Reichenbach. 

Obwohl an diesem Wochenende gleich fünf 24-Stundenläufe (außerdem in München, Hoyerswerda, Delmenhorst und Stadtoldendorf) in Deutschland stattfinden, ist das Starterfeld sehr gut besetzt. Mit Pawel Szynal ist dabei sogar der amtierende Vizeweltmeister (261 Kilometer) in dieser Disziplin am Start. Auch der Dritte des 2014er Spartathlons Andrzej Radzikowski, mit einer Bestleistung von 251 Kilometern in seiner Ultralauf-Kartei, gehört ebenfalls zur europäischen Spitzenklasse und gibt nun seine sportliche Visitenkarte in Reichenbach ab.

Unsere fünfte Teilnahme findet dagegen erstmals ohne Sprecher Rainer Zimmermann statt. "Er steht der Veranstaltung nicht mehr zur Verfügung.", heißt es kurz und bündig bei der Eröffnungsansprache. Wirklich schade, da seine Kommentare und Auswertungen etwas mehr Abwechslung in die Monotonie des Rundendrehens brachten. Da gab es stündlich die Ranglisten bis fast ganz unten. Auch wenn man das nie alles akkustisch mitbekam, war es sehr unterhaltsam. Diesmal werden sich diese Zwischenstände auf die jeweils ersten drei Männer, Frauen und Mannschaften reduzieren. Doch wenn dabei keine Startnummern zu den Protagonisten genannt werden, kann sich kaum einer der Zuschauer ein Bild machen, wer in dem Wirrwarr von Läufern zu den Besten zählt. So ist zumindest meine Auffassung von den ersten Stunden der Veranstaltung.

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Kurz vor 9 Uhr schlagen wir unsere Zelte, besser gesagt, unseren Klapptisch, hinter der Bandenwerbung im Startbereich auf. Ein paar Nahrungsergänzungsmittel in Form von Bier und Tomatensaft, sowie die sicherlich notwendige Regenbekleidung finden darunter Platz. In unmittelbarer Nähe hat 24-Stundenlauf-Neuling Steffen vom Burgstädter Laufverein sein Zelt positioniert. Nach dem Erfolg seiner Vereinskameraden beim letztjährigen Staffelwettbewerb will er in diese Art Laufsport mal reinschnuppern und gegebenenfalls die Erfolgsgeschichte weiterschreiben. Mit ihm werde ich die ersten zwanzig Runden sehr konstant im sechser Schnitt absolvieren. Dabei schwelgen wir in Erinnerungen von diversen Gebirgsultras, um uns den ständigen Wechsel von Tartan auf Pflaster und Asphalt schönzureden. Lange macht der Kopf diese Verarsche jedoch nicht mit, schon relativ zeitig beginnt ein Zweifeln am Tun. Die Rundenzeiten werden langsamer und der Körper nimmt die Zwangspause eines jeden Toilettenbesuchs dankbar an. Irgendetwas stimmt da nicht! Ich mache mir Gedanken über den Sinn und Unsinn eines Weiterlaufens. Das ist der Anfang des Kapitulierens. Eine so ausgeprägte Null-Bock-Stimmung hatte ich noch nie, zumindest nicht nach wenigen Stunden. Den Marathon habe ich nach 4:17 Stunden hinter mir, zwar nur fünf Minuten über Soll, aber eben ein weiteres Anzeichen von Resignation. Auch Ute signalisiert mir, wenn wir uns auf der Strecke übern Weg laufen, daß bei ihr der Wurm drin ist. Bei ihr klappt es mit der Nahrungsaufnahme überhaupt nicht, wobei ich bisher nur von "fest" auf "flüssig" umstellen mußte - aber auf ewig geht dies auch nicht gut. Als dann die Beinmuskulatur immer öfterer Signale von Erschöpfung sendet und zu kurzen Wanderpassagen verpflichtet, wird gegen 17:45 Uhr nach rund 70,7 abgespulten Kilometern eine Schlafpause angeordnet. 

Mittlerweile strahlt die Sonne auch wieder und die Nässe des rund halbstündigen Regenschauers ist so gut wie verdunstet. Der Rasen des Stadions wird somit zur Liegewiese und die Hoffnung auf etwas Regeneration ist mehr Traum als Wirklichkeit. Richtig erholt fühle ich mich nach dieser Pause nicht und Ute erst recht nicht. Wie soll es nun weitergehen? Wir wägen ab und merken, daß bei uns beiden das Negative überwiegt. Wir könnten jetzt wieder auf die Strecke gehen und uns dann nach einer Stunde (oder immer kürzer werdenden Intervallen) an unserem Klapptisch zur Zwangserholung wieder treffen. Die Beine murren - da ist nun mal nicht mehr viel rauszuholen! Deshalb vielleicht noch rund 15 Stunden wandern?

Da wir niemanden Rechenschaft schuldig sind, beschließen wir, die Runde bis zur Zeitmeßmatte noch voll zu machen und uns dort vom Wettkampf abzumelden. Eine Entscheidung, die wir uns nicht leicht gemacht haben. Sämtliche kulturelle Höhepunkte des Wochenendes wurden von mir dem Reichenbacher Lauf untergeordnet. Da war Brunos Schulabschlußfeier im erzgebirgischen Auerbach, welche ich am Freitag schon 22:30 Uhr verließ - wegen der "Endphase der Wettkampfvorbereitung". Von Freitag bis Sonntag hat Martin zudem in Auerbach/Vogtland seine Saisonabschlußfeier mit der Fußballertruppe - Fußballgolf und Eltern-Kind-Spiel inklusive. Auch die Neueröffnung des Stadions an der Gellertstraße hätte ich mir normalerweise nicht entgehen lassen. So habe ich von all dem nichts und nun auch kein (richtiges) Ergebnis in Reichenbach!

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Zwischenergebnisse zur vollen Stunde  Outdoor Bodymovement / Schuh-Petters

Wir verabschieden uns beim Verpflegungsstand (der wieder ein völlig ausreichendes Sortiment im Angebot hatte) und bei Steffen, Sven & Co., packen unseren Krempel und sind gegen 20 Uhr auf der Heimfahrt. Daheim will ich dann nur noch schlafen und von dem gesamten Rest-Sonnabend nichts mehr mitbekommen. Kurz nach 4 Uhr bin ich allerdings schon wieder wach und in Gedanken natürlich in Reichenbach. Es fühlt sich noch beschissener an als am Vorabend - und das nicht nur mental. Die Beine sind nun noch schwerer und der Kopf wummert (vom Sonnenstich?). Der Vormittag plätschert so dahin, bis kurz vor Mittag ein Bild vom Altersklassensieger Steffen auf meinem Telefon einflattert. Sven, von der 2015 siegreichen "Fidelen Taurastein-Staffel", hat sich diesen Kurzbesuch zum Ende des Laufes eingerichtet und kann nun exklusiv vom Geschehen in Wort und Bild berichten. Tja, die Burgstädter machen eben keine halben Sachen (wie wir)! Mal sehen, zu welchem Ergebnis die interne Krisensitzung mit Ute (Schwerpunkte: Regeneration und Trainingsplanung) kommt. Vielleicht gehen wir in Zukunft verstärkt zum Angeln oder wir nutzen das zur Zeit in Chemnitz gastierende "Hüpfburgenfestival Jumpcity" zum maximalen und äußerst kreativen Frustabbau? 

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Kathrin Kosche und Ute Steffen Steinert Sven Reißig

Fakt ist jedoch: Der 29. Reichenbacher 24-Stundenlauf wird nicht ohne uns stattfinden! ... und fürs nächste Mal geloben wir (uns) Besserung, denn dreimal hintereinander unzufrieden die Heimreise antreten, wollen wir garantiert nicht.

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Das polnische Siegerquartett Pawel Szynal (links), Andrzej Radzikowski (133), Pawel Zuk (140) und Wojciech Agiejczyk (108) mit ihren Betreuern vor dem Start.

Endergebnis 24-Stundenlauf:

Männer: 37 Teilnehmer
1. Radzikowski, Andrzej LKS Olymp Blonie - POL 1. M35 237,7696 km
2. Szynal, Pawel LKS Olymp Blonie - POL 1. M40 227,6848 km
3. Zuk, Pawel Biegam na Tarchominie - POL 2. M40 206,4506 km
4. Agiejczyk, Wojciech Krakau - POL 1. MHK 189,9610 km
5. Pippig, Karsten Team Erdinger Alkoholfrei 1. M45 182,3796 km
6. Oelsner, Maik Wanderfreunde Schönfels 3. M40 171,8231 km
7. Gerstmann, Uwe Oschatz 1. M60 158,7830 km
8. Steinert, Steffen Burgstädter LV 1. M50 155,1144 km
9. Schmidt, Günter 100 Marathon Club 2. M60 154,2833 km
10. Sundt, Bertold Zwickau 1. M55 152,7781 km
32. Delling, Thomas LV Limbach 2000 7. M45 70,9351 km
Frauen: 9 Teilnehmerinnen
1. Müller, Antje LFV Oberholz 1. W45 205,1742 km
2. Geske, Mandy VLV Oberzwota 1. W50 184,0070 km
3. Seidel, Claudia Laufen Total Team 1. WHK 144,7627 km
4. Kosche, Kathrin LG Vogtland 2. W50 134,1770 km
5. Nowak, Ines BSV Elsterberg 3. W50 130,9596 km
6. Eichner, Sigrid 100 MC / LG Mauerweg Berlin 1. W75 114,3970 km
7. Schwalbe, Dörte ESV Lok Zwickau 1. W40 111,9826 km
8. Bräuer, Ria Zwönitzer HSV 2. W45 110,2542 km
9. Herfurt, Ute LV Limbach 2000 4. W50 63,7400 km
Staffeln: 4 Mannschaften
1. Outdoor Bodymovement / Schuh-Petters 1. Männer 309,4058 km
2. LG Schneeberg 2. Männer 292,2041 km
3. The Roadrunners 3. Männer 254,4762 km
4. Outdoor Bodymovement / Schuh-Petters 1. Mixed 227,8608 km

 Veranstalterseite: http://www.24-stundenlauf.de/24hlauf.htm

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