Rundenhatz

8. Leipziger Wintermarathon 2017

Geschrieben von Thomas Delling.

21.01.2017 11:00 Uhr 42,195 km 20 Hm+ 20 Hm-

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Was war das für ein Herzschlagfinale beim diesjährigen Wintermarathon? Nach stellenweise gemütlichem Rundendrehen im Clara-Zetkin-Park wurde es auf den letzten hundert Metern noch einmal verdammt stressig und arscheng: es drohte die ungeliebte "Vier" vor dem Endergebnis, welches zu diesem Zeitpunkt schon den untersten Platz in der jeweiligen WiMa-Statistik unseres Trios sicher hatte!

Der erste Wettkampf im Jahr verursacht bei mir schon ein wenig Unsicherheit, obwohl es "nur" ein Mannschaftswettbewerb ist. Drei Läufer bestreiten dabei gemeinsam die Marathondistanz, wodurch der Schwächste zwangsläufig das Tempo bestimmt. Dieser Dreier wird nur im Block gewertet und somit mit dem Ausscheiden eines Läufers der Eintrag in die Ergebnisliste verweigert. Das mannschaftsinterne Ziel ist mit dem knappen Unterbieten der 3:45er Marke zwar nicht zu hoch angesetzt, jedoch umfasst mein Trainingsprogramm 2017 gerade einmal zwei Laufübungen seit den "Guten Vorsätzen der Silvesternacht": 12 Kilometer am Neujahrstag und zwei Wochen später noch einmal 14, macht zusammen satte 26 Kilometer. Da fehlen immerhin noch neun Kilometer, ehe ein Marathonlauf erstmal richtig beginnt! Denn ab 35 ist mit dem Schlimmsten zu rechnen, denn da lauert (der Legende nach) der "Mann mit dem Hammer". Er nimmt bekannterweise ab da jeden Möchtegern-Marathoni gnadenlos von der Strecke, sei es durch Krämpfe im Bewegungsapparat oder mentale Schwäche im Durchhaltevermögen. Beim Heiligabend-Marathonlauf durfte ich diese Phänomene schon einmal genüßlich auskosten, konnte mich aber gerade noch unter die Dreidreiviertel-Stunden-Barriere retten. Daher ist ein wenig Demut (auch) vor einem Marathon angebracht! Um jedoch mein Engagement und meinen Willen zu manifestieren, schreibe ich des Morgens schnell noch unsere Rundenzeiten (für einen Schnitt von 5:20 min/km) auf einen Zettel, der zum Zahlenabgleich mit auf den 8x5-km-Kurs genommen werden soll.

Unsere Mannschaft besteht, wie im Vorjahr, aus Ute, René und mir. Auch der Mannschaftsname und die einheitliche Bekleidung sind konform zu 2016. Anfangs stand noch die Überlegung im Raum, in Trikots der SG Eintracht Frankfurt unsere Runden zu drehen, da ich für den Abend einen Zugangsberechtigungsschein (Gästeblock) für das ehemalige Zentralstadion vermittelt bekam, wo die SGE beim SSV Markranstädt/Rasenballsport Leipzig zum Erstligaspiel antritt. Da jedoch kein Fußballfan auf dieser Welt Fanutensilien in der Größe XS hortet und Ute mit den üblichen XL-Kostümen zum Stolpern (über ihr eigenes T-Shirt oder besser gesagt, T-Zelt) verdammt gewesen wäre, sahen wir von dieser Variante ab. Außerdem ist auch nur René ein Fan der Frankfurter Adler. Ich war bisher ganze zweimal bei einem Bundesligaspiel der Hessen (1992 gegen den VfB Stuttgart und 2011 bei Borussia Dortmund) und daher eher als interessierter Beobachter statt als treuer Mitläufer einzustufen. Also zurück zu unseren gelb-schwarzen Hemden, welche die Chemnitz-Umrundung bewerben, die Siggi und Tilo jedes Jahr zwei Wochen vor dem Rennsteiglauf organisieren.

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Sport: Wintermarathon zur Mittagszeit Marketing: Produktpräsentation am Abend

Endlich hat die weiße Pracht den Weg auch mal wieder bis in die Leipziger Tieflandsbucht gefunden. Wenn auch die Schneehöhen des Erzgebirgsvorlandes nicht annähernd erreicht sind, liegt zumindest eine ausreichende Schicht, die dem Namen "Wintermarathon" gerecht wird. Die Wege wurden am Vortag von den Organisatoren noch fachgerecht abgestumpft - trotzdem sollten laut Gesamtleiter Ronald Speer (bei der Startansprache) keine Rekordversuche unternommen werden, da sich das Wegenetz nicht flächendeckend entschärfen ließ. Ein paar kleinere Eispassagen auf dem Fußweg entlang der Karl-Tauchnitz-Straße galt es zu beachten, ansonsten bremste den winterlichen Laufspaß nichts Weltbewegendes. Zudem läßt sich die Sonne blicken und man kann sogar den Begriff "Kaiserwetter" verwenden, als die 59 Mannschaften gegen 11 Uhr auf den Rundkurs gehen.

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 Vor dem Lauf: Zielzeit 3:45 h ...  ... nach dem Lauf: auch mit 3:59:59 h zufrieden!

Die Marschvorgabe ist klar - pro Kilometer 5:20 Minuten. Der Zettel mit meinen ausgearbeiteten 5-km-Zeiten liegt allerdings noch in der Sporttasche, daher kann ich nur die ersten beiden Rundenzeiten vergleichen: während die ersten fünf Kilometer noch ein leichtes Plus verzeichnen, stürzt uns der zweite Fünfer schon ins Minus. Danach habe ich keine Lust mehr Zwischenzeiten zu errechnen, da meine beiden Mitstreiter völlig beratungsresistent auf meine vorangegangene Motivation reagierten. Es sei ja schließlich egal, wann wir im Ziel ankommen. Völlig kontraproduktiv gestalten sich auch die Anfeuerungsrufe eines ständig entgegenkommenden Hardcore-Fans. Sie sind zwar gut gemeint, zersetzen jedoch meine autoritäre Funktion als Pacemaker. Ein letztes Mal versuche ich, Ute zu erklären, daß wir nicht "gut" sind, wenn wir weit über unserem angepeilten Schnitt unterwegs sind. Zu allem Überfluß erfährt sie nun auch noch Unterstützung von René. Ab Runde vier schweige ich deshalb (?) dann auch. Einige Kilometer später entspannen einige Alibi-Gespräche die verkrampfte Situation. Ich schöpfe noch einmal Hoffnung. Doch just in dieser Phase (Kilometer 33) verabschiedet sich Ute ins Gebüsch. Mit dieser Zwangspause ist sogar ein Ankommen unter vier Stunden in Gefahr.

Die "Vier" beim Marathon bedeutet den Wegfall jeglicher Förderung. Sie sorgt für maximale Ächtung von den Vereinskameraden und zieht einen Neubeginn bei Null nach sich. Es ist der "größte anzunehmende Unfall" im Laufgeschäft, welcher uns hier droht. Ein paar Kilometer haben wir noch, um dies zu verhindern! Dabei türmen sich weiterhin fleißig "Minusminuten" auf und kein Aufbäumen im Trupp ist spürbar!

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Fünferreihe auf "3" - Eingang zur Nonne. Die Sieger: "Stirb langsam - jetzt erst recht"

Es geht in die letzte Runde, die kleine Schleife auf der Anton- Brückner-Allee, und die Uhr scheint doppelt so schnell zu laufen, wie vorher. Zum Glück hatte ich auf den Abschnitten in der Nonne, welche wir nun ein letztes Mal ansteuern, Zeiten genommen. Bei der letzten Spitzkehre vorm Ziel haben wir eine hochgerechnete 4:00:10 fürs Protokoll - jetzt muß ich regulierend, sprich antreibend wirken. Noch Einszwanzig! Eine Minute! Dreißig Sekunden! Fünfzehn! Die Uhr ist im Blickfeld! Maximal mögliche Beschleunigung! Scheiße, zwei Fotografen kurz hinter der Ziellinie könnten ein "Auslaufen" nach unserem Zielsprint behindern! Egal, wir müssen! 03:59:57 - 03:59:58 - 03:59:59 - Zieleinlauf! Gefühltes Endergebnis: 3:59:59,9 Stunden. Kurz darauf werden die Zettel mit den persönlichen Zwischenzeiten und der jeweiligen Zielzeit ausgedruckt. Das schlechteste Resultat steht dann für alle Drei auf der Urkunde. Zuerst kommt der Bon von René aus dem Drucker: 3:59:59. Danach ist Ute's Zettel raus: 3:59:59. Nun warten alle gespannt auf mein Ergebnis: bitte keine 4:00:00! Bitte! Und ich habe Glück: 3:59:59! Jetzt ist natürlich die Welt wieder in Ordnung. Keiner von uns hätte sich heute so sehr über eine 3:54:17 oder gar 3:44:47 gefreut, wie über diese Zahlenkombination. Bier und Torte schmecken daher heute auch besonders gut!

Ergebnis: 59 Mannschaften am Start - 48 Mannschaften im Ziel

1. Stirb Langsam - jetzt erst recht
André Fischer
Oliver Tesch
Tobias Henkel
1. Männer 2:54:39 h
2. BMW-DHfK Leipzig
Maik Willbrandt
Christoph Latzko-Fünfstück
Robert Klein
2. Männer 3:03:05 h
3. Drei Haxen für Kenia
Martin Schumann
Roberto Schumann
Peter Schumann
3. Männer 3:09:09 h
4. Lauffreunde Greiz- Berlin
Thomas Drechsler
Falk Hübner
Christian Karbe
4. Männer 3:16:41 h
5. Immer Wieder Dienstags
Felix Dreisow
Gerd Hofmann
Michael Tümmler
5. Männer 3:21:29 h
6. Sachsens Mitte
Hans-Dieter Jancker
Falk Sittner
Jörg Lehmann
6. Männer 3:21:56 h
19. Wald- und Wiesensportler
Ute Herfurt
René Morgenstern
Thomas Delling
5. Mixed 3:59:59 h

Veranstalterseite: www.wintermarathon.de

 

21.01.2017 18:30 Uhr SSV Markranstädt* - SG Eintracht Frankfurt 3:0 (2:0)

Gegen 17 Uhr treten Ute und René, gemeinsam mit Sören (Gewinnermannschaft der Mixedwertung in 3:29:06 h) die Heimreise an. Ich begebe mich noch Richtung Zentralstadion, wo das Spitzenspiel des 17. Bundesligaspieltages stattfindet. Das sind knapp zwei oder drei Kilometer und somit gut zu Fuß zu erreichen. Da kann ich froh sein, nicht nach Markranstädt ins "Stadion am Bad" zu müssen, denn dort trug der heute gastgebende Verein 2009 in Liga 5 seine Heimspiele aus. Mittlerweile haben ein paar Zuschauer mehr und ein paar Aufstiege die Logistik für mich erträglicher gemacht. Dafür steht man sich dann als Gästeblockzahler am Einlaß die Beine in den Bauch. Die Kontrollen sind streng und dauern - schließlich ist Kritik (in Form von Plakaten oder Choreographien) am Gutsherren-Führungsstil des Hauptgeldgebers nicht erwünscht. Dabei können die Jungs auf dem Rasen richtig gut Fußball spielen - schnell und effizient. Sicherlich ist ein Kräftemessen zwischen 11 Heimakteuren und 10 Gästekickern (Feldverweis für Torhüter Hradecky nach 3 Minuten) ein wenig verzerrt und heizt die Stimmung auf beiden Seiten zusätzlich an. Am Ende steht jedoch ein verdienter Sieg des "Produktes" und die Zugfahrt gen Chemnitz im Kreise der rund 40 "EFC Ost"-Leute ist doch etwas schaumgebremst.

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Herzlich Willkommen im Zentralstadion: "Ausverkauft", trotz einiger hundert freier Plätze!

* Das Verwenden von "alten" Vereinsnamen ist an zwei Beispielen des Leipziger Fußballs kurz erklärt. Beispiel a) BSG Chemie Leipzig: 1990 wurde der Verein in FC Grün-Weiß Leipzig umbenannt und wenig später (nach der Fusion mit dem FSV Böhlen) in FC Sachsen Leipzig geändert. Im Jahr 1997 gründeten Anhänger des Vereins die BSG Chemie Leipzig kurzerhand neu, der FC Sachsen verschwandt 2011 nach Insolvenz aus dem Vereinsregister. b) 1. FC Lokomotive Leipzig: wurde 1991 in den traditionsreichen Namen VfB Leipzig umbenannt und nach dessen Insolvenz und Auflösung 2004 als 1. FC Lokomotive neu gegründet und begann in der 3. Kreisklasse einen Neuanfang (26 Spiele - 26 Siege - 316:13 Tore).

Bilder vom Wintermarathon:

Bilder vom "Wiesensport":

 

 

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