Waldwiese

Blocksberg-Runde 2015

Geschrieben von Thomas Delling.

14.02.2015 - 9:30 Uhr - 56,2 km / 1.410 Hm+ / 1.410 Hm- (Trainingslauf)

Kopie_von_DSC08452Blick vom Agnesberg auf Stadt und Schloß Wernigerode sowie den Brocken (am Horizont).

Das gemeinsame Wochenende im Harz steht an - ein "abzufeierndes" Überbleibsel aus dem übersichtlichen Repertoire von Weihnachtsgeschenken. Einmal entspannt verreisen - kein übermäßiger "Laufstreß" oder "Wettkampfdruck", wenn Ute und ich auf "Kurzurlaub" sind.

Beim genaueren Betrachten des von uns geschnürten Reisepaketes, entpuppt sich der Termin unserer Unternehmung jedoch als das Wochenende der "Brocken Challenge", dem Wohltätigkeitslauf von Göttingen auf den Gipfel des Brockens mit 80 Kilometern Wettkampfstrecke. Was nun? Wir schließen uns daraufhin völlig korrekt dem gängigen Trend im Lande an, Veranstaltungen mit Gegendarbietungen zu begegnen und kreieren kurzerhand die "Blocksberg-Runde" mit dem Etappenziel Brocken, auch "Blocksberg" genannt.

Der Sonnabend beginnt mit frühlingshaftem Äußeren, nur das Thermometer will sich noch nicht so recht für den Plus-Bereich entscheiden. Das Frühstück in der Pension "Mann" im Wernigeröder Ortsteil Nöschenrode gibt es erst sehr spät (8 Uhr), dafür ist es so umfangreich und lecker, daß sich unsere Startzeit immer weiter gen Mittag verschiebt. Dagegen sind im Anschluß an den Schmaus die Laufrucksäcke relativ zügig mit Wechselklamotten und etwas Verpflegung gefüllt, nur bei meiner Schuhwahl verstreicht unnütz viel Zeit, mit dem Endergebnis: der profillose "adidas ballett boost" muß es wieder richten!

Vom Mühlental nehmen wir den Wanderweg durch das Friederikental hinauf Richtung Fenstermacherberg und gelangen auf einen Höhenweg, der sich nun an den Berghängen zum Agnesberg schlängelt. Der anfänglich gefrorene Schlamm läßt für den weiteren Tagesverlauf nichts Gutes erahnen, weicht jedoch schnell einer zufriedenstellenden (weil trockenen) Wegführung. Zur Orientierung haben wir am Vorabend noch hektisch eine (Fahrrad- und Mountainbike-)Karte im Maßstab 1:70.000 gekauft. Sie dient uns aber nur zur groben Ausrichtung, da die Wege bestens markiert und mit allerhand Informationstafeln versehen sind.

Kopie_von_DSC08447Kopie_von_DSC08456Blick von der "Falkenbank" am Annaweg.                   Schloß Wernigerode.

Auf dem sog. Annaweg, der 1730 als Oberer Röhrenweg im Zuge der Wasserversorgung des Schloßes Wernigerode angelegt und 1885 nach der Fürstin Anna benannt wurde, erreichen wir nach 7,3 Kilometern den Agnesberg (395 m). An der Stempelstelle (gedacht für die Wanderpässe zum Erwerb der Harzer Wandernadeln) bekommt nun auch mein Buch seinen ersten Harz-Stempel. Die Aussicht auf das Brocken-Massiv ist phantastisch, wir verweilen aber nur kurz und statten dem unterhalb liegenden Schloß noch einen Kurzbesuch (mit "Stempeleintrag") ab, ehe es hinab nach Wernigerode geht.

Am Vorabend hatten wir uns schon einen kleinen Überblick über die "bunte Stadt am Harz" verschafft und gelangen somit relativ unkompliziert in deren Ortsteil Hasserode. Nach rund einem Kilometer an der Hauptstraße biegen wir in den Wald ab. Am Start und Ziel des "Harz-Gebirgslaufes" beginnt der Naturlehrpfad Richtung Ilsenburg, welcher auch die anfängliche Streckenführung des "Brocken-Marathons" beinhaltet. Vorbei an der Klosterruine Himmelpforte und der Wasserscheide Weser/Elbe nehmen wir den anfangs breiten Forstweg zum ehem. Gipsbruch Klosterholz. Immer leicht profiliert dahinlaufend, gelangen wir nun zum Schloß und Kloster Ilsenburg, welches über eintausend Jahre alt ist.

Kopie_von_DSC08461Kopie_von_DSC08476Das "Schiefe Haus" in Wernigerode.                           Schloß und Kloster Ilsenburg.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Schloßhof beginnt für uns der Aufstieg zum Brocken. Vorbei am Blochhauer (wo früher die Baumstämme zu Balken gehauen wurden) biegen wir auf den Heinrich-Heine-Wanderweg, der entlang der Ilse gemächlich nach oben führt. Das Geläuf wandelt dabei jedoch vom Wanderweg-Charakter in Blockgelände, von "trocken" in "naß" und später sogar in "vereist". Teile des Weges sind sogar gesperrt und es soll deshalb die benachbarte Forststraße genutzt werden. Wir lassen uns jedoch nicht auf dieses Angebot ein und nehmen weiterhin den "Original-Heine", u.a. an den Ilsefällen vorbei, unter die Füße. 

Kopie_von_DSC08494Kopie_von_DSC08501Ute und Ilse (der Fluß).                                              Ute und der Heinrich-Heine-Weg mit Handlauf).

Die auf den Warnschildern erwähnten Bäume, die umzukippen drohen, liegen schon in überdurchschnittlich hoher Zahl kreuz und quer des Weges. Was soll da jetzt noch passieren? Die größte Gefahr geht maximal von den liegenden Stämmen aus - nicht von den Buchen, aber von den Fichten, an deren Ästen oder Aststummeln man sich den Zwirn zerreißen kann. Außerdem lassen wir nun auch jede Menge Zeit auf diesem Streckenabschnitt liegen. Wir sind in den Hindernissektoren wesentlich langsamer, als die Wandersleute auf der gegenüberliegenden Uferseite der Ilse. Während sie straffen Schrittes vorankommen, tasten wir uns auf den stellenweise vereisten "Umwegen" nur mühsam vorwärts. Wurzeln und Wildwuchs müssen hierbei als Sicherungsgriffe herhalten, nur gut, daß ich mit Telefon und Fotoapparat nur eine Hand belegt habe.

Ab der Bremer Hütte (530 m) haben wir dann wieder freie Sicht auf den Brocken, der Weg ist nun mit einer dicken Schneeschicht überzogen und wesentlich besser zu "bezwingen". Allerdings schwächelt jetzt Utes Fuß und wir müssen immer öfterer einen "Nothalt" einlegen. Das reißt zwar die Laufzeit immer weiter nach unten, was jedoch nur zweitrangig ist, da die Uhr heute nur die Distanzmessung vornehmen soll. Wäre ja auch blöd, hier wie beim Bahnlauf durchzuhasten um dann mit einer neuen Trainingsbestzeit glänzen zu können - vom Harz aber nur die Zwischenzeiten auf der Uhr gesehen zu haben.

Kopie_von_DSC08502Kopie_von_DSC08507Hindernislauf auf dem Heinrich-Heine-Weg zur Bremer Hütte.

Mittlerweile ist der Sonnenschein gewichen, der Himmel hat zu gemacht. Folgt jetzt einer dieser rasanten Wetterumschwünge am Brocken, der ja als Ort extremer Wetterbedingungen bekannt ist? Es ist kalt und nahezu windstill, der Schnee am "Wegrand" ist mit einer festen Eisschicht überzogen und die kargen Fichten haben ihr "weißes Kleid" nur seitlich (vom Wind) verpasst bekommen.

Nur langsam kämpfen wir uns über Stempels Buche (638 m), Hermannsklippe (747 m), Eiserner Tisch und Kleiner Brocken (1.018 m) zum Gipfel vor - adäquat den Radfahrern, die den entgegengesetzten Weg ins Tal nehmen.

Kopie_von_DSC08522Kopie_von_DSC08528Zwischen Eisernem Tisch und Kleinem Brocken.          Bahnübergang unterhalb des Brockengipfels.

Nach 30,7 Kilometern Wegstrecke stehen wir beide erstmalig auf dem Brocken (1.142 m)! Das Plateau gleicht allerdings mehr einem Jahrmarkt, als einem Berggipfel. Der Grund dafür ist jedoch nicht die Zielankunft der Teilnehmer der "Brocken Challenge", die sich nach 80 Kilometern fast anonym ihren Weg ins Ziel durch die Massen der Brockenbahnfahrer (welche die letzten 200 Meter zum Gipfel auch zu Fuß gehen müssen) bahnen. Es ist Wochenende, schönes Wetter und dazu noch Valentinstag - also punktgenau der Tag, an dem der nagelneue Wanderschuh und die "Draußen-zuhause"-Jacke mal einen ersten wohldosierten Bergkontakt haben dürfen. Wobei so manch stark profilierter (weil nagelneuer) Bergschuh dem Schneebelag nicht ganz gewachsen ist und so seinem Besitzer eine unsanfte Landung auf dem Allerwertesten beschert. Da lob' ich mir doch meinen Ballett- und Laufschuh von Adolf Dassler, mit dem ich wie angenagelt auf der weißen, vereisten Pracht Halt finde. Schuhprofilierung wird eben doch manchmal vom Hersteller etwas überbewertet!

Kopie_von_DSC08533Kopie_von_DSC08536Das Ziel der "Brocken Challenge" (nach 80 km) ...      ... unser Zwischenziel (nach 30,7 km).

Nachdem wir uns eine anderthalbe Stunde auf dem höchsten Berg Norddeutschlands umgesehen, die Zielankömmlinge der "BC" angefeuert und ein Gipfelbier getrunken haben, machen wir uns wieder auf den Weg. Unterhalb des Bahnhofes der Brockenbahn kommt uns Torsten aus Hermsdorf entgegen. Mit ihm haben wir 2014 den "Jurasteig Nonstop Ultratrail" (JUNUT), als Generalprobe, und den "La Petite Trotte á Lèon" (PTL), als Jahreshöhepunkt, bestritten. Heute ist er nur mal zum "Trainingslauf" am Brocken - komisch, wir auch! Wir quatschen kurz, dann kommen Petra Neumann und Günter Thieme vom ESV Lok Zwickau die Brockenstraße herauf. Sie sind allerdings im Wettkampf und so bleibt es beim flüchtigen Wortwechsel.

Kopie_von_IMG_20150214_154243Kopie_von_IMG_20150214_154338Unverhofftes Treffen auf PTL-Navigator Torsten.         Petra Neumann und Günter Thieme bei der "BC".

Geschwind setzen wir kurz darauf unsere Tour ins Tal fort. Anfangs kommen uns auf der Brockenstraße neben Wanderern immer wieder Teilnehmer der "Brocken Challenge" entgegen. Wir biegen auf den fast menschenleeren Glashüttenweg und nehmen später den Pfarrsteig nach Schierke, mit einem kurzen Zwischenstop auf dem Aussichtsfelsen Ahrensklint (822 m) - leider wurde der dortige Wadernadel-Stempel schon entwendet!

Der Abstecher nach Schierke (634 m) ist ein mittelmäßiger Reinfall - überall Menschenmassen und zugeparkte Straßen. Wir zwängen uns deshalb nur schnell ein Bier hinter, ehe es auf der Straße zum Bahnhof der Brockenbahn geht. Diese ist bei unserer Ankunft gerade eingefahren und auch hier schieben sich die Leute aus den Waggons, als wäre gerade die Grenzöffnung vollzogen worden. Nach anderthalb Kilometern gelangen wir am Wormsgraben wieder auf den Glashüttenweg. Wir kommen am Trudenstein  (735 m) vorbei, verzichten jedoch aus Zeitgründen auf eine Besteigung, stempeln aber unsere Bücher noch schnell ab, bevor es weiter geht.

Kopie_von_DSC08543Kopie_von_DSC08546Blick zurück vom Ahrensklint.                                    Einlauf in Schierke.

So langsam kündigt sich die Dunkelheit an, wir versuchen, so viel wie möglich Wegstrecke ohne Zusatzbeleuchtung zu meistern, müssen allerdings noch vor Erreichen Hasserodes den Dienst der Stirnlampe in Anspruch nehmen. Die Wege sind bis ins Tal hinein mit einer dicken Schneeschicht überzogen oder vereist. Deshalb ist im Halbdunkel auch höchste Vorsicht geboten.

Am Hasseröder Ortseingang endet unser Weg an einem Maschendrahtzaun, wir hangeln uns daher eine Böschung hinab und sind wieder im urbanen Gelände angekommen. Es folgen ungefähr drei Kilometer an der Hauptstraße von Hasserode bis zum Westerntor in Wernigerode. Erst jetzt informiere ich Ute über meine Informationen zur Streckenlänge, die ich auf den Schildern im Wald gelesen hatte. Da waren die bis Wernigerode ausgeschriebenen 3,3 Kilometern (bis oberes Hasserode) in Wirklichkeit 6,5 Kilometer (bis Westerntor). Diese "Motivationsspritze" wollte ich Ute jedoch nicht verabreichen, da sie, bzw. ihr Fuß, ein baldiges Ende der Runde herbeisehnte.

Kopie_von_DSC08553Kopie_von_DSC08557Noch 3 Kilometer bis Hasserode.                                "Eselskrug" - älteste Kneipe Wernigerodes.

Vom Westerntor aus passieren wir noch das Rathaus, sowie die Gastwirtschaft des Vorabends, das Altwernigeröder Kartoffelhaus, ehe wir am Kriegerdenkmal ins Mühlental abbiegen. Kurz nach 19 Uhr erreichen wir die Harzpension der Familie Mann und die Runde ist somit beendet. Unser Bewegungsdrang hält sich nun in gewissen Grenzen und so wird der geplante Gaststättenbesuch kurzerhand im beiderseitigen Einvernehmen "abgesagt" und ein Wohlfühlprogramm aus seichter Fernsehkost mit Knabbergebäck durchgezogen.

Kopie_von_IMG_20150215_134625Kopie_von_IMG_20150215_132743"Auslaufen" am Sonntag zum Trudenstein und zur Leistenklippe.

Am nächsten Tag nutzen wir eine nicht allzu lange Schönwetterphase noch einmal zum Vertreten der Beine, ehe es wieder in die Heimat geht. Von einem "Waldparkplatz" in der Nähe des Bahnhofes Drei Annen (542 m) starten wir zu einer knapp neun Kilometer langen Runde fast ausschließlich auf Schnee und Eis über Trudenstein (735 m) und Leistenklippe (900 m) mit Rückweg über Skihang und Natur-Erlebniszentrum - fast 400 Höhenmeter erfaßt dabei die Aufzeichnung der Uhr.


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