Waldwiese

Ultralauf zum Rochlitzer Berg 2015

Geschrieben von Thomas Delling.

22.03.2015 - 5:07 Uhr - 65,2 km / 750 Hm+ / 840 Hm- (Trainingslauf)

Kopie_von_IMG_20150322_092337Das Göhrener Viadukt im Muldental.

Heute begab ich mich zusammen mit Ute auf "laufsportpolitisch verdammt dünnes Eis". Wir hatten uns über Strohmann Tilo beim Lokalrivalen Burgstädter LV zu deren sonntäglicher Trainingsrunde zum Rochlitzer Berg mehr oder weniger selbst eingeladen. Wir durften allerdings nur mit, weil ihnen untereinander der Gesprächsstoff ausgegangen war und sie sich nun beim Laufen mit "neuen" Geschichten berieseln lassen wollten.

Halb fünf klingelt des Sonntagsmorgen der Wecker. Während Ute noch an der Matratze lauscht, stehle ich mich mucksmäuschenstill aus dem Schlafgemach. Die anschließende, allmorgendliche Gewichtserfassung hält eine 89,0 für mich bereit, welche mir daher nur einen klitzekleinen Stehimbiß erlaubt, ehe es im Dunkel auf den Weg zur Reithalle nach Burgstädt geht. Dort trifft sich 8 Uhr besagter Burgstädter Trupp zum Wochenendausflug mit Zwischenziel Rochlitzer Berg. 

Blöderweise versucht sich seit dem Mittwochslauf mit Jens und Bruno mein Körper eine Auszeit zu erzwingen. Er kündigt es zwar immer wieder mit übermäßigem Reizhusten an, ist aber mit solchen Signalen bei mir an der falschen Adresse. Ich muß eben nur meine Laufgeschwindigkeit etwas moderater gestalten, damit ich keine bleibenden Schäden anrichte. Deshalb geht es im Sechs-Minuten-Schnitt über die Reichenhainer Straße ins Stadtinnere, vorbei am Schloßteich auf den Chemnitztal-Radweg, der bis Heinersdorf schon seit längerem in Betrieb ist.

Kopie_von_IMG_20150322_055248Kopie_von_IMG_20150322_064452Die Chemnitzer Schloßkirche am frühen Morgen.        Der Chemnitztal-Radweg Höhe Auerswalde.

Ab der Heinersdorfer Straße beginnt jedoch die "Ausbaustrecke" desselbigen und der bis dato ausgelebte Traum vom gleichmäßigen Dahinschweben wird an einem naß-schmierigem Brückenprovisorium jäh unterbrochen. In der Nähe von Auerswalde kommt es dann ganz dicke. Die Baustellenabsperrungen am Anfang und Ende der Brücke über die Chemnitz stellen mich zwar noch nicht vor allzu große Aufgaben. Der folgende Tunnel ist jedoch auch wieder abgesperrt und an dessen Ende scheint es munter mit baulichen Hindernissen weiter zu gehen. Daher nehme ich den kurzen Anstieg in den Wald, wobei der anfängliche Trampelpfad immer mehr verschwindet und mich verbleibende Trittspuren zu einem steilen Abstieg an einem Felsen führen. Jetzt bloß nicht auf der Schmiere ausrutschen! Im unteren Teil helfen mir zwei längere Ahorn-Ruten beim "Abseilen" - ich bin unbeschadet (aber etwas verschmutzt) auf der Wiese angelangt. Jetzt noch ein gut gesetzter Sprung über einen Bach und ich stehe an der B107, die ich bis zum ehemaligen Bahnhof nutzen muß.

Dort biege ich wieder auf die Radweg-Baustelle, aber nur noch bis zum unteren Ortseingang von Köthensdorf. Von dort wären es, laut Wegweiser, noch 8 Kilometer bis Markersdorf, was ich allerdings für ein Gerücht halte. Ich will aber kein zeitliches Risiko eingehen und biege daher auf den westlich abgehenden Wanderweg. Er bringt mich zur Verbindungsstraße zwischen Köthensdorf und Taura, wo ich den parallel dazu verlaufenden Radweg nutze. Jetzt noch quer durch Taura und das verschlafene Burgstädt Richtung Reitplatz. Zeitgleich treffe ich dort mit dem Chemnitz-Transfer von Tilo, der Ute und Siggi im Fond seines Wagens nach Burgstädt chauffiert, nach 25,9 Kilometern viel zu zeitig ein. Wir Großstädter sind damit die ersten, kneifen die Einheimischen etwa des Wetters wegen? Nein! Kurz darauf füllt sich der Platz mit weiteren Fahrzeugen. Sven, Steffen und Frank komplettieren somit das Starterfeld.

Mißtrauische Blicke unter den Burgstädter und Limbacher Laufrivalen werden sofort zerschlagen, indem Ute und ich unsere friedliche Absicht beteuern - keine Preisgabe von Vereinsinterna, kein widerrechtliches "Kopieren" von Trainingsideologien, keine illegale Mitglieder(ab)werbung und kein Stänkern untereinander! Nachdem diese Eckpunkte im mündlichen Friedensvertrag verankert sind, kann es losgehen.

Sven ist der Streckenkundige, der auch noch einen, zweimal anzulaufenden Verpflegungspunkt eingerichtet hat - aber auch Steffen hat Streckenabschnitte im Vorfeld gesichtet und einen Imbiß in Reserve. Eröffnet wird der Lauf mit einem schier endlosen Straßengelatsche hinab nach Heiersdorf. Dort biegen wir in das Brauselochbachtal ab und die Streckenführung entlang des Gewässers durch den Wald entspricht schon eher den hohen Anforderungen des ambitionierten Landschaftsläufers. Wenig später an der Zwickauer Mulde geht es dann nur noch auf großen Steinen dem Fluß entlang. Hier wurde die Packlage durch Ausspülungen des Hochwassers freigelegt.

Durch die fachkundigen Anmerkungen und Erläuterungen von Siggi und Steffen zu den Gegebenheiten genießt der Lauf nun fast schon den Status "Geführte Informationstour durchs Muldental". Märchenwiese, Schaukelbrücke Rochsburg, Heinrich-Heine-Park Lunzenau und das Kofferhotel in Groß-Mützenau sind die Sehenswürdigkeiten bis zur Göhrener Brücke.

Kopie_von_IMG_20150322_084633Kopie_von_DSC08764Die Rochsburg mit Schaukelbrücke.                           Billige Kopie der Stadtmusikanten.

Elf Kilometer nach dem Start in Burgstädt wird hier vom Veranstalter das "zweite Frühstück" serviert. Auf einer Holzbank wird die Thermokiste mit den namentlich beschrifteten Trinkflaschen (mit einem Saft-Tee-Gemisch) und Bananen plaziert und pünktlich "morgens halb zehn in Deutschland" macht auch der Zehner-Pack "Knoppers" die Runde. Eine willkommene Stärkung, die wir in dieser Form nun wirklich nicht erwartet haben. Liegen deshalb etwa im unteren Teil der Kiste die unterschriftsfertigen Mitgliedsanträge für Ute und mich bereit? Bisher hält man sich auf Burgstädter Seite zu diesem Thema noch bedeckt.

Kopie_von_IMG_20150322_090754Kopie_von_IMG_20150322_092850Frohe und Hanselstadt Groß-Mützenau.                      Noch zwei Minuten bis zum "Knoppers"!

Noch vor der Ortschaft Altzschillen mündet rechterhand die Chemnitz in die Zwickauer Mulde. Bei unserem Lauf zum Rochlitzer Berg von vor drei Jahren kamen Ute und ich auf der gegenüberliegenden Uferseite entlang. Wir nahmen damals die Route durchs Chemnitztal und gönnten uns zusätzlich den Umweg über den Schloßpark Wechselburg. Heute geht es direkt in den Wald und weiter hinauf zum Berg, der noch 3,5 Kilometer entfernt liegt. So wird es uns zumindest mehrfach auf Wegweisern verkündet.

Im oberen Teil des langgezogenen Bergmassives treffen wir auf die Streckenmarkierungen des tags zuvor stattgefundenen "Frühjahrsberglaufes" und kurz darauf wechsle ich zum Erstaunen der anderen in den Wettkampfmodus, obwohl ich vor wenigen Minuten der Gruppe nur noch im schnellen Wanderschritt folgen konnte. Das "Finish" des eigenen Marathons steht bevor - da muß man in der gedachten Zielgasse schon nochmal Dampf machen! Demzufolge beschleunige ich auf ein 3:45-Minuten-Tempo (das hat die Uhr so festgehalten!) und reiße nach 42,2 Kilometern freudestrahlend die Arme nach oben. Aber auch als "Sonntagsmorgen-Zehn-Uhr-Marathon-Finisher" ändert sich mein Status in der Gruppe nicht. Ich bin weiterhin das vermeintlich "schwächste Glied", denn die von mir nicht so gern wahrgenommene "Erkrankung" läßt meine Kräfte mehr und mehr schwinden.

Nach insgesamt 43,5 Kilometern ist der Rochlitzer Berg bezwungen. Der Gaststättenwirt schließt extra für uns den Friedrich-August-Turm für eine Besteigung auf, denn offiziell hat so früh am Morgen hier oben das (öffentliche) Leben noch gar nicht begonnen. Elf Sekunden wären der Rekord für die Bezwingung des 28 Meter hohen Bauwerkes, gibt er uns noch mit auf den Weg (nach oben). Als Letzter schleppe ich mich auf der Wendeltreppe zur Aussichtsplattform. So ca. zwei, drei Minuten bin ich unterwegs, um oben eine "Zehn-Acht" in die versammelte Runde zu posaunen. Mein Pech ist jedoch, daß Siggi bereits eine 10,5 vorgelegt hat. Da war ich eben beim Bescheißen doch zu bescheiden!

Kopie_von_IMG_20150322_102800P1020451-1_-_KopieDer Friedrich-August-Turm auf dem 353 Meter hohen Rochlitzer Berg und seine Gäste.

Ein kurzer Blick ins vernebelte Rund, noch ein Foto und schon geht es weiter. Wir nehmen die Straße nach Sörnzig hinab, über die Brücke nach Fischheim und an der Zwickauer Mulde geht es zurück nach Wechselburg. Dort wechseln wir erneut die Uferseite und machen uns auf bekanntem Weg zum Verpflegungspunkt am Viadukt. Für Ute und mich steht mittlerweile auch fest, daß wir uns nur noch bis Burgstädt durchschlagen und den Weg nach Chemnitz bei Tilo im Auto abhaken, da Utes Fuß wieder rebelliert und ich schon ganz schön verbraucht bin.

Nach dem "vorgezogenen Mittagsessen" im Schatten der Brücke wird eine sog. Abkürzung über Cossen vorgeschlagen. Nur die kühnsten Optimisten glauben dabei jedoch an eine Einsparung von Wegstrecke, da auch im Burgstädter Verein dieses Wort für Umweg oder auch für "Mal-sehen-was-da-kommt?" steht. Auf alle Fälle hält diese Abkürzung einen Zwischenstopp in Steffens Garage bereit. Dort ist ein Buffet mit Obst, warmen Tee, Wasser und auch Bier vorbereitet. Nun sind es nur noch vier Kilometer bis zum Ziel am Reitplatz - also zwei, in Wirklichkeit acht!

Kopie_von_IMG_20150322_105459Kopie_von_IMG_20150322_113719Zwischen Sörnzig und Wechselburg.                          Verpflegungspunkt am Göhrener Viadukt.

Auf diesen vier, zwei oder acht Kilometern zieht sich unser Sieben-Personen-Trupp ganz schön auseinander. Das Leistungsgefälle ist jetzt ganz schön groß und so unterschiedlich sind dann auch die Meinungen, ob man die Marathondistanz durch Auf und Ab auf der Plattenstraße am Reitplatz jetzt noch vollmacht. Die Mehrheit verwirft diese Idee jedoch und so ist nach 39,3 Kilometern (für die "Spätstarter") oder 65,2 Kilometern (für mich) Schluß für die Aufzeichnungen.

Neben dem Stempel vom Bergrestaurant in meinem Buch nehme ich heute noch eine ganze Menge bleibender Eindrücke mit heim. Daher: Daumen hoch für die gebotene Kurzweil am Sonntagmorgen! Da kommt man doch gern einmal wieder auf ein Läufchen in Burgstädt vorbei, schließlich sickerten während des Laufes Einzelheiten vom Ultralauf-Projekt "Burgstädt - Taurasteinturm" durch - ein Klassiker, den es noch nicht gibt, der es aber in sich haben wird.

Tilo hat folgende Bilder veröffentlicht: "Rochlitzer Berg Runde"

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