Waldwiese

Lauf "Treidelweg am Finowkanal" 2015

Geschrieben von Thomas Delling.

20.06.2015 - 6:15 Uhr - 51,4 km / 60 Hm+ / 80 Hm- (Trainingslauf)

Kopie_von_DSC09468Auf dem Treidelweg entlang des Finowkanals ...

Das Sommersonnenwend-Wochenende mit dem Geländelauf "Rund um den Adelsberg" steht vor der Tür, seit 2007 eine feste Größe im persönlichen Laufkalender, doch dieses Jahr verzichte ich auf einen Start und befinde mich am Freitagnachmittag auf dem Weg ins Eberswalder Urstromtal, nordöstlich von Berlin. Dort findet zwar keine Laufveranstaltung statt, aber Martins Saisonabschluß mit der Fußballertruppe ...

Das Hauptanliegen der Nachwuchskicker nennt sich jedoch "Finow-Cup", nach Veranstalterangaben "Deutschlands größtes und attraktivstes D-Junioren-Turnier", bei dem insgesamt 48 Mannschaften aus dem In- und Ausland den Turniersieg ausspielen. Aufgrund der Fülle an daraus resultierenden Vorrundenspielen (8 Gruppen mit je 6 Mannschaften), ist der VfB Fortuna Chemnitz erst am Sonnabendnachmittag an der Reihe, um den Einzug in die Plazierungsrunden auszufechten. Deshalb ist Freitagabend für die Jungs (und deren Anhang) ein etwas längerer Grillabend auf dem Anwesen des Naturfreundehauses am Üdersee veranschlagt.

Der Abend zieht sich bis in den nächsten Kalendertag hinein und nach nur dreieinhalb Stunden Schlaf wirft uns der Wecker 5:30 Uhr schon wieder aus dem Nest. Ute und ich wollen die spielfreie Zeit des Vormittages nutzen um den Treidelweg am Finowkanal abzulaufen. Ich hatte mich dazu im Vorfeld etwas belesen, jedoch waren die Längenangaben zu unserem Vorhaben sehr schwammig - von 30 bis 50 Kilometer (auch abhängig vom Startort) war da die Rede. Genauere Forschungen zu diesem Thema wollte ich allerdings nicht noch anstellen und so war während unseres Laufes etwas mehr Spontanität bei der Wegwahl gefordert.

Mucksmäuschenstill verlassen wir unsere Herberge, damit die anderen Partygäste noch etwas schlummern können. Wir haben nun rund einen Halbmarathon bis zu unserem Treidelweg-Startort Liebenwalde vor uns. Nach einem Kilometer erreichen wir den Oder-Havel-Kanal, den wir die nächsten vier Kilometer in Ufernähe begleiten. Danach würde uns ein Wegweiser Richtung Marienwerder schicken, um weiter Richtung Liebenwalde zu gelangen. Ich vermute dabei jedoch, daß dieser Weg dorthin ab Marienwerder auf dem Treidelweg verläuft und deshalb schlage ich den (zwar nicht in diese Richtung angeschriebenen) Radweg an der B176 vor. Nach rund 400 Metern biegt dieser Radweg allerdings Richtung Rosenbeck ab, welches nördlich liegt, wir aber weiter westwärts müssen.

Kopie_von_IMG_20150620_081544Kopie_von_IMG_20150620_075548Die Zerpenschleuser Schankwirtschaft ist zwar geschlossen, dafür hat der örtliche Bäcker auf.

Da wir zur groben Orientierung nur eine sehr oberflächliche Karte haben, in der nur die Straßen und nicht die Wege eingemalt sind, nehmen wir nun den Weg entlang der Bundesstraße, mal im Wald auf einem schlecht zu laufenden Sandweg oder auf dem Bankett der Straße. Der Verkehr hält sich zwar am frühen Morgen noch in Grenzen - ein Genuß ist es dennoch nicht. Nach knapp elf Kilometern biegen wir auf die B109 nach Zerpenschleuse ab, da die verbleibenden zehn Kilometer bis Liebenwalde weiter entlang der B167 verlaufen werden - so sieht es zumindest aus. Auch zeitlich könnten wir ganz schön in Bedrängnis geraten und so startet unser Lauf entlang des Treidelweges in Zerpenschleuse. So ist es auch in unserer mitgeführten Karte, einer Broschüre des Barnimer Landes, beschrieben.

Bevor wir uns jedoch auf den Oder-Havel-Rad- und Wanderweg begeben, gibt es für Ute beim ortsansässigen Bäcker noch ein kleines Frühstück mit Kaffee und belegtem Brötchen. Mir ist es nach der gestrigen Steak- und Bierparty noch nicht wieder danach. Also reicht mir ein kleiner Schluck Wasser, ehe wir uns die 1844/45 errichtete Dorfkirche, einen markanten Ziegelfachwerkbau, anschauen. Dazu müssen wir uns rund einen Kilometer am Langen Trödel, dem alten Finowkanalast zwischen Zerpenschleuse und Liebenwalde, in die "falsche" Richtung begeben.

Kopie_von_DSC09448Kopie_von_IMG_20150620_092219Kreuzung Oder-Havel-Kanal / Finowkanal.                   Andere Länder - andere Verkehrszeichen.

Durch den Bau des Hohenzollernkanals (Oder-Havel-Kanal) Anfang des 20. Jahrhunderts verlor der Finowkanal für die Binnenschiffahrt an Bedeutung. Die Schleusen nahe des neuen Wasserweges wurden zugeschüttet und der Kanal damit unterbrochen. Enlang der Puschkinstraße laufend, passieren wir diese Stelle und überqueren auf einer (durch unseren Laufschritt) stark wippenden Brücke den Oder-Havel-Kanal. Noch ein paar Meter östlich und wir sind wieder am Finowkanal angelangt. Und da es hier keinen Schiffsverkehr gibt, wie nebenan, säumen unzählige Angler den weiteren Weg bis Marienwerder. Nach rund anderthalb Kilometern biegt der Werbellinkanal, den wir heute schon auf der B167 überquerten, nach Nordosten ab. Es hat mittlerweile angefangen zu regnen, aber wir laufen unter dem fast dichten Kronendach einer uralten Lindenallee, wo uns die Nässe von oben nicht erreicht.

Hinter der Schleuse Leesenbrück, am Abzweig in den Ortskern von Marienwerder, haben wir 20 Kilometer auf der Uhr. Hier ist die Anglerdichte am Ufer besonders hoch - vielleicht so eine Art Wettkampf, da die Anglerstellen mit Zetteln markiert sind. Aufgrund des Regens statten wir Marienwerder keinen Besuch ab und setzen, nach einer kurzen Trinkpause, unseren Trab Richtung Finowfurt fort.

Der Treidelweg biegt später in den Wald ein und entfernt sich so etwas vom Finowkanal. Wir erreichen kurz darauf den "Schleusengraf", eine Gastwirtschaft in Deutschlands ältestem Amtsgebäude. Wir kommen mit dem Wirt (der uns erstmal ein Bier anbietet) ins Gespräch, da der angeschriebene Weg sich nun vollends vom Kanal entfernt und ich eine Alternative am Gewässer erfrage. Die gibt es jedoch nicht und so erzählt er uns noch seine Erlebnisse mit den Läufern des Finowkanallaufes (64,7 km), der voriges Wochenende stattgefunden hat, und von den "ganz Verrückten" zu Pfingsten. Da ging der Baltic Nonstop hier durch, der Lauf von Bernau auf die Insel Usedom (234,3 km).

Kopie_von_DSC09459Kopie_von_DSC09450Breite Asphaltwege und schmale Pfade wechseln sich ab.

Ein weitgezogener Bogen nach Süden läßt uns die nächsten sechs Kilometer jenseits des Kanals laufen. Erst in Finowfurt treffen wir wieder auf das Gewässer. Da aber unser (vom Zerpenschleuser Bäcker stammender) 0,5-Liter-Wasservorrat verbraucht ist, müssen wir uns im Ort zuerst nach Ersatz umgucken. Am Ortsausgang nach Eberswalde werden wir fündig - eine Flasche Radler zum Sofortverzehr und drei Halbliterflaschen zum Mitnehmen gönnen wir uns.

Entlang der Bundesstraße gelangen wir danach relativ schnell wieder auf den Treidelweg, der die nächsten Kilometer fast durchgängig asphaltiert ist. An der Heegermühler Schleuse im Eberswalder Stadtteil Finow kommen wir kurz vom Weg ab. Wahrscheinlich, weil ich mehr auf der Suche nach der Sportplatzanlage bin, als bei der Wegfindung. Der Wasserturm jedenfalls war schon in Sichtweite und dort ist auch das Fußballturnier. Viel Zeit bis zum Anstoß haben wir nicht mehr, aber erst 32 Kilometer hinter uns.

Über die Drahthammerschleuse wechseln wir für knapp zwei Kilometer die Uferseite. Wir nähern uns immer mehr dem Zentrum von Eberswalde. Ein Abstecher bis zum Schiffshebewerk Niederfinow ist aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich, daher entscheiden wir uns für eine Art Stadtbesichtigung. Diese beschränkt sich allerdings nur auf die aus dem 13. Jahrhundert stammende Pfarrkirche "Sankt Maria Magdalena". 

Kopie_von_DSC09453Kopie_von_DSC09473Althergebrachte Baumfällmethode Marke Biber.         Industriebrache in Eberswalde.

Der Stadtrundgang weitet sich allerdings durch das Aufsuchen eines Lebensmittelgeschäftes noch etwas aus, welches wir am Ortsausgang Ostend finden. Das Leergut wird dort gegen volle Flaschen getauscht und schleunigst der Rückweg nach Finow angetreten. Jetzt können wir keine Zeit mehr groß verbummeln, sonst schaffen wir das erste Spiel von Martins Truppe nicht.

Ein heftiger Regenschauer nach absolvierter Marathondistanz bremst uns dann doch noch einmal für ein paar Minuten aus. Da ziehen wir den Schutz eines Buswartehäuschens der kalten Dusche vor. Dafür muß nun der Rest der Strecke etwas optimiert werden. Wir entschließen uns daher, zum Finowkanal zu laufen und wieder auf dem (uns nun bekannten) Treidelweg nach Finow zu gelangen. Für einen Trainingslauf sind wir dann nochmal richtig flott unterwegs, haben aber auch noch einen kleinen Verhauer mit dabei, der ungefähr 800 Meter Bonus bedeutet.

Wir erreichen nach 5:11:39 Minuten Laufzeit das Stadion am Wasserturm. Wir sind zu spät, denn Martins Mannschaft kommt uns in Trainingsanzügen entgegen. Doch sie haben noch nicht gespielt, sondern sie sind auf dem Weg zu ihrem ersten Spiel. Der Zeitplan hatte sich etwas zu unserem Gunsten verschoben und so kommen wir genau zur rechten Zeit - sehen jedoch ein verdammt unglückliches 0:1 gegen die Rasenballer aus Leipzig zur Turniereinstimmung.

Kopie_von_DSC09484Kopie_von_IMG-20150620-WA006Rast an der Maria-Magdalenen-Kirche und Empfang in Finow durch einen Offiziellen des VfB Fortuna.

Es folgen vier weitere Vorrundenspiele, darunter ein sensationelles 1:1 gegen den FC Schalke 04, ein (im Nachhinein betrachtet) achtbares 0:2 gegen den späteren Turniersieger Berliner SC, sowie ein Spiel der vergebenen Chancen gegen den FSV Bernau (0:0) und ein leistungsgerechtes 1:1 gegen den VfK Blau-Weiß Leipzig 1896, welches zum Erreichen der Silberrunde genügte.

Zwischen den Spielen ergab es sich, dem 49 Meter hohen und 1918 erbauten Wasserturm am Stadion einen Besuch abzustatten. Das bedeutet bei Ute und mir: keine Fahrstuhlnutzung, sondern schnellstmögliches Bezwingen der Wendeltreppen zur Aussichtsplattform im Laufschritt. Ute stürmt schon mal los, während ich mich noch meiner zwei Jacken entledige. Insgesamt sind es 262 Stufen nach oben. Die ersten Stufen gehen wie geschmiert, dann setzt sich allerdings das Kopfkarussell in Gang, welches immer stärker wird und eine Art Vollrausch vorgaukelt. Die Füße treffen nun die Stufen nicht mehr ganz so optimal und die Fliehkraft läßt mich nun immer wieder die Außenbegrenzung der Wendeltreppe streifen. Es ist verrückt - wie ein Besoffener krauche ich weiter. Endlich der erste Richtungswechsel im oberen Teil des Turmes, kurz darauf ein zweiter und das Ziel ist erreicht. Ich drücke meine Uhr aus und sehe im Display irgendetwas mit "Batterie schwach ...", anstatt der Zielzeit. Wenigstens hat bei Ute die Zeitnahme funktioniert: zwei Minuten und eine Sekunde ist ihre Wettkampf-, ääh Trainingslaufzeit. Der Rekord, so erfahren wir auf Nachfrage an der Turmkasse, liegt bei 1:08 Minuten. Die wurden jedoch nicht nur auf den 262 Stufen aufwärts erzielt, sondern mit dem Zusatz Start vor dem Turm und mit anfänglich 17 Stufen nach unten. Dreimal gab es dieses Szenario in Wettkampfform. Aufgrund stark rückläufiger Teilnehmerzahlen wurde dies 2014 eingestellt.

Kopie_von_IMG_20150620_160317Kopie_von_IMG_20150620_164107Der 49 Meter hohe Finower Wasserturm und seine Bezwinger.

Von oben hat man eine herrliche Sicht, nicht nur auf die Fußballspiele. So verweilen wir noch eine ganze Weile auf und in dem Turm, denn dort ist die rund 300-jährige Geschichte des Messingwerkes dokumentiert.

Kopie_von_IMG_20150620_155204Kopie_von_IMG_20150621_102813VfB Fortuna Chemnitz gg. FC Schalke 04  1:1.            RasenBallsport Leipzig gg. Fulham FC  2:3.

Am Sonntag kommt es dann noch zu den Plazierungsspielen. Im Achtelfinale der Silberrunde heißt der Gegner Darmstadt 98 und mit 0:3 ist das Ergebnis recht deutlich. Damit wurde es zudem verpasst, sich gegen Mannschaften wie Legia Warschau, FC Fulham, RB Leipzig, SV Elversberg, Union Berlin, Hansa Rostock oder Viktoria Berlin zu präsentieren. Es folgte ein knappes 0:1 gegen Victoria Seelow und ein 2:0 gegen den SV Glienicke. Damit ging es im letzten Turnierspiel der Fortunen nur um die Plätze 29 und 30. Der Gegner: JFV A/O Heeslingen aus Norddeutschland. Beim Spielstand von 1:2 versagte der Unparteiische dem VfB eine halbe Minute vor dem Ende einen Strafstoß. Warum? Ein Abwehrspieler der Heeslinger hatte den Ball in bester Torwartmanier mit beiden Händen aus dem Winkel gekratzt - alle hatten es gesehen, nur der Schiedsrichter nicht und die Heeslinger sahen keinen Grund zur Richtigstellung. Auch wenn es um nichts mehr ging, oder weil es um nichts mehr ging, hätte hier etwas Fairplay den Norddeutschen gut zu Gesicht gestanden. Zumal sie ihren Verein im Programmheft wie folgt darstellten: "... qualifizierte und hochwertige Nachwuchsarbeit hat beim JFV Priorität ...". Selbst die danach auf diesem Feld spielenden Mannschaften bedrängten den Schiedsrichter noch wegen dieser Situation - erfolglos!

Im Endspiel besiegte der Berliner SC den FC Schalke 04, wie schon im Gruppenspiel, mit 1:0 und wurde zurecht Sieger dieses Turniers, da sie alle Spiele ohne Gegentor gewannen. Borussia Mönchengladbach sichert sich nach einem 1:1 im darauf folgenden Neunmeterschießen gegen den FC Rot-Weiß Erfurt den 3. Platz.

Kopie_von_DSC09437Kopieren__2_von_IMG_20150620_173813  Endstand Finow-Cup: 
  1. Berliner SC
  2. FC Schalke 04
  3. Bor. Mönchengladbach
  4. FC Rot-Weiß Erfurt
  5. SK Sturm Graz
  6. Hallescher FC
  7. Karlsruher SC
  8. BSG Stahl Riesa
  9. FC Energie Cottbus
  10. VfL Osnabrück
  11. SC Staaken
  12. Lokomotive Moskau
  13. SG Dynamo Dresden
  14. FC Mecklenburg Schwerin
  15. 1. FC Magdeburg

  30. VfB Fortuna Chemnitz

  48. FSV Bernau


Es wird nicht unser letzter Besuch in dieser Gegend gewesen sein, dafür sind noch zu viele Wander- oder Radwege zu erkunden.

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