Waldwiese

2. Kilometer-Marathon "Rund um Einsiedel" 2016

Geschrieben von Thomas Delling.

19.03.2016 8:08 Uhr 47,0 km 1.070 Hm+ 1.070 Hm-

Kopie von IMG 20160319 092836Der Schlüssel des Erfolgs beim Kilometer-Marathon "Rund um Einsiedel" liegt im gemeinsamen Handeln.

Eine Woche nach unserem Probelauf auf der etwas eigenwilligen Einsiedel-Umrundung folgt nun der Versuch am lebenden Objekt. Diese Premiere bleibt gerade einmal drei wackeren Streitern des Burgstädter Laufvereins vorbehalten, welche sich über ein kompliziertes Qualifikationsverfahren empfehlen konnten. Vordergründig ist dieser Lauf mit Trainingscharakter jedoch als "Dankeschön" für deren Einladungen zu ihren Veranstaltungen zu sehen.

Diese Laufereignisse des BLV im nördlichen Chemnitzer Speckgürtel hatten selbstverständlich einen gewissen Luxuscharakter zu bieten. Dabei gab es keinen Termin, bei dem nicht bestens für das leibliche Wohl gesorgt wurde und sich dieser somit nahtlos dem heutigen Standard einer Wochenendbeschäftigung anpasste. Das ist im Süden von Chemnitz anders! Da gibt es für den Wohlstandsbürger keine unterwegs deponierten Verpflegungspakete und Streicheleinheiten, im Sinne von leicht laufbaren Streckenabschnitten. Nein - da werden schlammige, von schwerer Forsttechnik zerfahrene Waldwege gewählt und für die Verpflegung ist jeder selbst verantwortlich. Um jedoch die Nerven der Gäste nicht allzusehr zu strapazieren, werden zwei Verkaufsstellen in unmittelbarer Streckennähe zur Eigenversorgung empfohlen. Mit dieser Streckenbewältigung in fast vollständiger Autonomie bestehen also auch kaum Gemeinsamkeiten zum Lauf "Rund um Chemnitz", dessen Veranstalter Tilo und Siggi mit auf der Gästeliste des "Rund um Einsiedel" zu finden sind.

Das sich die Woche über Unbehagen und gar Angst bei den beiden breitmachte, war nicht zu übersehen. Daher war es überaus wichtig beim Informationsgehalt zum Lauf behende zu agieren. Es wurde somit auf wichtige Details im Vorfeld verzichtet und Nichtigkeiten, wie die Ausleihmöglichkeit von Laufrucksäcken von 5 bis 80 Litern Stauraum publiziert. Und als sich nach dieser seichten Werbestrategie alles wieder auf "normal" einpegelte, reichte Tilo seinen Krankenschein im Organisationsbüro des Kilometer-Marathons ein: schwerwiegender Defekt im Bewegungsapparat und damit wochenlanger Ausfall beim Belagern von Laufstrecken. Ein ernstzunehmender Grund das Gremium des Veranstalters wieder zusammenkommen zu lassen. In Anbetracht dieser Tatsache wurde erwogen den Zusatz "Kilometer-Marathon" in "Tilomeker-Marathon" umzubenennen, damit eine klare Botschaft den Rekonvaleszenten auf seiner Couch vor der Flimmerkiste erreicht: Tilo, wir sind (in Gedanken) bei Dir! Jeden Schritt den wir gehen, widmen wir Dir und Deiner Genesung! ... usw. usf. Leider war dieses gut gemeinte Zeichen in dieser Form nicht mehr umzusetzen, da zu große bürokratische Hürden diese Umbenennung in so kurzer Zeit unmöglich machten. Für Tilo blieb nun nur der eiligst eingerichtete Live-Ticker über WhatsApp, der von den zuständigen Internet-Kontrollorganen problemlos durchgewunken wurde.

Kopieren 2 von IMG 20160319 140019Noch steht die Chemnitz-Umrundung (in der Wertigkeit) über der Schleife um Einsiedel. Noch!

Um dem Normalsterblichen nun die Wertigkeit der Einsiedel-Umrundung halbwegs nachvollziehbar zu erläutern, ziehe ich mal die seit dem Vorjahr in Gebrauch befindliche ITRA-Punktwertung heran. Dieses System der "International Trail Running Association" bezieht sich auf die absolvierte Distanz und die zu überwindenden positiven Höhenmeter. Demnach erreicht der Kilometer-Marathon "Rund um Einsiedel" 57,7 Leistungspunkte, was 2 ITRA-Punkten entspräche, wenn er denn ein gelisteter Lauf wäre. Eine Hausnummer "größer" ist dabei der Rundkurs um Chemnitz mit 71,95 Leistungspunkten, welche ihm 3 Punkte nach dem neuen ITRA-Standard einbringen würde - etwas ungerecht, da bei dieser Veranstaltung fast hinter jeder Hausecke ein Verpflegungsstand lauert. Dieser Umstand floß früher stärker in die Beurteilung der Schwierigkeit von Landschaftsläufen ein, ist aber mit der neuen Zeit- und Punkterechnung hinfällig geworden. Die Höchstzahl von 6 Punkten auf der ITRA-Skala erreichen Läufe ab dem Südtirol Ultra Skyrace (196,54 Leistungspunkte) oder dem Trail Verbier St-Bernard (194,35 Leistungspunkte) aufwärts.

Mit Siggi, Sven und Steffen finden sich drei, der ursprünglich vier Kandidaten zum 7:30-Uhr-Tee bei uns ein. Es folgt noch eine kurze Erklärungsrunde zum Thema Geländelaufschuh, ehe es auf den Kurs geht. Das Wetter, welches uns Tilo die Woche über versprochen hatte, ist höchstwahrscheinlich in seiner schon gepackten Sporttasche liegen geblieben, denn es ist grau, ungemütlich und naß. Richtung Erfenschlag folgt das Einrollen auf flachem Teerbelag, hinter dem (von der Stadtverwaltung aufgegebenen) Freibad geht der Weg ins Gelände über und spätestens beim kurzen, giftigen Anstieg zum Schusterberg haben die drei Burgstädter schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf das heutige Tagesgeschehen bekommen. Es nieselt, die Wege sind schlammig und später kommen noch die, schon erwähnten, maschinellen Wegverformungen dazu. Unterhalb des Spitzberges zieht dazu noch ein kalter Wind übers Feld - man kann einen Sonnabendvormittag auch anders gestalten!

Die anschließende Schleife über Dittmannsdorf hält dann mal wieder ein paar hundert Meter auf Asphalt bereit, jedoch wellig und deshalb nicht tempofördernd. Es folgt der langgezogene Anstieg zum höchsten Punkt der Runde, zur Dittersdorfer Höhe (553 m). Dort hat man bei normalem Wetter Sicht bis mindestens zum Rochlitzer Berg, wo sich Arbeitskollege Heiko just in diesem Moment beim traditionellen Berglauf quält. In der anderen Richtung sind sonst die wichtigsten Erzgebirgserhöhungen sichtbar - Pöhlberg, Haßberg, Scheibenberg, Bärenstein, Keilberg und Fichtelberg. Heute verhindern allerdings die tiefhängenden Wolken den Erdkundeunterricht vom Aussichtspunkt oberhalb Dittersdorfs. Und so kann ich meine Ausführungen etwas spektakulärer gestalten, indem ich die Bergliste der Erzgebirgsgipfel mit dem Elbrus erweitere. Da stehen nun unsere Burgstädter Laufgäste staunend da, denn so weit können sie von "ihrem" Taurasteinturm natürlich nicht gucken!

Der Bogen über den Mühlberg hält mit dem einzigen Gipfelkreuz der heutigen Tour den nächsten Fünfhunderter bereit. Die Sicht ist weiterhin stark eingeschränkt, aber Dittersdorf und den Filialweg nach Weißbach kann man mit etwas Anstrengung ausmachen. Und dort müssen wir nun lang, um nach 23 zurückgelegten Kilometern die erste externe Verpflegungsmöglichkeit zu erreichen. Zur Rast am Bäckerstand im Discounter werden Brötchen, Kuchen und Hopfengetränke gereicht. Das Verlassen des warmen Vorraumes in den ungemütlich kalten letzten Tag des Winters fällt schwer und erst rund zwei Kilometer später, beim Passieren der Waldhäuser am Kalkofen, ist die Betriebstemperatur wiederhergestellt. Der Abstecher zum Burgstein (einem versteinerten Schloß - so erzählt es zumindest eine alte Sage) ist Pflicht, bevor es zur Drei-Häuser-Siedlung Kamerun geht. Vom Zwönitztal nimmt der Weg kurz darauf wieder an Steigung zu und oberhalb Eibenbergs wird abermals die 500er Höhenlinie erreicht. Der angestrebte Kneipenstop in Berbisdorf wird kurzerhand abgesagt, da uns die Anlaufzeit nach dieser Rast zu viel Energie kosten würde und in Klaffenbach der nächste Nachfüllposten, in Form eines Getränkemarktes, schon auf uns wartet.

Dort stößt rein zufällig René zu unserem Trupp, der hier seine Laufrunden dreht. Als ehemaliger Einsiedler kann er fachgerecht unseren Bierkonsum kommentieren und wichtige Informationen zur Legendenbildung um diverse Biersorten geben. Der Harthwald hält dann endlich wieder Nässe und Schlamm für eventuell abgetrocknete Schuhe bereit und mit dem Anstieg vom Würschnitztal zur Pappel durch die Alte Harth wird der letzte "Berg" in Angriff genommen. Unterwegs wird dabei die imaginäre Tausender Höhenmeterlinie überquert - ein Fakt, den Siggi erst nach mehrfachen Erläuterungen einzuordnen weiß und dementsprechend spät freudig reagiert. Tja, der Lauf hinterlässt so seine Spuren und deshalb wird am Scheitelpunkt von Würschnitz- und Zwönitztal noch eine kleine Fernsichtpause eingelegt, denn die Wolken haben mittlerweile etwas an Höhe gewonnen und so den Ausblick etwas freigegeben.

IMG 20160319 140019Gleich ist die Marathondistanz im Sack!

Noch rund fünf Kilometer verbleiben nun zum Ausrollen hinab zum Gutsberg, auf dem Zwönitztalweg in den Wasserwerkspark, an der Straße entlang in die Krachwitzsiedlung - der Kreis schließt sich nach genau 47 Kilometern. Mit einem kleinen Imbiß, bestehend aus Kuchen oder Wiener Würstchen wird der Rundkurs um Einsiedel offiziell beendet. Für die verletzungs- und nörgelfreie Beendigung des Laufes gibt es vom Ausrichter, der LG Altchemnitz im LV Limbach 2000 e.V., noch ein Finisherpräsent mit auf den Weg. Keine Medaille, kein Funktionshemd, keinen schnöden Mammon - nein, etwas mit Gebrauchswert, einen sog. Naturalpreis: je eine Flasche Bockbier (Maibock, Heller Bock oder Doppelbock) von einer in Einsiedel ansässigen Brauerei. Wegen der höheren Umdrehungen des Bockbieres zu herkömmlichen Biersorten passt dies sinnbildlich am besten zu einer erfolgreichen Einsiedel-Umrundung. Eine Wiederholung der Tour wurde im übrigen schon beantragt.

Nach so einem Tag gilt es natürlich auch "Danke" zu sagen, deshalb möchten wir uns hiermit ganz herzlich bei dem (uns unbekannten) Mann bedanken, welcher bei Kilometer 42,5 einsam am Wegrand stand und uns mit seinem Applaus das seit Jahren verloren geglaubte euphorische Glücksgefühl des "Runner's High" zurückgab.

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