Waldwiese

44. GutsMuths-Rennsteiglauf 2016

Geschrieben von Thomas Delling.

21.05.2016 6:00 Uhr 72,7 km 1.817 Hm+

1.329 Hm-

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Übersichtliche Anzahl an Rennsteiglauf-Trophäen.

"Du wirst es schon schaffen!", mit dieser Botschaft der Hoffnung entließ mich am Freitagabend der freundliche Herr von der Startnummernausgabe Richtung Eisenacher Marktplatz zur Kloßparty. Zuvor mußte ich ihm hinter vorgehaltener Hand, zu seiner Frage nach der Anzahl der bisherigen Teilnahmen, beichten, daß ich mich zwar auch, wie Ute zum achten Male am Rennsteiglauf versuche, jedoch einmal davon zum Halbmarathon in Oberhof startete. Statt in schallendes Gelächter auszubrechen, sah ich Mitleid in seinen Augen und er gab mir die o.g. tröstenden Worte mit auf den Weg.

Das Motto "Dem Rennsteig die Treue" steckt bei Ute und mir sozusagen noch in den Kinderschuhen, aber wir arbeiten daran! Mittlerweile gibt es über 1.000 Läufer, welche 25 und mehr Teilnahmen an diesem Kultlauf vorzuweisen haben und um dabei an die Spitzenvorgaben von 42 oder 43 Zieleinläufen zu kommen, müssen wir schon noch ein paar Jahrzehnte unsere Wettkampf- und Lebensplanung nach der Pflichtreise in die Wartburgstadt ausrichten. Andere verfahren ja ähnlich, so saß z.B. am Sonnabend im Festzelt ein Jugendweihling, welcher die achte Teilnahme am Juniorcross seiner Jugendweihe vorzog. Auch die zweieinhalb DIN-A4-Seiten mit Namen von Geburtstagskindern unter den Teilnehmern zeugen von der gelebten Treue. Es gibt aber auch die Negativbeispiele, welche andere mit dem Rennsteiglauf-Virus infizieren und sich dann klammheimlich von der Laufsport-Bühne stehlen. So wurde ich von Jens, der stets von sich behauptete, der erste und einzige Läufer zu sein, der die Strecke von Eisenach nach Schmiedefeld in unter sieben Stunden absolvierte, mit dem Halbmarathon im Jahr 2009 angeködert. Im Folgejahr wollte ich dann Jens' Legende auf dem "richtigen" Rennsteig überprüfen und stellte dabei fest, daß dies zur Gewohnheit werden könnte.

Mittlerweile haben Ute und ich auch alle möglichen logistischen Abläufe durch, wenn es um die Übernachtungsmöglichkeiten rund um den Rennsteiglauf geht. Die "leistungsmindernste" Art ist dabei ein Nächtigen in Schmiedefeld, egal ob im Auto oder im Zelt, mit anschließendem Bustransfer gegen 3:30 Uhr zum Startort. So hat es Ute bei ihrer ersten Teilnahme gehandhabt und war überrascht, wie wenig Zeit man dabei dem Erholungsschlaf widmen kann/muß. Auch die frühmorgendliche Anreise von daheim nach Eisenach haben wir schon durch. Dann ist allerdings schon gegen 3 Uhr Abfahrt. Wesentlich entspannter ist da die Nutzung einer Pension in der Wartburgstadt - am besten für zwei Tage. Hauptproblem ist eben nur noch der Standort des Fahrzeuges, da sich eine Abreise von Schmiedefeld mit den offiziellen Shuttlebussen regelrecht verbietet, weil deren Abfahrtszeit einen anschließenden Feltzeltbesuch ausschließt. Man bildet also Fahrgemeinschaften! Treffpunkt ist dabei der Park- und Campingplatz oberhalb des Zielgeländes in Schmiedefeld. Dort deponiert man einen Wagen für die Rückfahrt am Sonnabend und steuert dann gemeinsam den Startort Eisenach an.

Am Freitagnachmittag treffen wir uns deshalb mit Sven vom Burgstädter Laufverein, sowie Michaela und Alex vom Team Fuchseck in Schmiedefeld. Mit Sven teilen wir uns für die nächsten zwei Nächte das angemietete Quartier von Siggi und Tilo, welche verletzungsbedingt nicht am Rennsteiglauf teilnehmen können. Michaela und Alex haben wir 2014 beim PTL (La Petite Trotte á Lèon) kennengelernt und deshalb sind auch die Gespräche auf der Fahrt nach Eisenach sehr auf die großen Laufsport-Abenteuer in den Alpen (wie UTMB, Tor des Géants oder 4K) bezogen - schweres, mitzuschleppendes (Pflichtausrüstungs-)Gepäck, stellenweise straffe Zeitlimits und verdammt wenig Schlaf. Alles Sachen, die uns beim Rennsteiglauf nicht frequentieren. Da gibt es keine Rucksackpflicht und keinen (allzu großen) Zeitdrang. Es gibt jede Menge Verpflegungsstellen und die Distanzen dazwischen muß man eben (notgedrungen) mit Laufen überbrücken. Ein Zielvorgabe gibt es für Ute und mich diesmal nicht. Nachdem Ute schon kurz vor dem 24-Stundenlauf in Basel eine Erkältung aufgeschnappt hatte, ist sie nun, in den zwei Wochen zwischen "Rund um Chemnitz" und dem Supermarathon schon wieder davon betroffen. Deshalb gibt erst ein Arztbesuch am Donnerstag ("Die Lunge ist frei!") grünes Licht für Thüringen. Auch bei mir gab es schon optimalere Wettkampfvorbereitungen und so bin ich froh, die muskulären Probleme von vor zwei Wochen mit totaler Sportabstinenz besiegt zu haben. Allerdings werde ich mich wohl daran gewöhnen müssen, die Woche vor dem Rennsteig traditionell mit Rückenschmerzen zu begehen und das ich mir zukünftig fast den Kalender danach stellen kann. All' dieses Gejammer  ist jedoch nicht der Grund, warum ich es nicht noch einmal versuche, eine ordentliche Zeit bei "Europas größtem Crosslauf" zu erzielen. Im Vorjahr war ich anfangs auch ambitioniert unterwegs und mußte erkennen, das es eher nach hinten los geht. Also wartete ich am Scheitelpunkt der Strecke auf Ute, um die zweite Hälfte mit ihr gemeinsam zu meistern. Ich fand Gefallen daran und am Ende des Laufes ärgerte ich mich, warum ich nicht gleich von Anfang an mit Ute gelaufen bin und versprach ihr für das Folgejahr diese Variante des Rennsteiglauf-Erlebnisses.

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Die Aufgabe für Sonnabend. Ein "Kurzer" als Schlummertrunk.

Nach dem Bezug des Quartiers geht es am Freitagabend in die nahegelegene Innenstadt von Eisenach. Dort werden zuerst die Startunterlagen geholt und dann dem obligatorischen Kloßessen gefröhnt. Die Teller sind dabei immer randvoll und die anwesenden Musikanten geben auch das Maximum. Leider muß man aufgrund der Innenlautstärke an den Bierstand vors Zelt wechseln, um bei Gesprächen nicht jeden Satz zwei- oder dreimal aufsagen zu müssen. Zudem wird der persönliche Flüssigkeitshaushalt noch durch eine Kleinstmenge an Likör für den morgigen Tag aufgepeppt. Diesen erwerben wir von drei jungen Frauen, von denen sich eine demnächst ins Eheglück stürzen will. Das kann aber nicht unser Problem sein, denn wir stecken mitten in der finalen Wettkampfvorbereitung! Diese wird am Morgen ab 4:30 Uhr mit einem individuell zusammengestellten Frühstück in der Pension fortgesetzt. Jeder bekommt und bezahlt nur das, was er auch wirklich kurz vor Wettkampfbeginn noch in sich hineindrückt - das ist ja meist nicht viel und unterwegs warten zudem genügend Nachfüllstationen.

Gegen 5:30 Uhr machen wir uns dann auf den Weg zum Marktplatz. Aus allen möglichen Ecken stoßen weitere Läufer und Begleiter hinzu. Man trifft Bekannte und verquatscht dabei die Zeit, die man gar nicht hat. So müssen "Stratching" (Was ist das?) und Warmlaufen (Häää?) für heute entfallen. Mit 12°C ist es aber auch schon ganz schön mollig und da wir sowieso viel zu weit hinten im Startblock stehen, wird es wohl oder übel anfangs ein "Ein- und Warmwandern" geben. Der Hubschrauber kreist über der Stadt, das Herunterzählen beginnt und gaaaanz langsam ergießt sich die Schar von weit über 2.000 Läufern auf die dafür nicht ausgelegte Karlstraße. Stehen - Wandern - Anrucken - Watscheln - und irgendwann ist auch so eine Art Laufschritt erkennbar. Das selbe Spiel wiederholt sich nun noch einige Male an den etwas engeren Stellen im Stadtpark, aber uns drängt ja nichts! Heute sind wir allerdings erst so spät am Burschenschaftsdenkmal, daß der Hubschrauber schon das Weite gesucht hat. Sonst, so kann ich mich erinnern, wartete er stets linkerhand über der Wiese am Waldausgang auf die Läufer. Aber der Rennsteiglauf bietet noch genügend andere Fotomotive, da kommt es jetzt nicht auf diesen einen (entgangenen) Schnappschuß an, denn insgesamt 258 Bilder vom Lauf wird die Speicherkarte meines Fotoapparates in Schmiedefeld später aufweisen.

Kopie von IMG 20160521 055024Gemeinsames Mannschaftsbild vom LV Limbach 2000 (li.) und dem Burgstädter LV (re.) vorm Start.

Zwischen Fotografieren und Laufen trifft man immer wieder Bekannte. Das Wichtigste wird dabei kurz besprochen, ehe jede Partei ihr eigenes Tempo weiterverfolgt. Es herrscht eine staubige Luft über den Wegen und so kommt die erste Getränkestelle (mit zusätzlichem Obstangebot) am Waldsportplatz nach rund sieben Kilometern auch genau zur rechten Zeit, um sich den Mund auszuspülen. Kurz darauf biegen wir unter großem Hallo, der reichlichen Zuschauer, an der Hohen Sonne auf den Rennsteig ab. Der Weg wird breiter und das Tempo ist nun nicht mehr durch andere Teilnehmer gebremst. Doch irgendwie kommen wir zwei trotzdem nicht so recht in Schwung. Ute hat ganz schön mit ihrer noch nicht zu einhundert Prozent abgeklungenen Erkältung zu tun. Daher geht es die Anstiege auch nur sehr schleppend hoch und irgendwann meint sie, ich solle doch loslaufen, weil es bei ihr heute nur zum Schneckentempo reicht. Es gibt jedoch schlimmere Dinge, als ein gemütliches Läufchen und ich weiß auch nicht, ob sich der lädierte Muskel im Oberschenkel wieder unangenehm meldet, wenn ich plötzlich "anzucke". Außerdem habe ich es Ute ja versprochen, mit ihr den Lauf gemeinsam zu absolvieren und mich im Vorfeld als die "Vernunft an ihrer Seite" (die regulierend eingreift, wenn gesundheitliches Ungemach droht) ausgegeben. Vor allem Siggi erwartet dabei, daß ich auch zu meinem Wort stehe und Ute nicht mit irgendwelchen Zielzeitvorgaben nerve.

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Evelin und Petra aus Chemnitz Oberer Beerberg (841 m): Bonus-Aussichtspunkt

Wenn man aber den gesamten Sonnabend über nicht sonderlich gefordert wird, erinnert man sich automatisch an die mathematische Grundausbildung in der "Polytechnischen Oberschule" - zumindest mir geht das so. Da werden nun zwischen all' den Kilometerschildern Zeiten verglichen, Hochrechnungen angestellt und Zielprognosen errechnet. Sicherlich macht mein ständiger Blick auf die Uhr Ute nervös, da sie genau weiß, was ich da mache. Sie vermutet dann ein ständiges Antreiben: "... bis dort und dort müssen wir bis dann und dann da sein, damit wir noch bis soundsoviel im Ziel sind ..." - doch ich bleibe ruhig und behalte diese Ergebnisse für mich, schließlich habe ich Ute bis zum 70-Kilometer-Schild mein Stillschweigen zu diesem Thema versichert. Als groben Plan habe ich die Strecke gedrittelt: Abschnitt 1 ist demnach auf dem Großen Inselsberg bei Kilometer 25 beendet, Abschnitt 2 geht bis zum 50er Kilometer-Schild und in Schmiedefeld steht das Endergebnis, welches trotz aller Wehwehchen nicht über neun Stunden liegen sollte. Da klingt zwar jetzt etwas Unvernunft heraus, aber ich kenne Ute ja nun mittlerweile recht gut und erlaube mir daher diese Einschätzung ihrer verminderten Leistungsfähigkeit. Das erste Drittel müsste demzufolge nach rund drei Stunden erledigt sein - ist es aber nicht, denn der Anstieg zum Inselsberg ist für Utes Zustand schon grenzwertig. Deshalb lasse ich sie auch mal ein paar hundert Meter allein weiterwackeln und mache einen kurzen Abstecher auf den Oberen Beerberg. Es handelt sich dabei um ein Felsgebilde mit Aussichtspunktcharakter gleich neben der Strecke, rund anderthalb Kilometer vor der ersten Zeitmeßmatte auf dem Inselsberg. Dort marschieren wir dann wieder gemeinsam drüber, nach 3 Stunden und 6 Minuten. Das ist für mich kein Grund zur Beunruhigung, denn ich weiß um Utes Fähigkeiten in der "Endbeschleunigung". Gelingt ihr das auch in ihrem jetzigen Zustand? Wenn ja, ist es gut - wenn nicht, ist es auch nicht schlimm!

Ein kurzer Dialog mit Uwe vom Burgstädter LV folgt, er ist aufgrund von Trainingsmangel nicht beim Rennsteiglauf dabei und macht heute nur den vereinsinternen Streckenposten. Von ihm erfahre ich, daß Sören "vorn" mit dabei ist und Sven rund sieben Minuten vor uns die Hucke passierte, zudem sei der erste Läufer mit ungefähr einer Viertelstunde Vorsprung auf seine Verfolger hier durch. "Den kriegen wir eh' nicht mehr!", rufe ich Uwe noch zu, ehe es an den Abstieg geht. Zuerst mit kurzen Tippelschritten auf engliegenden Holzstufen und dann etwas weiter unten auf einem steilen, asphaltierten Weg, der mit Lärchennadeln abgedeckt ist - zum Glück sind die heute nicht naß, denn Stürze haben wir schon verhältnismäßig viele gesehen.

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Duschmöglichkeit an der Ebertswiese. Eine der heutigen Zahlen beim Samstags-Lotto?

Obwohl sich das Teilnehmerfeld immer mehr lichtet, wird es ab dem "Prinz-Andreas-Eck" wieder etwas voller auf dem Rennsteig, da die 35-Kilometer-Wanderer (von Schnepfenthal bis Grenzadler) auf "unserer" Strecke mit unterwegs sind. Dabei trifft man auch immer wieder Bekannte. Beim Getränkepunkt "Possenröder Kreuz" wird der Nachfüllprozess musikalisch von einer Kapelle unterstützt - es wird also nicht langweilig.

So langsam nähern wir uns dem Bergfest - dem großen Verpflegungspunkt "Ebertswiese". Dort ist die Hälfte der Strecke geschafft und mit einer Zwischenzeit von 4:30:56 Stunden liegen wir auch ganz gut in (meinem) Plan. Auch wenn der erste Läufer hier schon vor zwei Stunden durch ist und weitere rund 1.500 Starter ebenfalls (so sagt es zumindest der Sprecher), wird sich jetzt erstmal ausführlich der leistungsfördernden Nahrungsmittelaufnahme gewidmet. Dabei genehmige ich mir einen Becher Heidelbeerschleim-Suppe, dazu ein Wiener Würstchen und noch etwas Apfelschorle - alles auf einmal. Diese Mischung hätte früher sicherlich Magenblähungen bei mir hervorgerufen, doch mittlerweile ist der Körper an vieles gewöhnt und nimmt ohne zu meckern, was er bekommt. Nach genau fünf Minuten verlassen wir die Station wieder und haben damit einen zeitlichen Überhang von knapp sechs Minuten in meinem internen Konzept.

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Obwohl bis zu 25°C für den heutigen Tag vorhergesagt wurden und wir nun langsam den höchsten Stand der Sonne erreichen, ist es zum laufen doch recht angenehm, zumal ab und zu ein recht frischer Wind durch den Tann fegt. Ute hat eben nur mit den Steigungen zu kämpfen, sonst sind wir recht vernünftig unterwegs. Um uns herum ist ein gleichbleibender Stamm von rund 15 Läufern, die in unserem Zeitrahmen unterwegs sind - wir überholen sie (meist auf den flachen Abschnitten), sie überholen uns (meist im Bergauf). Da sticht es regelrecht ins Auge, wenn der zu Überholende die Aufschrift "39x Supermarathon" an seinem Startnummernband befestigt hat. Auch die Rennsteiglauflegenden Wolfgang Nadler und Bernhard Krüger (beide mit Rückenaufdruck "40x Supermarathon 1975 - 2014") oder den 1976er Sieger Roland Winkler (ebenfalls die 42. Teilnahme) treffen wir auf den nächsten Kilometern.

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Nach 6:09 Stunden sind am 50-Kilometer-Schild zwei Drittel der Distanz geschafft. Etwas im Minus, aber machbar! Bis zum "Grenzadler" hält die Strecke nun kaum nennenswerte Anstiege bereit. An dieser größeren Verpflegungsstelle könnte man (mit Wertung) aussteigen - für uns kein Thema! Uwe wartet dort in der Einflugschneise des modern gestalteten Terrains. Wir quatschen kurz übers Befinden und die Zeiten der anderen und sind dann auch nach 6:41:36 Stunden in der Liste erfasst. Der Sprecher stellt uns als "Laufgemeinschaft aus Limbach 2000" vor und lobt dabei unser sekundengenaues Eintreffen hier in Oberhof. Es folgt eine "längere" Trinkpause, bei der ich mir noch zwei Speckfettbemmen mit auf den Weg nehme. Als wir kurz darauf das 55er Schild passieren, kommen wir ins Gespräch über die Zielzeiten der anderen und dabei platzt es aus mir heraus. "Da wir jetzt Kilometer 70 hinter uns haben, kann ich Dir ja meine Rechnung präsentieren: Wenn wir so weiter machen, wie bisher, kommen wir bei neun Stunden plus minus fünf Minuten an. Wir könnten es aber unter Neun schaffen, da nicht mehr so viele Höhenmeter kommen. Es wird allerdings knapp!"

Es gilt ja nur noch den Großen Beerberg zu bezwingen, den mit 974 Metern höchsten Punkt der Strecke. Danach geht es vornehmlich bergab. Nächster Zwischenstop ist die Schmücke, wo wir nach genau acht Stunden eintreffen. Als wir uns dort mit je einem Bierbecher bewaffnet fürs Foto positionieren, gibt es von Enrico die schockierende Nachricht: ein uns bekannter Läufer (Name der Redaktion bekannt) ist kurz vor der Zeitmeßmatte zusammengebrochen und mußte daraufhin im Zelt an die Infusion und ans EKG angeschlossen werden. Das hat gesessen! Völlig aufgewühlt machen wir uns nun wieder auf den Weg. Die Zielzeit ist jetzt völlig egal, da Ute nicht auch noch "im Zelt" landen will und meine U9-Argumentation wäre jetzt auch total unangebracht. Also wackeln wir den Pfad hinab und ich bin in Gedanken so vertieft, daß ich in einer Wurzel einhake und fast stürze.

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Im Laufschritt Schmiedefeld entgegen ... ... und noch ein gemeinsames Bild vor der Zielgeraden.

Einen Schnitt von sechs Minuten bräuchten wir nun, um unser (oder besser gesagt, mein) Minimalziel noch zu erreichen. Normalerweise kein Thema, aber unter diesen Umständen will ich natürlich die Kirche im Dorf lassen. Wen interessiert denn schon so eine Zeit? Niemanden! Und wenn man dann die Siegerzeit und das eigene Ergebnis miteinander aufrechnet, kommen (vom Außenstehenden) bloß blöde Fragen auf: "Und was hast Du in der restlichen Zeit gemacht, als der Sieger schon Stunden im Ziel war?". Erinnerungen werden wach an den Streckenrekordritt von Christian Seiler, als er 50 Minuten vor dem Zweitplazierten in Schmiedefeld ankam. Auch dieses Jahr befürchte ich fast so ein Szenario, bei dem, was man an Zwischenzeiten anfangs so an den Kopf geworfen bekam. Es wird sich allerdings nicht bewahrheiten.

"Noch fünf Kilometer!", ruft uns ein Zuschauer zu. Erleichtert nimmt mein Nebenan aus Österreich dies zur Kenntnis, doch ich hole ihn gleich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Die Kilometrierung des Supermarathons ist hier verhältnismäßig ungenau. Im Vorjahr hatte ich fast 74 Kilometer auf der Uhr stehen und bis zum 70er Schild ist es besser, die Markierungen des Halbmarathons für eine Zielzeiterrechnung heranzuziehen. Ein letzter langgezogener Anstieg führt nun zur letzten Verpflegungsstelle an den "Kreuzwegen". Dort nehmen wir nochmal ordentlich zu Trinken auf und natürlich das "Pflicht-Köstritzer to go". Ute enteilt mir hier, wie im Vorjahr, da meine Standzeit doch etwas länger ist. Ich schnappe sie mir aber einige hundert Meter weiter, als sie gerade Frank Fiedler aus Reichenbach (er wird Dritter in der AK M70) überholt. Jetzt ist es nicht mehr weit. Das 69-Kilometer-Schild ist durch eine Markierung an einem Baum ersetzt, Kilometer 70 und 71 ebenfalls. Ich sage jetzt Ute ständig die Zeit und die Restdistanz durch, ob sie es registriert, kann ich nicht feststellen. Sie läuft jedoch am Limit. "Wir können langsamer! Wir haben genug Zeit!", versuche ich sie herzfrequenzmäßig auszubremsen.

Den Bogen "Noch 1.086 Meter" gibt es heute nicht an seinem alteingesessenen Ort, er taucht später rund 400 Meter vor dem Ziel auf. Ich mahne Ute zur Tempoverringerung, da sie wirklich schnieft, wie eine Dampflok. Bevor wir in die Zielgasse einbiegen, drücke ich einer Polizistin meinen Fotoapparat in die Hand, damit sie von uns ein Bild schießen kann. Da lacht Ute zum ersten Mal seit langem wieder - jetzt ist es Gewißheit, wir können es ausrollen lassen. Sogar die Bruttozeit ist nun noch unter neun Stunden, glücklich fallen wir uns im Ziel in die Arme. Es ist zwar für uns beide die schlechteste Rennsteiglauf-Zeit, aber wir freuen uns, daß es trotzdem so harmonisch und ohne Zwischenfälle geklappt hat.

Kopie von DSC01966Punktlandung: 8 Stunden 59 Minuten Bruttozeit.

Der Rest ist wie immer: Medaille, Zielgetränke und wieder an die Strecke zum Fotografieren und Applaudieren. Ute geht diesmal jedoch gleich zum Duschen, da sie ihre Gesundheit nicht noch mehr herausfordern will. Zwischenzeitlich kommt unser "Patient von der Schmücke" über den Umweg "Krankenhaus Suhl" auch auf dem Sportplatzgelände in Schmiedefeld an - er war zum Zeitpunkt des "Unglücks" nur hoffnungslos unterzuckert. Am späten Abend schaue ich mir noch den Zieleinlauf der letzen Supermarathon-Läufer an, danach geht es ins Festzelt. Den Abend beschließt, wie 2013 (Champions-League-Finale) und 2014 (DFB-Pokal-Finale) das Pokal-Endspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Wie immer, wenn wir in Eisenach ankommen, heißt der Sieger FC Bayern - fast schon eine Rennsteiglauf-Tradition.

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Warten auf die letzten Zieleinläufe (18:55 Uhr). Im Festzelt sind die Schmerzen vergessen!

Ergebnis Supermarathon: 2.127 Finisher (1.721 Männer, 406 Frauen)

1. Schulze, Marc JKrunning 1. M30 5:17:38 h
2. Loch, Eike LAC Quelle Fürth 1. M45 5:22:36 h
3. Probst, Andreas Wasserliesch 2. M30 5:28:17 h
4. Merrbach, Frank Friedrichroda 3. M30 5:29:53 h
5. Henkel, Tobias USV Erfurt 4. M30 5:34:48 h
6. Fischer, Andre USV Erfurt 1. MHK 5:37:40 h
1.028. Delling, Thomas LV Limbach 2000 247. M45 8:57:20 h
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1. Oemus, Daniela SV Blau-Weiß Bürgel 1. WHK 5:55:38 h
2. Wahl, Marita VS Blankenfelde 1. W45 6:33:46 h
3. Rolle, Patricia LG Nord Berlin Ultrateam 2. W45 6:36:44 h
4. Förster, Basilia Neuried 1. W35 6:42:07 h
5. Liebendörfer, Christine Triabolos Hamburg 2. W35 6:44:33 h
6. Koch, Nadja SCC Scharmede 1. W30 6:52:27 h
148. Herfurt, Ute LV Limbach 2000 28. W50 8:57:18 h

Der für Sonntagmorgen geplante Lauf zur Wartburg fällt aus, alternativ gibt es für uns den Spaziergang durch die Drachenschlucht im Mariental. Mehr Kulturprogramm wird dann auch nicht mehr geboten, denn 12:30 Uhr hat Martin schon wieder Fußball. Auf dem Sportplatz an der Beyerstraße trifft er mit seiner Mannschaft auf die Spielgemeinschaft von Glauchau/Meerane. Die Revanche für die 0:1-Hinspielniederlage gelingt mit einem 7:1-Sieg recht eindrucksvoll.

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Zwei Drachen - eine Schlucht? VfB Fortuna Chemnitz C2 gg. Glauchau/Meerane

Leider haben wir die Sofortanmeldung für 2017 im Zielgelände verpasst - zum Glück kann man das daheim am Rechner nachholen, denn wir wollen ja unsere (noch junge) "Treue zum Rennsteig" auch fortsetzen. Der Rennsteiglauf ist mit seinem Flair einfach eine Pflichtveranstaltung!

 

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