Waldwiese

12. ULF (Ultra-Lauf Fichtelberg) 2016

Geschrieben von Thomas Delling.

01.10.2016 5:50 Uhr 57,9 km 1.510 Hm+ 615 Hm- (kein Wettkampf)

Kopie von IMG 2187Ganz allein auf dem "Dach Sachsens".

Die Werbetrommel für den Lauf von Chemnitz zum Fichtelberg (ULF) zu rühren, hat fast keinen Sinn mehr! Schon beim bisher letzten ULF, dem Osterspaziergang 2015 waren wir gerade vier Wagemutige, die sich der Sache annahmen - diesmal war ich allerdings ganz auf mich allein gestellt. Es ist nicht so, daß ich großen Trubel um mich herum benötige, aber kein Lebenszeichen auf mein Angebot ist auch nicht viel. Dabei hatte ich eine ganz spezielle ULF-Form ausgeklügelt: zuerst mit einem ULN (Ultra-Lauf Neudorf) von Chemnitz nach Neudorf, um dort mit möglichst wenig Standzeit ab 11 Uhr mit dem 30. Fichtelberglauf die Unternehmung zu beenden. 

Ute (bisher 7 Teilnahmen) war von vorn herein entschuldigt - Klassentreffen! Der Rest der Mehrfachtäter hüllte sich in Schweigen - ebenso lehnte, ein von mir angesprochener (hier nicht namentlich genannter) Quereinsteiger großzügig ab. Warum nur diese Zurückhaltung? Bisher hat es nur ein Teilnehmer in der Geschichte des ULF nicht auf das Gipfelplateau geschafft - und dies war in der Anfangszeit, als noch versucht wurde, spätabendliche Stammtischwetten mit läuferischem Unvermögen auszubügeln! Damals war Laufen noch Bringepflicht, da gab es kein lockeres Beinevertreten im Wald, da gab es nur Volldampf bis zum sportlichen Knockout. Doch aus solchen Fehlern habe ich gelernt und eine "schwarze Liste" angelegt, wo dieser eine Name vermerkt ist. Startverbot, wie ein Dopingsünder oder Umweltfrevler! Nun aber zum aktuellen Geschehen: Eine logistische Vorbereitung, im Sinne von Streckenwahl und Zeitmanagement, benötigte ich (als Alleinunterhalter) nicht und für die Rückfahrt nach Chemnitz organisierte mir Ute sogar noch eine Mitfahrgelegenheit bei Fichtelberglauf-Vereinskamerad Holger. Nun brauchte ich nur noch auf diesen Tag warten, damit ich früh losstapfen kann. Aber wann? Da bis Neudorf maximal mit der Marathondistanz zu rechnen ist (was ich natürlich nicht nachprüfe), dürften ein 6-Uhr-Start und damit fünf Stunden Zeit ausreichen! Gut, viereinhalb Stunden, da die Nachmeldung 10:30 Uhr schließt.

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Seit 1997 keine eigenständige Gemeinde mehr. Aussichtsfelsen Burgstein

Der erste Weckerblick um 4:20 Uhr und die anschließende Zeitkalkulation für Teil eins der Strecke könnten mit einem Start um 5 Uhr fortgesetzt werden. Aber die Trägheit siegt und so wird erst kurz nach fünf der Arsch aus dem Bett gehoben. Nun werden schnell noch ein paar Pflichtausrüstungsgegenstände zusammengesucht, ohne die es nicht auf die Reise geht: Regenjacke (laut Wetterbericht dringend erforderlich), Stempelbuch (für Fichtelberg-Stempel Nr. 30 oder 35), Windjacke, Wechselhemd und lange Hose (da es ja "oben" kühler ist), dazu noch was zum Schnabbeln und zum Hinterspülen (bei fehlendem Frühstück absolute Pflicht). Die frühmorgendlichen 10°C am Außenthermometer erfordern dagegen nur das kurzärmlige Hemd und das kleine schwarze Beinkleid - minimalistisches Kurze-Sachen-Wetter, sozusagen. Da ich nicht auch noch eine Stirnlampe mitschleppen will, findet das Intro in vorwiegend urbaner Gegend statt - entlang der Straße durch Erfenschlag und Einsiedel. Dort biege ich dann auf den Schwarzen Weg Richtung Dittersdorf ab. Er ist breit und mit hellem Splitt bedeckt, so daß dieser Waldweg auch im Dunklen gut laufbar ist. Am Lochberg gibt es noch einen kurzen Straßenabschnitt an der B180, ehe ich am ehemaligen Sägewerk wieder im Wald verschwinde. Der Zwönitztalweg macht zwar hier (flußbedingt) eine Schlaufe nach Kamerun, aber ich wollte nicht weiter an der Bundesstraße entlang laufen. Da hätte ich nämlich den kürzeren Weg über den Maigraben gehabt, hätte dann allerdings auch den Burgstein auslassen müssen. Die Sicht ist zwar heute (gegen 7 Uhr) noch nicht das Gelbe vom Ei, aber dieser kurze Abstecher gehört einfach dazu.

Ich folge nun dem Radweg Richtung Gelenau und Tannenberg, welcher mich jedoch etwas zu weit östlich von der Ideallinie abdriften läßt. An einem Abzweig mit doppelter Gelenau-Tannenberg-Beschilderung nehme ich natürlich die zwei Kilometer kürzere Variante und bemerke erst viel zu spät meinen Fauxpas. Ich gelange durch meine "Dünnbrettbohrerei" am Erlebnisbad in Gelenau heraus und muß so das gesamte Dorf von unten nach oben der Straße entlang durchqueren, da wäre Variante 2 wesentlich naturbelassener abgelaufen. Nun gut, noch zehrt so ein Ausrutscher nicht allzu sehr am Nervenkostüm und die Beine verarbeiten den langgezogenen Anstieg auch sehr leichtfüßig. Bis zum Ausblick "Thumer Höh" noch ein paar hundert Meter der Bundesstraße entlang und in Thum bis zum Abzweig in den Stadtpark ebenfalls. Auch hier werden am Wegweiser zwei Varianten nach Ehrenfriedersdorf angeboten - der Talweg und der Bergweg mit jeweils vier Kilometern. Letzterer wird dann mit einem sich anschließenden Abschnitt der Strecke des Thumer Pfingstlaufes von mir gewählt und bringt mich zum Albin-Langer-Weg (Teilstück des Ehrenfriedersdorfer Röhrgrabenlaufes), der wiederum zu den Skisprunganlagen von Geyer auf die Crosslaufstrecke des jährlich abschließenden Westsachsencup-Wertungslaufes mündet.

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Muß ich die (Froschkönigin) jetzt küssen? 08.10.2016: Röhrgrabenlauf Ehrenfriedersdorf!

Am Ortsausgang von Geyer verwähle ich mich dann erneut. Zuerst verlasse ich die Straße, um auf einer Kuhweide die Unternehmung nicht als Straßenlauf verkommen zu lassen, muß aber kurz darauf eine steile Böschung wieder zum Asphalt hoch, da ich sonst in einem vernesselten Urwald landen würde. Ebenso am Ende des Gewerbegebietes - weglos stampfe ich über einen Acker, um nicht wieder umkehren zu müssen. Meine topographischen Kenntnisse bringen mich auch hier verhältnismäßig schnell wieder auf den richtigen Weg, der mich nun nach Tannenberg bringt. Eine Runde durch den Ortskern und ich bin auf dem Waldweg Richtung Frohnau unterwegs. Dieser verlängert sich noch durch zwei Zusatzrunden bis ich endlich zum "rettenden" Firstenweg gelange. Ab hier ist die Wegfindung wieder sehr einfach, allerdings ist die verbleibende Distanz mit angeschriebenen 18,3 Kilometern bis zum Fichtelberg und 13,5 Kilometern bis zum Bahnhof Vierenstraße (oberhalb des Fichtelberglaufes in Neudorf) doch noch recht groß. In Neu-Amerika ist der Kreiswanderweg für knapp 40 Meter für den Durchgang gesperrt, zumindest deuten neue Verkehrsschilder (Vorschriftszeichen Nr. 259 / Verbot für Fußgänger) auf diese Ungereimtheit hin. Da ich mich nun nicht noch durch das Unterholz schlagen will, ignoriere ich diese idiotischen Verbotsschilder und gelange "etwas illegal" zum Fußballplatz des ESV Buchholz. Dort bereiten sich die D-Junioren-Mannschaften des Gastgebers und der Spielgemeinschaft Bärenstein/Königswalde auf ihr 10:30 Uhr beginnendes Kreisklassenspiel vor (Endstand 3:8).

Ich verlasse nun den Firstenweg schon wieder und nehme den angeschlagenen Lindenweg Richtung Sehma. Er verläuft so ziemlich parallel zur Straße nach Buchholz und ist dabei sehr naturbelassen und urig. Linden habe ich zwar im Vorbeihuschen nicht ausgemacht, aber vielleicht habe ich auch nicht genau danach geschaut, denn die Zeit drängt und ich bin nicht mehr auf Sightseeing aus. Es ist normalerweise schon zu spät und mit Erreichen der Ortschaft ist das Feld der Fichtelbergläufer schon in der Spur. Damit ist der Riemen 'runter. Es ist aber vielleicht auch ganz gut, denn ich bin schon ziemlich verbraucht, was die geistige und körperliche Fitness betrifft. So wird den Beinen nun mehrfach vom Kopf signalisiert, mit straffen Wanderschritt die Zeit zwischen den Laufeinheiten kräfteschonend zu überbrücken - der Kilometerschnitt pegelt sich daher bei 7 bis 8 Minuten ein. Ein Schild "Neudorf 5 km" untermauert diese These und weil der Startbereich an der Spindelfabrik zudem noch am Ortsausgang von Neudorf liegt, ist jetzt keine Eile mehr geboten.

Nach genau 52,5 Kilometern (also ein Zehner mehr, als prognostiziert) stehe ich am zusammengefalteten Startbogen, wo vor knapp einer Stunde die 220 Läufer zum Gipfelsturm losgeschickt wurden. Jetzt will ich aber mit dem Ablaufen der Original-Wettkampfstrecke nicht noch mehr Zeit vergeuden und entscheide mich daher auf die Diretissima, welche am Bahnhof dann mit 5,3 Kilometern angeschrieben steht. Da dies der Weg ist, welchen wir stets nach dem Fichtelberglauf talwärts nahmen, ist nun auch mit ordentlich Gegenverkehr zu rechnen. So treffe ich auch auf meinen "Chauffeur" Holger, mit dem ich die Modalitäten für den Rücktransport kurz bespreche, ehe ich mich auf die finalen zwei Kilometer begebe.

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Zu spät: der Fichtelberglauf ist längst durch, der Startbogen schon "entlüftet".

Vor allem der steilere Skihang tut nun nochmal ordentlich weh. Ich finde keine Erklärung, denn unser gesamter Sommerurlaub bestand zum Großteil aus dem Erklimmen steiler Hänge (insgesamt etwas über 50.000 vertikale Meter im Anstieg) und hier komme ich mir vor, wie es sich in der Todeszone am Everest anfühlen muß. Mühsam, also sehr mühsam, quäle ich mich die Wiese hoch, das gleiche Spiel unter der Seilbahntrasse und ich bin verdammt froh heute morgen richtig ausgeschlafen und somit den Start des Wettkampfes verpasst zu haben. Nach 6:47:56 Stunden Laufzeit drücke ich dann am (längst abgebauten) Ziel des Fichtelberglaufes die Uhr aus. Nun flink 'rein an die Rezeption und den Stempel (als Belohnung) für die Tagesaufgabe sichern. Mit einem halben Radler (Specht-Bräu Ehrenfriedersdorf) wird dann auch noch der dürstende Magen ruhig gestellt. Ein Telefonat mit Holger gibt mir Gewißheit, den Rückweg nach Neudorf entspannt angehen zu lassen, da die Siegerehrung im Festzelt erst 13:30 Uhr beginnt und er sich die Ehrungen der Vereinskameraden nicht entgehen lassen will. So komme ich dann unterhalb des Gipfels noch mit Wanderern ins Gespräch (als ich für sie das Gruppenbild vorm Gipfelaufbau schieße), absolviere aber die fünfeinhalb Kilometer hinab doch relativ flink und belohne mich daher am Festzelt (wo die Siegerehrungen noch im vollen Gange sind) mit einem Flaschenbier im wärmenden Sonnenschein auf der angrenzenden Wiese.

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Mit Volldampf zum Gipfel: nur eben nicht ich!

Der 12. ULF (eigentlich ein "ULF+", wegen dem etwas längeren Abstieg nach Neudorf, anstatt Oberwiesenthal) wurde von den zuständigen Stellen wettermäßig optimal gelöst. Daher war der mitgeführte Kleidersack etwas überproportioniert, aber nicht hinderlich. Für meinen ersten längeren Lauf war das Anspruchs-Leistungs-Verhältnis etwas zu optimistisch, denn einen Wettkampf im Anschluß an einen 52,5 Kilometer-Trainingslauf noch zufriedenstellend umzusetzen, erfordert sicherlich solidere sportliche Grundlagen, als nur ein paar Alibiläufe im Vorfeld. Da sind wahrscheinlich die "Kneifzangen" schon einen Schritt weiter - lass' den Delling doch ins Verderben laufen, wir sind da glücklicherweise nicht dabei!

Den 30. Fichtelberglauf gewann der tschechische Skilangläufer und Streckenrekordhalter am Fichtelberg, Lukás Bauer aus dem benachbarten Gottesgab in 36:47 Minuten, schnellste Frau war Lisa Schubert (SG Adelsberg) in 45:11 Minuten.

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