Waldwiese

11. Bornaer Marathon 2016

Geschrieben von Thomas Delling.

12.11.2016 ab 9:30 Uhr 42,195 km 238 Hm+ 238 Hm- Gruppenlauf

Kopie von 20161112 112959Alle Marathonläufe um Borna absolviert, dazu der 50. Zweiundvierziger: Markus Drescher.

Es gibt weltweit drei große Marathonläufe mit "B", die man in seinem Läuferleben bestritten haben sollte, um in Marathonkreisen mitreden zu können. Neben Berlin und Boston ist dies natürlich Borna, dessen Zweiundvierziger mir allerdings in meiner bescheidenen Marathon-Sammlung noch fehlt. Nach meiner zweimaligen Teilnahme in Berlin (2008 und 2009) und dem für Boston offiziellen Alternativlauf in Budapest (2016) steht nun, auf Empfehlung der Sportfreunde des Burgstädter Laufvereins, die Große Kreisstadt südlich von Leipzig auf dem Plan.

Es ist nun genau 9.905 Tage her, daß ich letztmalig im Bornaer Rudolf-Harbig-Stadion zu Gast war - damals natürlich sportlich passiv als einer von 2.500 Zuschauern beim Fußball, zur zweiten Hauptrunde im FDGB-Pokal zwischen der Ligavertretung der BSG Aktivist und der Oberliga-Mannschaft des FCK (0:2) am 30. September 1989. Mittlerweile ist das Stadion mit Bahn und überdachter Tribüne wesentlich moderner, als im Wendeherbst '89 und die BSG Aktivist nennt sich schon seit längerer Zeit "Bornaer SV 91". Ausrichter der heutigen Veranstaltung ist jedoch der Volkssportverein 77 Borna und der sportliche Wert liegt nicht im Bessersein als andere und der damit verbundenen Qualifikation für ein nächsthöheres Level, sondern im gemeinsamen Erlebnis während des Marathonlaufes durch das Leipziger Neuseenland. Diese Tatsache spielt mir natürlich bestens in die Karten, denn für den Werdauer Waldlauf am Folgetag, wo auf der Marathondistanz richtig um Plazierungen und Zeiten gekämpft wird, fehlen mir derzeit die sportlichen Grundlagen. Das hat man natürlich auch beim Burgstädter LV erkannt und somit keine Scheu gehabt, Ute und mir ein Angebot im Fünf-Stunden-Bereich zu unterbreiten - schließlich würden sich alle Genußläufer in dieser Kategorie einschreiben! 

Fünf Stunden! Das klingt jetzt verdammt lang, ist es aber bei genauerer Betrachtung gar nicht, denn schließlich sind vom Veranstalter auch mehrere Verpflegungspunkte auf der Strecke verteilt worden. Somit entstehen durch die dortigen Standzeiten auch schnell mehrere Minuten Verzug, die sich mit fortlaufender Distanz immer mehr anhäufen und so diese Zielzeit für einen entspannten Gruppenlauf auch rechtfertigen. Doch da nicht alle Läufer gleich ticken, teilt sich das Starterfeld dementsprechend in wettkampforientierte Bestzeitenjäger, gemäßigte Gelegenheitsjogger, bis hin zu bewußt langsamen Genußläufern ein. Für alle ist jedoch eine Zielankunft von 15 Uhr vorgesehen. Damit dies auch realisiert werden kann, wird im Halbstundentakt das Teilnehmerfeld auf die Runde geschickt: der erste Start erfolgt deshalb schon 9:30 Uhr mit dem Fünfeinhalb-Stunden-Läufern und zieht sich bis 11:30 Uhr mit dem einzigen 3:30-er Starter.

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Ballzauber am Rande des ersten Verpflegungspunktes. © Tilo Kozlik

Zehn Uhr ist unser 22-köpfiger Trupp an der Reihe. Ein paar hundert Meter durch Borna und weiter über die Autobahn und das erste Gewässer ist erreicht. Der Bockwitzer See, der von 1993 bis 2005 mit Grundwasser geflutete ehemalige Braunkohlentagebau Bockwitz (welcher von 1982 bis 1992 "am Netz" war), wird nun am Ostufer entlang passiert. Anschließend geht es nordwestlich des einstigen Tagebaus Borna-Ost (1960 bis 1985) vorbei, aus dessen Restloch Nenkersdorf durch die Flutung von 1987 bis 1995 der Harthsee entstand. Der nächste überregional bekannte Anlaufpunkt ist die von 1887 bis 1971 in Betrieb befindliche Brikettfabrik Neukirchen, welche 1999 saniert und durch die, im denkmalgeschützten Bau ansäßige Diskothek "Cult" weiter am Leben erhalten wurde. Diesem markanten Bauwerk ist jedoch noch ein ganz besonderes Schmankerl vorgelagert: der privat organisierte Verpflegungspunkt der Familie Drescher - schließlich hat Sohn Markus alle bisherigen zehn Bornaer Marathonläufe bestritten und kann dies mit den, an einer Hecke aufgereihten Teilnehmerhemden eindrucksvoll bestätigen. Nummer 11 hängt er, nach kurzem Fototermin, auf den vorbereiteten Kleiderbügel und begibt sich anschließend zum bereitstehenden Bier- und Glühweinstand. Alle anderen sind natürlich auch eingeladen, aber nicht, weil es heute auch noch sein 50. Marathon ist, sondern, weil es Tradition ist.

Nördlich vorbei an Wyhra und Blumroda gelangen wir nun zur "Adria" - so wird zumindest das Speicherbecken Borna im Volksmund bezeichnet, welches einst aus dem 1970 eingestellten Tagebau Borna entstand. Mit einer Kronenlänge von sechseinhalb Kilometern gehört dieses Hochwasserrückhaltebecken zu den größten Talsperren weltweit. Die Ortschaften Alt-Deutzen, Görnitz, Schleenhain, Hartmannsdorf und Teile von Blumroda und Regis-Breitingen fielen dem Braunkohleabbau von 1910 bis 1970 zum Opfer. Durch Lobstädt und vorbei an Großzossen führt die Route nach Kahnsdorf, dem südwestlichen Zipfel des Hainer Sees. Hier wird anhand von gnadenloser Lückenbebauung in Ufernähe glänzend demonstriert, wie man den angestrebten Erholungswert eines künstlichen Gewässers auch ganz schnell wieder senken kann. Haus an Haus, alle mit Bootsanlegestelle und nur ganz selten mal ein Alibizugang zwischen den Betonzeilen zum See. Dem Betrachter bietet sich ein Anblick, adäquat einem Neubaugebiet des Wohnungsbauprogrammes der 1970-er Jahre. Über einen Damm zwischen Kahnsdorfer See (welcher sein "natürliches" Aussehen noch behalten hat) und Hainer See (der auch auf der gegenüberliegenden Uferseite "touristisch erschlossen" wird) gelangen wir zum nördlichsten Punkt der Runde. Beide Seen, sowie der sich anschließende Haubitzer See sind aus dem ehemaligen Braunkohle-Tagebau Witznitz II (1946 bis 1993) entstanden. Ihm wurden die Ortschaften Hain und Kleinzössen geopfert. Der Ort Haubitz selbst blieb verschont und liegt nun mittig zwischen seinem "wäßrigen" Namensvetter und dem Speicherbecken Witznitz, in dessen Tagebau Witznitz I (1911 bis 1949) das gleichnamige Dorf verschwand. Von da sind es nun noch knapp drei Kilometer und eine Stadionrunde bis zum Finish, welches uns in etwas über fünf Stunden gelingt.

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Glühwein frisch aus dem Kessel ... ... und Eßbares vom Wegesrand.

Der abschließende Zieleinlauf wird mit Medaille und Urkunde prämiert, dazu kann man sich noch reichlich mit Wurstbrötchen und Kuchen stärken, ehe man geduscht den Essens- und Getränkegutschein einlöst. Klasse, kein Diät-Trip zur Gewichtsreduktion! Für nur 25 Euro Startgebühr gibt es das volle Programm! Der Geheimtip der Burgstädter entpuppte sich auch als solcher: familiäres Flair und solide Organisation bei einem Landschaftslauf durch ein zwar künstlich geschaffenes und trotzdem stellenweise recht wild wirkendes Terrain. Sicherlich machte es der Zerfall der einzelnen Tempogruppen den Begleitradlern nicht unbedingt einfacher. Sie meisterten diese Situation aber genauso gut, wie die Koordination der Besetzung der mobilen Verpflegungspunkte klappte, denn die Spanne der Zielzeiten umfasste letztlich einen Zeitraum von 3:11 Stunden und 6:34 Stunden - auch wenn dies bei der Stadionankunft nur die (relativ geringe) Zeit zwischen 14:41 Uhr und 16:04 Uhr ausmachte.

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 Künstliche Höhlengänge ...  ... natürliche "hohle Gassen".

Die Burgstädt-Limbach-Fraktion blieb während des Laufes im Großen und Ganzen fast immer beisammen. Vorbildlich begleitet von Radbetreuer Tilo, der als Fotograf, Kleidertransporteur und Notbier-Bereitsteller fungierte. Bei einem Temperaturwert von 1,5°C und rund 8 km/h "Reisegeschwindigkeit", gezogen auf fünf Stunden - eine Meisterleistung!

Herfurt, Ute LV Limbach 2000 W 50 5:07:10 h
Delling, Thomas LV Limbach 2000 M 45 5:07:10 h
Irmscher, Jeanette Burgstädter LV W 50 5:09:50 h
Steinert, Steffen Burgstädter LV M 50 5:09:50 h
Kindlein, Frank Burgstädter LV M 50 5:09:50 h
Kleinert, Sven Burgstädter LV M 50 5:09:50 h
Zieger, Jochen Burgstädter LV M 50 5:09:50 h
Meier, Stefan Burgstädter LV M 55 5:16:20 h

* Die unterschiedlichen Laufzeiten resultieren aus unterschiedlichen "Warteverpflichtungen" am Stadioneingang. Wir "Limbacher" müssen uns nicht für schwächelnde Burgstädter den Arsch abfrieren, auch wenn eine gemeinsame Zielankunft angestrebt wurde. Im BLV demonstriert man dagegen Zusammenhalt, selbst der verloren geglaubte Stefan wurde etwas später von seinen Vereinskameraden ins Ziel eskortiert.

Kopie von 20161112 095857 Mannschaftsbild vom Burgstädter Laufverein und dem LV Limbach 2000

Was bleibt negativ hängen? Was brennt sich ins Gehirn ein, wie ein schlechter Scherz? Es sind die Geschehnisse am Verpflegungspunkt bei Kilometer 39 in Haubitz, die bleibende Verwirrung bei mir auslösten: Musik empfängt uns neben einer mächtigen Eiche und einem Gedenkstein für die Gefallenen des Ortes, die Leute am VP sind (wie immer) freundlich, ein Kasten Bier erweitert das Nahrungsangebot, nicht gänzlich geleerte Flaschen dürfen sogar mitgenommen (und im Ziel abgegeben) werden - bis hierhin ist ja auch alles in Ordnung. Doch dann geschieht Unfaßbares: Läufer aus einer "schnelleren" Gruppe ziehen durch, lassen die Verpflegung (und damit auch die Mühen des Veranstalters) links liegen. Geht's noch? Wettkampf oder Gruppenlauf? Wohlfühlveranstaltung oder Olympianorm? Ich werde es höchstwahrscheinlich nie erfahren, was sie da geritten hat, verstehen kann ich es jedenfalls nicht! Vielleicht ein unangekündigter, dringender Toilettenbesuch - das würde ich als Erklärung durchgehen lassen, aber gleich bei einer Handvoll Läufer?

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