Waldwiese

7. Jurasteig Nonstop Ultratrail (JUNUT) 2017

Geschrieben von Thomas Delling.

07.04.2017 9:00 Uhr 239 km 7.515 Hm+ 7.494 Hm- (DNF)
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Die Hürde "JUNUT 239" war in diesem Jahr zu hoch für uns - DNF auf der Geburtstagstour!

Wenn der Geburtstag auf einen Sonntag fällt, feiert man bekanntlich von Sonnabend beginnend, in diesen hinein. Da dies mittlerweile nichts ungewöhnliches mehr ist - Ute und ich es aber etwas ausgefallener mögen, entschlossen wir uns, mein Wiegenfest schon ab Freitag "anzufeiern". Natürlich mit Vollgas und Party an der Leistungsgrenze! Dieser Raubbau am Körper endete dann logischerweise mit einem Abbruch der Veranstaltung unsererseits, noch lange bevor der Ehrentag begonnen hatte. So gab es keinen Zieleinlauf zu meinem 46. Geburtstag in Dietfurts "Alter Turnhalle" und damit keine zweite Jurasteig-Bewältigung nach 2014 - nur ein DNF (did not finish / nicht beendet) als erstes Geburtstagsgeschenk von mir selbst ...

Sicherlich ist der Frust über das Nichtbeenden der kompletten Jurasteig-Schleife groß, aber von vorn herein ist dieses Scheitern auch nicht ganz so überraschend, wenn man sich meine halbseidene Vorbereitung darauf vor Augen führt. Nur rund 300 Trainingskilometer im ersten Quartal des Jahres - da braucht man sich normalerweise nicht für einen 230-Kilometer-Lauf gerüstet fühlen. Ständige Knieschmerzen bremsten meinen (sicherlich nicht übertriebenen) Bewegungsdrang in diesem Jahr von vornherein aus. Einem Trainingslauf folgte eine Woche (oder gar länger) schmerzbedingte Pause, nach dieser "Erholung" begann das Spiel von vorn. Diesen zwangsläufig entstandenen Energieüberfluß nutzte mein Körper, um ein Fettdepot nach dem nächsten anzulegen. Durch diese Auflastung hatten wiederum die Kniegelenke mehr zu leiden und ein Ende dieser Spirale war nicht abzusehen. Letztenendes war es beim JUNUT jedoch die (von der Vielzahl der Kilometer) völlig überraschte Beinmuskulatur, welche dem Geist die Gefolgschaft versagte. Mit so einer langen Belastungsdauer hatten die Waden und Schenkel, aufgrund des bisher "ruhigen" (Trainings-)Frühjahres, nicht gerechnet. Sicherlich erleichterten mehrere Blasen an den Füßen das Laufen nicht, diesen Schmerz konnte ich jedoch als ungefährlich einordnen, denn da kann man nichts groß kaputt machen. Im Gegensatz zur Muskulatur, welche gegen Ende nicht mal mehr bereit war, einen langsamen Spaziergang zu absolvieren. Das Kaffeebohnengetippel bergab setzte dem greisenhaften Dahingesieche zusätzlich die Krone auf. Weil auch die relativ langen Erholungspausen an den Verpflegungspunkten nicht mehr zur Besserung beitrugen, entschieden wir uns nach 170 absolvierten Kilometern mit 5.639 Metern im Anstieg, unseren Lauf (trotz siebeneinviertel Stunden Vorsprung auf das Zeitlimit) in Kastl zu beenden.

Begonnen hatte das Dilemma mit dem erfolgreichen Beenden des PTL im Spätsommer 2016. Was sollte nun noch kommen? Nichts, außer Selbstzufriedenheit! Da gab es folglich wichtigere Dinge, als sich einem geordneten Lauftraining zu widmen und so wurde es ein verhältnismäßig lockeres Ausbaumeln zum Jahresende hin. Im Oktober erhielten wir zwar unsere Einladung zum JUNUT, die Vorbereitung dafür sollte jedoch erst ab Dezember starten. Nur ein paar, an den Fingern abzuzählende Trainingseinheiten kamen dann zustande - zu wenig, um beim JUNUT bestehen zu können? Eine Woche Urlaub mit ausgedehnten Wanderungen um Dietfurt und einem längeren Lauf zur "Ruine" der Bavariabuche (42,25 km / 597 Hm+) stimmen uns auf den Jurasteig-Ausflug ein - von einem eventuellen Scheitern gibt es keine Spur! Am Donnerstag holen wir unsere Startunterlagen, lauschen abends den Ausführungen von Gerhard Börner beim Briefing und schlagen uns danach beim "Stirzer" zur Pasta-Party die Bäuche voll. Insgesamt sind 106 Läufer auf der kompletten Runde (JUNUT 239) und 22 auf der verkürzten Variante (JUNUT 170) gemeldet. Die mitzuschleppende Pflichtausrüstung beschränkt sich auf das Mitführen eines Mobiltelefons, eines Trinkbechers und des Roadbooks. Was man sonst noch für notwendig hält, kann jeder Teilnehmer selbst entscheiden - z.B. eine Stirnlampe für die dunkleren Abschnitte oder Regenbekleidung für eventuell feucht-nasse Momente, vielleicht auch eine Rettungsdecke oder diverse Wechselkleidung. Da hier jedoch kein Greenhorn (in Sachen Ultralauf) startet, dürfte jeder das für ihn wirklich Notwendige auch dabei haben. Damit die Verpflegungsstellen nicht übermäßig lang besetzt werden müssen, gibt es zwei Startzeiten: die "Langsamen" starten demnach 9 Uhr und die, die um den Sieg kämpfen, 15 Uhr.

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 Der 9-Uhr-Start in Dietfurt a. d. Altmühl.  Über 1.000 Höhenmeter bis zum ersten VP.

Bis zum ersten Verpflegungspunkt in Riedenburg sind 26,6 Kilometer (1.014 Hm+) zurückzulegen. Nach einem gemächlichen Trab durch die Stadt (364 m) ordnet sich das Teilnehmerfeld rund einen Kilometer später in den Wald ein. Nun geht es ständig leicht wellig auf der gegenüberliegenden Seite des Wolfsberges nach Mühlbach (364 m). Dort nimmt der Weg die ersten ernsthaften Höhenmeter zu einem Hochplateau (505 m), welche kurze Zeit später in einer rasanten Abfahrt durch knöchelhohes Buchenlaub wieder vernichtet werden. Am Ortseingang von Meihern (378 m) gibt es dann schon die ersten unterschiedlichen Meinungen, betreffs der Streckenführung. Ganz klar geht der (ausgeschilderte) Jurasteig durch den Ort und nicht unten am Main-Donau-Kanal entlang. Für mich sind die blau-gelben Schilder des Wanderweges maßgebend, was das GPS-Gerät an dieser Stelle anzeigt, kann ich nicht beurteilen, da ich dies nur für Notfälle (in der Nacht) mitführe. Jedenfalls sind beide Streckenvarianten fast gleich lang, so das es zu keinen großen Positionswechseln im Feld kommt. Nach der Überquerung des Kanals, beginnt am Ortsausgang von Deising (371 m) der Anstieg zum Roßkopf (481 m). Hier mündet der Jurasteig auf den Altmühltal-Panoramaweg, welcher nun auch die Ausschilderung für beide Wanderwege übernimmt. Es folgt eine lange Schlaufe Richtung Zell, welche am Altmühlmünster Bach hinab nach Eggmühl (370 m) führt. Oberhalb des Main-Donau-Kanal gewinnt nun der Weg wieder etwas an Höhe und erreicht Obereggersberg (460 m). Am Schloß Eggersberg vorbei, verschwinden wir im Wald und nehmen dort an einer Weggablung, nach einem Fotostop an einer Forstmaschine (Ponsse-Vollernter), den falschen Weg. Diesen Fauxpas bemerken wir jedoch ziemlich schnell und befinden uns daher auch nur wenige Minuten später wieder auf dem langgezogenen Bergabstück des Altmühltalweges und gelangen nach einer weiteren Kanalüberquerung nach Gundlfing (360 m). Der Schulsteig bringt uns nun zum Drachenfliegerpodest (538 m) bei Jachenhausen, von wo man eine herrliche Sicht auf den Bogen der Altmühl und unseren Etappenort Riedenburg (358 m), über dem die Ruine Tachenstein sowie Schloß Rosenburg thronen, hat.

In Riedenburg (auf der gegenüberliegenden Seite des Main-Donau-Kanals) erwartet uns an der Tourist-Information der erste Zwischenstop, welchen wir nach 3:12 Stunden Wettkampfzeit erreichen. Nachdem die mitgeführten Getränkeflaschen mit Wasser wieder aufgefüllt sind, fallen wir über das Buffet her: Speckfett, Kekse und Radler, dazu ein, zwei Apfelstücke. Nach einer Viertelstunde Aufenthalt machen wir uns dann gut gestärkt auf den weiteren Weg. Nun sind es 24,1 Kilometer (824 Hm+) bis zum nächsten Verpflegungspunkt.

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Der Spaß hat erst begonnen! Marktplatz von Riedenburg

Noch ein paar Meter durch die Stadt, ehe wir wieder in der Natur verschwinden. Ins Gespräch vertieft, schallt uns dabei ein "Laufts ahn Marlathon?" aus einer Schülergruppe entgegen. Diese Frage gab es schon vor drei Jahren, damals in Kelheim, unserem nächsten Etappenort. Es wäre nun müßig, den jungen Kerlen unser Vorhaben zu schildern, daher belassen wir es bei einem "Lääänger!" als Antwort. Durch die Bucher Leite wird es kurz darauf wieder recht still, da wir auch "allein" unterwegs sind. Es folgen die Felsenformationen im Naturwaldreservat "Klamm und Kastlhäng", wo der kleine Abstecher auf den Aussichtsfelsen (430 m) natürlich nicht fehlen darf. Noch sind solche Extras für mich kein Problem, aber schon recht bald wird meine überschüssige Energie immer weniger. Viel zu früh, bei solch' langer Distanz! Daher ist der Anstieg von Einthal (355 m) über Nußhausen (370 m) zum Schloß Prunn (450 m), dem Fundort des "Prunner Codex" (der Überlieferung des Nibelungenliedes in mittelhochdeutscher Sprache), auf gegenüberliegender Flußseite schon recht kräftezehrend. Zumal es danach auch weiter bergauf geht. Die lange Bergabpassage im Prunner Forst nach Felsenhäusl (357 m) ist da wie ein Geschenk. Dort versperrt ein Bauzaun den weiteren Weg, da großangelegter Rohrleitungsbau den nötigen Platz benötigt. Wir schlängeln uns an der Baustellenabsperrung vorbei und ernten von den Arbeitern auch Anfeuerungsrufe statt Maßregelung. Über die einst längste Holzbrücke Europas, dem Tatzlwurm, wechseln wir in Weihermühle (355 m) erneut das Ufer. Flach am Wasser entlanglaufend, gelangen wir zum Naturschutzgebiet "Hirschberg und Altmühlleithen". Dort geht es wieder nach oben - zum 2.000 Jahre alten Keltenwall, der sich über das Plateau zwischen Altmühl- und Donautal zieht. Auch hier nehmen wir die kleine Verlängerung zum Aussichtspunkt auf Kloster Weltenburg war. Der Blick auf die Anlage im Donaudurchbruch ist zwar durch Büsche stark eingeschränkt, lohnt sich aber trotzdem. Durch das Naturschutzgebiet "Weltenburger Enge" wird nun das Donauufer angesteuert. Auf der Donaupromenade verläuft die Streckenführung parallel zum Fluß. Obwohl es mit dem Strom leicht "bergab" geht, fällt mir das Laufen schon sichtlich schwerer. In Kelheim (343 m) queren wir noch Teile der Altstadt, ehe uns der Pavillon an der Altmühl zum Vesper erwartet. Es ist 15:42 Uhr, als wir den VP erreichen, der offiziell erst ab 16 Uhr "geöffnet" hat. Wir sind aber bei weitem nicht die ersten, die dort aufschlagen - aber deswegen auch kein Fall für die "späte" Startgruppe, die seit 15 Uhr auf den Beinen ist. Am Stand gelten, wie immer, die selbstauferlegten Regeln: zuerst füllen wir die leeren Getränkeflaschen mit Wasser und verdünntem Apfelschorle auf. Danach werden auf dem WC, wie schon in Riedenburg, die gröbsten Salzablagerungen aus dem Gesicht gewaschen. Erst dann gibt es die Stärkung mit Radler und diversen Knabbereien. Wiederum 15 Minuten Pause gönnen wir uns, ehe es gegen 16 Uhr weiter durch die Stadt Richtung Goldberg geht.

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 Am Donauufer, unterhalb der Befreiungshalle.  ... es folgt die mit 27,8 km längste Durststrecke.

Nun steht mit 27,8 Kilometern (817 Hm+) die längste verpflegungsfreie Strecke auf dem Programm. Wir haben dafür vier Stunden Zeit, denn das Gerätehaus der Feuerwehr Matting (VP mit Gepäckaufbewahrung) öffnet erst 20 Uhr und ab 21 Uhr ist das Übersetzen über die Donau (mittels Boot) möglich. Wir müssen uns also nicht überschlagen und ich kann Ute nun des Öfteren von einer langsameren Gangart überzeugen, was natürlich meinem schon leicht angekratzten Zustand entgegenkommt. Der Jurasteig ist nun wieder mit den Jurasteig-Schildern gekennzeichnet. Der "Kreuzweg am Kalvarienberg" zum Goldberg hinauf ist von alten Linden und kleinen Kapellen gesäumt. Im ständigen Auf und Ab und mit vielen Ecken in der Wegführung geht es danach durch Haidschlag und Kocherholz, vorbei an einer freistehenden, von weitem sichtbaren Eiche nahe Lindach zum ersten (unbemannten) Checkpoint der Strecke. Dieser befindet sich oberhalb von Schultersdorf am Waldrand des Kirchenholzes (428 m). Wieviele es von diesen Kontrollpunkten insgesamt gibt, wurde beim Briefing nicht preisgegeben. Man muß jedoch einen Nachweis erbringen, daß man diese Stelle auch angelaufen hat. Dies gelingt am besten, wenn man sich eins der (in der bereitstehenden Kiste befindlichen) schwarzen Armbänder (mit grüner Inschrift: JURASTEIG NONSTOP ULTRATRAIL) mitnimmt. Ein Zettel auf der Box erklärt zudem Landwirten, Jägern und Wanderern den Sinn des nicht alltäglichen Fundes. Ein Feldweg bringt uns danach hinunter ins Donautal, um gleich darauf einen steilen Asphaltanstieg zum Ortskern von Kapfelberg (384 m) folgen zu lassen. Auf Wald- und Wiesenwegen erreichen wir Poikam (340 m), wo uns eine Brücke auf die andere Donauseite nach Eiermühle (342 m) bringt. Ein Steig oberhalb der Donau führt nun zur Kaiser-Therme oberhalb Bad Abbachs (338 m). Dort ist die Streckenführung zum Original-Jurasteig leicht geändert und gut ausgeschildert: statt durch den Kurpark geht es geradewegs durch die Stadt. Nach Kalkofen (370 m) biegen wir wieder in die Natur ein und treffen unterhalb des Galgenbergs auf einen Radfahrer, der eine kurze Unsicherheit bei unserer Wegfindung bereinigt. Wir unterhalten uns mit ihm über die weiteren Abschnitte und er zollt uns jede Menge Respekt für unser Vorhaben, den Jurasteig komplett am Stück zu bewältigen.

Wir treffen um 20:02 Uhr am Feuerwehrgerätehaus in Matting (337 m) ein - Punktlandung! Holger (mit ihm haben wir schon Teile des JUNUT, des Südtirol Ultra und des PTL geteilt) ist seit einer Stunde hier. Doch vor 21 Uhr geht es nun mal nicht weiter, da erst dann die Donauschiffahrt ruht und die Feuerwehr beginnen kann, die Läufer mit dem Boot überzusetzen. Wir haben jetzt eine Stunde Zeit, um uns für die kommende Nacht fit zu machen. Hier (in Matting) ist rund ein Drittel der Strecke (78,5 km) geschafft und erstmals warten die Taschen mit den persönlichen Wechselsachen etc. auf die Teilnehmer. Daher ist ein kompletter Kleiderwechsel angesagt, aber auch Pflicht. Deshalb raus aus dem versalzenen Zwirn und am Waschbecken der Toilette frisch gemacht. Dann rein ins lange Outfit und den Füßen für die Dauer des Aufenthalts eine Lüftungspause gegönnt. Die anschließende Völlerei mit Radler, Weintrauben und frischem Brot verkürzt die verbleibende Zeit recht schnell und so sind wir mit der vierten Fuhre über die Donau um 21:15 Uhr auch recht optimal im Zeitplan dabei.

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Checkpoint mit Schatzkiste VP 3 bei der Feuerwehr Matting (km 78,5)

Nun folgt mit 10 Kilometern (465 Hm+) der kürzeste Teilabschnitt. Es ist mittlerweile dunkel und im Schein der Lampen nehmen wir den Uferweg, am Fuß des Dacherlfelsens vorbei, Richtung Regensburg. Eine Spitzkehre zwingt uns dann zum Richtungswechsel ins Bruckdorfer Holz hinauf. Es geht nun steil nach oben - zum Naturschutzgebiet "Mattinger Hänge". Wir passieren die Zuylen-Kapelle (442 m) und wenig später das Tal der Schwarzen Laber, durch den Emmeramforst gelangen wir nach Eilsbrunn (413 m). Dort gelingt es uns, die Spur des Jurasteiges zu verlieren. Erst nach der dritten Variante (die das übersichtliche Straßennetz im Ort zu bieten hat) und mit gut 20 Minuten Zeitverlust sind wir wieder auf dem richtigen Weg. Das ist ärgerlich, aber es passiert nun mal! Zu allem Überfluß stellt Ute kurz darauf fest, ihr Armband vom ersten Kontrollpunkt verloren zu haben. Wir gehen alle möglichen Szenarien durch und finden die Lösung, sprich das gesuchte Armband, im zwischenzeitlich von ihr getragenen Handschuh (wieder). Erleichterung macht sich breit! Noch mehr Schrecksekunden werden jetzt nicht benötigt! Das Naturfreundehaus "Alpiner Steig" (als nächster VP) ist vorbildlich gekennzeichnet und im Inneren warten wohlige Wärme und eine freundliche Bedienung auf uns.

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Mit der vierten Fuhre des Tages setzen wir über: Donauquerung mit dem Boot der Feuerwehr.

Ute nimmt dabei gern die angebotene Kartoffelsuppe des Hauses in Anspruch, während ich mich an die Flüssignahrung aus der braunen Glasflasche halte. Von 22:55 Uhr bis 23:10 Uhr verweilen wir in der Herberge und werden (wie überall) mit den besten Wünschen in die kalte Nacht verabschiedet. Mit 15,2 Kilometern (486 Hm+) weist die nächste Etappe auch wieder eine recht überschaubare Distanz aus.

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  Leckere Kartoffelsuppe im Naturfreundehaus "Alpiner Steig", oberhalb Schönhofens.

Von Schönhofen (400 m) führt der Eilsbrunner Weg über die BAB3 ins Naabtal, wo sich ein Bogen um die Ortschaft Effertzhausen (340 m) anschließt und welcher uns entlang der Naab und später durch den Effertzhausener Wald auf einem Pfad zur Räuberhöhle (408 m) gelangen läßt. Von da hinab nach Penk (338 m) - das gleichnamige Tal führt nun stetig steigend ins Mühlholz hinauf. Auf naturbelassenen Serpentinen wird danach über mehrere Kilometer Pielenhofen (340 m) anvisiert. Dabei gilt es noch, den zweiten Checkpoint (mit grünem Armband mit schwarzer Schrift) am Waldrand vor der Ortschaft zu beachten. In der Klosterwirtschaft von Pielenhofen befindet sich der fünfte (kulinarische) Stützpunkt unserer Reise. Wir zwei werden um 1:42 Uhr in die Liste der Ankömmlinge bei Kilometer 103,7 aufgenommen. Zu den Klängen klassischer Musik nimmt sich Ute von der leckeren Gemüsebrühe, während ich mich mit verschiedenen Wurstschnitten sättige. Das obligatorische Hopfengetränk darf in einem Kloster dann auch nicht fehlen und so vergeht die Zeit wieder schneller, als gedacht. Gegen 2:10 Uhr verlassen wir die Gaststube und machen uns auf die nächsten 12,9 Kilometer (327 Hm+).

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  Have a break in the "Klosterwirtschaft" Pielenhofen.

Auf der anderen Flußseite biegt der Jurasteig in den "Pielenhofer Wald in der Naab" auf einen Pfad ab, der zwar durch einen urbanen Abschnitt noch einmal unterbrochen wird, ansonsten aber durch das Naturwaldreservat Naabrangen verläuft. Von Kleinduggendorf (350 m) bis zur erneuten Überquerung der Naab in Kleinheitzendorf (342 m) verläuft der Weg im Wald am Jakobenberg. In der Ortschaft verpassen wir dann den Abzweig und laufen stupide den Fußweg entlang der Straße zu ende. Eine Markierung ist schon lang nicht mehr zu sehen - wir müssen zurück! Vergessen sind die (mittlerweile) stark drückenden Blasen an den Füßen und die schlaffer werdende Beinmuskulatur. In zügigem Tempo versuchen wir deshalb, unseren Fehler auszubügeln. An der Ausschilderung lag es nicht, daß wir nun Extra-Kilometer abspulen, eher an unserem Wahrnehmungsvermögen. Dafür sind wir jetzt wieder hellwach für den nächsten, bei Nacht sehr monotonen Abschnitt. Das langgezogene Tal ins Fürstenhölzl erklimmt nun ohne Abzweig auf mehreren Kilometern das Plateau von Dallackenried (488 m).

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  Das Feuerwehrgerätehaus in Dallackenried stellt (fast) den "Scheitelpunkt" der Strecke dar.

Auch hier ist die örtliche Feuerwehr der Gastgeber unserer Pausengestaltung, welche 4:42 Uhr für uns beginnt. Das leibliche Wohl ist, wie an allen Verpflegungspunkten der Tour, zur Genüge abgesichert. Essen, Trinken  und eine Mütze Schlaf(versuch) - 5:30 Uhr sind wir wieder auf Achse. Zur zweiten Drop-Bag-Station nach Schmidmühlen sind es nun 21,9 Kilometer (711 Hm+). Der folgende Weg ist mir von unserem 2014er JUNUT noch geläufig. Geradewegs über ein Feld zum Waldrand - so habe ich es in Erinnerung. Stutzig macht uns da nur ein, an einen Busch angelehnter Pfahl mit Jurasteig-Markierung. Zudem befindet sich auch noch die reflektierende Zusatzmarkierung daran. Soll der JUNUT wirklich hier rechts abbiegen? Ich gebe nach und wir laufen rund 300 Meter bis zur nächsten Weggabelung. Da sich dort kein weiterer Wegweiser befindet, entschließen wir uns, meine Variante zu laufen, da sich am unteren Waldrand auch Stirnlampen durch das Gebüsch kämpfen. Also retour! Meine Vermutung wird kurz darauf auch bestätigt und wir befinden uns wieder auf dem Original - nur mindestens drei Plätze weiter hinten. Hier kann man es aber niemanden übel nehmen, wenn auf dem "ausgeschilderten" Weg irgendwie zu den im Wald flackernden Lampen hin, zwangsläufig "abgekürzt" wird. Durch den Wald talwärts gelangen wir zum westlichen Zipfel von Kallmünz (381 m) und weiter nach Traidendorf (350 m). Den Weg entlang der Vils erledigen wir zwar im Laufschritt. Auch wenn wir etwas schneller als die anderen Läufer sind, hat dies schon lange nichts mehr mit Laufsport zu tun. Es ist ein gequältes Bewegen der Beine mit steifer Armarbeit bei stark gekrümmtem Oberkörper und nur mit viel Phantasie ist in dieses Tun eine Sportart hineinzuinterpretieren. Es fällt mir zudem immer schwerer, vom Geh- in den Laufschritt zu wechseln.

In Rohrbach (349 m) überqueren wir die Vils und der Anstieg zum Bruckberg (454 m) schließt sich an. Über Wiesen und durch Wälder gelangen wir nach Dietldorf (347 m) und nach einigem Auf und Ab nach Lanzenried (436 m). Anfangs noch über einen Feldweg, geht es danach kilometerweit durch Mischwald oberhalb der Vils gen Schmidmühlen (356 m). Dabei werden wir rund zwei Kilometer vor unserem Zwischenziel von den drei Führenden der "späten" Startgruppe überholt. Das ist schon frustrierend aber auch beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit sie die Abfahrt durch den Buchenwald nehmen! Kurz nach 9 Uhr haben wir dann auch den, am Ortsausgang gelegenen Sportplatz des SV Eintracht Schmidmühlen (VP Nr. 7) erreicht. Nach rund 24 Stunden stehen somit 138,5 Kilometer zu Buche. Wir liegen im Soll. Nach einer Dusche und einer Neueinkleidung widmen wir uns der Verpflegung. Die Batterie des mitgeführten Trackers wird getauscht, damit man auch weiterhin unsere virtuelle Spur auf dem Jurasteig verfolgen kann. Die Pause zieht sich bis 10:35 Uhr. Aufgrund der Bewölkung und einer Temperatur um die 10°C habe ich mich weiterhin für das lange Beinkleid (welches nur für die Nachtabschnitte gedacht war) entschieden, da das Knie bisher nicht muckerte und ich meine lädierte Oberschenkelmuskulatur gern noch etwas warm halten würde. Ein angedachter Schuhwechsel entfällt, da ich kein (im wahrsten Sinn des Wortes) passendes Schuhwerk zur Verfügung habe. Die Füße sind mittlerweile so "angeschwollen", daß ich auch auf doppelte Socken verzichten muß, um wenigstens meinen "bisherigen" Schuh weiter tragen zu können. Im Gegensatz zu Ute habe ich zudem meine Blasen nicht aufgeschnitten, sondern nur die Füße dick mit Babycreme eingefettet, nachdem die lange Lüftungsdauer die Hautpartie am Fahrwerk schon wieder wesentlich ansehnlicher gemacht hatte. Unsere Gepäcktaschen geben wir in den Sammeltransport für Deining (km 202,3). Es besteht nämlich auch die Möglichkeit, seine Tasche zum Kurzstreckenziel Kastl (km 170) dazuzustellen, wenn man dort (als 239er) aussteigen möchte. Dann hat man dort sein Hab und Gut vor Ort und kann sich im Anschluß an den Lauf gleich wieder "zivilisieren". Diese Option steht für uns allerdings nicht zur Debatte.

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  Verpflegungs- und Dropback-Station beim SV Eintracht Schmidmühlen

Auf den nächsten 12,5 Kilometern (403 Hm+) führt der Jurasteig nach Hohenburg. Anfangs durch Mischwald zum Blaugrundgraben hinauf und später über offenes Feld nach Winbuch (445 m). Der Grießgraben führt anschließend hinunter zum Taubenbach und weiter ins Tal der Lauterach. Wir passieren Andertshausen (374 m) und ich habe schon massive Probleme Ute's Tempo zu halten. Der Abstand in unserer Zwei-Personen-Gruppe ist stellenweise viel zu groß. Ich muß mich quälen, denn mittlerweile hat sich die Sonne auch für einen Auftritt im Jura entschieden und läßt mich mit meinen langen Hosen (bei 20°C und mehr) ganz schön dampfen. Im Rubenholz ist Ute mal wieder aus meinem Sichtfeld verschwunden und verpaßt so einen Abzweig. Doch ich kann sie zurückpfeifen, da sie sich noch in Hörweite befindet. Durch mein langsames Tempo hatte ich wesentlich mehr Zeit, die Beschilderung richtig zu deuten. Oberhalb der Wallfahrtskirche Stettkirchen gelangen wir danach durch Kiefernwald und auf Trockenrasen zum Abzweig vom Jurasteig zum Sportplatz des TuS Hohenburg (385 m). Dort wollen wir uns normalerweise nicht zu lang aufhalten, damit wir noch bis Einbruch der Dunkelheit möglichst viel Strecke schaffen. Es kommt aber alles anders und so stecken wir, ins Gespräch vertieft, bei einem Weizenbier und etwas fester Nahrung in der Sportgaststätte des Turn- und Sportvereines von 12:45 Uhr bis 13:10 Uhr fest.

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Der TuS Hohenburg lädt zum 8. VP der Strecke. Oberhalb Stettkirchens - Kilometer 150

Für den nächsten Streckenabschnitt mit seinen 19 Kilometern (592 Hm+) prognostiziert man für unser Duo rund dreieinhalb Stunden. Los geht es dabei mit einem Anstieg zum Aussichtspunkt am Kalvarienberg (438 m), der einen herrlichen Blick auf Ort und Ruine Hohenburg freigibt. Die Ortschaft Hohenburg (384 m) wird kurz darauf gequert um nach einem weiteren Anstieg auf eine Hochfläche zu gelangen. Von dort geht es im Waldstück unterhalb des Schwanenwirtsberges nach Allersburg (416 m), wo über große Umwege der Ortskern mit seiner Kirche erreicht wird. Vorbei an den Büchelbergen, Hochwacht und Wacht zieht sich der Waldweg nach Flügelsbuch (505 m). Es wird für mich nun immer schwieriger, Ute zu folgen. Die Beine sind völlig kraftlos und irgendwo im Wald des Hafnerholzes reift der Entschluß in Kastl das Handtuch zu werfen. Zwar rechne ich mir und Ute mit einem veranschlagten Tempo von 4 km/h die Restdistanz noch schön und verweise auf die üppigen Pausenzeiten, die dabei noch anfallen würden. Dies ist jedoch alles Theorie. Mein Verfall ist nicht mehr zu leugnen. Ich bräuchte nun viel längere Erholungsphasen, welche sich in immer kürzer werdenden Abständen notwendig machen würden. Da ist dann selbst der riesige Vorsprung auf das Zeitlimit schnell aufgebraucht und die zweite Nacht trägt ihren Teil zur kommenden "Selbstzerstörung" maßgeblich bei. Wir wissen, daß im hinteren Teil der Strecke die Markierung an manchen Stellen etwas mau ist. Wenn dann noch ein paar Verläufer zum immer enger werdenden Zeitplan dazukommen, wird es auch ganz schnell richtig ungemütlich. Und wie hat mir Martin mit auf den Weg gegeben? "Wenn es mit dem Knie nicht geht, erzwinge nichts!" Das Knie ist zwar schmerzfrei (warum auch immer?) aber die Muskulatur ist definitiv im Allerwertesten. Ich denke, ich sollte auf meinen Sohn hören und die richtigen Konsequenzen ziehen.

Wir queren die Lauterach und nehmen den Anstieg zum Rechenfels (549 m) und folgen dem Jurasteig weiter durch die Wälder unterhalb von Kastler Berg und Enzenberg. Die breiten Forstwege sind hier mit besonders groben Schotter bedeckt - ein weiterer "Genußfaktor", der einem die Lust nimmt. Bevor es in den Ort Kastl (430 m) geht, ist erstmals die gewaltige Klosteranlage auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen. Nun ist es vielleicht noch ein Kilometer, bis der Gasthof "Forsthof" erreicht ist. Dort befinden sich der nächste Verpflegungspunkt und auch das Ziel des JUNUT 170. Es ist 16:44 Uhr, als ich der jungen Frau am Anmeldeschalter das Beenden unseres Laufes bekanntgebe. "Aber ihr habt doch für 239 Kilometer bezahlt!", so ihre korrekte Antwort. Nur leider ist mein Körper nicht für 239 Kilometer bereit! Unsere Zeit (31:44 Stunden) wird in ihrem Block durch ein "F" (für finish) ergänzt. Dadurch sind wir zwar in die Wertung des JUNUT 170 aufgenommen, für mich bekommt dieser Wettkampf jedoch ein klares DNF. Ich will auch die obligatorischen Gratulationen und alles Schöngerede gar nicht hören. Mir tut es vor allem für Ute leid, sie jetzt hier mit rauszureißen, weil sie die restlichen 69 Kilometer nicht allein in Angriff nehmen möchte.

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 Am Verpflegungspunkt in Kastl endet die JUNUT-Kurzstrecke - 170 km / 5.639 Hm+ / 5.495 Hm-

Eine Stunde später fährt der nächste Sammeltransport nach Dietfurt. Ich schlafe während der Fahrt ein - es ist eben nicht mein Tag! Im richtigen Ziel in der "Alten Turnhalle" melden wir uns entgültig ab. Gegen Vorlage der zwei Armbänder bekommt man das Finisher-Shirt mit der 170 drauf. Ich kann mich nur nicht darüber freuen, die Enttäuschung ist einfach zu groß. Somit ist nun die aus dem Ruder gelaufene Geburtstagsfeier beendet, noch bevor der Geburtstag beginnt. Im Laufe des Abends kommen dann noch unsere Taschen mit den Wechselklamotten, die in Deining auf uns warteten. Nach einer heißen Dusche ist die nötige Bettschwere für die Matratze in der Turnhalle erreicht. Mit ein paar anderen Läufern (ob nun glücklich oder nicht) geht es in die zweite Nacht des 2017er JUNUT. Am Geburtstagsmorgen verlasse ich gegen 5:30 Uhr mein Schlafgemach und verbringe die nächsten zwei Stunden auf einer Holzbank vor dem örtlichen Kintergarten. Diesen Geburtstag habe ich mir wahrlich anders vorgestellt! Vielleicht sollte ich ihn noch in den Sommer verlegen, um dann etwas daraus zu machen?! Später sitze ich dann mit Ute im Sonnenschein bei Sekt und Obst, dazu Gemüsesaft. Die ersten Geburtstagsglückwünsche trudeln ein und wenn nicht dieser Tag schon beschissen genug wäre, flattert auch noch der Zwischenstand von Martins Spiel auf's Telefon: 0:1 nach 10 Minuten im wichtigen Spiel gegen den Abstieg aus der Landesliga gegen "Mitbewerber" FSV Zwickau. Dabei hatte ich mir von ihm nur einen Sieg zu meinem Ehrentag gewünscht und nun dies! Es folgt das nächste Telefonat: Warum? Wieso? Weshalb? Das Dauerquiz mit Jens. In der Zwischenzeit vermeldet mir Ute den Zwischenstand von der Beyerstraße - 4:1! Martin hat dabei den Ausgleich und das 2:1 erzielt - seine ersten Saisontore (als Abwehrspieler)! Mein Frust schlägt in Freude um. Am Ende gewinnt der VfB mit 6:2 und ich sehe diesen Tag doch noch als gerettet an ...

Nur 26 Läufer werden im Protokoll des JUNUT 239 als Finisher gelistet, dafür immerhin 50 auf der Kurzstrecke. Der Jurasteig Nonstop Ultratrail ist eben kein Spaziergang, den man mal so im Vorbeigehen mitnimmt!

Ergebnisse: JUNUT 239 und JUNUT 170

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