Waldwiese

14. Elbtal-Weinlauf in Meißen 2017

Geschrieben von Thomas Delling.

07.10.2017  9:45 Uhr  30 km  250 Hm+  250 Hm-  (kein Wettkampf) 

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Nach 2013 und 2015 steht nun im Zwei-Jahres-Rhythmus die dritte Teilnahme von Ute und mir beim Meißner Weinlauf an. Da dieser Laufwettbewerb so unglaublich intensiv ausgetragen wird, verbietet es sich ganz einfach, dem Körper nur eine zwölfmonatige Pause bis zur nächsten Veranstaltung im Folgejahr zu gönnen. Deshalb wird die Regeneration bei uns auf die doppelte Dauer ausgedehnt, um die vollständige Wiederherstellung der geschädigten Körperzellen zu garantieren, ehe es wieder in den Weinbergen oberhalb der Elbe hart zur Sache gehen kann.

Nun sind ja 30 Kilometer zum Ablaufen kein Thema, erst recht nicht, wenn man dafür 7:15 Stunden Zeit bekommt. Das Hauptproblem ist auch nicht das ständige Auf und Ab in den (sonst verschlossenen) Weinbergen, sondern die 18 exquisiten Verpflegungsstationen unterwegs. Dort kann man sich, bei ungenügendem Trainingszustand, schnell "abschießen" und ein sprichwörtlich aschgraues DNF (Did not finish), also ein wahrhaft unrühmliches Ende ohne Zieleinlauf, ans Revers geheftet bekommen. Eine Schande, die niemand in seiner Familienchronik weitergeben will und deshalb ist eine gewissenhafte Vorbereitung das A und O des erfolgreichen Bestehens dieses Extremlaufes. Ja, richtig gelesen: Extremläufe finden nicht nur über die Alpen oder zum Fichtelberg statt ... Nein, wenn dieses Wort schon mißbraucht wird, dann bitte auch hier, bei dieser körperlich und geistigen Maximal-Herausforderung.  

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Ausgeschrieben ist der Weinlauf als "genußorientierter Landschafts- und Erlebnislauf", was man aufgrund der hervorragenden Bewirtung auf dem Rundkurs, welche stellenweise von Bands und Kapellen begleitet wird und dem beeindruckenden Landschaftsbild entlang der Sächsischen Weinstraße auch so stehen lassen kann. Doch leider kommt unsere gesamte 24köpfige Busladung aus dem Großraum Chemnitz. Gerade im ehemaligen "Ruß-Chamz" wird man, im krassen Gegensatz zum noblen Elbtal, im Schatten großer Brauereien und in der Umgebung noch rauchender Schornsteine und gigantischer Industriebrachen groß. Da ist dieser Sonnabend in Meißen in puncto Infrastruktur ein regelrechter Kulturschock - da treffen Welten aufeinander!

Trainieren kann man diesen Lauf in unseren Breitengraden daher auch nur mit dieser "Ersatzflüssigkeit" Bier, welche ein ganz anderes "Endergebnis" an den Tag legt, als es der mondäne Weingenuß offenbart. Während man beim Bier die getätigten Sitzungen in Litern vorrechnet und es völlig egal scheint, welches Gebräu da den Magen besucht, verbringt der Weinkenner seine Abende mit dem Nippen am Glas und dem Philosophieren über Jahrgänge, Sorten und Anbaugebiete. Das wiederum sind Übungen, die erfolgsorientierte Sportler nicht weiterbringen würden und deshalb sind zu deren Leistungssteigerung Besuche auf Veranstaltungen mit reichlich Bierausschank festgeschrieben. Dementsprechend finden dann auch zur Kernzeit des Weinlauf-Trainingsplanes mehrere Bierspülungen statt, damit sich Körper und Geist schon mal an höhere Mengen Alkohol gewöhnen.

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Die Anmeldung zum Weinlauf muß, wie immer, recht schnell über die Bühne gehen, da Anfang jeden Jahres nur 3.000 Startplätze vergeben werden - was dann auch innerhalb von ein paar Minuten geschehen ist. Da die Burgstädter Lauffreunde mit dem Anmeldemodalitäten quasi groß geworden sind, wäre es töricht, selbst sein Glück bei dieser Lotterie zu versuchen. So werden die persönlichen Rechte an Name und Vereinszugehörigkeit an die Routiniers vom Lokalrivalen abgetreten und mit dem Zusatz "Burgstädter Laufverein" erscheinen kurz darauf die eigenen Daten in der Anmeldeliste. Ein Umstand, der keinesfalls bis in die Chefetage des LV Limbach 2000 vordringen darf. Dies würde nur zu unnützen Irritationen führen und die bilateralen Beziehungen der beiden Vereine auf eine harte Probe stellen. Das will schließlich niemand und deshalb spielen alle dieses Spiel mit: wir sind (gezwungenermaßen) für einen Tag Burgstädter und der BLV hat mit Jens, Ute und mir drei zuverlässige Weinläufer mehr in seinen Reihen.

Letztendlich werden nur acht der 24 Businsassen den 30-km-Lauf absolvieren. Damit liegt man zwar deutlich über dem allgemeinen Schnitt, denn nur rund 200 von 3.000 Anmeldungen sind bei der "Königsdisziplin" dabei - der Rest verteilt sich auf Lauf- und Wanderstrecken von 10, 12 und 17 Kilometern. Neben den Original-Burgstädtern Jeanette, Jochen und Carsten und uns drei "Limbachern" sind mit Marco und Lars noch zwei Vereinslose auf der langen Schleife dabei. 

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Mit den beiden Letztgenannten und Jens werde ich den größten Teil der Strecke gemeinsam ablaufen bzw. abtrinken. Dabei werden die Verpflegungsstellen auch maximal von uns ausgekostet - der erste Weinausschank bremst übrigens schon nach nur anderthalb Kilometern den Lauffluß aus. Mit ein paar Speckfettbemmen zusätzlich zum Rebensaft wird einem zu frühen Kollabieren vorgebeugt, wohlwissend, daß der übernächste VP ("Zum Zuessenhaus") das komplette Frühstücksangebot bereit hält. Dort entscheidet eine vernünftige Essenszufuhr über Wohl und Wehe des restlichen Tages: Hackepeter-, Blutwurst-, Leberwurstschnitten, dazu gekochte Eier oder Wiener Würstchen, aber auch Äpfel und natürlich Wein. Hier muß die Grundlage für den Zielerfolg gelegt werden. Eine ordentliche Packlage im Magen wird im Laufe des Tages noch jede Menge Wein aufnehmen können, daher ist reichliches Essen Pflicht - zumal es auch noch verdammt lecker schmeckt und noch mehr als genug vorhanden ist. Nebenbei regnet es leicht, deshalb ist die Hast bei uns auch nicht zu groß und erst mit dem Abklingen der Schauer verlassen wir dankend die Unterstände bei Kilometer 5.

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Nun folgt mit viereinhalb Kilometern der längste Teilabschnitt, daher auch ehrfurchtsvoll "Durststrecke Kleinzadel-Diesbar" genannt. Genau aus diesem Grund war es auch wichtig, die Flüssigkeitszufuhr an den bisherigen drei Verpflegungspunkten nicht zu vernachlässigen. Der erste Schoppen Wein (in diesem Fall 0,5 Liter) hat mittlerweile den Gaumen passiert. Die Geschmacksnerven sind nun nicht mehr zu hundert Prozent geeicht, aber es ist definitiv noch ein Unterschied zwischen Rot- und Weißwein festzustellen. Vielleicht steht aber bei dieser geschmacklichen Wahrnehmung auch nur noch das Auge hilfreich zur Seite? Jedenfalls ist der Weg breit genug und selbst mit vernebelten Blick ist noch sehr gut die Spur zu halten.

Im Landgasthof "Zum Roß" in Diesbar zerreißt dann unsere achtköpfige Burgstädt-Truppe bis auf weiteres. Nun bin ich mit Jens, Marco und Lars, den drei am wärmsten angezogenen Läufern des Weinlaufes, allein unterwegs. Das Thermometer kratzt am zweistelligen Plusbereich und trotzdem werden Thermojacken und lange Hosen getragen. Am Wendepunkt in Seußlitz folgt daher zwangsläufig der erste Kleiderwechsel bei meinen Begleitern: Raus aus den verschwitzten Klamotten und rein in Trägershirt und Sprinterhose! Falsch! Die ausgekühlten Körper brauchen nun dringend Wärme und dementsprechend werden lange Unterhosen und noch eine zweite trockene Schicht unter der Jacke angelegt. Man ist der Meinung, die restlichen 17 Kilometer über die Elbhänge wandern zu können und daher eine größere Schutzschicht gegen die drohende Auskühlung tragen zu müssen. Ich kläre, oder versuche zu klären, warum dies nicht funktioniert: wir sind hier so ziemlich die Letzten des Feldes. Das heißt, die Wanderer sind hier vor über einer Stunde gestartet - die holt man nicht mit langen Pausen und gemütlichem Wanderschritt ein und dann werden uns die Schließzeiten an den VP's zusätzlich Beine machen.

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Wenigstens Jens versteht meine Logik und gibt sich kooperationsbereit. Zumal wir jetzt an den nächsten Weinprobeständen "gezwungen" werden, die restlichen, bereitstehenden Gläser mit den Standbetreibern zu leeren. Diese längeren Pausen erfordern nun ein zügigeres Laufen. Der Plan geht auf, wir trinken viel und laufen danach schneller. Wir holen irgendwo, noch vor dem "Winzerhof Golk", die letzten Wanderer ein und bis zum Verpflegungsstand Nr. 14 sind wir auch immer noch (zwar immer knapper werdend) vor der Schließzeit vor Ort. Neben der Degustation der edlen Rebenvariationen und der reichlichen festen Leckereien kommen auch die Gespräche mit den Mitstreitern nicht zu kurz. So quatscht man sich schnell mal fest und schon hat sich eine halbe Stunde Minus aufgetürmt. Der Ausschank in Rottewitz wurde demzufolge satte 30 Minuten vor unserem Eintreffen beendet und nun "leben" wir nur noch von unserem "Vorratstrinken" auf dem bisherigen Abschnitt.

So eine zwangsläufige Erholungsphase nimmt der Körper dankend an. Daher genehmige ich mir später auch noch den Zusatzbogen durch den Park von Schloß Proschwitz, während meine drei wackeren Mitstreiter die letzte Verpflegungsstelle (Nr. 18) direkt anlaufen. Vorm Schloß-Hauptgebäude sammel' ich ganz nebenbei Ute auf, die gerade mit den Verkleidungsexperten des Läuferfeldes zum Fototermin verabredet ist.

Das Thema "Verkleidung beim Weinlauf" - sicherlich ein Muß, doch keine Option für mich. Mit Verweis auf die biervernichtende Leistungssporttätigkeit zu Jugendzeiten, hatte ich das Repräsentationshemd des A.F.C.K.E. (des am 5. Januar 1989 gegründeten "Alkoholischen Fußballclubs Kellerbar Einsiedel") übergestreift. Schon damals beherrschte ich den Spagat zwischen übermäßigem Alkoholgenuß und sportlicher Höchstleistung. Als Sammelbecken unzufriedener, aber durch alle Jugendabteilungen des Lokalkrösus' SG Einsiedel ausgebildeter Individualisten waren wir damals ein ungern gesehener Gegner bei Ortsmeisterschaften oder Freundschaftsspielen, schließlich lautete unser Leitspruch "Siegen is unnere Stärke". Und das ist sicherlich auch ein gutes Omen für den Weinlauf, wo es vordergründig um eine menschenwürdige Zielankunft geht.

Das es auch anders laufen kann, konnte man unterwegs mehrfach registrieren. Einzelheiten zu erwähnen, würde den journalistischen Wert dieses Artikels in Frage stellen - deshalb verzichte ich hier auch auf Details. Wichtiger ist da das Erwähnen des vollen Angebots beim Weinstand Nr. 18, dazu der imposante Blick auf Schloß Albrechtsburg und die Gewißheit, daß normalerweise im Tal seit zwei Minuten Zielschluß ist. Trotzdem kreisen noch lange die Becher, ehe die Schlußetappe in Angriff genommen wird.

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Bergab geht es dann umso schneller. Mit 35 Minuten Verspätung stempeln wir uns bei der Zeitmessung aus dem "langen Kanten" aus. Eine Laufzeit von 7 Stunden und 50 Minuten für 31 Kilometer (laut Streckenbeschreibung) und anderthalb Liter Weingenuß stehen nun zu Buche. Großartig! Und weil es gerade so gut läuft, wird im Anschluß im Festzelt mit etwas mehr als anderthalb Litern Bier nachgespült und kräftig das Tanzbein geschwungen. Nur die zeitige (aber gekonnt noch etwas verzögerte) Busfahrt Richtung Heimat bremst die gute Laune geringfügig aus. Aber nur kurz, denn mit dem Lied "Hansa ist der beste Keks der Welt", welches nun im Bus erklingt, setzt sich der ehemalige Ostseeküstenbewohner Marco ein bleibendes Denkmal, indem er stimmgewaltig an die ehemals aus Brand-Erbisdorf stammenden Mürbekekse erinnert. 

Beim dritten Start das dritte Finish! Aller Trainingsfleiß wurde wieder belohnt, auch wenn die Zielzeit zu den beiden vorherigen Läufen (6:50 und 7:05 h) etwas hängt. Doch danach fragt in ein paar Jahren niemand mehr - wichtig ist das Ankommen und das wurde bravourös gemeistert.

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 ... ein Dank den Organisatoren, Helfern und Sponsoren für dieses phantastische Spektakel!

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