Waldwiese

8. Jurasteig Nonstop Ultratrail (JUNUT) 2018

Geschrieben von Thomas Delling.

06.04.2018 9 Uhr 239 km 7.515 Hm+ 7.494 Hm-

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Wer schon einmal auf dem Jurasteig unterwegs gewesen ist, wird dort sicherlich die Vielzahl imaginärer Rucksäcke zur Kenntnis genommen haben, welche von JUNUT-Läufern in den letzten Jahren auf der Strecke, vor allem in Kastl, zurückgelassen worden sind. Veranstalter Gerhard Börner macht es seinen Schützlingen aber auch verdammt einfach, indem er ihnen nach gerade einmal 170 absolvierten Kilometern einen Zieleinlauf mit Wertung anbietet. Das gibt einem dann das Gefühl JUNUT-Finisher zu sein, obwohl man sich erfolgreich um die gefürchtete "zweite Nacht" gedrückt hat. Doch diese eine (eingesparte) Nacht kann mehrere schlaflose Nächte zur Folge haben. So ging es mir zumindest ein Jahr lang, seit ich 2017 den JUNUT in Kastl abgebrochen hatte. Um diese Verfehlung wieder geradezurücken, gibt es in diesem Jahr einen erneuten Anlauf zur Tilgung dieser Schmach.

Keine geregelte Vorbereitung und ein überzogenes Selbstbewußtsein waren die solide Grundlage für das krachende Scheitern im Vorjahr. Der JUNUT verzeiht nun mal keine halben Sachen und keine Flausen im Kopf. Die Quittung dafür war schmerzhaft - physisch und psychisch! Für die Wiedergutmachung 2018 wurde daher ein straffes Trainingssoll verpflichtend angedacht und selbst ein Start in der "späten Gruppe" in Betracht gezogen, um den Druck des Zeitlimits intensiver zu spüren und so keine Bummeleien unterwegs aufkommen zu lassen.

Doch wie das "richtige" Leben so spielt, bleiben alle guten Vorsätze Schall und Rauch - mal eine Krankheit hier, mal ein Rückenleiden da, fast immer hat Martin ein wichtiges Fußballspiel und die erste Männermannschaft vom Chemnitzer Drittligist erst recht. Alles ist wichtiger, als die Vorbereitung auf den sportlichen Jahreshöhepunkt! Die Trainingsintensität von Ute und mir reicht vielleicht für einen halbwegs geraden Gang durch den Zielbogen eines Marathonwettbewerbes - von der Laufzeit dabei mal ganz abgesehen.

Da habe ich sonst im ersten Quartal des Jahres weit über das Dreifache an Lauftraining absolviert, als in diesem Frühjahr. Wir könnten also die Tortur absagen oder versuchen, uns irgendwie durchzumogeln. Natürlich kommt nur letztere Möglichkeit in Betracht, da Quartier und Lauf schließlich schon bezahlt sind.

Da es 2017 nur für einen sportlichen Ausflug bis Kastl reichte und so noch 69 Kilometer offen waren, liegt der Fokus der Wettkampfvorbereitung  nun in einer Besichtigung der Reststrecke, da diese größtenteils in der zweiten Nacht abgewickelt wird. Also wird am Dienstag der Abschnitt Kastl - Habsberg - Deining abgewandert und am Mittwoch der Sektor bis Holnstein unter die Lupe genommen. Am Montag waren bereits die letzten Kilometer bis zum Ziel in Dietfurt inspiziert worden, so daß wir wenigstens dadurch ein verhältnismäßig gutes Gefühl für einen positiven Ausgang des 2018er JUNUT-Abenteuers haben.

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Der Donnerstag gehört dann dem Abholen der Startunterlagen und dem Packen der Läufertasche. Diese steht dann in Matting (km 78,5), Schmidmühlen (km 138,5) und Deining (km 202,3) dem Teilnehmer zur Verfügung. Was der Läufer letztendlich in diese Tasche und auch in seinen Rucksack stopft, ist Organisator Gerhard Börner egal. Die Pflichtausrüstung beschränkt sich gerademal auf das eingeschaltene Funktelefon, einen Trinkbecher und das Verzeichnis mit den Verpflegungspunkten und Distanzen dazwischen (digital auf dem Telefon oder in Papierform). Für den Rest ist jeder selbst verantwortlich - eine riesige Pflichtausrüstung, wie bei längeren Läufen üblich, entfällt. Da die Anlaufpunkte auf der Runde jedoch bis zu 28 Kilometer auseinanderliegen, sollte man doch das ein oder andere Häppchen oder auch etwas zu trinken dabei haben. Das Mitführen von etwas Licht und eventueller Wechsel- oder Wärmekleidung für die Nachtabschnitte erweist sich sicherlich auch als sinnvoll. Doch diese Auswahl trifft jeder für sich - schließlich ist der JUNUT ein Einladungslauf, bei dem jeder weiß, worum es geht, denn eine gewisse "Vorbelastung" in Sachen halbautonomes Laufen ist Grundvoraussetzung für diese Einladung. Am Abend folgt das obligatorische Briefing mit der anschließenden Pastaparty. Erstmals findet diese nicht im "Stirzer", sondern im Gasthaus "Zum Bräu-Toni" statt. Bei der Lagebesprechung werden die Streckenabschnitte vorgestellt und gleich der Strafenkatalog mit durchgegeben: das Nichtanlaufen einer Verpflegungsstelle wird mit einer Stunde Strafzeit belegt und für einen nicht erbrachten Nachweis (farbiges Armband) von einem unbemannten Checkpoint gibt es 30 Minuten obendrauf.

Der nächste Morgen bereitet sich auf einen warmen, sonnigen Tag vor, auch wenn das Thermometer noch mit der 0°C-Marke zu kämpfen hat. Bis zum ersten Start um 9 Uhr ist das Quecksilber schon deutlich im Plus-Bereich angelangt. Es ist der "langsame Block", sozusagen der Breitensport, der zuerst auf die Reise geschickt wird. Sechs Stunden später gehen dann jene Läufer auf den Kurs, welche den Sieg unter sich ausmachen wollen. Dieses Konzept ermöglicht es, manche Verpflegungspunkte nicht übermäßig lang besetzen zu müssen, schließlich schlagen sich dort Sportvereine, Feuerwehren, Gastronomen und Privatpersonen ihre Zeit (für uns) um die Ohren.

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Nun könnte ich ja abergläubisch sein und eine Wiederholung des 2017er Scheiterns an meiner Startnummer voraussehen. Wie im Vorjahr trage ich nämlich die "15" durch die Gegend, welche in der allgemeinen Bedeutung der Zahlensymbolik u.a. Manipulation aber auch Versuchung beinhaltet. Kann ich mich demzufolge soweit "manipulieren", indem ich ohne den erforderlichen Trainingsaufwand, den JUNUT meistere oder erliege ich wieder der Versuchung, den Jurasteig nicht vollends abzuarbeiten? Ob meine Startnummer den Verlauf des Wettkampfes prägen wird oder nicht, sollte ich lieber nicht als Hauptaugenmerk in den Raum stellen. Wichtiger ist da sicherlich ein sinnvolles Einteilen der wenig vorhandenen Kräfte durch einen rationellen Energieverbrauch unterwegs.

Bis zum ersten Versorgungspunkt müssen 26,6 Kilometer mit über 1.000 Metern im Anstieg bewältigt werden. Das Feld zieht sich schon kurz nach dem Ortsausgang gehörig auseinander, aber man findet stets noch einen oder mehrere Gesprächspartner, mit denen es genügend zu bequatschen gibt - schließlich ist das Tempo moderat und noch kein Kräfteverschleiß festzustellen. Die Strecke schlängelt sich entlang des Main-Donau-Kanals Richtung Deising, wo auf der anderen Uferseite im Anstieg zum Roßkopf der Jurasteig auf den Altmühltal-Panoramaweg einmündet. Für die nächsten 43 Kilometer ist nun das gelb-rote Schild dieses Weitwanderweges unsere Streckenmarkierung. Auf beiden Seiten des Altmühlttales führt der Steig recht kurzweilig im ständigen Auf und Ab nach Riedenburg. Dort befindet sich in der Tourist-Information der erste Verpflegungspunkt, den wir 12:17 Uhr erreichen - etwas eher, als im Vorjahr aber kein Beinbruch. Nüsse, Apfel, Radler - danach wird noch schnell das Salz aus dem Gesicht gewaschen und die Trinkflaschen aufgefüllt. Eine Viertelstunde später sind wir wieder in der Spur.

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Über die Bucher Leite gelangen wir ins Naturwaldreservat "Klamm und Kastlhäng", wo sich der Pfad zwischen den mächtigen Felsenformationen irgendwie durchmogelt. Laut Hinweisschild bewegen wir uns auf einem "schwierigen Steig", zudem herrscht "Akute Steinschlaggefahr!" mit dem Zusatz "Betreten auf eigene Gefahr!". Da sich jedoch unser Fokus voll auf das nackte Überleben auf der Jurasteigrunde beschränkt und Kräfte für Zusatzaufgaben nicht eingeplant sind, entfällt heute (im Gegensatz zu 2014 und 2017) der private Abstecher auf den Aussichtsfelsen, von dem man einen wunderbaren Blick auf die gegenüberliegende Uferseite und Schloß Prunn hat, welches wir ca. 20 Minuten später durchlaufen werden. Der Anstieg zur Burganlage fällt uns dieses Jahr bei weitem leichter als 2017. Nach einer langen Bergabpassage durch den Prunner Forst erreichen wir Felsenhäusl, wo im Vorjahr noch eine Großbaustelle den Weg versperrte bzw. stark einengte. In Weihermühle findet sich dann am Wegesrand der erste (unbemannte) Checkpoint - eine Kiste mit Armbändern, wovon man sich eins als Nachweis entnimmt. Für mich steht diese Kiste etwas zu unpassend, da ich der Meinung bin, daß hier sowieso jeder vorbeikommt oder vorbeikommen muß. Doch mehrere Stunden später erfahre ich von Weggefährten (nachdem ich dieses Thema angesprochen habe), daß es hier auch schon Leute gab, die den flachen Straßenabschnitt am Kanal dem welligen Profil im Wald vorgezogen haben.

Über den Tatzlwurm, eine der längsten Holzbrücken Europas, wechseln wir erneut die Uferseite. Nach anfänglich flachem Geläuf nimmt der Weg bald wieder die nötigen Steigungen zu den alten Keltenwällen im Naturschutzgebiet "Hirschberg und Altmühlleithen". Auch hier wird der Abstecher zum Aussichtspunkt auf Kloster Weltenburg dem Wettkampfgedanken geopfert. So gelangen wir etwas eher an das Donauufer, an dem es die nächsten Kilometer fast nur flach entlang geht. Danach queren wir den Stadtkern von Kelheim und gelangen so zum Pavillon an der Altmühl, unserem nächsten Verpflegungspunkt.

Hier darf es dann um 15:45 Uhr schon mal ein "richtiges" Bier sein. "Schwanenpower" von Riemhofer aus Riedenburg, der "einzigartige Genuß für jeden Tag", wie das Etikett der Flasche verrät. Dazu gibt es Gurke, Speckfettschnitten und Käsestücken, ein wenig Süßkram und noch etwas Alkoholfreies. Die Beine werden mit Arnika-Einreibe wieder aufgefrischt und kurz nach 16 Uhr gehen wir die längste Etappe des JUNUT an - 27,8 Kilometer bis Matting, für die wir vier Stunden Zeit haben, da 20 Uhr erst das Feuerwehrgerätehaus als VP öffnet. Im Vorjahr waren die ersten Läufer schon kurz nach 18 Uhr dort und mußten dann satte drei Stunden auf die erste "Fährfahrt" über die Donau warten, da diese erst ab 21 Uhr möglich ist.

Durch Kelheim weisen uns rot-weiße Flatterbänder den Weg, am Fuße des Goldberges sind wir wieder auf dem Jurasteig, dessen gelb-blauen Schilder nun bis zum Ziel für uns Gültigkeit haben. Wir arbeiten uns nun den Kalvarienberg nach oben und landen in der Quarantänezone des Asiatischen Laubholzbockkäfers. Dieser zählt zu den einhundert schädlichsten invasiven Neobiota und wurde hier erstmals vor zwei Jahren an Ahornbäumen zerstörerisch aktiv. Natürlich bekommen wir keins dieser Exemplare zu Gesicht, dafür aber ein anderes, äußerst seltenes Lebewesen: den Jurasteig-Wanderer. Wir kommen mit ihm daraufhin ins Gespräch. Er kann, bei allem Respekt, unsere Art der Jurasteig-Bewältigung selbstverständlich nur bedingt nachvollziehen, da er sich beim Wandern lieber der Natur und den Sehenswürdigkeiten widmet, was bei einem Wettkampf ja nur ab und zu möglich ist. Da wir aber auch auf diversen Abschnitten und Schlaufenwegen schon wandernd unterwegs waren, sei uns vergeben. Mit den besten Wünschen für den jeweils anderen verabschieden wir uns voneinander und sind kurz darauf wieder ganz allein unterwegs.  

Am Ausgang vom Kocherholz Richtung Lindach wird gerade das Feld gedüngt. Die Windrichtung ist dabei für uns etwas ungünstig und da der Traktorist auch gerade erst den Feldstreifen am Wanderweg entlang mit seinem Güllefaß bearbeitet, ist schnelles Handeln gefragt. Also ruckzuck am Gespann und der Nebelwolke vorbei - Glück gehabt, keine Geruchsverstärker zusätzlich zum Schweiß auf der Kleidung. Die nächste Waschgelegenheit wäre erst in ein paar Kilometern die Donauquerung bei Poikam, aber dort ist es schon besser, die vorgesehene Brücke für den Uferwechsel zu nutzen.

Glockengeläut empfangt uns nach einem längeren Waldabschnitt, den wir oberhalb der Donau durchliefen. Es ist 19 Uhr und wir sind auf dem Weg von der Kaiser-Therme hinab nach Bad Abbach. Hier verläßt der JUNUT der Einfachheit halber den Jurasteig, da sich in den Anfangsjahren des Ultratrail hier manche Läufer bis zur Bewußtlosigkeit verlaufen haben - deshalb nimmt der Kurs die direkte Linie durch die Stadt. Langsam dämmert es und wir genießen die letzten Sonnenstrahlen, welche im Waldabschnitt hinüber nach Matting versiegen. Mittlerweile sind wir wieder mit Holger und Volker unterwegs und bestrebt gemeinsam gegen 20 Uhr das Feuerwehrgerätehaus in Matting zu erreichen. Dies gelingt uns mit einer Ankunftszeit von 19:59 Uhr nahezu perfekt. Wir bekommen von eifrigen Kindern am VP unsere Taschen ausgehändigt und haben jetzt eine Stunde Zeit zum Umziehen und Stärken.

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Das Angebot ist vielfältig und der Hunger mittlerweile groß: zwei Bier, ein Radler, ein Kaffee, drei Stück Pizza, ein Ei und ein paar Brotscheiben stehen am Ende auf meiner "Rechnung". Für die Nacht, welche recht kühl werden soll, gibt es die lange Unterhose unter die Laufhose und für obenrum die Daunenjacke. Dazu werden die Socken und die verschwitzten Sachen gegen neue getauscht. Kurz nach 21 Uhr verabschieden wir uns aus der proppevollen Verpflegungsstation. Wir vier gehen hinunter zum Donauufer, wo wir auf den Bootstransfer der Feuerwehr warten. Jeder bekommt eine Schwimmweste umgelegt und wenig später sitzen wir in der "Fähre". Der mit zehn Kilometern kürzeste Abschnitt bis zur nächsten Verpflegung steht vor uns. Und da man dies offensichtlich nicht so stehen lassen kann, gibt es die freiwilligen Zusatz(kilo)meter. Und die gibt es für uns im Naturschutzgebiet "Mattinger Hänge". Dort führt der original Jurasteig auf einem Stichweg zum Schwarzenfels, einem Aussichtspunkt zur Donau, welcher aber nicht Bestandteil des JUNUT ist. Wir orientieren uns dabei straff an der Beschilderung des Wanderweges, vor und wieder zurück. Das selbe nochmal - gleiches Ergebnis, nämlich keins! Als dann die Stirnlampen der nächsten Bootsbesatzung das Dunkel durchkämmen, sind wir gerade wieder in die andere Richtung unterwegs und so kommt es, daß wir diese Lichtkegel vollends aus den Augen verlieren. Mittlerweile ist das GPS-Gerät voll in die Wegsuche involviert - den Weg, den es uns stets zurückzu anzeigt, wird erst später von uns zur Kenntnis genommen, da der JUNUT an dieser Weggablung eine Spitzkehre nimmt und dort komischerweise die Beschilderung an den Bäumen fehlt. Diese taucht erst ein paar hundert Meter weiter auf, aber wir sind wieder richtig, auch wenn ein Mitglied unseres Quartetts meint, an der Zuylen-Kapelle wären wir vorhin schon einmal vorbeigekommen. Mit Ute hatte ich mir im Vorjahr in Eilsbrunn diesen Bonus gegönnt. Da haben wir (wegen fehlender Navigationsunterstützung) den Ort des Nachts mit allen seinen Seitenstraßen kennengelernt, ehe wir den richtigen Weg wieder inne hatten.

Nach offiziell 88,5 Kilometern ist das Naturfreundehaus "Alpiner Steig" oberhalb Schönhofens erreicht. Dort ist es sehr gemütlich und deshalb auch so gefährlich! Wer bricht schon gern wieder in die kalte Nacht auf, wenn man alternativ dazu die Zeit am Kamin bei bester Bewirtung verbringen kann? Dieser Versuchung erliegen wir natürlich nicht - der VP wird von uns genauso professionell abgearbeitet wie jeder andere: zwar entfällt das obligatorische Auffüllen der Flaschen (weil in der Nacht der Durst nicht zu übermäßig ist), es gibt aber aufgrund dieses "Zeitgewinns" auch kein häusliches Einrichten! Da können die angebotene Suppe oder die Lebkuchen auch noch so gut schmecken, die Gespräche zum Lieblingsthema Fußball könnten nicht fachspezifischer ausfallen und die wohlige Wärme gepaart mit einsetzender Ermüdung nicht kontraproduktiver sein - hier gibt es definitiv nur einen Kurzaufenthalt! Nach 20 Minuten sind wir auch schon wieder in der Kälte - von der anderen Seite der Schutzhütte zerstört dabei endloses Geschnattere die Stille der Nacht: Frank und Rüdiger sind gerade im Anmarsch, ein kurzes Handzeichen und ein "Bis später!" - doch dieses gibt es nicht. Es ist das letzte Mal, daß wir uns beim diesjährigen JUNUT über den Weg laufen. 

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Halb zwölf geht's weiter: aus dem Tal der Schwarzen Laber geht es über eine größere Freifläche hinab ins Naabtal. Der Steig schlängelt sich nun, ähnlich der Naab durch die Nacht. Wir trotten zu viert durch den Wald und passieren die Ortschaften Etterzhausen und Penk. Wir trödeln nicht und gehen nur die Anstiege. Im Penker Tal an einer Weggablung wird wie immer das GPS-Gerät zur Hilfe herangezogen. Während noch die Daten laden, kommt, wie aus dem nichts, ein Lichtkegel durch das Dunkel herangeprescht ... der erste Läufer der schnellen Gruppe. Er hat bis hierher schon sechs Stunden auf uns herausgelaufen. Unklar! Wie versteinert stehen wir da und verfolgen das Licht, welches wenig später von der Dunkelheit geschluckt wird. Kurz darauf verabschieden sich auch Holger und Volker nach vorn. Noch ein paar Schlaufen durch den Pielenhofer Wald rechts der Naab und wir erkennen die beleuchteten Grundrisse des mächtigen Klosterbaues am Fluß.

Auch dort ist der Empfang herzlich und die Verpflegung läßt nichts zu wünschen übrig. Mit dem Eintreffen der nächsten Kundschaft werden dann auch die Fußballfachgespräche vom Stop im Naturfreundehaus fortgesetzt. Es geht dabei um Spielklassenzugehörigkeit und Fan-Projekte außerhalb des Kommerz'. Und während man sich als Union-Berlin-Anhänger in der nächsten Saison auf den "großen" HSV und den 1. FC Köln freuen kann, schaue ich mir ab Spätsommer Begegnungen gegen Volkssport Altglienicke oder Fortschritt Bischofswerda an. Aber, und das wird fortan zum Leitspruch meines Gegenüber, "auch in der vierten Liga wird Fußball gespielt!".

Für den nächsten Abschnitt machen wir uns 2:48 Uhr, nach fast einer Stunde Pause, nur noch zu dritt auf den Weg. Volker bleibt in der Klosterwirtschaft zurück, um dort mit etwas Schlaf neue Kräfte zu sammeln. Wir nehmen die Brücke über die Naab und verschwinden auf der gegenüberliegenden Flußseite bald darauf im Pielenhofer Wald links der Naab. Nur selten kommen wir dabei durch Siedlungen, während wir immer parallel flußaufwärts marschieren. Wir gelangen auf einer Anhöhe an die Holzbank mit Aussicht auf Duggendorf. Heute sind wir nur zu dritt - 2014 hatten wir noch Torsten mit dabei - damals pausierten wir hier, heute gibt es nur ein Foto von Ute und Holger an diesem neuralgischen Punkt. Monoton nimmt dann der Jurasteig nach einer erneuten Flußüberquerung ab Heitzenhofen den Anstieg durch das Fürstenhölzl nach Dallackenried. Ab 4 Uhr ist das erste Vogelgezwitscher zu vernehmen und somit der neue Tag nicht mehr fern. Wir haben uns nun mit einem schnellen Wanderschritt arrangiert und erreichen im Morgengrauen das Gerätehaus der ortsansäßigen Feuerwehr.

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Dieser Aufenthalt ufert zeitlich nicht ganz so aus und kurz nach 6 Uhr sind wir wieder zu viert in der Spur. Im Vorjahr hatten wir auf dem Feld hinter Dallackenried einen ordentlichen Zeitverzug zu verzeichnen, da wir an einer schlecht ausgeschilderten Kreuzung natürlich erst die falsche Variante ausloteten, ehe wir uns wieder "richtig" einordneten. Solche Stellen prägen sich ein, aber diesmal wird die Wegfindung mit einem, auf dem asphaltierten Feldweg aufgesprühten "Jurasteig"-Pfeil wesentlich vereinfacht. Ein Waldweg führt nun hinab ins Tal der Vils, Richtung Kallmünz.

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Auch hier schlängelt sich der Jurasteig stets in Flußnähe weiter. Es ist verdammt kalt und die Daunenjacke ist immer noch nicht abgelegt, bis -4°C ist das Quecksilber gefallen und es fehlen die ersten Sonnenstrahlen im Tal. Daher ist der Wiesenabschnitt vor Rohrbach auch gefroren und das Schuhwerk wird beim Durchstreifen nicht ganz so naß wie befürchtet. Auf der anderen Uferseite nimmt der Weg nun den Anstieg zum Bruckberg. Dort war man im Vorjahr noch mit der Verlegung größerer Rohre einer Erdgastrasse beschäftigt und somit hatten wir damals unsere Probleme mit der Streckenfindung. Nun ist zwar alles wieder dem Ursprung entsprechend hergestellt, trotzdem nehme ich zuerst den falschen Abzweig, während Ute an der Gabelung auf Volker und Holger wartet. Glücklicherweise kommt mir dort eine Joggerin entgegen, die ich zum Verlauf des Jurasteig befragen kann. "Hier ist alles Jurasteig!" - diese Antwort hilft mir natürlich nicht weiter und so präzisiere ich mein Anliegen. "Achso! Da sind heute schon Läufer vorbeigekommen ... die hat man irgendwo diese Nacht ausgesetzt!" - das klingt doch schon besser und mit ein paar ihrer Armbewegungen  ist der weitere Verlauf der Strecke in die Landschaft skizziert.

In Dietldorf steht dann die zweite Kiste mit Armbändern bereit. Hier verläuft der Jurasteig in zwei größeren Schlaufen und der direkte Weg würde einiges an Zeit sparen, was aber nicht erwünscht ist. So langsam steigt die Temperatur und die warme Oberbekleidung wird nicht mehr benötigt. Im Wald oberhalb Schmidmühlens ist dann ein Vollernter der größeren Baureihen von John Deere aktiv. Mehrere von ihm abgelängte Baumstücke versperren dabei den Weg. Dafür wird es anschließend durch Schmidmühlen wesentlich einfacher, da ein größerer Abschnitt "Zivilisation" folgt.

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9:45 Uhr - eine Dreiviertelstunde später, als im Vorjahr erreichen wir den am Ortsausgang an der Lauterach gelegenen Sportplatz, der unser nächster großer Verpflegungspunkt sein wird. Hier stehen zum zweiten Mal unsere Läufertaschen bereit und 10 Uhr startet hier der erstmals  ausgetragene 100-Kilometer-Lauf (Ladies-Edition) für die "treuen und langjährigen Helferinnen aus HQ und von den VP's". Fünf Läuferinnen werden dabei dieses Angebot der körperlichen Ertüchtigung annehmen, von denen vier dann auch das Ziel in Dietfurt erreichen werden. Während der Pause im Vereinsheim fällt mein Blick ab und zu auf den Rechner der JUNUT-Organisatoren. Da bewegt sich doch tatsächlich auf der Streckenkarte eine Startnummer schon nach dem VP von Kastl (bei km 170)! Als dann ein kleineres "Problem" in Bezug auf den Führenden angesprochen wird, kommt die Bestätigung: "Der Tobi ist schon in Kastl durch!". 

Es hatte sich schon lange angedeutet, beim SV Eintracht Schmidmühlen ist nun das Risikospiel zu Ende. Um es in der Fußballersprache zu formulieren: für den verletzungsbedingt ausgeschiedenen Salomon Crossmax kommt nun nach Kilometer 138,5 der Dynafit Vertical ins Spiel, oder besser gesagt an die Füße. Zu groß ist mittlerweile das Loch im vorderen Bereich des rechten Schuhs geworden - bis Kilometer 203 wird er wohl nicht mehr durchhalten, denn dort bestände erst wieder eine Wechselmöglichkeit. Daher verabschiede ich meine treuen Begleiter in die Läufertasche, als eiserne Reserve, falls der Dynafit nicht meinen Ansprüchen genügen sollte und ich so in Deining doch nochmal dem Schuh die Jokerrolle bis Dietfurt zukommen lassen könnte. Während sich Ute vor dem Komplettwechsel der Kleidung eine warme Dusche gönnt, beschränke ich mich auf eine Katzenwäsche und eine gründliche Zahnpflege nach dem Brunch. Da wir bis zum nächsten Erhalt unserer Läufertaschen schon in der zweiten Nacht unterwegs sein werden, muß diesmal der Rucksack auch tagsüber die Wärmekleidung für die kalten Stunden mit schlucken. Nach einer anderthalben Stunde Rast brechen wir 11:15 Uhr wieder auf.

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Ein Bogen über den Blaugrundgraben, das Dörfchen Winbuch und das Brunntal führt zurück zur Lauterach, an der wir jetzt stetig parallel in Buchen- oder Kiefernwäldern, über Trockenrasenflächen und letztlich durch eine Wacholderheide auf engen Pfaden unterwegs sind. Danach verlassen wir den Jurasteig, queren die Straße und müssen über die Leitplanke hinunter zum Sportplatzgelände des TuS Hohenburg. Dort ist der achte Verpflegungsposten im Vereinsheim für uns eingerichtet. Das Bier aus dem Glas und der Kartoffelbrei des Wirts sind dabei Pflicht! Obwohl wir die Pause nicht zu sehr ausdehnen wollen, sind es trotzdem 25 Minuten, in denen wir die Gastfreundschaft genießen. 

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Nun sind es noch 19 Kilometer bis Kastl, wo wir im Vorjahr ausgestiegen sind. Dort endet die Kurzstrecke und verhältnismäßig viele 239er werden auch in diesem Jahr das Angebot des frühzeitigen Zieleinlaufes mit Wertung nutzen und in Kastl ihren Lauf beenden. Es ist weit über 20°C und diese Wärme bremst uns ganz schön aus. Entlang der Lauterach durch Allersburg und Flügelsbuch queren wir vor dem Anstieg zum Rechenfels den Fluß. Dabei ist auf dem Vorplatz zur Brücke ein Holzpolterplatz angelegt, bei dem ein großer Holzstapel direkt den Wanderweg versperrt - darauf wurde aber im Briefing explizit hingewiesen und somit hält sich unsere Verwirrung auch in Grenzen!

Die Wege werden wieder "steiniger", aber im Laufe des letzten Jahres haben sich diese schon etwas festgetreten. Im Vorjahr zogen uns diese frisch geschotterten Abschnitte den letzten Nerv, da sie die Blasen an den Füßen maximal forderten. Vorbei an Kastlerberg und Enzenberg nimmt anschließend eine Asphaltstraße den Weg in den Ort, wo auf einen Pfad gewechselt wird, der zum VP Nr. 9 führt.

Nach 32 Stunden und 20 Minuten Wettkampfzeit melden wir uns im Hotel "Forsthof" von Kastl beim Protokollanten an. Im Vorjahr war hier nach 31:42 Stunden für uns Schluß, trennten wir uns sozusagen als Spreu vom Weizen - diese Option (oder Demütigung) kommt nun nicht in Frage.  Wir sind ja hier um diesen Fehlschlag auszubügeln und nicht, um schon wieder die Bequemlichkeit siegen zu lassen. Es drängt sich zudem kein Wehwehchen so derart in den Vordergrund, um unser Tun hier in Frage zu stellen. Na gut, die Blasen an den Füßen sind nicht so schön und die Müdigkeit wird auch immer penetranter - ein körperlicher oder gesundheitlicher Schaden deutet sich jedoch nicht an. Was sollte denn da als ernsthafter Grund herhalten, um jetzt die Segel zu streichen?

Während sich Ute einen Schlafplatz erfragt und diesen auch im Saunabereich der Hotelanlage zugewiesen bekommt, kümmere ich mich um das Bufett. Dabei lasse ich nichts aus, als gäbe es kein danach mehr. Sogar gebrannte Mandeln werden hier angeboten, auch wenn diese geschmacklich nun nicht gerade zu den von mir bevorzugten deftigen Speisen passen, lange ich ordentlich zu. 

Mit Ute's Schlafpause wird es natürlich nichts! Es ist zu laut in der Anlage und so wird der Schlaf auf die nächste Verpflegungsstelle verschoben. Diese ist im Diözesanjugendhaus von Habsburg und gerademal 10,4 Kilometer (mit immerhin 634 Höhenmetern im Anstieg) entfernt und hoffentlich von uns noch ohne Einsatz der Stirnlampen erreichbar.  Den Weg sind wir erst vor ein paar Tagen abgewandert und dürften damit streckenkundig sein. Doch unsere körperliche und geistige Verfassung ist eben nicht auf dem Stand unserer Wanderung. Deshalb kommen schon auf dem ersten flachen Streckenabschnitt nach Pfaffenhofen Fragen auf. Sind wir hier richtig? War dieses monotone Stück wirklich so lang? Erst der Anstieg Richtung Schweppermannsburg beantwortet diese ersten Zweifel. Danach ist das Gedächtnis in Bezug auf die Streckenführung wiederhergestellt. Wir nehmen nun schmale Pfade oder Feldwege und zuletzt eine kleinere Straße und gelangen in die kleine Ortschaft Engelskirchen. Es ist schon leicht duster und bis zum VP nicht mehr so weit. Bevor wir jedoch auf den Feldweg Richtung Wallfahrtskirche abbiegen, kommen wir noch mit einem Bauern ins Gespräch. Er hat von der Veranstaltung aus dem Radio gehört und zeigt sich tief beeindruckt - vor allem von dem, was der Führende hier abzieht.        

Wir müssen noch einen stark erregten, aber zum Glück angeleinten Hofhund passieren, um in den Wald zur Kirche "Maria Heil der Kranken" zu gelangen. Dies ist mit 621 Metern über Null zugleich der höchste Punkt des Jurasteiges, dementsprechent kräftezehrend ist der Schlußanstieg über eine endlos erscheinende Treppe. Das Plateau des Habsberges ist um 20:30 Uhr rammelvoll - nicht wegen uns, sondern wegen irgendeiner kirchlichen Veranstaltung.

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Die Schlafmöglichkeiten im Vorraum des Jugendhauses sind limitiert. Eine Liege etwas abseits ist bereits belegt und daher weiche ich später auf einen der gepolsterten breiten Sitze am Essenstisch aus. Für fünf Minuten verfalle ich in so eine Art Schlaf, was Ute später wieder nicht gelingt, während ich mir auf der Toilette die langen Unterhosen unter die kurze Laufhose zwänge. Das Abendmahl fällt aufgrund der Völlerei beim letzten VP entsprechend spärlich aus. Ich nehme allerdings eine der ausliegenden 25-ml-Ampullen mit Koffein zu mir, um das Schlafgefühl etwas zu dämpfen. Dazu fülle ich mir noch eine Flasche Bier in meine Trinkflasche, da ich diesen süßen Iso-Geschmack nichts mehr abgewinnen kann.

Nach 50 Minuten Pause steigen wir vom Habsberg hinab. Obwohl wir uns hier nicht im alpinen Gelände befinden, ist es ein regelrechtes Steigen. Die Schuhe drücken und der Gang ist dermaßen unrund, daß man in diese Bewegungsform definitiv kein Laufen hineininterpretieren kann. So nach und nach arbeiten wir die Ortschaften Unter- und Oberwiesenacker, sowie Ober- und Unterweickenhof entlang der Strecke ab. In Welkenhammer gelangen wir daraufhin ins Tal der Schwarzen Laber, welches wir aber nur rund einen Kilometer später, unter der Autobahnbrücke in Richtung Kleinstsiedlung Dürn verlassen. Vor Oberbuchfeld kommen wir an zwei mächtigen ineinander "verschlungenen" Linden vorbei, welche den Wegrand säumen. In der Ortsmitte, an der Kirche folgt noch ein älteres Exemplar von Linde, welchem die Zeit schon ordentlich zugesetzt hat.

An einem Bauerngut in Rothenfels biegen wir wieder in den Wald ab. Der Pfad führt weiter an einem, recht feuchten Abschnitt vorbei, ehe wir an der Wallfahrtskirche Lengenbach wieder auf eine Straße gelangen. Nun müssen wir nur noch über den Schellenberg, um ins Tal der Weißen Laber zu gelangen.

In Arzthofen wechseln wir nun auf den Wiesenabschnitt entlang des Flüßleins. Im Gegensatz zu unserer Test-Wanderung am hellichten Tag holen wir uns nun die befürchteten nassen Schuhe. Als Ute schon fast wieder während des Laufens einschläft, kann ich ihr die ersten Lichter am Firmament melden. Wir sind gleich da! Gleich haben wir die Sportplätze von Deining erreicht! Doch weit gefehlt! Wie 2014 lassen wir uns von der Beleuchtung des Ortes Siegenhofen und der gleichnamigen Mühle täuschen. Wir sind also noch lange nicht da! Zu unserer Wanderung haben wir diese Ortschaft nur im Unterbewußtsein wahrgenommen - es war hell und wir waren nicht auf eine schnellstmöglich erscheinende Form der Zivilisation angewiesen, also wurden diese Eindrücke hintenan gestellt. In dieser Nacht liegt unser Hauptaugenmerk jedoch auf dem alsbaldigen Erreichen des Verpflegungspunktes und da ist so eine "falsche" Lichteransammlung Gift für die Motivation. Ich nehme also das GPS-Gerät und scrolle schon mal paar Meter weiter vor - das Ergebnis kann ich Ute natürlich nicht sagen, da es noch ein hübsches Stück Strecke ist, welche vor uns liegt. Es ist ja auch finster und damit klar, daß wir uns schon noch ein ganzes Stück bewegen müssen.

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Der "1. FC Deining grüßt seine Gäste" - so empfängt uns ein Schild am Hauptplatz des Vereins. Der Gastraum des Vereinsheimes ist den Umständen entsprechend leer. Wir haben freie Platzwahl in der Kneipe. Ute kann sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten und gerade deshalb sage ich dem Verantwortlichen, daß ich eine Küchenhilfe im Schlepptau habe. Da jedoch keine Stoßzeit herrscht und der große Auflauf durch ist, wird Ute in den Ruheraum verfrachtet. Eine halbe Stunde will sie nun schlafen, dann soll ich sie wecken. In der Zwischenzeit vertue ich mir die Zeit mit Makkaroni und Bier - dazu noch ein längeres Gespräch mit einem Einheimischen. Es geht dabei um die Einteilung der Kräfte während des Laufes, die Strategie der Pausengestaltung und das Lauftempo des Ersten. Und das ist wirklich ein Thema, welches diskutiert werden muß. Ich vergleiche es mit einer anderen Sportart: er ist Läufer und wir sind nur das Beiwerk des Breitensports, welches nur im Ziel ankommen will, um sich auf die Schulter zu klopfen. So in etwa, wie sein 1. FC Deining, der zwar auch dem Fußballsport frönt, jedoch mit der "richtigen" Sportart Fußball, wie sie auf oberster Ebene gespielt wird, ebenso wenig zu tun hat, wie unsere sportliche Qualität mit der der Spitzenläufer.

Völlig ins Gespräch vertieft, vergesse ich natürlich meinen Weckdienst. Ute ist jedoch erfahren genug und ihre innere Uhr weiß, wie lang eine halbe Stunde Schlaf ist. Daher regelt sich das von allein. Es wird aber auch Zeit dem geregelten Ablauf im VP etwas mehr Beachtung zu schenken. Die Läufertasche wird diesmal nur um zwei Paar Socken erleichtert. Der Rest bleibt unangetastet - auch meine, als Joker noch mitgeführten Salomon-Treter. Ich komme mit dem verhältnismäßig engen Dynafit-Latsch klar und brauche daher nur die Füße etwas abzuwaschen, einzucremen und doppelt in Socken zu packen (um einen Teil der Reibung zwischen diese zu verlagern). Sicherlich schmerzen die Blasen beim Hineinzwängen in die Schuhe, aber das tun sie auch während des Laufens. Man stumpft eben immer mehr ab und wenn das nicht hilft, erinnere ich mich an die Blasen-Horror-Geschichten der 170-km-Aussteiger und denke mir, wie "gut" ich es dawegen habe.

Nach über einer anderthalben Stunde Pause verlassen wir 3:18 Uhr den Sportplatz, es geht noch ein paar hundert Meter durch die Ortschaft, ehe wir auf einem Holzsteg an der Weißen Laber, dem sogenannten Biberweg, und durch eine Baustelle in den Ort zurückkehren. Aber nur kurz - danach verschlingen uns der Wald und die Nacht wieder.

Es wird eine zähe Nacht, obwohl sie nicht mehr lang ist. Die Müdigkeit übermannt uns beide nun immer öfter und die Gesprächsthemen sind auch durch. Zudem schmerzt der Hals und so ist das Verlangen, zu reden, nicht zu groß. Hundegebell und das Morgengrauen reißen uns kurz vor Simbach aus unserer Lethargie. Jetzt sind es vielleicht nur noch fünf Kilometer bis Holnstein und der Weg ist uns bekannt. Trotzdem läßt Ute bei ihren Äußerungen eklatante Fehlinterpretationen der Reststrecke erkennen. Doch ich lasse dies meist unkommentiert, schließlich tragen unterschiedliche (verbohrte) Meinungen nun nicht gerade zur Verbesserung des innerbetrieblichen Friedens bei. Ute wird schon merken, ob nun doch noch eine (von ihr vehement bestrittene) nasse Wiese zu queren ist oder nicht, ob noch ein Anstieg kommt, oder nicht ... und in welcher Richtung Holnstein liegt, ist ja nun völlig egal!

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Der letzte Verpflegungspunkt der Strecke ist erreicht: die "Felsen-Schenke" in Holnstein, welche "im richtigen Leben" mit äußerst genialen Öffnungszeiten glänzt. So beschränkt sich der Ausschank auf die Sonntage und da nur in der Zeit von 14 bis 16 Uhr! Damit das aber nicht zu streßig wird, sind ausgewählte Sonntage davon ausgenommen, so z.B. der 1. April, der 20. Mai und der 3. Juni. Glücklicherweise trifft diese ungewöhnliche Philosophie nicht auf den heutigen Sonntagmorgen zu - es ist ja schließlich JUNUT und da werden andere Prioritäten gesetzt: volles Programm für die reichlich angeschlagenen und leicht verschlafen wirkenden Gestalten, welche so nach und nach in der Gaststube eintrudeln. Normalerweise haben wir den Punkt erreicht, wo man sich gar nicht nochmal zur Ruhe setzen will, weil ja nur noch 15,6 Kilometer zu bewältigen sind und der "Haken" am JUNUT 239 sehnsüchtig darauf wartet, gesetzt zu werden. Es sind wahrlich nicht mehr viele Läufer auf der Strecke - die ausliegende Liste der Teilnehmer kündet davon. Auf dem Deckblatt des DIN-A4-Zettelblocks sind dreiviertel der Läufer durchgestrichen, also ausgeschieden. Der Rest erfährt auch hier noch einmal eine liebevolle Betreuung, aber auch ein konsequentes Durchsetzen der "Hier-wird-nicht-mehr-ausgestiegen-Option". Für deren Umsetzung zeichnet Schinder-Betti verantwortlich, welche mit Nachdruck des Kampfes Unwillige vor die Tür des Gebäudes setzt. Ein Aussteigen in Holnstein gibt es nun mal nicht! Ich bin zwar der Meinung, im Vorjahr in der Liste einen Teilnehmer gelesen zu haben, welcher seine letzte Zwischenzeit in Holnstein hatte, aber kein Finish aufweisen konnte. Das wird hier vehement verneint und in den Raum der Absurditäten gestellt. Erst am nächsten Morgen am Frühstückstisch im "Gasthof zur Post" klärt sich diese Begebenheit auf - Rene Spintler mußte 2017 bei Kilometer 236, also nach 98,75 Prozent der Strecke, das Handtuch werfen, da ihm seine Beine den Dienst versagten. 

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Unsere Beine sind noch voller Tatendrang, als wir kurz vor halb neun Holnstein verlassen. Vielleicht reicht es ja für eine Zielankunft unterhalb der 50-Stunden-Marke? Wir werden es auf alle Fälle versuchen. Der erste Anstieg wird daher im straffen Wanderschritt genommen und der Rest wird gerannt ... so lange, bis die uns nächste kleine Gegensteigung wieder ausbremst. Wir laufen anfangs auf einem Plateau. Mir gaukelt mein Gehirn ständig vor, wir würden auf einer schmalen Insel laufen, umgeben von Altmühl auf der linken und Donau auf der rechten Seite. Der Schlafentzug macht sich jetzt immer mehr bemerkbar - die fünf bis zehn Minuten an den zwei Tagen reichen eben nicht, um jetzt hier in der schon wieder kräftig wärmenden Sonne klare Gedanken zu fassen. Nebenbei laufen meine Hochrechnungen, wie wir die angestrebte U50-Zielzeit noch schaffen können, aber die Kilometerangaben auf den Schildern bringen das bißchen Konzentration dafür gehörig durcheinander. Es folgt (an der Erbmühle) ein kurzer Straßenabschnitt. Sind wir überhaupt noch auf dem Jurasteig? Das GPS-Gerät bestätigt die Richtigkeit und weist uns auf einen Wiesenpfad neben der Straße. Auf der anderen Seite plätschert die Weiße Laber (und nicht die Donau!) friedlich vor sich dahin. Doch jeder Bogen, jeder kleine Anstieg und jedes kleine Schwächeln lassen uns bald die selbstauferlegte Zielzeit vergessen. Ist ja auch egal, was im Protokoll steht! Wir wollten ja wirklich nur ankommen - bei unseren Voraussetzungen ist das schon ambitioniert genug. Nun sind wir kurz davor, den Beweis zu erbringen, daß fehlendes Training wegen Krankheit, Verletzungen und Faulheit auch wieder mal mit einer großen Portion Willenskraft ausgeglichen werden kann.

An der Premerzhofer Quelle ziehe ich meine mit Bier gefüllte Trinkflasche aus dem Rucksack und zum Anstoßen entfährt mir ein "Offen Haken!", womit jetzt nicht der Ofenhaken gemeint ist, sondern "der Haken", der das "wir haben es geschafft" signalisiert! Der Weg ist mittlerweile flach, breit und gleicht einer Straße. Was soll jetzt noch passieren? Ich nehme einen kräftigen Schluck zum Sonntagmorgen. Da Ute keinen "Durst" verspürt, trinke ich ihren Schluck gleich mit. Wenig später führt der Steig ein letztes Mal für uns nach oben. Im Hangwald, auf dem Qi-Gong-Weg, entledige ich mich dabei meiner langen Hose, weil es einfach angenehmer auf der Haut ist. Die Kirchturmuhr von Dietfurt läutet - die 50 Stunden sind somit um. Eile verspüren wir schon lang nicht mehr. Ich hole einen alten Klassiker aus der Sprücheschublade: "Schade, gleich ist es vorbei!" und diesmal ist der ernste Blick von Ute auch durch nichts zu korrigieren - dafür war es zu mühselig für sie. Beim gemeinsamen UTMB-Finish 2013 gab es für diesen Spruch auch zuerst Unverständnis von Ute, welches sich später immer mehr meiner Meinung anschloß. Dieses Umdenken entfällt heute!

Wir trödeln dem Ziel entgegen, ich fotografiere noch ein wenig in der Gegend herum und vor der Turnhalle werden wir somit gar nicht als Zieleinläufer wahrgenommen. Das Ziel befindet sich jedoch im Turnhallen-Nebengebäude, wo ein mit Pflaster aufgeklebter Ziel-Strich zwischen Tür und Angel das Ende des JUNUT 239 festlegt. Jetzt ist der Haken wirklich dran! Es gibt ein T-Shirt als Dank für die Mühen und ein Zeitungsreporter "nervt" kurz darauf mit Fragen zur Befindlichkeit. Da bin ich natürlich schnell weg, während Ute ihre Gemütslage erläutern muß. An der Garage unterhalb der Turnhalle gibt es eine Zielverpflegung, von der ein Bier, dazu die nötige Bettschwere und die Sonneneinstrahlung den Körper endgültig ausschalten! Es folgt ein kleines Nickerchen auf der Wiese nebenan. Für den Nachmittag ist dann noch die Siegerehrung angesetzt, aber da müssen wir ja nicht hin. Ute hat unterwegs mehrfach meine Theorien zu ihrem Platz 3 in der Frauenwertung bestritten. Ich will das Thema nun auch nicht weiter aufwärmen - ein bißchen Ruhe wäre jetzt nicht schlecht!

Station Kilometer Ort km Hm+ Hm- Pause im VP
Start 0,0 Dietfurt 0,0       Fr. 9:00 Uhr
VP 1 26,6 Riedenburg 26,6 1.014 978 Fr. 12:17 Uhr Fr. 12:30 Uhr
VP 2 50,7 Kelheim 24,1 824  836  Fr. 15:42 Uhr Fr. 16:02 Uhr
VP 3 78,5 Matting 27,8 817  821  Fr. 19:59 Uhr  Fr. 21:08 Uhr
VP 4 88,5 Schönhofen 10,0 465  359  Fr. 23:06 Uhr Fr. 23:27 Uhr
VP 5 103,7 Pielenhofen 15,2 486  582  Sa. 1:56 Uhr Sa. 2:48 Uhr
VP 6 116,6 Dallackenried 12,9 327  365  Sa. 5:27 Uhr Sa. 6:04 Uhr
VP 7 138,5 Schmidmühlen 21,9 711  640  Sa. 9:48 Uhr Sa. 11:15 Uhr
VP 8 151,0 Hohenburg 12,5 403  353  Sa. 13:22 Uhr Sa. 13:47 Uhr
VP 9 170,0 Kastl 19,0 592  561  Sa. 17:20 Uhr Sa. 18:23 Uhr
VP 10 180,4 Habsberg 10,4 634  459  Sa. 20:32 Uhr Sa. 21:22 Uhr
VP 11 202,3 Deining 21,9 449  616  So. 1:43 Uhr So. 3:18 Uhr
VP 12 223,4 Holnstein 21,1 552  561  So. 7:57 Uhr So. 8:25 Uhr
Ziel 239,0 Dietfurt 15,6 291  363  So. 11:11 Uhr  

Zur Siegerehrung im "Bräu-Toni" sind wir selbstverständlich vor Ort - schließlich ist einer der originellen JUNUT-Steine für Ute vorgesehen. Von elf über die Langdistanz gestarteten Frauen sind sechs bis zur Turnhalle in Dietfurt gelangt - Ute ist dabei als Drittplazierte nun also doch siegerehrungsberechtigt! Frauensiegerin Nicole Kresse stellte mit 40:38 Stunden eine neue Bestzeit in die JUNUT-Statistik, bei den Männern sorgte Tobias Krumm mit seinen 29:34 Stunden für eine noch stärkere Duftmarke, schließlich wurde damit die bestehende Bestzeit um über fünf Stunden gedrückt. Organisator Gerhard Börner wird daraufhin dem Pressevertreter zwei "besondere Vorkommnisse" beim JUNUT in den Block diktieren: "Es waren die beiden Streckenrekorde!"

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Während es auf der Kurzstrecke (170 km) von 30 gestarteten Läufern immerhin 43 ins Ziel schafften (wegen der Ausstiegsmöglichkeit der Langdistanzler), betrug die Ausfallquote auf der gesamten Runde knapp 60%, da nur 31 von 77 Teilnehmern die volle Tour (239 km) bestritten. Nach dem Zieleinlauf auf der alten 230-km-Strecke 2014 und dem vorzeitigen Abbruch nach 170 km im Vorjahr, haben Ute und ich nun auch die neue Jurasteig-Runde von 239 Kilometern per Finisher-Hemd attestiert bekommen. Da läßt es sich prima für den Rest des Jahres zurücklehnen, denn größere Wettkämpfe stehen für 2018 nicht mehr auf unserer Agenda. 

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Der JUNUT 2018 - eine Meisterleistung der Organisatoren und Helfer! Ihnen gebührt unser Dank für diese unvergessliche Wochenendgestaltung! Trotzdem werden wir uns für 2019 nicht um eine Teilnahme bemühen, schließlich sollen unsere zwei "freien Plätze" zwei anderen Läufern die Möglichkeit bieten, einen der stark limitierten Startplätze zu erlangen. ;)

Noch ein Wort zur Verpflegung: es gab eigentlich nichts, was es nicht gab! Eine perfekte Mischung aus süßen und herzhaften Speisen sorgte dabei für kulinarische Abwechslung: Kuchen, Riegel, Nüsse, gebrannte Mandeln, Lebkuchen, Feigen, Äpfel, Bananen, Paprika, grüne Gurken, Gewürzgurken, Salami, Knacker, Pizza, Käse, vegane Aufstriche, Griebenschmalz (Fett), Eier, Brühe, Würstchen, Nudeln, Kartoffeln, Kartoffelbrei, Laugenbrezeln, ... nur in Kelheim beobachtete ich eine größere Läuferschar, welche sich ihr Softeis an der Strecke selbst kaufen mußte, da dieses nicht im VP-Angebot gelistet war. Dafür reichte die Getränkepalette vom alkoholfreien Bier, über Radler und "richtigen" Bier, über Cola, Iso und Limo, Gemüsesaft, Kaffee und Tee bis hin zu stinknormalem Leitungswasser. Mit der liebevollen Betreuung vor Ort kann man den JUNUT getrost als AI-Wochenende deklarieren! Nochmals vielen Dank dafür!

Männer: 66 am Start - 25 im Ziel 
1. Krumm, Tobias Skinprotec 29:34 h
2. Neumaier-Burkhardt, Stephan Phadasch Vilshof 36:36 h
3. Rewig, Adrian Tri-Team Hagen 39:21 h
4. Claus, Ingo Team Bittel 41:14 h
5. Beckmann, Stefan TV Borken 43:36 h
6. Lehner, Otto Wien 44:20 h
6. Tschofenig, Hannes Lauftreff Hall in Tirol 44:20 h
16. Delling, Thomas LV Limbach 2000 50:11 h
Frauen: 11 am Start - 6 im Ziel 
1. Kresse, Nicole Herdenlos 40:38 h
2. Jabinschek, Babett Laufsport Ulm 44:20 h
3. Herfurt, Ute LV Limbach 2000 50:11 h
4. Keller, Karen Maxsein 51:27 h
5. Kiel, Silke Laufteam Fürth 2010 51:27 h
6. Schmutz, Cornelia LT Hemsbach 52:18 h

Bilder: (für den zweiten Nachtabschnitt wurden auch Bilder von unserer, am Tag durchgeführten Wanderung verwendet) 

 

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