Waldwiese

47. Hermannslauf 2018

Geschrieben von Thomas Delling.

29.04.2018 11 Uhr 31,1 km 568 Hm+ 774 Hm-

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Das Ende des römischen Statthalters von Germanien, Publius Quinctilius Varus, nach dessen sich andeutender Niederlage im Teutoburger Wald, dürfte hinreichend bekannt sein. Er durchbohrte sich, vor über 2.000 Jahren, noch auf dem Schlachtfeld mit dem Schwert, um den Verhöhnungen der siegreichen Germanen zu entgehen. Heutzutage ist es jedoch keine Schande mehr, nicht erfolgreich aus dem "saltus Teutoburgiensis" den Heimweg anzutreten, auch wenn Varus' damaliger Gegenspieler, Hermann der Cherusker, als jetziger Namensgeber des neuzeitlichen Kräftemessens zwischen Detmolder Hermannsdenkmal und Bielefelder Sparrenburg noch allgegenwärtig ist. 

Aber genau dieses Geschichtswissen um Varus schien Lauffreund Jens davon abzuhalten, unseren gemeinsamen "Kindheitstraum" Wirklichkeit werden zu lassen: einmal beim Hermannslauf zu starten. Das war damals, 2008 oder 2009, als wir uns fest vornahmen, diesen Lauf auch einmal anzugehen - aber immer kam etwas anderes dazwischen, mal ein Marathon oder der Zittauer Gebirgslauf, "Rund um Chemnitz" oder Fußball. Egal, es klappte nie! Dieses Jahr ist das letzte Aprilwochenende allerdings frei von Terminen, die eine Teilnahme verhindern könnten. Doch diesmal spielt Jens nicht mit: kein Training für einen Lauf über 30 Kilometer und daher keine Lust, sich eine ähnlich herbe Niederlage, wie die Römer im Jahre 9 ans Revers zu heften. So sitzen Ute und ich in jener Nacht vom 13. auf den 14. Januar allein vorm Rechner, um die Anmeldedaten für die 47. Auflage dieses Kultlaufes in die Tastatur zu tippen. Um Mitternacht öffnet dabei das Anmeldeportal und binnen weniger Minuten sind die 7.000 Startplätze vergeben. Wir erhalten um 0:07 Uhr unsere Teilnahmeberechtigung per E-Mail und beginnen am Morgen mit dem Hermannslauf-spezifischen Training, indem wir beim Adelsberger Berganlauf die Laufschuhe schnüren. Dieser Elan verflacht mit zunehmender Zeit immer mehr und letztlich stehen wir so unvorbereitet, wie Jens es vorgab, vor dem langersehnten Wochenende auf dem Hermannsweg von Detmold nach Bielefeld.

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Vielleicht hilft es da ein wenig, sich im Vorfeld vom Fußballsport im Ruhrgebiet inspirieren zu lassen. Dort wird diese Sportart nämlich "malocht", also mit Willen durchgesetzt, auch wenn es spielerisch limitierter zugehen sollte. Letztendlich treten in diesen Vereinen zwar die gleichen "Söldner", wie sie überall zu finden sind, an den Ball und Eigengewächse mit dem viel beschworenen Kohlenpott-Gen sind dabei eher Ausnahmeerscheinungen. Auch das ist aber egal, es zählt schließlich das Gesamterlebnis der Fußballkultur im Ruhrpott - beginnend mit der Bahnanreise, dem Stehplatz im Stadion und dem "Bier davor, während und danach". Freitagabend spielt dabei mein Lieblingsverein aus dem "tiefen Westen", der VfL Bochum, dem ein hart erkämpfter 2:1-Sieg im Zweitligaspiel gegen Aue gelingt. Tags darauf erhalte ich über Umwege noch eine Karte fürs ausverkaufte Bundesligaspiel in der "Arena AufSchalke" gegen Mönchengladbach. Dabei wehren sich die Hausherren mit viel Kampfgeist (fast 80 Minuten in Unterzahl spielend) gegen eine Heimniederlage, was letztendlich mit einem 1:1 auch gelingt.

Fazit: die ausufernde Kommerzialisierung des Fußballs hat glücklicherweise noch nicht alle Stadiongänger erreicht. Ob nun gegen die Ausgliederung der ersten Mannschaft in eine Kapitalgesellschaft (in Bochum) oder die Ablehnung des Videobeweises (auch wenn er zum eigenen Vorteil der Schalker angewandt wurde) - der Protest gegen diese Art der Fußballkultur ist immens! Jedenfalls beschließt Reviertag 2 mit einem gepflegten Mix aus Gegrilltem und Flaschenbier den sportlich-passiven Abstecher ins Ruhrgebiet. Die anschließende Einladung für einen erweiterten Bierkonsum "bei einem Kumpel" muß ich allerdings ausschlagen, da dafür eine morgendliche Ankunftszeit von 6 Uhr prognostiziert wird und ich um diese Zeit eigentlich mit Ute schon ins 120 Kilometer entfernte Bielefeld aufbrechen will.

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Der erste Transfer des Sonntagsmorgens führt mit dem Caddy von Hohenlimburg nach Bielefeld. Dort ist das Ziel und die Ausgabe der Startunterlagen. Wir finden, aufgrund unserer zeitigen Anreise, tatsächlich noch unweit der Sparrenburg einen legalen Parkplatz und können uns daher entspannt dem Abholen der Startnummern und dem Packen der Läuferbeutel hingeben. Kurz darauf sitzen wir in einem der 120 Busse, welche nun in rund einstündiger Fahrt das Hermannsdenkmal ansteuern. 

Relativ zeitig begeben wir uns in unseren Startblock. Startblock C - weil wir noch kein Ergebnis vorzuweisen haben, werden wir ganz hinten eingeordnet. So haben wir etwas über 3.000 Läufer vor uns, welche 11 Uhr (Startblock A) und 11:05 Uhr (Startblock B) auf die Strecke geschickt werden. Erst 11:15 Uhr sind wir an der Reihe - und da zeitiges Kommen gute Plätze sichert, sind wir beim Aufrücken zur Startlinie auch ganz vorn mit dabei. Das Zuschauerinteresse ist riesengroß, denn der kurze Anstieg Richtung Hermannsdenkmal ist regelrecht übervölkert. Danach biegt die Strecke in den Wald ab und führt die nächsten fünf Kilometer fast nur bergab. Das macht natürlich Laune, auch wenn der steile Asphaltabschnitt am Anfang ganz schön auf die Gelenke geht. Nach nicht einmal zwei Kilometern ist der erste Läufer aus der B überholt und wenig später beginnt der große Slalomlauf durch das Hauptfeld des B-Startblocks. Schlängellinie durch die Massen oder am Rand des Weges durch Brennesseln und Brombeergestrüpp? Ich sehe es trotzdem positiv, denn wo kann man sonst relativ untrainiert nur am Überholen sein. Der erste Verpflegungspunkt wird daher auch, in dieser Euphoriewelle von mir ausgelassen.

Anschließend gibt es mit dem Großen Ehberg und dem Tönsberg zwei Erhebungen, welche jedoch nicht den letzten Saft aus den Knochen ziehen, wenn man sie entspannt angeht. Ist der Ehberg noch relativ knackig im Anstieg, baut sich das Profil des Tönsberges eher recht langsam nach oben auf. Umso schöner sind jedoch die Abfahrten ins nächste Tal. 

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Wie der Abstieg nach Oerlingshausen: von weitem hört man schon den großen Rummel aus der Ortslage schallen. Grobes Pflaster, vielleicht noch von den Römern verlegt, führt steil in den Ort hinab. Rechts und links flankiert von Rinnsteinen aus Betonpflaster, welche wesentlich angenehmer zu laufen sind, als die Direktlinie. Im Ortskern ist die Hölle los - hier wurde vor Jahren eine Streckenverlängerung von 500 Metern notwendig, um die gesamten Zuschauer am Streckenrand auch "unterbringen" zu können und dies ist damit auch nur bedingt gelungen. Getrieben von der Stimmung lasse ich die Verpflegung aus, denn es läuft ja gerade so gut. Danach wird es wieder etwas ruhiger. Es schließt sich das Schopketal an und bis Kilometer 23 wechseln sich Asphalt und Waldwege ab.

Bis dahin kann ich immer noch irgendwie eine Art Laufschritt beibehalten - nun ist aber Schluß damit. Auf einem von Reisigschwaden eingefriedeten Weg läßt die nach oben wandernde Zweierreihe nun kein Überholen mehr zu und es ist somit der Übergang in den Wanderschritt unumgänglich. Auf der folgenden Lichtung ist Platz zum Vorbeigehen und der Weg teilt sich kurz darauf: links die gefürchteten 120 Stufen der Treppe von Lämershagen, welche laut Hinweisschild nur von "Hermännern" in Angriff genommen wird und rechts die sanfte Variante ohne große Höhendifferenz, die jedoch nur "Weicheiern" zur Verfügung steht. Erstaunlich, wie viele Läufer dabei die letztgenannte Variante wählen! Dafür ist der Anstieg nicht ganz so voll. Neben den Stufen führt noch ein Trampelpfad nach oben, den ich für mein "Verpulvern der letzten Reserven" nutze. Auf dem Scheitelpunkt angekommen, habe ich nichts Sehenswertes wahrgenommen - nur die Muskulatur zuckt ordentlich. Die Waden scheinen immer fester zu werden und auch die Oberschenkel schmerzen ungewohnt. Aber was heißt hier ungewohnt? Das hätte ich mir denken können/müssen, daß bei meiner laschen Trainingsauffassung irgendwann die Kräfte nachlassen. Etwas später reihe ich mich wieder in das Feld der von rechts kommenden "Weicheier" ein und kurz darauf befinde ich mich auch wieder in dem Personenkreis, dem ich vor der Weggablung beiwohnte.

Das Überholen geht zwar nun auch nicht mehr so flüssig von der Hand, wie noch vor ein paar Kilometern, aber ich komme noch voran. Das heißt, es wird ein zähes Ringen bis Bielefeld für mich werden. Am Funkturm "Eiserner Anton" sind es noch rund sechs Kilometer und meine Uhr ist schon bei über 2:15 Stunden Laufzeit angelangt. Das wird also doch noch recht ungemütlich für mich werden, denn vor 14 Uhr wollte ich eigentlich im Ziel sein - ein Vorhaben, welches nun aussichtslos erscheint. Also trampel' ich noch, was geht. Doch die Uhr spielt nicht mit! Keine Chance, also nochmal an die letzte Verpflegung (zweieinhalb Kilometer vorm Ziel) ran und auffüllen.

Der Zieleinlauf Richtung Sparrenburg ist dann wieder ein Spalier von Menschenmassen und vergleichbar mit dem Finish bei einem großen Stadtmarathon. Aller Trubel nützt mir bei der "Endbeschleunigung" jedoch nichts - 14 Stunden und 12 Sekunden des Sonntages sind beim Überqueren der Ziellinie bereits vergangen. Vor eineinviertel Stunde lief hier der Sieger bereits ein, zum elften Male nun schon. Für mich unvorstellbar und bei diesem Zeitrückstand ist es auch besser, sich gleich aus dem Staub zu machen, die Kleidung zu wechseln und sich als einer der vielen Zuschauer auszugeben. Ute benötigt, trotz noch auszuheilender Bein-OP, übrigens nicht viel mehr Zeit und kommt sicher "unter drei" ins Ziel. Sie kann nun getrost ihre herrliche Finishermedaille tragen ... ich als "Zuschauer" beneide sie darum!

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Ergebnis Hermannslauf 2018:

Männer: 4.125 im Ziel
1. Sansar, Elias LG Lage Detmold Bad Salzuflen 1. M35  1:45:03 h
2. Kühlmann, Thomas NSV Wernigerode 1. MH 1:47:22 h
3. Kerkmann, Jan TSVE 1890 Bielefeld 2. MH 1:49:55 h
4. Kaschura, Jan RunArtist Holzminden 1. M30 1:54:40 h
5. Kuttrich, Björn Offenbacher LC 2. M30 1:56:29 h
6. Brand, Michael Non-Stop-Ultra 2. M35 1:57:09 h
888. Delling, Thomas LV Limbach 2000 151. M45 2:45:12 h
Frauen: 1.166 im Ziel
1. Anders, Hilde Tromso Lop - NOR 1. WH 2:05:11 h
2. Bossow, Franzi TSVE 1890 Bielefeld 1. W30 2:10:03 h
3. Strate, Stefanie TSVE 1890 Bielefeld 2. WH 2:10:51 h
4. Volkmann, Jessica Teilzeitläufer Bielefeld 3. WH 2:14:39 h
5. Felt, Silvia Salomon 1. W40 2:19:22 h
6. Ohm, Vanessa TSVE 1890 Bielefeld 4. WH 2:20:35 h
165. Herfurt, Ute LV Limbach 2000 12. W50 2:58:23 h

Der Hermannslauf hat alle unsere Erwartungen übertroffen! Dieser "gefühlte Marathon" ist definitiv mit dem Fluidum eines Marathonlaufes vergleichbar - man muß es nur selbst einmal erlebt haben. Bei einer Wiederholung des Laufes unsererseits ist jedoch ein Start aus dem letzten Block heraus so gut wie ausgemacht, auch wenn (anhand unserer Zielzeiten) Ute in A und ich in B starten könnten. Vielleicht ist dann auch Jens mit von der Partie und gönnt sich mal eine "schöne" Niederlage im Teutoburger Wald, denn so barbarisch (wie Jens es vermutete) war der "Hermann" gar nicht zu uns!

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