Waldwiese

9. Lauf "Rund um Chemnitz" 2018

Geschrieben von Thomas Delling.

05.05.2018 8:00 Uhr  66,4 km 1.105 Hm+ 1.105 Hm- (Gruppenlauf)

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Das Jahr 2018 steht in Chemnitz mal wieder unter dem Stern diverser Feierlichkeiten. Vor 875 Jahren bestätigte nämlich König Konrad III. die hiesige Klostergründung und tätigte somit die erste urkundliche Erwähnung von Chemnitz. Das ist aber auch schon alles, was dieser Typ mit "unserer" Stadt gemein hat. Konrad III., der damalige Römisch-Deutsche König, hat genauso wenig je einen Fuß auf Chemnitzer Flur gesetzt, wie ein Karl Marx, dessen 200. Geburtstag just mit dem Tag der 9. Chemnitz-Umrundung zusammenfällt und der 37 Jahre lang als der Namensgeber der Stadt geführt wurde. Jubiläen um Persönlichkeiten, die förmlich Schall und Rauch sind, wenn man sich die Liaison des derzeitigen ARUCK IIX. (Alleiniger "Rund um Chemnitz"-König der Achte) mit seiner Heimatstadt vor Augen führt: er wurde hier geboren und ist vor den Toren der Stadt aufgewachsen, zahlt hier emsig seine Steuerlast, trinkt fast ausschließlich lokale Biersorten und ist seit 2010 (und höchstwahrscheinlich auf Lebenszeit) Regent des Gruppenlaufes um die ehemalige Industriemetropole. Jedenfalls ist diese Verbundenheit mit Chemnitz bemerkenswerter, weil dieser Monarch wesentlich bodenständiger daherkommt - auch ohne große Festveranstaltungen. 

Seine Festveranstaltung, also die des "Rund um Chemnitz"-Königs, ist der gleichnamige Lauf. Ganz bescheiden reiht sich dabei das Oberhaupt in das Heer des Fußvolkes ein und erkundet gemeinsam mit ihnen das Gebiet um Chemnitz, lebt dabei ähnlich asketisch von Wasser und Brot, wie die anderen auch und nur die anschließenden, alljährlich wiederkehrenden Krönungsfeierlichkeiten definieren mehr oder weniger seine gehobene Position gegenüber dem Rest. Diese Krönung findet meist "unter Ausschluß der Öffentlichkeit" statt, wenn sich ein Großteil der Reisegesellschaft gerade den Schweiß und den Schmutz vom Körper duscht. Daher wird bei dieser Zeremonie auch nicht voll in die Tasten geschlagen, sondern eher besinnlich dem König von den Veranstaltern Siggi und Tilo eine neue Amtszeit übertragen, ehe es mit dem (geduschten) Fußvolk zum Festschmaus in eine Gastwirtschaft geht und dort zünftig die neue Regentschaft "begossen" wird. Doch diesem anfangs recht bürokratischen und letztenendes pompös ausufernden Aufriß sind jene rund 66 schweißtreibende Kilometer Fußmarsch vorgelagert ... 

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In den Anfangsjahren mußte man bei weitem noch nicht so gut trainiert sein, wie es mittlerweile der Fall ist, um in die Ruhmeshalle von Siggi und Tilo aufgenommen zu werden. Damals umfaßte die Strecke nur 61 Kilometer und war deshalb in der Szene auch oft als "Mutter-Kind-Lauf" verschrieen. Es war die Zeit, als noch die Kraft für einen langgezogenen Zielsprint vorhanden war und dessen Ergebnis dann die Einteilung der gesellschaftlichen Schichten innerhalb des Teilnehmerfeldes vollzog. Es war die Zeit, als es um die "Postenvergabe" ging. Wer zuerst kam, regierte zuerst! Und so setzte sich der heutige Herrscher gegen einen wirklich starken Thronanwärter durch, der sein jetziges Leben mit Ackerbau und Viehzucht bestreiten muß, nur weil damals (mehrfach) die berühmten Zentimeter fehlten: Zweiter Platz beim Bergsprint, Zweiter im Gesamteinlauf und das gleiche Dilemma im Jahr darauf. Ihm war es einfach nicht vergönnt! Er blieb auf der Strecke, während sein Gegner später immer mehr an Einfluß gewann, so daß er die Veranstalter nötigen konnte, Regeln leicht abzuändern oder ganz fallen zu lassen - alles mit dem Ziel des alleinigen Machterhaltes.

Während also der eine Konkurrent sicher im Sattel sitzt, was das Rampenlicht angeht, zog sich sein Widerpart immer mehr zurück. Das im Vorjahr von den Veranstaltern zugeworfene Gnadenbrot der RUC-Ehrenmitgliedschaft hat er innerlich nur mißmutig angenommen, nach außen hin wahrte er jedoch den Schein der "ewigen Legende". Diese Heuchelei entlarvt er allerdings in diesem Jahr selbst, indem er es (um es schon mal vorwegzunehmen) nicht schafft, als Ehrenmitglied, dem Tross mit seiner Aufwartung seine Dankbarkeit zu dokumentieren. 

Es gibt aber auch Erfreuliches zu berichten, wobei man da geteilter Meinung sein kann. Auf der einen Seite wurde mit einer schon Tradition gewordenen Sitte gebrochen, zum anderen fand man endlich wieder zu alten Tugenden zurück - es geht um die Pünktlichkeit/Unpünktlichkeit. Erstmals wird eine Chemnitz-Umrundung als "pünktlich um 8 Uhr gestartet" in die Annalen eingehen! Und dabei bestand sogar die Möglichkeit, noch weit vor der offiziellen Startzeit in die Bahn zu gehen, um Minuten der Vorjahre wieder 'rauszulaufen. Doch dies wäre sicherlich des Guten zu viel gewesen, daher nahmen die beiden Organisatoren diesen Vorschlag "ihres" Königs (mehrfach!) nicht an und billigten lieber eine leicht dahinfröstelnde Läuferschar. Vielleicht sollten mit dieser manifestierten Sturheit dem ARUCK IIX. auch die Grenzen seiner Befehlsgewalt dargelegt werden. Ein Bruch im sonst funktionierenden Machtapparat? Die Stimmung zwischen den Probanten ist leicht gereizt: wenn man bedenkt, wie sich Siggi (als Lobbyist des westsächsisch-thüringischen Ballsports) im Vorjahr noch sträubte das Drittligastadion des Chemnitzer Fußballclubs zu frequentieren - heute aber genüßlich auf diesen Bau hinweist, welcher ab Spätsommer nur noch den Fußballkämpfen der nächsttieferen Klasse vorbehalten sein wird, so ist doch ein Riß zwischen den beiden unverkennbar! 

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In einer Woche werden hier, im ehemaligen Stadion an der Planitzwiese, die Lichter der Drittklassigkeit ausgeblasen. Der Gegner wird der FC Hansa Rostock sein, so 'ne Art Bezirksderby zum Abschluß nochmal, da ja der Ursprung der Küstenkicker bekanntlich im erzgebirgischen Lauter liegt. Um es hier mal ganz klar mit den Worten der DDR-Medien zu formulieren und damit sporthistorische Aufklärungsarbeit zu leisten: "Die Mannschaft der BSG Empor Lauter ist (damals) von einem gemeinsamen Ostseeurlaub nicht wieder in die Heimat zurückgekehrt! Sportfeindliche Kräfte der SED-Bezirksleitung Rostock nutzten die Chance und warben die Spieler mit Aussicht auf Dauerurlaub am Strand, verbunden mit hohen Geldsummen für ihre sportpolitisch stark unterentwickelte Region ab." Das war allerdings schon im Oktober 1954 und daher ist das Duell zwischen Chemnitz und Rostock/Lauter nur den dienstältesten Zuschauern noch als Derby bekannt.

Heute stehen auf der Heinrich-Schütz-Straße Reisebusse für die Fans der Himmelblauen zur Abfahrt bereit. Es geht nicht in den Ostseeurlaub, es geht nach Sachsen-Anhalt. Dort irgendwo liegt Magdeburg, welches der (vorerst) letzte Drittliga-Auswärtsspielort des CFC sein wird. Weil dieses Magdeburg wiederum so schwer zu finden ist, werden die Busse freundlicherweise von der ortskundigen Polizei eskortiert werden. Die Navigationsarbeit der Beamten ist dabei vorbildlich. Mit diversen Irrleitungen durch das Jerichower Land wird die Buskolonne erst kurz vor Spielbeginn das Stadion erreichen. Eine Vorkontrolle und ein langwieriger Einlaß werden erwartungsgemäß in einer Rangelei enden, welche wiederum nur mit einem überharten Polizeieinsatz befriedet werden kann. Darauf folgt ein Hausverbot des 1.FCM für alle - da ist der halbleere Gästeblock auch egal, schließlich ist ja alles schon bezahlt! So gewinnt man spielend Sympathien und wer auf einen Nachmittag im Polizeikessel bei brütender Hitze steht, kommt auch auf seine Kosten. Die Medien werden die Öffentlichkeit daraufhin wissen lassen, wie barbarisch sich sächsische Fußballanhänger wieder benommen haben. Wie vor zwei Jahren ... gleiches Strickmuster/gleiche Inszenierung ... Gegner: Dynamo Dresden. Damals durften 700 Dresdner als Kollektivstrafe nicht ins Stadion. Na zum Glück hat sich Sohnemann Bruno heute für die althergebrachte Zugfahrt nach Magdeburg entschieden, damit bleibt ihm dieses Theater wenigstens erspart.

Oje, bin ich jetzt etwa vom Thema abgekommen? Ich hatte doch nur kurz an einem der Busse mit ein paar mir bekannten Leuten gequatscht ... natürlich nicht über Fußball, sondern über "Rund um Chemnitz"! Jetzt bin ich, am Eingang zum Zeisigwald, wieder zur Gruppe aufgelaufen. Damit habe ich mir natürlich alle Anfeindungen, was den (seit der Insolvenz des Stadionnutzers) nun noch größeren Reizpunkt "Stadionneubau 2014-2016" betrifft, vom Hals gehalten. Hier im Wald greift zum Glück keiner mehr dieses Thema auf.

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Im Zeisigwald passieren wir das Gebiet, auf dem am 23. Mai 1909 das erste städtische Luft- und Sonnenbad öffnete. Die Badelatschen für dessen Besuch habe ich ja an, nur das Bad gibt es seit 1983 nicht mehr. Die Natur hat sich seitdem die Fläche zurückgeholt und nur noch ein Pavillon erinnert an das fast 40.000 Quadratmeter große Familienbad, zudem behindern viel zu viele Bäume die direkte Sonneneinstrahlung auf die ehemalige Badelandschaft. Also, schnell wieder raus aus diesem schattigen Stück Wegstrecke! Doch bis in die sonnigen Ecken der Kleingartenanlage in Hilbersdorf jenseits der Dresdner Straße ist es schon noch ein ganzes Stück. 

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Am ersten VP wird selbstverständlich Siggi's Fauxpas von vor ein paar Jahren wieder aufgewärmt. Damals wählte er als Organisator und Streckenkundiger in Personalunion tatsächlich den falschen Wiedereinstieg nach der Verköstigung. Doch dieses Jahr ist die Situation am Waldanfang des "Schnellen Marktes" noch verworrener. Die Tische sind diesmal links und nicht rechts unserer "Fahrtrichtung" aufgebaut. Siggi's Eselsbrücke mit dem "Ich muß nach der Pause rechts vom VP nach rechts starten ... ich muß nach der Pause rechts vom VP nach rechts starten ... ich muß nach der Pause ..." ist damit hinfällig geworden und er bedarf daher einer längeren Einweisung durch einen Diplom-Geographen in diese für ihn (und für manch' anderen) ungewohnte Situation. Erst als mehrfach eindringlich daraufhingewiesen wird, daß wir noch nie nach der ersten Verpflegung durch einen Garagenhof gerannt sind, sondern immer Bäume unseren Weg säumten, ist der Groschen gefallen. Somit kann ein langwieriges Umherirren durch Hilbersdorf in letzter Minute verhindert werden und die Läuferschar kann sich auf "rechtem" Wege Richtung Ebersdorf in Gang setzen.

Die Wege sind diesmal trockener als im Vorjahr und auch wenn mal ein umgestürzter und von den Organisatoren nicht beräumter Baum den Weg versperrt, kommen wir gut zum nächsten Verpflegungspunkt zwischen Draisdorf und Heinersdorf. Es besteht ja kein "Wegzwang", schließlich steht im Kleingedruckten der Ausschreibung "Die Runde orientiert sich am Rundwander- und Fahrradweg um Chemnitz ...". Sie könnte rein theoretisch durch diese Formulierung auch komplett durch das Gestrüpp und Unterholz in der Nähe des zitierten Weges führen und kein Teilnehmer hätte Anspruch auf Schadensersatz! Die zwei alten Hasen halten sich durch solche juristisch kaum anfechtbaren Umschreibungen weitestgehend schadlos, was die Regulierung von Beschwerden im Nachgang beträfe. Den Passus des "Heinersdorfer Bergsprints" haben sie allerdings noch nicht wieder in der Satzung verankert und genau damit versuchen sie mich nun zu locken. Doch diesen Zahn kann ich ihnen gleich ziehen, denn das hätte ich sicherlich nicht überlesen und sei es noch so klein geschrieben. Alle Bemühungen, Sören somit den vierten Sieg (bei bisherigem Gleichstand mit dem König) in dieser Kategorie zu "schenken", verlaufen damit im Sande. Pech gehabt! Wer lesen kann, ist klar im Vorteil - sagt nun mal ein altes Sprichwort!

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Der Abschnitt zwischen Röhrsdorf und Rabenstein fiel in den letzten Jahren immer wieder teils gravierenden Änderungen zum Opfer. Nun war zwar für dieses Jahr kein anderer Streckenverlauf geplant und die Route des Vorjahres sollte eins zu eins übernommen werden, was jedoch nicht bis ins Detail funktionierte. So bog auf dem Goetheweg die Spitzengruppe einen Feldweg zu zeitig ab und sorgte damit für einen Riesenaufstand unter der Landbevölkerung. In dieser Situation sicherte der ARUCK IIX. mit diplomatischem Fingerspitzengefühl und der damit verbundenen Gelassenheit sein Fußvolk vor drohenden Mistgabelangriffen der Bevölkerung ab, indem er das Gespräch mit den Betroffenen suchte und somit seinen Mannen und Frauen einen sicheren Vorsprung durch Feindesland ermöglichte. Nach Beendigung dieses taktisch klugen Hinhaltens machte er sich selbst auf den Weg. Er wählte die Variante des Vorjahres und konnte, aufgrund seiner enormen Schnelligkeit, das RUC-Heer am Ende seines "Hohlweges" wieder in Empfang nehmen. Außer der Mehrbelastung durch einen nicht unbeträchtlichen Umweg, konnten sich alle wieder "gesund und munter" an der Weggablung neben der BAB72 in die Arme schließen. Der König verschwieg jedoch die Gefahr, in die er sich für seine Irrläufer versetzte, und ihnen so den Rücken frei (von Mistgabelattacken) hielt - eine Bescheidenheit, die ihresgleichen sucht!

Als beim Überqueren der Oberfrohnaer Straße ein Teil des Trosses wieder einen, diesmal nur ca. einhundert Meter langen Umweg wählt, läßt er sie gewähren, ohne regulierend einzugreifen - wohlwissend, daß jeder zusätzlich gelaufene Meter am Ende des Tages noch höllisch weh tun wird.  

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Viel zu zeitig schlagen wir am Totenstein auf. Die Zeitverschiebung vom Start weg ist immer noch nicht ausgeglichen. Das Mittagessen ist daher auch noch nicht ganz gar und so sollen wir uns derweil die Zeit mit alkoholfreiem Bier verkürzen. Alkoholfreies Bier? Nein, es gibt entweder Bier oder Alkoholfreies! Beides zusammen geht nicht! Daher lasse ich auch die Finger von diesem "Experiment", welches sicherlich mit massiven Magenproblemen gerächt würde. Dafür sind die Makkaroni so wie man sie seit der Kindheit kennt: mit Käse und mit ordentlich Wurst und keinem Hauch von veganen Wackelpudding oder was es da heutzutage alles für solche Gerichte gibt.

Die verpflichtende Turmbesteigung, die während der Mittagspause zwingend von jedem Teilnehmer durchzuführen ist (um neben den horizontalen Kilometern auch alle vertikalen Meter vorweisen zu können), wird aufgrund des sonnigen Wetters von etlichen Personen ausgeschlagen. Sicherlich liegt man auf der angrenzenden Wiese wesentlich bequemer, als daß man sich auf der Plattform des Josefa-Turms vom Wind richtig durchwedeln läßt. Diese Wohlfühlform der "Freizeitgestaltung" während des Totenstein-Aufenthaltes sollte jedoch nach der Pflicht als Kür angesehen werden und ein Organisator kann/muß da auch mal ein Machtwort sprechen, anstatt sich diesem Trend nahtlos anzuschließen! Oder werden dann im nächsten Jahr gar Badetücher ausgegeben und Sonnencreme verteilt bzw. als spezieller Service noch aufgetragen, damit man sich ja keine Feinde macht, wie ich es jetzt für mich handhabe? Ausufernder Kommerz oder ursprünglicher Gruppenlauf? Wellness-Schwitzen oder Schweiß durch Anstrengung? Event oder Sport? Bitte laßt euch das hier nicht kaputt machen! Euch läuft das ganze Mit-der-Zeit-gehen irgendwann aus dem Ruder! Dann kommt hier keiner mehr und meldet sich zum Laufen an! Das bloß mal so als Anmerkung eines leicht konservativ denkenden Mitstreiters. 

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Mit zehn Minuten Vorsprung auf den Zeitplan gehen wir 12:40 Uhr den Abstieg nach Grüna an. Durch das Geholper auf dem anfänglichen Steilstück rutscht das Mittagsmahl etwas schneller in die Verdauungskanäle und somit kann der Körper schneller wieder in den Bewegungsmodus schalten. Ich laufe mit dezentem Abstand dem Feld hinterher, weil mein Badelatschen-Fußaufsatz auf dem Asphalt stets ein lautes Klatschgeräusch von sich gibt - und das will ich nun wirklich nicht ständig mit allen akustisch teilen. Nebenbei beobachte ich ganz dezent, wie sich alle (und da gibt es wirklich keine Ausnahme!) an der "Jens-Mende-Gedächtnisstelle" zwischen Naturfreundehaus und alter Bahnbrücke in laute Gespräche vertieft vorbeimogeln. Nicht einer von denen hält dabei kurz inne! Nicht eine Opfergabe wird am Straßenrand abgelegt! Nicht eine Gebetsformel wird in Richtung Harthwald gesprochen! Dabei erzählte mir Tilo noch vor ein paar Kilometern, wie er sich diesen Streckenabschnitt für die Zukunft vorstellen könnte - ein Jens-Mende-Wallfahrerweg, den kleine Kapellen in kurzen Abständen auf beiden Seiten flankieren, könne, ja müsse dort entstehen! Und nun? Tilo reagiert nicht mal auf meine etwas zaghaft kraftvoll vorgetragenen Rufe, doch die Truppe für ein kurzes Händchenhalten an dieser Stelle zu stoppen. So bleibt es mir (als einzigem) vorbehalten, an der Kultstelle einen heuchlerischen Kniefall fürs eigene Gewissen zu propagieren. In Wirklichkeit koche ich aber vor Wut, weil sich Jens (trotz Zusicherung) noch nicht hat bei uns sehen lassen.

Am Sportplatz Wiesengrund und einige hundert Meter später am Ortseingang von Mittelbach (wo rechterhand der Fußballplatz versteckt liegt) ist Siggi als Mitglied der vorderen Gruppe außer Ruf- und Hörweite, so daß ich ihm keine weiteren Details zum Grünaer Vorkriegs-Fußball mit auf den Weg geben kann. Ich hätte sowieso nicht viel mehr erzählen können, als schon von mir gesagt wurde. Nur zum mittlerweile vom FSV Grüna einverleibten Mittelbacher Fußball hätte ich mit ihm noch die Schwänke aus meiner Jugendzeit teilen können. In der Spielzeit 1983/84 drang nämlich die Schülermannschaft der SG Einsiedel in die chronische Überlegenheit der BSG Chemie Burkhardtsdorf auf Kreisebene ein. In einer Dreierrunde wurden alle drei Spiele gegen die Elf der Schüngel-Chemie nach jeweils 0:2-Rückstand noch gewonnen (3:2 und 5:2 daheim, 3:2 auswärts). Also mußte ein anderer Verein unseren Lauf stoppen und das sollte die BSG Polar Mittelbach sein, welche unter wirklich parteiischer Leitung "ihres" Schiedsrichters ihr bestes versuchte. Im ersten Heimspiel gelang dies, trotz einseitiger Spielleitung nicht und wir Einsiedler gewannen mit 3:2. In Einsiedel gab es naturgemäß nichts zu holen - 0:3 aus Mittelbacher Sicht und auch das Pokalspiel (wiederum in Mittelbach) war eine klare Angelegenheit (7:0-Sieg der SGE). Am letzten Spieltag kam es dann noch einmal zu einem Duell auf dem Mittelbacher "Acker". Mit 14 Siegen aus 14 Spielen war unsere Bilanz bis dahin makellos, aber dies sollte sich ändern. Am Ende des Spiels stand ein 2:1-Sieg der Gastgeber und des Schiedsrichters und wir beendeten die Runde mit 28:2 Punkten bei einem Torverhältnis von 80:17. Das warf uns jedoch nicht aus der Bahn und so konnte kurze Zeit später der Kreismeistertitel (gegen Motor Markersdorf 5:2 und 2:0) errungen werden. Auch in den darauffolgenden Aufstiegsspielen zur Bezirksklasse blieben wir gegen Blau-Weiß Gersdorf erfolgreich (2:2 daheim und 2:1 auswärts) und gewannen zudem das Pokalendspiel gegen Burkhardtsdorf (3:3 n.V., Elfmeterschießen 5:4) in Hartmannsdorf. Eine überaus erfolgreiche Saison, mit dem einzigen Wermutstropfen "1:2-Niederlage in Mittelbach".

Die nächsten Schnittpunkte unserer Reise werden (das Heckert-Gebiet mal ausgelassen) Neukirchen und Klaffenbach sein. Beide Gemeinden waren mit ihren Fußballvertretungen gegen uns in der damaligen Spielzeit 83/84 auch hoffnungslos überfordert. So gab es für die BSG Einheit Neukirchen gegen uns auf deren heimischen Platz ein 2:9 sowie in Einsiedel eine 0:7-Packung und eine vergleichsweise knappe 1:4-Niederlage. Im Pokalhalbfinale gelang der SG Einsiedel zudem noch ein 8:0-Auswärtssieg in Neukirchen. Noch torreicher sah unsere Bilanz gegen die BSG Chemie Klaffenbach aus. Da gab es einen 13:1-Heimsieg, sowie ein 8:0 und ein 10:0 auf des Gegners Platz.

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Oberhalb der Klaffenbacher Ölbude kommen wir nun zum "Sahnestück" der Runde, der sogenannten "Brücke des Todes", welche über ein Bächlein, oder besser gesagt, über ein Rinnsal hinweghilft. In Wirklichkeit sind es ja sogar zwei Brücken, welche von Jahr zu Jahr abenteuerlicher daherkommen. Begonnen hat diese endlose Geschichte mit fehlenden Planken im Brückenbelag, dann kam ein Gesperrt-Schild hinzu, später lichteten sich die Holzbohlen noch mehr aus und schließlich verschwand die zweite Brücke komplett. Nun wurde diese Engstelle zusätzlich mit einer umgeworfenen oder gar gefällten (?) Fichte garniert. Traumhaft! Ich bin schon gespannt, welche weitere Überraschung oder Erschwernis uns zur Jubiläums-Umrundung im nächsten Jahr erwartet - ausgesetzte Krokodile wären da sicherlich eine Idee oder vielleicht ein undurchdringbares Brombeergebüsch! Siggi und Tilo wollten sich dazu natürlich noch nicht äußern, schließlich hatten sie genug mit ihren Drahteseln zu kämpfen, welche sich bockig dem Hindernis entgegenstellten. Es kann daher auch sein, daß 2019 ein für Fahrzeuge vierspuriger Brückenneubau an das andere Bachufer führt, schließlich dürfte für diese dringend notwendige infrastrukturelle Maßnahme genügend Geld in der RUC-Kasse auf seine Verwendung warten. 

Stichwort "warten": im folgenden Abschnitt ist mit dem Harthwald das Wohnumfeld von "Legende" Jens erreicht. Nur wenige hundert Meter von der Streckenführung entfernt betreibt er seinen Geflügelhof und sicherlich wartet er geduldig oben am Aussichtspunkt auf den Tross der Chemnitz-Umrunder. Schließlich bleibt mein Versuch der telefonischen Kontaktaufnahme von ihm ungehört und da vermutet man ja diese Überraschung. Hat das wirklich ernsthaft jemand geglaubt? Ich hatte es anfangs auch schon erwähnt - es wird keinen Spontanbesuch seitens Jens' geben! Damit stellt er sich immer weiter ins Abseits und das Gefasel von der "Legende" bekommt immer mehr Risse und wird deshalb eines Tages ganz versiegen. Noch vor ein paar Stunden mußte ich einem Begleitradler erklären, daß seine Vermutung, Jens als "Legende" sei der ehemalige Dominator des Laufes gewesen, nicht der Wahrheit entspricht. Er hatte danach Tränen in den Augen, da ich in ihm sein Götzenbild zerstörte. Nach Jens' Verhalten in puncto "Fanbetreuung" dürfte es seinem Bewunderer maximal noch die Zornesröte ins Gesicht ziehen. 

Mit der Stärkung vom Harthauer VP (der aufgrund von Bauarbeiten am Würschnitzufer wieder verlegt wurde) geht es nun den steilen Schindlerweg und weiter auf dem Bettelmannsteig zum Aussichtspunkt Pappel. Hierbei ist erstmals ein leichtes Auseinanderziehen des Teilnehmerfeldes zu beobachten. Ein Vorgang, der sonst wesentlich eher in Erscheinung trat. Natürlich ermöglichen Wartepausen der Vorderen einen Zusammenschluß des Feldes, aber das ist ein ungeschriebenes Gesetz dieses Gruppenlaufes. Nicht ganz so geregelt schien dagegen im Vorjahr die im Zwönitztal folgende Zusatzschleife "Papierfabrikteich-Omega" zu sein. Es war damals eine Kann-Bestimmung, diese dem griechischen Buchstaben nachempfundene Schleife um den Teich am Einsiedler Gymnasium zu absolvieren. Nun wird in einer Fernsichtpause oben am Pfarrhübel diese Option des Vorjahres in der Läuferrunde einstimmig zur Pflichtveranstaltung deklariert. Das bedeutet: jeder hat die 400 Extra-Meter kurz vor Erreichen der Kaffee- und Kuchenbewirtung am Tor zum Niederwald zu bewerkstelligen!

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Am Wassertretbecken im Einsiedler Niederwald ist dann Schluß! Der König beendet hier seinen Lauf und steigt nach einem längeren Bad im Kneippbecken aus seinen Badelatschen. Ein DNF nach 51 Kilometern! Die Badelatschen-Tour ist somit beendet. Zum Glück zeigt sich Siggi daraufhin gnädig und gewährt dem "Bademeister" die restlichen 15 Kilometer "außerhalb der Wertung" in Turnschuhen. So besteht wenigstens noch ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer, um sich die bewältigte Gesamtdistanz (die zur Machterhaltung so wichtig ist) später gerichtlich einzuklagen. 

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Die Statuten definieren es ganz gummiklar: "Der Lauf ist in dem Schuhwerk zu beenden, in dem er begonnen wurde." So ist zumindest die Argumentation von Siggi zu meinem Zwar-"außer der Wertung"-aber-von-Veranstalters-Gnaden-noch-dabei-Zieleinlauf ab dem Wassertretbecken. Doch was ist, wenn ich kurz vor'm Ziel wieder in meine Schlappen wechsle? Dann dürfte doch mein Gesamtergebnis nicht anfechtbar sein!? Da kann Siggi auf und nieder huppen ... selbst permanent beim Wechseln zwischen Fahrrad, Laufen und Autofahrt und jetzt hier den Oberprediger spielen! Nein, nicht mit mir! Als König verfüge ich zudem über die Judikative und damit dürfte der Ausgang der Rechtsprechung wohl klar sein!

Am Ende des Lehmgrubenweges queren wir die alte und die neue B174 und gelangen mittels einer Spitzkehre fast bis an das Sportlerheim der SG Kleinolbersdorf/Altenhain. Vor 34 Jahren hieß der Verein nur SG Altenhain und war gefürchtet, wegen seines schiefen Fußballplatzes. Die Diagonale von oberen und unteren Eckpunkt wies dabei eine Differenz von 6,92 Metern auf. Trotzdem gewannen wir mit unserer Schülertruppe in der vorweg schon erwähnten Aufstiegssaison bei den "Hanghühnern" mit 4:0. Daheim wurde dann mit 4:1 und 6:2 nachgewaschen. Der "schrägste Fußballplatz Deutschlands" wurde 1926/27 durch die am 24. Juli 1926 gegründete Fußballabteilung des seit 1877 bestehenden Turnvereins Altenhain angelegt. Der felsige Untergrund und dessen nur mit hohem Aufwand zu bewerkstelligende Begradigung gaben damals dem Platz sein bizarres Erscheinungsbild. Neben der Fernsehsendung "Außenseiter-Spitzenreiter" nahm sich im November 2004 auch das Deutsche Sportfernsehen (DSF) der Geschichte um den ungewöhnlichen Platz an. Eine Neuvermessung durch die DSF-Leute brachten zwar nur noch 6,65 Meter Höhenunterschied zu Tage, für einen Beitrag in ihrer Sendung "Kreisklasse - die Fußballshow" reichte dies aber allemal. Natürlich war ich damals als einer der rund 250 Zuschauer bei der Schlammschlacht gegen den CSV Siegmar 48 dabei. Mit 0:1 ging diese TV-Premiere natürlich nicht nach dem Geschmack der Hausherren aus. Mittlerweile wird die "Hanglage" nur noch für Trainingseinheiten genutzt, denn oberhalb des Sportplatzgeländes entstand nach langem behördlichen Kampf, der vom Ortschaftsratsbeschluß 1998 bis zum ersten Spatenstich am 11. März 2003 bei den Verantwortlichen jede Menge Nerven ließ, für rund 300.000 Euro ein neuer Rasenplatz.

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Ab dem Verpflegungsstand unterhalb des Adelsbergturms wird die Schlußetappe in Angriff genommen. Ausschließlich bergab und nur noch durch eine kleine Pause am Ortseingang von Chemnitz unterbrochen, wird dem Ziel entgegengefiebert. Die letzten Meter hoch zum Kepler-Gymnasium, unserem Ausgangspunkt, laufen regelrecht harmonisch ab. Sicherlich könnte Tilo als Führungsfahrzeug durch etwas mehr Pedalarbeit die Gerade am USG-Sportplatz für ein Ausscheidungsrennen freigeben, doch auch er hat keinen Bock auf weitere Sticheleien, die solch ein "Wettkampf" mit sich führen würde. So sieht man ihn dann wenig später glücklich an einem Bier festhaltend und Glückwünsche für das erneute Gelingen der Veranstaltung entgegennehmen. Ebenso ergeht es Siggi und der Versorgungsmannschaft um Simone, Kathrin, Heike und Christian. Vom König hingegen nimmt kaum jemand Notiz, obwohl er sich auch an eine Bierflasche klammert. Erst viel, viel später, als der Parkplatz vorm Gymnasium schon menschenleer ist, wird aus dem ARUCK IIX. mittels gestellter Krönung nur fürs Pressefoto der neue ARUCK IX.! Endlich kehrt Stille ein! Alle Anspannung, aller zwischenzeitlicher Frust, alles Negative fällt plötzlich vom ihm ab. Er hat für ein weiteres Jahr Planungssicherheit, er ist auch die nächsten zwölf Monate Repräsentant der Veranstaltung und kann sich so wieder bei den zahlreichen Festbankett's und Staatsempfängen im Lichte seines Erfolges sonnen.  

* Tilo Kozlik war so freundlich, mir die Nutzung eines Großteils seiner von ihm geschossenen Standbilder hier zu erlauben.

Aus Siegfried Beyer's Zahlen-Eldorado hier die wichtigsten Fakten:

Platz Name Verein Teiln. km 2018 km gesamt
1. Delling, Thomas LV Limbach 2000 9 66 560
2. Herfurt, Ute*  LV Limbach 2000 8 66 499
  Pella, Juliane SG Adelsberg 8 66 499
  Spillecke, Antje LAC Erdgas Chemnitz 8 66 499
  Spillecke, Jörg LAC Erdgas Chemnitz 8 66 499
6. Schramm, Sören Chemnitzer LV Megware 7 66 438
7. Beyer, Siegfried Burgstädter LV 9 15 404
8. Kozlik, Tilo** Burgstädter LV 7 - 351
9. Geißler, Stefan*** LT Nordkreuz Berlin 5 66 315
10. Lau, Ina LT Nordkreuz Berlin 5 52 276
12. Herold, Mandy Chemnitzer LV Megware 4 66 255
13. Bergmann, Heike TSV Zeulenroda 4 66 249
14. Kästner, Kay Einsiedler Skiverein 3 66 194
15. Vogt, Peggy TSV 1888 Falkenau 3 66 189
23. Wötzel, Harry**** SG Neukirchen/Erzgeb. 3 43 166
37. Näfe, Michaela TSV 1888 Falkenau 2 55 121
44. Zieger, Jochen Burgstädter LV 2 38 72
63. Schlegel, Gert USG Chemnitz 2 25 46
71.  Eder, Enrico Burgstädter LV 2 19 31
72. Harzer, Torsten LAC Erdgas Chemnitz 1 28 28

* Radbegleiter 2010 (volle Distanz - 61 km)
** Radbegleiter 2016 und 2018 (jeweils volle Distanz - 62 und 66 km)
*** Radbegleiter 2016 (volle Distanz - 62 km)
**** Radbegleiter 2015 (volle Distanz - 61 km)

... noch ein paar Fotoabzüge:

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