Waldwiese

46. GutsMuths-Rennsteiglauf 2018

Geschrieben von Thomas Delling.

26.05.2018 6:00 Uhr 73,9 km 1.867 Hm+ 1.382 Hm-

Collage FotorRSL2018aaa

"Wer in der Welt was auf sich hält, der läuft von Eisenach nach Schmiedefeld!" - so lautet einer der Leitsprüche des Rennsteiglaufes, welcher seit 45 Jahren die Maßstäbe auf dem Thüringer Höhenweg setzt. Etwas älter, aber wesentlich präsenter ist dagegen das "Ich wand're ja so gerne am Rennsteig durch das Land ..." aus dem Jahre 1951. Eine Kombination aus beiden stand mir nun zu Ute's zehntem "Langen" bevor - die erste Supermarathon-Wanderung in der Geschichte des GutsMuths-Rennsteiglaufes! 

Mit nur ein paar Kurzstrecken-Wettkämpfen und dem Gruppenlauf um Chemnitz im Gepäck als Vorbereitung, reduzieren sich automatisch unsere sportlichen Ambitionen auf den anfangs zitierten Wanderschritt, zumal Ute auch noch mit den Nachwehen ihrer Bein-OP zu kämpfen hat. Ob dann der "lust'ge Wandersmann" auch noch "so völlig unbeschwert" das "schönste Ziel der Welt" in Schmiedefeld erreicht, steht dabei in den Sternen - denn 70 Kilometer müssen auch erstmal abgewandert werden! In den vorangegangenen Jahren war beim Rennsteiglauf die längste Wanderung mit 35 Kilometern ausgeschrieben und führte von Schnepfenthal zum Grenzadler. Mit dem Fußmarsch auf der Marathonstrecke von Neuhaus nach Schmiedefeld gibt es nun sogar noch eine Verlängerung dieser Distanz um sieben Kilometer. Mal sehen, ob sich "unsere" prognostizierte Streckenbewältigung im Wanderschritt dann für meine zehnte Teilnahme auch beim Supermarathon 2019 durchsetzt.

Collage FotorRSL2018hhh

Unsere Anreise ins Thüringische erfolgt am Freitag. Wir steuern jedoch nicht Eisenach an, sondern den Zielort Schmiedefeld. Dort wird unser Wagen gegen 15:30 Uhr auf dem, vis a vis zum Zielareal befindlichen proppevollen "Campingplatz" zwischen die vielen Zeltburgen und Caravan's gequetscht. Die Zeit bis zum Bustransfer in die Wartburgstadt überbrücken wir mit Feierabendbier und wettkampfbezogenen Dialogen unter Campern. Für 'nen Zehner wird Eisenach via Oberhof (zum Abholen einer Person!) in knapp zwei Stunden Busfahrt angesteuert. Bei unserer Ankunft auf dem Eisenacher Marktplatz kurz vor 20 Uhr ist das gros der Teilnehmer mit ihrem Kloßgericht schon durch. Deshalb können wir uns auch beim Abholen der Startunterlagen Zeit lassen, potentielle Gesprächspartner werden wir im Festzelt eh nicht mehr finden. Die haben wir ja danach in unserer Unterkunft, die wir uns zu fünft teilen. Nach einem Schlummertrunk bei allerlei unterhaltsamen Gute-Nacht-Geschichten gehen kurz vor Mitternacht die Lichter aus ... und nur wenige Stunden später, gegen 4:30 Uhr, wieder an.

Das Frühstück in der Pension ersparen wir uns, da der Magen für so etwas noch nicht auf Sendung ist und der Rennsteig heute noch genügend Mahlzeiten bereithalten wird. Schließlich wird es warm, sehr warm und da ist jedes zusätzliche Gramm Gewicht unerwünscht. Deshalb ist es für mich unerklärlich, wie man bei frühmorgendlichen 14°C und einem angekündigten Hitzetag mit langen Sachen so eine schweißtreibende Sache, wie den Rennsteiglauf angehen kann. Verhältnismäßig viele Teilnehmer entscheiden sich jedoch für diese Variante.

Da es heute keine Abgrenzung des Startblocks gibt, gelangen wir in diesem ziemlich weit vor. Trotzdem sind die ersten Meter durch die Fußgängerzone für die rund 2.000 Teilnehmer stets mühsam. Ab dem Nikolaitor entspannt sich das ganze etwas und wird erst wieder unterhalb der Göpelskuppe, auf dem das Burschenschaftsdenkmal thront, beengter. Doch so richtig voran kommen wir trotzdem nicht, was jedoch nicht am Gedränge liegt. Am 5-km-Schild kommen wir erst nach 32 Minuten vorbei und den Zehner passieren wir gar erst nach 1:06 Stunden. Die anfänglich noch von mir noch weggelächelte hohe Wahrscheinlichkeit eines Wandertages wird nun immer mehr und mehr zur Realität. Dazu bremsen ein paar Besuche im naheliegenden Unterholz, bei denen uns Heerscharen von Läufern passieren, die Geschichte zusätzlich aus. Es ist schon frustrierend, aber nicht zu ändern.

Collage FotorRSL2018iii

Die Zeitmeßmatte am großen Inselsberg überlaufen wir nach 2:59 Stunden. Ein Drittel der Strecke liegt damit hinter uns und eine Zielankunft von um die neun Stunden kündigt sich nun schon mal an. Das Bergfest auf der Ebertswiese (Kilometer 37,5) ist nach 4:20 Stunden erreicht. Die Pause dort fällt mit Wiener Würstchen und Speckfettbemmen, verdünnt mit Schleim und Cola etwas ausführlicher aus und somit verlassen wir diesen VP auch erst nach genau viereinhalb Stunden. Die kurz darauf folgende (imaginäre) Marathondistanzmarke ist nach 5:02 Stunden in Sack und Tüten und der Fünfziger nach genau sechs Stunden auf der Uhr. Schneller werden wir heute nicht mehr - ich verkneife mir aber auch die Präsentation irgendwelcher Hochrechnungen, schließlich ist es Utes Jubiläum. Ich wäre ja schon froh, wenn dieser Floh (von einer 10-Stunden-Zeit zu ihrem 10. Supermarathon), den Ute am Vorabend mehrfach ins Ohr gesetzt bekam, nicht zur Geltung kommt. 

Collage FotorRSL2018kkk

Nach 6:32 Stunden trudeln wir beim Grenzadler ein. Der Sprecher kündigt fast alle eintreffenden Teilnehmer mit Startnummer, Name und Verein an. Eine motivierende Geste für die Sportler und ein schöner Service für die Zuschauer, jedoch ein Grauen für die Datenschützer, deren neue Verordnung (welche am Vortag europaweit in Kraft trat) genau so etwas zu verhindern versucht. Schließlich kann ja mit diesen Informationen auch jede Menge Unfug getrieben werden. Der nächste Schritt in dieser "besseren Welt" wäre dann die anonyme Einnahme der Speisen und Getränke  am Verpflegungspunkt hinter einem blickdichten Vorhang. Schließlich können persönliche Vorlieben bei der teils hektischen Auswahl der Nahrungsmittel Rückschlüsse auf das Kaufverhalten im Supermarkt ziehen. Vielleicht wird so eine Beobachtung des Eßverhaltens auch schon jahrelang von Werbestrategen praktiziert und wir haben es nur noch nicht gemerkt? Falls es dem Vertreter der Lebensmittelindustrie doch entgangen sein sollte: nach 54,7 Kilometern hat der Träger der Startnummer 40, Thomas Delling vom LV Limbach 2000, drei Wurstschnitten mit zwei Bechern Cola und einem Becher Wasser zu sich genommen, ehe er wieder auf die Strecke abbog. Mein Verhaltensschema im Kaufmannsladen wird daher wohl ähnlich sein.

Collage FotorRSL2018ccc

Bis zum Ziel nutzen wir nun die Streckenabschnitt, der vor Stunden von den rund 6.700 Teilnehmern des Halbmarathons schon unter die Füße genommen wurde. Dieser Einundzwanziger war 2009 mein Einstieg ins Rennsteiglaufgeschehen. Mit einer Zeit von 1:31:00 war ich damals natürlich mehr als unzufrieden, heutzutage würde ich diese Zeit nichtmal auf flachem Terrain bewerkstelligen. Ich wüßte jetzt allerdings auch gar nicht auf Anhieb, wann ich meinen letzten Halbmarathon gelaufen bin und wann ich wieder mal diese Distanz in Angriff nehmen werde. Da der Supermarathon diesen Wettbewerb von Oberhof nach Schmiedefeld fast komplett mit einschließt, brauche ich ihn hier definitiv nicht mehr offiziell bestreiten - er ist ja beim Siebziger mit drin!

Einen Anstieg hält der Rennsteiglauf nun noch für uns bereit - den langgezogenen Abschnitt zum Großen Beerberg, welcher nach 62,2 Kilometern auf die Läufer wartet.

Collage FotorRSL2018bbb

Der Hinweis auf den Großen Beerberg, der höchsten Erhebung des Rennsteiglaufes, fehlt erstmalig. Dafür kündet ein neues Schild auf 973 Metern Seehöhe vom höchsten Punkt des gesamten, 169,3 Kilometer langen Rennsteiges. Jetzt geht es jedenfalls nur noch bergab! Das Tempo wird zügiger und auch die 400 Meter lange Schlaufe nach der Straßenquerung zum VP Schmücke (welche die Supermarathon-Strecke von 73,5 auf 73,9 km anwachsen läßt), bremst uns nun nicht mehr in unserem Tatendrang aus - wenn da nicht kurz vor der nächsten Zeitmeßmatte am Verpflegungspunkt Petra zum Fototermin auf uns warten würde. Zu meiner Verwunderung hat sie zusätzlich noch ein Bettlaken mit einer motivierenden Botschaft an den Ästen der "Alleebäume" befestigt. Mit einer Anspielung auf den Gruppenlauf "Rund um Chemnitz", wird dabei der "dicke König" aufgefordert, sich zu quälen! Nun mach aber mal halblang, Petra! Ich quäle mich schon die gesamte Zeit! Ich vermeide durch meine diplomatische Grundausbildung als König (Alleiniger "Rund um Chemnitz"-König) ein regulierendes Eingreifen in unseren Wandertrott, was die Zielzeit betrifft. Ich akzeptiere lange Standzeiten an den Verpflegungen, mehrere Entsorgungstermine im angrenzenden Wald, ich ertrage hier so ziemlich alles! Meine Zunge ist schon ganz zerbissen und der Kloß im Hals vergrößert sich zusehend. Da fällt mir das Sporttreiben, verdammt nochmal, nicht leicht! Und da soll ich jetzt noch eine Schippe "Qualen" drauflegen? Nein! Jetzt werde ich erstmal was für meine innere Zufriedenheit tun und das Nahrungsangebot der Schmücke testen.

Collage FotorRSL2018xcxc Fotor

Der Imbiß hält noch ein paar deftige Sachen für mich bereit. Das angebotene Bier im Becher (Eselsbrücke: Ausschankort Schmücke und Bier-Reinheitsgebot stammen aus dem Jahr 1516!) hat mir dabei jedoch zu viel Blume, weshalb ich mir gleich eine Flasche sichere. Die Leergutabgabe ist logischerweise vor Ort und deshalb ist ein gut funktionierender Kropf von Vorteil. So flüssig, wie eben beim Sturzbier, geht es danach (immerhin ist es schon kurz nach 14 Uhr) beim "Zielspurt" nicht weiter, auch wenn die Uhr Kilometerschnitte von weit unter fünf Minuten belegt. Die minimalen "Anstiege" werden weiterhin strikt gegangen! Dafür kann die, in der Einflugschneise des Ziels befindliche "Mitfahrbank" großzügig ignoriert werden. Stände diese Bank ein paar Kilometer eher - wir hätten das Angebot sicherlich angenommen. Jetzt allerdings nicht mehr! Möglicherweise hat der Bus Verspätung und wir schaffen unsere angestrebte U9-Zeit nicht mehr! 

Collage FotorRSL2018fff

Die "Acht" steht gerade noch so auf der Anzeige über der Zeiterfassung - es gibt sogar noch eine schöne Medaille für uns. Sicherlich nur als Trost, weil es für Wanderer keine Siegerehrung gibt oder als kleine Anerkennung, weil wir mit unserer Rennsteiglauf-Kleiderordnung so schön synchron und werbewirksam daherkommen.

Nach einer intensiven Zielverpflegung wechseln wir schnellstmöglich zu unserem Fahrzeug. Dort warten, neben den durstigen Burgstädter Lauffreunden, eine Vielzahl von sächsischen Bierspezialitäten auf ihre Bestimmung. Erst Stunden später gesellt sich daher das Köstritzer-Läuferbier (welches nach Zielankunft gegen Gutschein am Sportplatz abgeholt werden kann) zum Hopfensud im Körper. Der Rennsteiglauf kann doch soooo schön sein! Ein wenig Hektik "zerstört" dann doch noch den Ausklang unseres rundum gemütlichen Wandertags, als in den Duschen schon fast das Wasser abgestellt wird und unser Pflichttermin im Zielbereich drängt, bei dem der letzte Teilnehmer des Supermarathons erwartet wird. Gegen 18:45 Uhr ist es so weit: die letzte Teilnehmerin kommt ins Ziel ... 78 Jahre alt und (heute) mit 73,9 Kilometer in den Knochen!  

Collage FotorRSL2018eee

Im Festzelt kocht derweil die Stimmung. Die Bänke (und Tische) sind wie immer zu Stehplätzen umfunktioniert. Es geht kein Apfel mehr zur Erde! Ein musikalischer Partykracher jagd die nächste festzelttypische Ansage. Trotzdem fällt es mir schwer, mich dieser Situation freudetrunken zu ergeben. Es ist schon einmalig, wie hier der Bewegungsapparat noch einmal an seine Grenzen geführt werden kann. Doch das fällt heute bei mir aus. Es zuckt maximal etwas im Bein, so wie heute auf dem Rennsteig - da wollte ich und konnte nicht, jetzt könnte ich und will nicht! Der Abend vergeht trotzdem wie im Fluge und mit einem Hausgetränk aus der fahrzeugeigenen Kühlbox wird die erfolgreiche Rennsteig-Supermarathon-Wanderung stilvol abgerundet. Weniger stilvoll schließt sich eine Nacht auf Fahrer- und Beifahrersitz an. Aufgrund dieses luxuriösen Schlafzimmers dauert die Bettschwere bei mir auch nur bis kurz nach 4 Uhr an. Danach mache ich mich schleunigst auf die Socken, um der morgendlichen Gliederversteifung durch Einrosten mit einem kleinen Bummel durch Schmiedefeld entgegenzuwirken..

Bis in die späten Vormittagsstunden hält uns der Kessel von mehreren Campinggemeinschaften gefangen. Als zwischen die Fahrzeuge und Zelte der Umliegenden eine Lücke geschlagen ist, versagt die Technik - eine entladene Fahrzeugbatterie zwingt zum etwas ungewöhnlichen Rückwärtsanrollen in Schlängellinie. Das selbe Technikversagen hält der Parkplatz beim Schmiedefelder Bäcker noch einmal für uns bereit. Anlaufschwierigkeiten eben! So wie am Vortag auf dem Rennsteig! Wie der Herre, so's Gescherre!

Nun gab es ja noch (wie im Vorjahr) die Option, über Leipzig den Heimweg auszuweiden. Damals spielte Martin in der C-Junioren-Landesliga bei Lok Leipzig und kam mit 0:6 "unter die Räder". Eine ähnliche Schmach deutet sich für heute an, weil Bruno mit seinen Erfenschlager Fußballfreunden zur Landesmeisterschaft der Freizeitmannschaften in der Messestadt anzutreten hat. Als krasser Außenseiter ist dabei ein frühes Ausscheiden vorauszusehen und somit das Mittagessen für daheim fest eingeplant. Im letzten Vorrundenspiel sorgt jedoch Bruno mit seinem (späten) 2:1 gegen den Dauersieger dieser Veranstaltung für eine vereinsinterne Verlängerung des Turniers: Halbfinale und am Ende gar Platz 3! Dieses Erfolgserlebnis des "Großen" hätte ich mir wiederum gern einmal angesehen.

Collage FotorRSL2018ddd Fotor

Ergebnisse: Um nicht mit der am 25. Mai 2018 in Kraft getretenen DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) in Konflikt zu geraten, vermeide ich nun auch konsequent das Kundtun "personenbezogener Daten" bei den "Ergebnissen", so wie ich auch im Bericht auf Namen und Bilder von "Dritten" weitesgehend verzichtet habe. Daher erspare ich mir zukünftig eine Nennung der Ergebnisse, da diese wie folgt aussehen würden:

Männer: 1.498 im Ziel
1. xxxxxxxxxxxx, xxxxxxx xxxxxxx xxxxxxxxx  1. Mxx 5:14:13 h
2. xxxxxxx, xxxx  xxxxxxxxx  1. Mxx  5:23:15 h 
3. xxxxxxx, xxxxxx xx xxxx xxxxxxxxx  2. Mxx  5:31:39 h 
4. xxxxxxxx xxxxxx, xxxxxxx  xx xxxxxx  2. Mxx  5:31:50 h 
5. xxxxx, xxxxx xxxxxx'x xxxxxxxxxxx  1. Mxx  5:40:41 h 
6. xxxxxxxx, xxxx xxxxxx xxx xxxxxxxxx  3. Mxx  5:48:47 h 
730. Delling, Thomas LV Limbach 2000 135. M45 8:52:14 h
Frauen: 322 im Ziel
1. xxxxx, xxxxxxx xx xxxx-xxxx xxxxxx  1. Wxx  5:50:23 h 
2. xxxxx, xxxxxx  xxxxxxxxx xxxxxxxxx  1. Wxx  6:22:53 h 
3. xxxxxxx, xxxxxxx xxxx xxxx xx-xxx.xx  1. Wxx  6:34:34 h 
4. xxxxxx, xxxxxx  xxxxxxxxx xxxxxxx x.x.  2. Wxx  6:44:35 h 
5. xxxxxxxx, xxxxx  xxx xxxxxxx-xxxxxx  1. Wxx  6:46:46 h 
6. xxxxxxx, xxxx  xxx xxxxxxxxxxx  2. Wxx  6:49:14 h 
92. Herfurt, Ute LV Limbach 2000 21. W50 8:52:15 h

Nächstes Jahr feiere ich dann mein Jubiläum: 10x "richtiger" Rennsteiglauf! Natürlich auch wieder im Wanderschritt! Dem Rennsteiglauf die Treue und deshalb gilt: Einmal Rennsteig - immer Rennsteig! 

Full Review William Hill www.wbetting.co.uk