Waldwiese

2. Südthüringentrail Suhl 2018

Geschrieben von Thomas Delling.

08.09.2018 5 Uhr 64,9 km 2.491 Hm+ 2.491 Hm-

Collage FotorSTT2018AAA

Es gibt Tage im Leben, an die erinnert man sich ganz genau, weil an diesen etwas Historisches geschah: so wurde ich während des Laufes durch Südthüringen in ein Gespräch über den Suhler Fußballsport verwickelt - in dem, wie sollte es anders sein, der einzige Erstligasieg der damaligen BSG Motor zur Sprache kam. Es war die Saison 1984/85 und ich war mit der Jugendmannschaft der SG Einsiedel zum Bezirksklassenspiel in Ehrenfriedersdorf, da geschah jenes unvorstellbare, letztendlich einmalige Ereignis - der 3:1-Sieg der Suhler über Wismut Aue! Für immer wird dieser Tag haften bleiben. Mittlerweile krebsen die Nachfolger als 1. Suhler SV 06 in der Bedeutungslosigkeit der siebten Spielklasse herum - dafür haben die Suhler im Laufsport definitiv die Spitze der Beletage, wenn es um Geländeläufe geht, erreicht: der Tag meines ersten Südthüringentrails wird mir daher auch stets in guter Erinnerung bleiben.

Natürlich bleibt dieser Tag automatisch wegen der (noch bevorstehenden) behördlichen Auswertung des Blitzerfotos von der Autobahnausfahrt Suhl in Erinnerung. Es war ja schließlich die letzte Möglichkeit noch ein Bild von der Müdigkeit der nächtlichen Anreise zu ergattern. Mit zwei Stunden Schlaf vor Reisebeginn verlief die finale Wettkampfvorbereitung nicht zu optimal und der Schnappschuß im Dunkel des Morgens tat sein übriges. Aber auch so stand unser Trainingsprogramm in keinem Verhältnis zum Umfang der Strecke und zu deren Beschaffenheit. Mit ein paar Bergwanderungen und einem Gruppenlauf (50 km Zeulenroda) von vor sechs Wochen ist es eben nicht getan. Das wußten wir natürlich und wollten nur den uns (von Kirsten aus Jena) empfohlenen Lauf halbwegs "gerade durchs Ziel laufend" beenden.

Collage FotorSTT2018BBB

Kurz nach 2 Uhr brechen wir daheim auf und erreichen knapp zwei Stunden später die ehemalige Bezirkshauptstadt. Im Simson-Gewerbepark befindet sich dabei der Start- und Zielbereich des Südthüringentrails, welcher in drei Hauptwettbewerbe aufgeteilt ist. Da gibt es die Runde des Riesentrails (47,5 km mit 1.932 Hm+) und die Schlaufe des Wichteltrails (17,4 km mit 559 Hm+). Beide Strecken nacheinander gelaufen ergeben den Heldentrail (64,9 km mit 2.491 Hm+), für welchen nur 177 Startplätze zur Verfügung stehen und ein Limit von 12 Stunden als zeitliche Eingrenzung dient. Eine minimale Pflichtausrüstung in Form eines Rucksacks und Gefäßen für mindestens einen Liter Getränk, sowie ein Trinkbecher für die Nutzung an den Verpflegungsstationen sind vorgeschrieben. Dazu muß ein eingeschaltetes Mobiltelefon und ein vom Veranstalter gestellter GPS-Tracker mitgeführt werden. Die restlichen (gängigen) Utensilien für einen Ultralauf im Gelände sind Sache des Teilnehmers und unterliegen daher keinem Zwang. Es empfiehlt sich jedoch, für den Morgen eine Stirnlampe dabei zu haben, da der Start um 5 Uhr noch in völliger Dunkelheit erfolgt. Eine Rettungsdecke sollte man zudem zur eigenen Sicherheit stets bei solchen Unternehmungen mitnehmen.

Collage FotorSTT2018DDD

Vom Simson-Gewerbepark aus zieht sich das Teilnehmerfeld recht schnell auseinander. Es ist jedoch schon nach rund zwei Kilometern wieder dicht beisammen, da eine umgehängte Streckenmarkierung die Führungstruppe im Dunkel falsch leitet und so unseren darauffolgenden Rückzug in das Hauptfeld wieder bei Null beginnen läßt. Unser Tempo ist jedoch moderat, schließlich wissen wir nicht, was uns noch alles erwartet. Es folgen ein ständiges Auf und Ab, garniert mit jeder Menge Spitzkehren auf alten Pfaden und engen, verwurzelten Waldwegen. Mit den ersten zaghaften Sonnenstrahlen ist auch der erste Verpflegungspunkt erreicht: die Ottilienkapelle. Da keine der anwesenden jungen Frauen hinter den Eßtischen diesen Namen trägt, wird ein Nachbohren zur Klärung dieses Sachverhaltes unerläßlich. Und siehe da, die Betreiberinnen des VP erweisen sich dabei als gut informiert. Schließlich hilft heutzutage das Internet bei offenen Fragen (die da schon im Vorjahr gestellt wurden) gern aus und klärt folgendermaßen auf: Ottilie galt als Heilige, mußte jedoch sterben, weil sie sich für den "falschen" Gemahl, den mittellosen Ritter Conrad, entschied. Daraufhin erschoß der reiche und fette Widersacher Hinz "seine" Geliebte.

Bei der Querung des Suhler Marktplatzes kann dann die Zusatzbeleuchtung vom Dach genommen werden. Ein Wichtel weist kurz darauf den Weg vom urbanen ins natürliche Gelände und oberhalb des Suhler Tierparks beginnt nun der recht fordernde Skihang-Anstieg zur Döllberghütte. Nach 16,2 Kilometern ist mit der Hütte am Riembachbrunnen der zweite Versorgungspunkt erreicht. In dessen Anschluß wird es auf einem Bergabstück recht ungemütlich, da aufgescheuchte Erdwespen die vorbeikommenden Läufer ordentlich auf Trapp halten. Mit je zwei Einschlägen links und rechts passiere ich diesen Gefahrenpunkt. Danach verläuft sich die Strecke, schon fast gewohnt, in kleinen Büschen und unwegsamen Waldabschnitten, ehe ein breiterer Forstweg hinauf zum Aussichtspunkt auf Suhl-Goldlauter führt. Nun kommt mit der Abfahrt auf Thüringens steilstem Skihang ein weiterer Leckerbissen hinzu. Einen gefühlten Kilometer geht es steil bergab, ehe der Gegenanstieg des Auslaufes den Schwung des Hanges wieder abbremst.

Collage FotorSTT2018CCC

In diesem Anstieg laufen wir mit einem, der Für-die-Streckenführung-Verantwortlichen und es kommt das anfangs erwähnte Gespräch über den Suhler Fußball zu stande. An ein 0:8 gegen den damaligen Serienmeister BFC Dynamo konnte sich die Startnummer 1 noch erinnern, ebenso an ein Remis gegen Stahl Brandenburg - gegen wen jedoch der einzige Sieg in dieser DDR-Oberliga-Saison gelang, wußte er nicht mehr. Zum Glück konnte ich ihm diese Bildungslücke schließen und somit diese Sternstunde des Suhler Fußballsports für ihn noch einmal aufwärmen - gerade jetzt, wo es in Sachen Fußball in Suhl eine ordentliche Talsohle zu durchschreiten gilt. Die Sternstunden finden nun beim Südthüringentrail rund um Suhl statt - diese Gewißheit können wir ihm einstimmig mit auf seinen weiteren Weg geben. Zehn von zehn möglichen Punkten für die selektive Strecke, welche die "Waldautobahnen bestmöglich umgeht" (O-Ton)!

Wieder versperren umgekippte Bäume unseren Weg, der Trail fordert nun sein erstes Opfer. Bei Ute ist der Ofen aus, höchstwahrscheinlich ist sie unterzuckert! Für diesen Fall hätte man sich ja vorbeugend etwas "schnelle Energie" in den Rucksack stecken können - haben wir aber nicht und deshalb erntet Ute im Anstieg zum Schneekopf fleißig die reichlich bestückten Heidelbeersträucher am Wegesrand ab. Es beruhigt allerdings mehr den Kopf, denn eine Besserung ihres Zustandes ist nicht in Sicht und so verkommt der verbleibende Streckenabschnitt bis zum VP Am Adler bei Kilometer 32,5 zu einer Trauerveranstaltung. Dafür wird dort dann mit Cola, Schokolade, Melone und Riegeln der Zuckerpegel wieder nach oben gepeitscht. Wir rasten lang und essen, was der Magen aufnimmt, denn hier wird auch erstmals Brot angeboten. Außerdem wurden für die zahlreichen Wespenstich-Geschädigten Zwiebelstücke zur Linderung des Juckreizes in den Wald "eingeflogen". 

Collage FotorSTT2018HHH

Es geht im Streckenprofil nun tendenziell weiter nach unten. Aber auch Utes Tiefpunkt scheint noch nicht erreicht. So plagen sie auf den nächsten rund zehn Kilometern heftige Wadenkrämpfe, die einen schmerzhaften Alibi-Eingriff in die Muskulatur verlangen. Komischerweise geht es nach der amateurhaften physiotherapeutischen Schnellbehandlung wieder für größere Abschnitte. Mittendrin gibt es nur noch eine kurze weitere Unterbrechung an der Struth, dem Versorgungspavillon nach 38,6 Kilometern. Viel Wald, zwei Autobahnbrücken (A71 und A73) und die ersten abgehackten Ansagen der Sprecher vom Zielgelände folgen. Der Weg führt aber noch einmal nach oben, ehe es über eine Wiese hinab zu unserem Rundendurchlauf geht. Nach 6 Stunden und 48 Minuten haben wir die erste Schleife (den Riesentrail) in der Tasche. 

Collage FotorSTT2018EEE

Nach einer rund zehnminütigen Rast machen wir uns wieder auf die Socken - raus aus der Stadt, rein in den Wald. Ein Steig hält dabei die ersten Höhenmeter für uns bereit, allerdings nicht so zornig, wie es manchmal im ersten Teil gehandhabt wurde. Dies geschieht dann nach dem Überqueren der Autobahn. Schier endlos zieht sich die Strecke nun nach oben. Im Gegenverkehr Wichtel- und Heldentrailer, mit denen manchmal kurze Wortwechsel folgen. Oben angekommen wartet die Doppel-Verpflegungsstation Steinsburg, welche die Kilometerpunkte 54,9 und 59,8 markiert. Dazwischen liegt noch eine urige Schleife auf der anderen Autobahnseite, welche wirklich fast ausschließlich aus wilden Trampelpfaden besteht. Ein weiterer streckenführerischer Höhepunkt sind die Pfeile um einen Brückenpfeiler. Ob sich hier auch jeder Teilnehmer die Zeit für diese 5-Meter-Schlaufe genommen hat? Dies wird schwer nachvollziehbar sein, da der mitgeführte Tracker solch kleine Kringel ja nicht aufzeichnet. Es zeigt jedoch eindrucksvoll die Verliebtheit bis in Detail, welche bei der Streckenplanung zur Anwendung kam. Weltklasse!

Am gegenüberliegenden Zelt des Steinsburg-VP gibt es auf Nachfrage sogar Bier, richtiges Bier - das mit Alkohol. Auch wenn eine am Tresen stehende Wandersfrau bei dem Gedanke daran die Augen verdreht "und keinen Schritt mehr gehen könnte", kommt uns diese Erfrischung gerade recht. Die definitiv beste Form von Energie für die Schlußetappe! Nun geht es nur noch bergab und geradehin. Wir rollen aus, könnte man bei unserem angeschlagenen Tempo meinen. Doch wir laufen am Limit! Die wenige Kraft ist längst aus den Gliedern gesogen und so ist es mehr Zeitlupe als Zielsprint, was wir auf den letzten Kilometern abliefern. Egal, wir dürfen trotzdem unter dem Zielbogen einlaufen und uns die dekorative Holzmedaille umhängen lassen. 

Collage FotorSTT2018MMM Fotor

Mit einer Zielzeit von 9:33:42 Stunden wird die intern angesetzte 9-Stunden-Marke zwar deutlich verfehlt, was letztendlich aber auch nicht so wichtig ist. Im Feld der 128 Finisher bedeutet dies die Plätze 68 und 69, wobei für Ute sogar noch ein Podestplatz in der Altersklasse (3. Senior Master Women) herausspringt. Alles in allem ein wirklich im Gedächtnis bleibender Tag: perfekte Streckenführung, klasse Ausführung, freundliche Helfer und auch das Wetter spielte mit. Bleibt nur noch zu hoffen, daß das von der Autobahnmeisterei angefertigte Portraitbild nicht den üblichen finanziellen Rahmen sprengt. 

Full Review William Hill www.wbetting.co.uk