Waldwiese

10. Lauf "Rund um Chemnitz" 2019

Geschrieben von Thomas Delling.

04.05.2019 8:05 Uhr 66,4 km 1.163 Hm+ 1.163 Hm- (Gruppenlauf)

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Mag der Chemnitz-Hype zur Zeit auch noch so groß sein und dabei jedes querliegende Staubkorn eine maximale mediale Beachtung finden. Nicht alle ziehen an diesem Strang des Mainstreams. Siggi und Tilo zum Beispiel, klinken sich mit einer ganz großen Sache ganz still und leise aus: Es ist der letzte Vorhang für den Mutter-Kind-Lauf um die künftige "Kulturhauptstadt Europas" (gemeint ist Chemnitz, die Red.). Die zehnte Umrundung soll der Schlußpunkt sein. Das bedeutet für die beiden aber auch: es ist die letzte Chance, den einst von ihnen hofierten Monarchen, namens ARUCK IX. (Alleiniger Rund-um-Chemnitz-König) zu stürzen ... ihm also wenigstens ein paar Kilometer seiner bisher lückenlosen Rund-um-Chemnitz-Vita zu entziehen! 

Schon viele Versuche dieser Art scheiterten, als man (zu spät) merkte, wie mächtig der Alleinherrscher stoisch Kilometer um Kilometer, Höhenmeter um Höhenmeter abspulte, ohne Verschleißerscheinungen oder gar Kapitulationsgedanken erkennbar zu machen. Bisher gab es kein griffiges Rezept, gilt der ARUCK als sehr resistent gegen Bemühungen zum Abdanken. Nun hatte man wieder ein Jahr Zeit, den Plan seines Sturzes zu verbessern. Als Zeitpunkt des Laufes terminierte man den 4. Mai - Neumond (23:46 Uhr) und Wechsel von Oster- zu Wonnemond. Es ist der Namenstag des Florian, welcher zwar auch Schutzpatron der Bierbrauer ist, aber laut alter Bauernregel auch tiefgreifend in den Wetterablauf eingreifen kann: "Der Florian, der Florian, noch einen Schneehut setzen kann." - damit dürften alle Zufälle des Tages ausgeräumt sein und einem ARUCK-DNF nichts mehr im Wege stehen.

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Man gibt sich recht zugeknöpft im Organisationskomitee, wenn die Frage zum bevorstehenden Wetter in den Raum geworfen wird. Es werden sogar falsche meteorologische Prognosen zur Ruhigstellung des Fragestellers verwendet. Ihr Plan hat keinen Fehler! Der Morgen beginnt wie immer und erst 5:12 Uhr macht sich leichter Regen bemerkbar. Ganz sanfte Tropfen und immerhin schon 5°C - das regelt sich bestimmt im Verlaufe des Tages gewohnt wieder nach oben. Doch nichts dergleichen geschieht, aber schlaue Könige holen sich ihre Wetterinformationen nicht von der Rund-um-Chemnitz-Orga, sondern früh genug beim Fachmann Kachelmann. Ich bin also gewappnet!

Es ist mittlerweile ein Wetter, bei dem man normalerweise nicht mal seinen PKW vor die Tür setzt, und schon gar nicht, um Städte damit zu umrunden. Tilo und Siggi haben damit aber kein Problem, sie setzen sogar ihre Frauen Kathrin und Simone sowie Heike neben ihre Fahrzeuge, um uns Läufer und Radbegleiter an den gewohnten elf Verpflegungsstellen der Strecke zu bewirten. Das ist die wohl undankbarste Aufgabe des heutigen Tages und nötigt allerhöchsten Respekt ab. 

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Kurz nach 8 Uhr wird das letzte Kapitel des Gruppenlaufes geschrieben. Über den Sonnenberg geht es hinter dem Kepler-Gymnasium Richtung Stadion an der Gellertstraße, welches vor einem Jahr noch C4y-Arena hieß. Seitdem hat sich viel verändert rund um Chemnitz' meistdiskutiertem Sportplatz. Die Insolvenz des Mieters machte dies möglich. Eine fast komplett neue Mannschaft stellte sich dabei in einer anderen Liga fast komplett neuen Gegnern, welche fast immer als zweite Sieger vom Platz gingen. Das ist natürlich, sportlich gesehen, nicht so schön und daher wurden dem Chemnitzer FC, wo es nur ging, Steine in den Weg gelegt. Die Forderungen von "außen" wurden dabei immer skuriler, und wenn es nicht so ernst wäre, hätte man auch herzhaft darüber lachen können. Der sächsische Landesfürst gab sich u.a. Anfang der Saison die Ehre, da eine Mannschaft (als Meisterschaftsanwärter) gar Angst hatte, in Chemnitz zu spielen. Vor kurzem durften langjährige, verdienstvolle Mitstreiter ihre Sachen packen oder ihrer Arbeit auf dem Platz nicht nachgehen. Es war eine bisher turbulente Spielzeit, aber sportlich gesehen, eine erfolgreiche.

Heute ist die Mannschaft aus Meuselwitz in Chemnitz zu Gast und damit dabei der Fußballsport nicht ganz so emotionsgeladen zelebriert wird, schließt man einfach mal von Verbandsseite das Klientel von Zuschauern aus, welches eben auch in Liga 4 bedingungslos hinter der Mannschaft steht. Schließlich muß man sich beim Fußball auch immer schön korrekt verhalten und das haben die knapp 3.000 Leute von der Südtribüne nun mal in den Augen der NOFV-Betonköpfe nicht. Daher gibt es die Sippenhaft für alle und alle sollten auch möglichst daheimbleiben und sich nicht etwa in andere Blöcke schmuggeln. Die neue CFC GmbH will nur mit den artigen Zuschauern die heute mögliche Meisterschaft in der Regionalliga Nordost feiern, da sind die Rabauken von der "Süd" völlig fehl am Platze. Vor der Minuskulisse von 2.860 Zuschauern (bisheriger Zuschauerschnitt 5.065) wird am Nachmittag auch mit einem 1:1 der Titel gefeiert - von der Mannschaft übrigens gewohnheitsmäßig vor der, diesmal leeren Südtribüne. Ein weiterer Skandal, denn diese Solidaritätsbekundung der Spieler mit den nonkonformen Störenfrieden schreit regelrecht danach, die Sportgerichtsbarkeit des NOFV oder gar des DFB auf den Plan zu rufen. Vielleicht schiebt ja das (noch ausstehende) Lizenzierungsverfahren für die nächsthöhere Spielklasse dem ganzen Spuk einen Riegel vor und ein erleichtertes Aufatmen bei Verbänden und Dauernörglern macht daraufhin die Runde.

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Unsere Runde zieht sich weiter gen Nordosten. Der Querung des Zeisigwalds folgt die Kleingartenanlage in Hilbersdorf. Wie immer, nun auch zum zehnten Male, findet während unserer Chemnitz-Runde, hier der Frühjahrsputz statt. Terminlich mit Tilo und Siggi so abgestimmt oder ist hier jeden Sonnabend Subbotnik? Jedenfalls ist auch die Handvoll unentgeltlich wirkender Kleingärtner sportlich bewandert und gibt uns wertvolle Tips mit auf den Weg. Ein zackig vorgetragenes "Auch wenn man langsam läuft, winkelt man die Arme an!" sitzt, wird sofort befolgt und noch oft am heutigen Tag von uns rezitiert. 

Verpflegungsmäßig ist das gewohnt reichhaltige Angebot der Speisen und Getränke um einige Thermoskannenfüllungen mit heißem Tee und Kaffee erweitert worden. Sehr weitsichtig geplant - sicher aber nur heimlich von den Frauen, denn Tilo und Siggi dürften diese lebensverlängernden Maßnahmen an den Teilnehmern ein Dorn im Auge sein. Schließlich zwingt man mit so viel Luxus einen König nicht in die Knie! Ein großes Dankeschön geht daher an die Frauen, die auch aufgrund ihrer langen Standzeiten in der nassen Kälte wirklich nicht zu beneiden sind.

Der Bergsprint von Heinersdorf, früher der Scharfrichter der Veranstaltung und auch Genickbruch für manchen Teilnehmer, wird schon lange nicht mehr im Wettkampfmodus ausgefochten. Doch symbolisch gehört es sich einfach, unseren Berliner Freunden Jan-Per und Stefan hier einmal den Vortritt zu lassen. Sie werden diesmal als Erste den kurzen, steilen Anstieg von der Kläranlage zum Kornweg bewältigt haben. Glückwunsch!

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Beim Wechsel vom schattigen Heilstättenwald von Wittgensdorf ins lichte Terrain des Chemnitz-Centers geht der Regen endlich in Schnee über. Es wurde ja auch Zeit, werden sich die Organisatoren gedacht haben. Von Röhrsdorf aus könnte man nun geschlossen mit dem öffentlichen Nahverkehr zurück zum Sonnenberg fahren und sich dem gemütlichen Teil des Tages widmen. Der König wäre zudem krachend an der heutigen Aufgabe gescheitert, seine Rund-um-Chemnitz-Chronik vollständig zu halten. Doch weit gefehlt! Niemand hegt auch nur einen Gedanken an diese Version. Alle traben weiter schön brav die vorgegebene Strecke ab, welche im Bereich der Autobahnen 4 und 72 noch recht schlierige und äußerst nasse Abschnitte für die Füße bereithält. 

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Das eisige Schneetreiben unterhalb des Totensteins reißt immer größere Lücken in die 2019er Antarktis-Expetition. So kommen die Teilnehmer nur in kleinen Gruppen von zwei bis drei Mann an der Totensteinalm an. Eine Dreiergruppe nimmt zuvor sogar noch die Besteigung des Maria-Josefa-Turmes vor. Das stählerne Geländer ist im oberen Bereich bereits mit einer Eisschicht überzogen und die Weitsicht reicht gerade einmal bis zum Fuß des Turmes. Zu Ostern konnte man hier noch bis in die Vororte von Leipzig blicken und bei über 20°C die Sonne genießen. Steffen, Ute und ich waren damals auch, im Rahmen eines 32-km-Laufes vom Burgstädter Laufverein, hier oben. Heute kommen nur noch Siggi und Kay zu Aussichtsprobe auf die Plattform in 30 Metern Höhe - aber erst nach unserem gemeinsamen, einstündigen Aufenthalt im Alminneren mit Nudelgericht und Flaschenbier.

Das Thermometer außerhalb der Totensteinalm zeigt genau 0°C an, im Gastraum dürften es um die 30°C mehr sein. Ein gut mit Holz bestückter Ofen zeichnet dafür verantwortlich. Man sitzt bequem, das Bier schmeckt und man könnte sich glatt vorstellen, schon beim Abschlußbuffet in der ehemaligen "Südlehne", der "Taverna Alexandros" zu sitzen. Was passiert, wenn jetzt niemand weiterwill? Was ist, wenn sich alle mit der bisher absolvierten Nordkugel von Chemnitz zufriedengeben? Doch so nach und nach rappeln sich alle Teilnehmer wieder auf, um sich dem drohenden Wintereinbruch zu stellen. Die folgende Abfahrt zum Naturfreundehaus wird nun natürlich, wegen des rutschigen Untergrunds für die Radbegleiter Siggi, Tilo und Harry zur Herausforderung. Doch sie sitzen ja nicht das erste Mal auf ihren Stahlrössern. Aufgrund ihres Spartenwechsels vom Lauf zum Rad sind sie mit ihren zweirädrigen Freunden nun fast schon verwachsen - quasi ein Herz und eine Seele.

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Der mystischste Ort der gesamten Umrundung befindet sich oberhalb Grünas. Ein Pilgerort für Jung und Alt, ein Ort der Andacht und des Innehaltens. Aber immer noch eine riesige Marktlücke, denn nur Insider wissen um die magische Kraft, welche von diesem Flecken Erde ausgeht. Vor langer Zeit wartete hier ein gewisser Jens M., bekannt als der "Ewige Zweite" der Chemnitz-Runde, auf die damalige RUC-Delegation. Er war von seiner beschwerlichen Anreise gezeichnet und ausgemergelt, er war aM ende seiner Kräfte und transpirierte wie eine Sprinkleranlage bei Feueralarm. Sein von der Stirn tropfender (chemisch gesehen recht aggressiver) Schweiß hat sich daraufhin für immer in den Bitumen dieses heiligen Quadratmeters gefressen, wo er gekrümmt wie eine Bogenlampe stand. Kein noch so starker Regen oder noch so dienstbeflissenes Straßenreinigungsfahrzeug konnte je diese säureähnliche Substanz entfernen. Nun erfährt diese Stätte endlich auch die Wertschätzung einer königlichen Weihe. Während keiner der verbliebenen Teilnehmer auch nur eine Notiz vom Kultort nimmt und gewohnheitsmäßig gen Tale trabt, senkt sich der König auf seine Knie und huldigt seinem einst größten Konkurrenten mit einem Kuß auf den schweißzerfressenen Asphalt. (Böse Stimmen behaupten jedoch, der König hätte aufgrund seines ausgetrockneten Halses nur einen Schluck Regenwasser aufnehmen wollen.) Diese andächtige Stille wird nur durch das Plätschern des Regens, das Klicken der Standbildkameras der Pressefotografen und das, vom Harthwald herüberdröhnende Knarren von Jens' Sofa gestört. Niemand, aber auch wirklich niemand aus unserem Tross würde jetzt mit Jens tauschen wollen: wohlige Kaminwärme vor'm Bug, mal 'ne Drehung auf die andere Seite (daher auch das Knarren), zur Not die Decke noch etwas höher über die Ohren ziehen und in Griffweite ein mit Hopfen angereichertes Kaltgetränk. Nein! Niemals! Dann doch lieber leicht fröstelnd, das permanente Quatschern der Schuhe im Ohr, stupide und leicht widerwillig einen Bogen um Chemnitz ziehen.

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Dieser Bogen führt am Grünaer Wiesengrund vorbei, wo gefühlt jedes Jahr tags darauf das Spiel Grüna gegen Einsiedel stattfindet. Er macht als nächstes vor dem ehemaligen "Kleinen Bruder des Spiegelsaales von Versailles" halt, dem Sparkassengebäude von Mittelbach. Hier finden gerade Umbaumaßnahmen statt und die Schönheit des magischen Lichtspiels im Glas der Türen ist daher nur begrenzt zu genießen. Der Legende nach entstand hier einst der Begriff des Selbstablichtens, kurz "Selfie". Bei günstigem Standpunkt und gekonnter Haltung des Fotoapparates konnte man im Glasgespiegel der Türen 1a-Bilder von sich selbst anfertigen. Später griffen dann namhafte Hersteller von Mobilfunkgeräten diese "Spiegeltechnologie made in Mittelbach" auf und installierten diese Art des Fotografierens in ihre Geräte. So erzählt es zumindest der Volksmund.

Die nicht heilenden Kräfte der Lutherlinde, die verwegene Heckert-Schikane, die sich ständig ändernden Bedingungen in der Schlucht der ewigen Gefahr - geschichtsträchtige Orte der Runde, jeder mit seiner eigenen Mär. Neu hinzu kommt diesmal die Sitzgelegenheit oberhalb Harthaus - sonst nur ein kurzes Intermezzo mit Aussicht auf den kommenden Streckenverlauf. Doch diesmal entdecken Möchtegern-Historiker im RUC-Gefolge eine Inschrift auf dem hölzernen Sitzplatz. Es scheint in aramäischer Sprache verfaßt zu sein und nur Bruder Steffen kann sich der Übersetzung annehmen: "Möge man dereinst hier finden die letzten Worte von Josef von Arimathäa, der rein im Geist und sonder Furcht ist, ...". Der von ihm vorgetragene Text schließt mit "Hugo Strauch, Bgmstr. Harthau, 1925 - 1937". Bis 1950 war Harthau noch eigenständig und konnte sich daher auch einen eigenen Bürgermeister leisten. Heute ist Harthau nur einer von zig Stadtteilen von Chemnitz, hält aber für uns an der Würschnitz die nächste (wirklich wichtige) Verpflegung bereit. Ein steiler Anstieg über Schindlerweg (besser wäre der Name Schinderweg!) und Bettelmannsteig steht bevor - da darf es nicht an Energie hadern! Schwächelnde werden bekanntlich zurückgelassen und so ein DNF durch Wildtierfütterung braucht man nicht unbedingt, so kurz vor Schluß.

Über den Aussichtspunkt an der Pappel wechseln wir ins Zwönitztal. Eine von Siggi vorgeschlagene, wetterbedingte Streckenverkürzung (durch den Eibischbusch) wird einstimmig abgelehnt. Auch das Omega um den Einsiedler Papierfabrikenteich ist Pflicht. Allerdings wird hier bei der Ausführung der Streckenform das Schlechtwetter-Auge der Verantwortlichen mehr als zugedrückt, so daß dies für den Augapfel recht schmerzhaft sein dürfte. Die Form des Buchstaben Omega hat zwei Spitzkehren und läuft nicht nach einer Seite aus! (Nur mal so, für's Stammbuch!) 

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Das Wassertretbecken am Eingang zum Einsiedler Niederwald ist heute nur dem König vorbehalten. Alle anderen Teilnehmer müssen verärgert zusehen, wie er sich nach altem Brauch sein Badewasser auch noch mit Eselsmilch verfeinern läßt. Milch, die nun seine Haut an den Beinen (noch) zarter macht. Milch, die aber auch in ihren Kaffeetöpfen fehlt. Dementsprechend hurtig und spaßbefreit ist auch der Aufbruch, der vom Organisationsteam Vor-den-Kopf-Gestoßenen. Während der König also noch sein ausgedehntes Schönheitsbad nimmt, sind die anderen schon auf dem Weg hoch zur Zschopauer Straße. Doch mit der Milch der vierbeinigen Lastenträger an seinen königlichen Gebeinen gelingt ihm eine furiose Aufholjagd. An der ehemaligen Bundesstraße sind alle wieder vereint. So steht es jedenfalls in den Annalen, zum wirklichen Sachverhalt schweigen die Beteiligten, die von der langen Wartezeit gezeichnet, leicht frierend ihre Reise fortsetzen.

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Nun geht es zum höchsten Punkt der Strecke, dem Adelsbergturm. Ohne Regen hat der Nachmittag mittlerweile das Flair eines Wüstenlaufes. Staubtrockene Luft und aufgewirbelter Dreck setzen dem verbliebenen Trupp ordentlich zu. Die letzten Kilometer werden zäh, verdammt zäh. Ein letztes Mal genießen wir unterhalb des Adelsberges im Schatten der Bäume unsere vorletzte Rast. Der folgende Abschnitt durch das Biotop ist aufgrund der nun einsetzenden Waldbrandgefahr für uns tabu, daher weichen wir, wie in den Anfangsjahren auf den Radweg aus, welcher unterhalb der Staumauer der Eubaer Talsperre entlangführt und dort einen kleinen Anstieg nimmt. Anno dazumal konnte ich hier sogar einen zweiten Bergsprint innerhalb der Chemnitz-Umrundung gewinnen. Heute erinnert nichts mehr an die einstige Fitness. Weit über 600 Rund-um-Chemnitz-Kilometer haben dem Körper mächtig zugesetzt. Er ist müde, verbraucht. Nach einer letzten Stärkung am Ortseingang von Chemnitz wird der Zeisigwald erreicht. Hier gab es früher noch richtige Sprints Richtung Ziel, weil der letzte Abschnitt ohne Gruppenzwang tempomäßig freigegeben wurde. Damals stellte eine geschlossene Schranke auch kein Hindernis in dieser Dynamik dar, sondern war lediglich eine kleinere Hürde, welche es zu überlaufen galt. Heute muß diese Schranke nur für ein Erinnerungsfoto herhalten - niemals käme ich auf die Idee, hier Hochsprungübungen zu veranstalten.

Der Zieleinlauf ist greifbar nah. Doch weder das "Gasthaus zum Jungborn" (2014 und 2015), noch der Sportplatz des TSV IFA (2010 bis 2013) sind Ausgangs- und somit auch Endpunkt unserer Runde. Noch ca. zwei Kilometer durch das Yorck-Gebiet sind es bis zum Kepler-Gymnasium (welches seit 2016 die Heimat des Laufes ist). Kurz davor sammelt sich der verbliebene Rest noch einmal. Gemeinsamer Zieleinlauf! Der König hintendran - er vollendet die zehnte Chemnitz-Runde als Letzter, da er sie zur Premiere als Erster erledigte. Ein geschlossener Kreis! Symbolik pur!  

Der Krönungssaal ist mit hölzernen Sitzgelegenheiten, welche distanziert voneinander im Raum verteilt sind, recht spartanisch eingerichtet. Der Versuch diesen Saal mit Tageslicht romantisch-festlich zu illuminieren, gelingt dabei nur bedingt und vermittelt eher den Charme einer modernen Umkleidekabine. Doch Siggi und Tilo müssen sparen, schließlich wird zur Feier des Tages "Freiberger Tankstellenbier" gereicht. Eine (nicht ganz billige) Sonderedition des dortigen Brauhauses, welche auf einer geschichtsträchtigen 100-Kilometer-Radtour basiert. Damals belagerten wir gefühlte Tage, ja Wochen eine Freiberger Tankstelle, um Siggis Drahtesel neu zu bereifen. Die Nerven lagen blank, doch Freiberger Bier hielt uns über diesen langen Zeitraum bei Laune ... und auch Kaffee. Nur den gibt es jetzt nicht schon wieder - schon gar nicht ohne Eselsmilch!

Im mediterranen Wirtshaus um die Ecke klingt dieser Tag, diese Veranstaltung, der Lauf "Rund um Chemnitz" würdevoll aus. Sogar der von Tilo prognostizierte Sonnenuntergang findet (nach dieser Grau-in-Grau-Veranstaltung) über den Dächern des Chemnitzer Sonnenberges statt. In Anlehnung an einen Fernseh-Serienklassiker (Teletubbies) heißt es nun: "... die Sonne wird bald untergeh'n, Tilo und Siggi sagen 'Auf Wiedersehen!' ..." Es ist Zeit für ein "Mutter-Kind-Lauf, Winke, Winke!" und dabei sollen sogar Tränen geflossen sein. Und dies zurecht! Schließlich müssen jetzt die Mütter wieder auf ihre Kinder selbst aufpassen und der Tag Rundumbetreuung bei Siggi und Tilo, sowie Simone, Heike und Kathrin ist passé. Schade, wirklich schade!

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Das (königliche) Fazit von neun Jahren (2010 bis 2019) "Rund um Chemnitz" fällt größtenteils ernüchternd aus: hierbei wurden u. a. Startgelder in Größenordnungen für Schiffskreuzfahrten der Organisatoren verschleudert (was mir im Sechs-Augen-Gespräch süffisant-lächelnd bestätigt wurde), anstatt eine ausreichende Grundversorgung während des Laufes sicherzustellen. Wie sonst ist es zu erklären, daß von insgesamt 81 Teilnehmern nur ein einziger alle horizontalen und vertikalen Meter dieser zehn Mutter-Kind-Unternehmungen zu Fuß absolviert hat? Was ist mit den geplanten sozialen und infrastrukturellen Projekten entlang der Strecke? Allen voran sei hier der zügige Ausbau des Jens-Mende-Opfer-und-Gedenkschreins am Wegesrand unterhalb des Naturfreundehauses genannt. Sogar ein Wallfahrerweg, eingefaßt von mehreren kleinen Kapellen, sollte hier einmal entstehen. Mit dem Verkauf von Teelichtern a 50 Cent kommt man diesbezüglich nicht weit. Da muß man eben auch mal Abstriche bei sich selbst machen und 'ne Innenkabine auf der "Aida" buchen und nicht immer nur die Balkonvariante neben dem Kapitänsgemach. Wieso wurde am Kneippbecken im Einsiedler Niederwald der für die Gesamtbevölkerung dringend zu realisierende Handtuchverleih nicht finanziell aus entstandenen RUC-Überschüssen unterstützt? Warum wurden in der "Schlucht der ewigen Gefahr" noch keine Krokodile ausgesetzt? Fragen, die wohl nie beantwortet werden, denn nun ziehen sich die beiden zurück. Das Heu ist rein ... der Lebensabend gesichert! Es sei ihnen gegönnt! Schließlich halfen sie mir, meinen Kindheitstraum über diese neun Jahre hinweg ausleben zu können - einmal ein König zu sein! Nach jedem Lauf folgte eine pompöse Krönungszeremonie mit anschließend ausuferndem Freß- und Trinkgelage. Wo sonst hätte man mir eine Plattform dafür gegeben? Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, mir eine goldene, mit Brillanten und Rubinen bestückte Krone aufzusetzen, mir Eselsmilch als Badezusatz ins Wassertretbecken zu gießen oder mich im Pluralis Majestatis anzureden.

Danke für diese goldenen Jahre ... aber Siggi und Tilo, wir sehen uns auch zukünftig auf den Festen der Schickimicki's, schließlich ist ja noch nicht alles Startgeld verjubelt.

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Rund-um-Chemnitz-Leistungsnachweis (erstellt von Siegfried Beyer):

Pl.  Name  Verein/Ort  10  Ges. 
1. Delling, Thomas LV Limbach 2000 61 61 61 61 61 61 62 66 66 66 626 10
2. Herfurt, Ute LV Limbach 2000 R 61 61 61 61 61 62 66 66 66 565   9
2.  Spillecke, Antje  LAC erdgas Chemnitz  61  61  61  61  61  62  66  66  66  565   9
2.  Pella, Juliane  SG Adelsberg  61  61  61  61  61  62  66 66  66 565   9
2.  Spillecke, Jörg  LAC erdgas Chemnitz  61 61  61 61  61  62 66  66  66  565   9
6.  Schramm, Sören   Chemn. LV Megware  61 61  61  61  62  66 66  66  504   8
7.  Beyer, Siegfried  Burgstädter LV  61  61  61  61  61  38  41  15  404   9
8.  Geißler, Stefan  LT Nordkreuz Berlin  61  61  61  66  66  44  359 
9.  Kozlik, Tilo  Chemnitz  61  61  42  61  61  61  351 
10.  Herold, Mandy  Niederdorf  61  62  66  66  66  321 
11.  Lau, Ina  LT Nordkreuz Berlin  61  61  62  40  52  276 
12.  Kindlein, Frank  Burgstädter LV  11  33  33  61  61  62  261 
13.   Kästner, Kay Einsiedler SV  62  66  66  66  260 
14.   Bergmann, Heike TSV Zeulenroda  61  61  61  66  249 
14.   König, Jan-Per LT Nordkreuz Berlin   61  61  61 66  249 
16.   Blaas, Gunter Postsportverein  61  61  51  28  201 
17.   Vogt, Peggy TSV 1888 Falkenau  61  62  66  189 
18.  Lau, Mathias  LT Nordkreuz Berlin  61  61  62  184 
19.   Naumann, Annett RLSG Leisnig  61  61  61  183 
19.   Schreiber, Dirk RLSG Leisnig  61  61  61  183 
21.   Blumtritt, Ute LV Limbach 2000  61  61  54  176 
22.   Altmann, Martina Dippoldiswalde  61  61  45  167 
23.   Wötzel, Harry SG Neukirchen/E.  61  62  43  166 
24.   Scheitig, Steffen Plauen  33  33  33  33  33  165 
24.  Kleinert, Sven  Burgstädter LV  56  33  38  38  165 
26.  Giesow, Andreas  Chemnitz  33  61  61  155 
27.  Rasche, Stefan  Freiberg  50  55  44  149 
28.   Irmscher, Jeannette Burgstädter LV  62  51  33  146 
29.  Schramm, Yvonne  Chemn. LV Megware  49  38  55  142 
30.  Mende, Jens  LV Limbach 2000  61  61  12  134 
31.  Steinert, Steffen  Burgstädter LV  66  66  132 
32.  Günther, Steven  Dresden  62  66  128 
33.  Morgenstern, Rene  Viktoria 03 Einsiedel  61  62  123 
34.  Lange, Andre  Bad Endorf  61  61  122 
34.  Noa, Frank  Olbernhau  61  61  122 
34.  Lange, Jürgen  Westend-Sp. Plauen  61  61  122 
34.  Wewetzer, Sven  TSV Flöha 1846 61  61  122 
34.  Berthold, Uwe  Burgstädter LV  33  61   28 122 
39.  Näfe, Michaela  TSV 1888 Falkenau  66  55  121 
40.  Fischer, Ute  TSV 1888 Falkenau  62  53  115 
41.  Smietana, Joachim  Westend-Sp. Plauen  61  50  111 
41.  Scheibe, Siegfried  VfB Hellerau-Klotzsche  50  61  111 
43.  Schumann, Petra  Chemnitz  28  44  34  106 
44.  Walther, Rene  SG Neukirchen/E.  61  28  97 
45.  Schibalski, Ralf  Dresden  66  28  94 
46.  Noa, Heike  Olbernhau  56  34  90 
47.  Zieger, Jochen  Burgstädter LV  34  38  72 
48.   Uhlmann, Hendrik Einsiedler SV  66  66 
49.   Toth, Attila Dresden  62  62 
49.   Stepanek, Rico Dresden  62  62 
51.  Balke, Cornelia  LG Mauerweg Berlin  61  61 
51.  Scheibe, Evelin  Chemnitz  61  61 
51.  Stockhecke, Heiko  Frankenberg  61  61 
51.  Stockhecke, Mandy  Frankenberg  61  61 
51.   Hille, Manuel Chemnitz  61  61 
51.   Fischer, Olaf Burgstädter LV  61  61
51.   Schneider, Peter Hohenstein-Ernstthal  61  61 
51.   Mahl, Ralph Flitzteufel Bad Elster  61  61 
51.  Mahl, Ulrike  Flitzteufel Bad Elster  61  61 
51.   Wallesch, Rene  Geesthacht 61  61 
61.  Kristalla, Nico  FZA Chemnitz  28  28  56 
62.  Schiwek, Uwe  Schildis Oranienburg  54  54 
63.  Schlegel, Gert  USG Chemnitz  21  25  46 
64.  Präfke, Jörg  MTB Totenstein  44  44 
65.  Schwöppe, Marie  TSG Kleinostheim  41  41 
66.  Günzel, Holger  München  17  23  40 
67.  Fuchs, Rolf  Chemnitz  38  38 
68.  Poppitz, Christian  Zeulenroda  33  33 
68.   Wienhold, Claudia Zwickau  33  33 
68.   Rüger, Detlef Niederwiesa  33  33 
68.   Beyer, Simone Burgstädter LV  11  11  11  33 
72.  Eder, Enrico  Burgstädter LV  12  19  31 
73.  Hähnel, Olaf  Euba  28  28 
73.   Binder, Tina Westend-Sp. Plauen  28  28 
73.  Harzer, Torsten  LAC erdgas Chemnitz  28  28 
76.   Pörschke, Rüdiger  Chemnitz 22  22 
77.  Schramm, Andrea  Annaberg-Buchholz  15  15 
78.   Hering, Carola Chemnitz  12  12 
78.   Braune, Jens LAC erdgas Chemnitz  12  12 
80.   Brunner, Jana Chemnitz 
80.  Lindner, Timo  Chemnitz 
15  19  26  33  27  23  24  25  20  18 

R = Radbegleitung
K = Klapptischbereitstellung

Insgesamt liefen 230 Teilnehmer eine Distanz von 11.974 Kilometern, was einer durchschnittlichen Laufleistung von rund 52 Kilometern entspricht. Pro Lauf wurden demzufolge 1.197 Kilometer zurückgelegt - dies entspricht in etwa der Küstenlänge der Färöer. Und weil man die Schafsinseln (wegen des vielen Wassers drumherum) schlecht zehnmal umrunden kann, würden es auch zwei Runden um Deutschlands Außengrenze tun.

 

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