Waldwiese

16. Elbtal-Weinlauf in Meißen 2019

Geschrieben von Thomas Delling.

12.10.2019 9:45 Uhr 30 km 250 Hm+ 250 Hm- (kein Wettkampf)

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"Leere Weingläser sind voller Geschichten" - wenn jedoch die Anzahl der geleerten Gläser ein bestimmtes Level überschreitet, kann es durchaus zu Erinnerungslücken kommen. So auch in folgendem Fall ...

Dieser 12. Oktober 2019 stellt, im Nachhinein betrachtet, so etwas wie einen Weltrekord-Tag dar. Auf einer Pendelstrecke am Wiener Prater versucht sich des Morgens der Kenianer Eluid Kipchoge an der Unterbietung der Zwei-Stunden-Schallmauer im Marathonlauf - unter Laborbedingungen, wie es so schön im Vorfeld kundgetan wird. Mit 1:59:40,2 Stunden gelingt dies auch sehr eindrucksvoll - mit genau auf ein optimales Wetter abgestimmter Startzeit, jeder Menge Windschatten durch insgesamt 41 (sich abwechselnden) "Hasen" und einem Fahrzeug, welches per Laserstrahl das geforderte Tempo auf dem Asphalt vorgibt. Des Nachts folgt dann noch der deutsche Doppeltriumph (Jan Frodeno und Anne Haug) bei der Langstrecken-Triathlon-WM auf Hawaii (Ironman World Championship), wobei mit 7:51:13 Stunden eine neue Streckenbestzeit aufgestellt wurde. Zu guter Letzt visieren bis dato unbekannte Laufsportler im beschaulichen Meißen für diesen Tag Weltrekordversuche im "Saufen und Laufen" an. Dabei sollte die Trinkmenge nicht in Bechern oder Flaschen, sondern in Weinfässern gemessen, in die Annalen eingehen. Von diesem Vorhaben kann der Autor jedoch nur sehr lückenhaft berichten ...

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Laborbedingungen herrschen in Meißen schon mal nicht, als der Burgstädter Mannschaftsbus auf die Parkplätze in der Nähe des Starts einbiegt. Es ist schon kurz nach 8 Uhr viel zu warm! Dem ausufernden Weingenuß werden demnach schon mal meteorologische Grenzen gesetzt. Zudem sind wieder die Küstenkinder mit von der Partie, welche sich im Vorjahr schön aus der Verantwortung genommen hatten. Kann man sich auf solche Drückeberger überhaupt verlassen? Der Tag wird lang und mit zunehmender Dauer ist auch ein gewisses Stehvermögen gefordert. Wird der Rekordversuch trotzdem in Angriff genommen oder beläßt man es beim normalen Verkosten der angebotenen Rebensäfte? 

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Den Anfang macht ein Gebinde Pils. So zum Warmwerden - untereinander! Das Einschwören auf die bevorstehende größere Aufgabe beginnt somit schon lange vor dem Start. Kurz nach dem Start erfolgt rund anderthalb Kilometer später der Einstieg in die richtige Materie: drei unterschiedliche Weinsorten erfordern somit eine dreifache Gaumenfreude. Diese fällt durch die mitgeführten (etwas größeren) Trinkgläser auch viel intensiver aus, als es durch die am VP abgestellten (kleineren) Plastebecher angedacht ist. Doch unser Septett hat noch 17 solcher Ausschankorte vor sich ... 

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Nach rund fünf Kilometern bietet sich am dritten Rastpunkt die Möglichkeit, dem Magen die geforderte Stabilität für den Tagesausflug zu geben. Hackepeter, Leberwurst, Lachs, und Käse auf Brot, wahlweise Eiersalat oder Wiener Würstchen geben einen guten Unterbau für den folgenden flüssigen Nachschub. Hier werden definitiv die Weichen für ein erfolgreiches Bestehen der Tour gelegt, zumal es danach gilt, bis zum nächsten Nachfüllort gut fünf Kilometer autark zurückzulegen. 

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Mit vereinten Kräften ist jedoch heute alles möglich! Am Schloß Seußlitz verschwindet Veteran Jens wie gewohnt in der Umkleidekabine am Verpflegungspunkt. Frisch geschminkt und sich der völlig durchschwitzten Kleidung entledigt, macht er nun einen auf Wandersmann - ganz nobel im Poloshirt und mit Sonnenbrille. Man fühlt sich in seiner Gegenwart regelrecht zum muffigen Kartoffelsack abgestempelt, doch er bleibt bodenständig, wie eh und je. In ihm lebt der perfekte Reiseführer wieder auf und so erklärt er unseren wissbegierigen Fischköppen kurzerhand die Windungen des von ihm eben noch als Saale bezeichneten Flußes unterhalb der Heinrichsburg zum Weltkulturerbe Donaudurchbruch. Ja, das kann er und seine Kumpels kommen aus dem Staunen gar nicht mehr raus!  

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Es folgen jedoch auch dunkle Momente. Momente in denen einem das Licht ausgeknipst wird. Momente, in denen sich der Körper nimmt, was er braucht - nämlich Schlaf! Hierbei fehlt mir natürlich die nötige Beobachtungsgabe zum Beschreiben dieser Szenen. 

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Irgendwie fehlt dem Verfasser dieser Zeilen (deshalb vielleicht auch) der Abschnitt um Schloß Proschwitz und dem Weinberg mit dem gigantischen Blick auf Meißen und das Holstentor (wie unsere norddeutschen Mitstreiter das Bauwerk am anderen Elbufer betiteln). Böse Zungen behaupten ja sogar, wir wären diesen Teil der Strecke gar nicht gelaufen, sondern hätten ab Knorre die Abkürzung zum Ziel genommen. Eine Frechheit, so eine Unterstellung! Der Zieleinlauf ist jedoch nichts für schwache Nerven: feuchte Augen, Gänsehaut pur, nur vergleichbar mit einem Finish beim PTL auf dem Place du Triangle de l'Amitié. Mich wundert es nur, daß wir dieses Mal von der verkehrten Seite unter dem Zielbogen einschweben. Vielleicht sind wir doch eine andere Strecke gelaufen? Egal! Finish ist Finish! Das kann uns keiner mehr nehmen! Punkt! Aus! Basta!

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Nach einer kurzen Erholphase am Bus wird die Nachbetrachtung bei Bier und Currywurst im Festzelt fortgesetzt. Dreißig Kilometer, unzählige Zickzack-Auslegungen der vorgegebenen Strecke, locker über zwei Flaschen Wein pro Nase (Weltrekordversuch damit krachend gescheitert), sieben Stunden und 35 Minuten völlige Hingabe. Zahlen für die im Moment noch die richtige Zuordnung im Kopf fehlt. Doch das kommt so nach und nach. Jetzt gehört uns das Festzelt! Das Bier läuft (schneller als am Tag die Beine), die Stimmung ist großartig, wird allerdings von den Häschern des Busfahrers sehr abrupt beendet, da laut Fahrplan nicht so viel Zeit für das Schwingen der Tanzbeine vorgesehen ist. Schade!

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Auf der Heimfahrt kann aus der Bus-Bordküche noch Bier als Schlummertrunk geordert werden. Daheim hat man vielleicht nicht mehr die Möglichkeit dazu? Gekonnt federn später die Hecken im Chemnitz-Center das übermütig-schwungvolle Aussteigen mancher Busfahrgäste ab. Wäre ja blöd, wenn sich jetzt noch einer verletzt! Morgen ist schließlich Herbstcross in Einsiedel, da will keiner verletzungsbedingt fehlen. Na dann: bis morgen auf dem Zehner im Einsiedler Wald!

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