Bergfahrt

Allalinhorn (4.027 m üNN) 2021

Geschrieben von Thomas Delling.

22.08.2021   Mittelallalin - Feejoch - Allalinhorn und zurück (Normalroute):
  ca. 6 km / 580 Hm+ / 580 Hm-

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Das Allalinhorn, im Mischabelkamm zwischen Saas- und Mattertal gelegen, gilt als der leichteste Viertausender des Wallis. Mit der weltweit höchstgelegenen U-Bahn (Metro Allalin) kann man dabei bis knapp unter den Gipfel fahren, um danach entspannt die verbleibenden rund 600 Höhenmeter über den Feegletscher und die Westflanke in Angriff zu nehmen. Der durch die technische Erschließung in Fachkreisen als Altweiberviertausender gebrandmarkte Gipfel ist dementsprechend über diesen Normalweg sehr stark frequentiert und als Vormittagstour herabgestuft. Die Schlüsselstelle der Unternehmung lauert dann sogar erst wieder in der Abfahrt der Tunnelbahn - wenn die prallgefüllten Waggons scheinbar ungebremst zu Tale rauschen ...

Da diese Tour insgesamt (mit reichlich Pause) nur vier Stunden in Anspruch nimmt, hole ich hier mal etwas weiter aus. Nun hat das Allalinhorn neben dieser bequemen Art des Aufstiegs noch andere Möglichkeiten in petto: einmal über den Nordostgrat von Mittelallalin oder den Südwestgrat vom Allalinpass. Die Kraxelei über den Hohlaubgrat, die sich am Weg der Erstbesteiger (1856 durch Johann Josef Imseng, Franz Josef Andenmatten und Edward Levi Ames) orientiert und sich bis zur Fertigstellung der Bahn als Normalroute etabliert hatte, ist heute die etwas ruhigere Alternative zum Massentourismus auf dem Feegletscher. Sie führt von der Britanniahütte über den Hohlaubgletscher und den daran anschließenden Ostgrat auf den Gipfel.

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Edelweiß     /     Mattmark

An der Britanniahütte (3.030 m) waren Ute und ich erst am Vortag. Wir wollten den Tag etwas ruhiger angehen, da wir 16:30 Uhr in Saas Fee verabredet waren. Von unserer Unterkunft in Saas Grund (1.589 m) wanderten wir auf der gut gekennzeichneten Halbmarathon-Strecke (11.09.2021 Mattmark Memorial 1965 Halbmarathon) zum Mattmark-Stausee (2.197 m) und hatten dort natürlich noch jede Menge Zeit. Daher wollte ich unbedingt noch hoch zum Schwarzbergchopf (2.868 m), von dem man einen phantastischen Blick auf Allalin- und Teile des Hohlaubgletschers sowie auf die Allalinhorn-Südwand und den Hohlaubgrat hat. Von dieser Seite hatte ich mir dieses weitläufige Terrain noch nicht zu Gemüte geführt. Es ist für mich ein besonderer Ort, ein Ort voller Fragen und Ungereimtheiten um den Berg-Tod meines Bruders Andreas am 11. September 2003.

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Allalingletscher     /     Hohlaubgletscher

Er hatte am Vortag seines Ablebens das Strahlhorn am oberen Ende des Allalingletschers bestiegen. Seinem Schema beim Gipfelsammeln folgend, wären an jenem Donnerstag das Rimpfischhorn und das Allalinhorn mit Ziel Täschhütte an der Reihe gewesen. Er brach zwischen 4 und 6 Uhr von der Britanniahütte Richtung Gletscher auf, danach verliert sich seine Spur. Später eingeleitete Suchmaßnahmen werden durch Schneefall behindert und führen gar zu deren Abbruch. Knapp ein Jahr später wird am 17. August 2004 sein Leichnam am Fuß des Hohlaubgrates von einem deutschen Berggänger entdeckt. Es ist ein Zufallsfund, denn kurz nach der Bergung seiner sterblichen Überreste schneit es wieder. Warum ich das jetzt alles erzähle? Es gehört für mich und "meine" Besteigung des Allalinhorn dazu, zumal unser oben erwähntes Treffen in Saas Fee ebenfalls mit Andys Tod zu tun hat und der Grund unseres Kurzurlaubs im Wallis ist.

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Allalinhorn-Südwand mit Allalingletscher   /   Strahlhorn - Rimpfischhorn - Allalinhorn

Am Wegweiser des Schwarzbergchopfs ist die Britanniahütte mit 1:45 Stunden angeschrieben - allerdings in "blau", was auf eine schwierigere Wegbeschaffenheit hinweist. Da wir nur mit "Turnschuhen" unterwegs sind, verbietet sich für uns die Gletscherquerung selbstredend, zumal dieser im unteren Bereich reichlich von Spalten durchzogen ist. Schließlich muß man hier keine zweite "familieninterne" Rettungsaktion nach 2003 auslösen und außerdem scheint es zeitlich bis Saas Fee nicht in der uns bleibenden Zeit zu bewerkstelligen zu sein. Es ist 13 Uhr, als wir uns gerade wieder auf den Rückweg nach Saas Grund machen wollen. Mit einem Wanderer, der vom Allalingletscher zu uns heraufsteigt, kommen wir noch ins Gespräch. Er ist vor zwei Stunden an der Britanniahütte aufgebrochen und schilderte uns detailiert die Route, welche wir sicherlich wesentlich schneller schaffen würden. Und er hat recht - die Traverse über beide Gletscher ist mit Stöcken "markiert" (Glacier Trail) und bestens begehbar, das Geröllfeld dazwischen ist zwar recht "blockig" aber ebenfalls wie der Schlußanstieg zur Hütte für den normalen Wanderer machbar. Kurz nach 14 Uhr gibt es für uns dann auch schon zwei Halbe (je CHF 7,-) im "Biergarten" der Hütte. Wir liegen gut in der Zeit, daher muß nun aber auch noch das Klein Allalin (3.070 m), der Aussichtshügel neben der SAC-Hütte, abgehakt werden.

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Britanniahütte     /      Klein Allalin

Hier war ich im Juli 2004, kurz vor Andys Auffinden schon einmal und starrte im Abendlicht mit meiner Mutter Richtung Gletscher und Grat. Damals gab es nur vage Vermutungen zu seinen letzten Stunden. Wir waren seinerzeit bei der Bergwacht in Saas Fee, um uns über die weitere Vorgehensweise abzusprechen. Nebenbei grasten wir die Berghütten ab, in denen Andy zuletzt genächtigt hatte - die Britanniahütte war dabei seine letzte Unterkunft. Vielleicht hat er an jenem Abend auch hier oben gesessen und hat seine Bergfahrt zum Strahlhorn in sein penibel genau geführtes Tourenbuch geschrieben? Die Hoffnung, diese Aufzeichnungen irgendwann noch zu finden, wird jedoch mit zunehmender Zeit immer mehr geschmälert.

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Klein Allalin (3.070 m)    /     Allalinhorn (4.027 m)

Erst 14:45 Uhr machen wir uns vom Klein Allalin auf, zu eindrucksvoll ist der Rundum-Blick an diesem wolkenfreien Tag. Nun wird es zeitlich eng! Wir besinnen uns dabei unserer ehemaligen Laufaktivitäten in den Bergen und verfallen nach dem Chessjengletscher unterhalb der Britanniahütte in den Laufschritt. Es geht ja meist bergab und daher ist diese Art kaum kräftezehrender als der Wanderschritt. Saas Fee schon vor Augen, erhalten wir 15:45 Uhr unterhalb vom Berghaus Plattjen (2.418 m) einen Anruf. Aaron, mit dem wir uns in einer dreiviertel Stunde im Ort treffen wollen, ist noch im Abstieg von den Mischabelhütten und schafft es nicht vor 18 Uhr. Nun haben auch wir wieder Zeit. Der Rest des Abstiegs wird gewandert - in Saas Fee (1.798 m) teilen wir uns auf: Ute begibt sich zum Treffpunkt am Hotel, während ich weiter nach Saas Grund absteige, um das Fahrzeug zu holen.

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Alpiner Panorama-Steig zwischen Meiggertal und Plattjen

Aaron und Claudia haben am 9. September 2015 bei einer Bergtour den Rucksack von Andreas gefunden - zumindest die Überreste des Rucksacks, die zwölf Jahre Gletscherbewegung und alpine Witterungseinflüsse übrig lassen. Sie konnten damals noch einige von Andys Filmdosen sichern und daraus in einem Speziallabor Bilder entwickeln lassen. Die vorgefundenen Dosen waren in einem derart schlechten Zustand, daß man sich wundern muß, was trotzdem noch alles "sichtbar" gemacht werden konnte. Seit Oktober 2019 sind wir mit Aaron in telefonischen oder E-Mail-Kontakt, zu einem Treffen hatte es bis jetzt (bedingt durch die Corona-Maßnahmen) noch nicht gereicht. Nun präsentieren uns Aaron und Claudia die geretteten Ergebnisse von Andys Filmaufnahmen persönlich beim abendlichen Gasthausbesuch in Saas Fee. Es sind Dokumente, die mich emotional sehr berühren - schemenhafte Bergpanoramen und zwischendrin mein Bruder, gezeichnet und "entstellt" durch die Deformierungen des Filmes. Es sind insgesamt 60 teils bizarr anmutende Abzüge, die trotz der starken Beschädigungen klar zuzuordnende Details zu seinen damaligen Tourenverläufen offenbaren.

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07.09.2003 Andy auf dem Weissmies     /     10.09.2003 Rimpfischhorn

In der Nacht liege ich lange wach - zu sehr gehen mir die überreichten Fotos durch den Kopf. Um 5 Uhr klingelt der Wecker. Wir müssen nicht eher aus dem Bett, weil wir uns auf die Mutter-Kind-Variante der Allalinhorn-Besteigung geeinigt haben. Da geht es mit der ersten Bahn via Felskinn zum Mittelallalin (3.456 m) und diese fährt erst ab 7 Uhr. So haben wir genügend Zeit die nicht benötigten Sachen vom Hotel "La Collina" zum Parkdeck ins Auto zu schaffen. Um 6:15 Uhr öffnet ein am Weg zur Seilbahn liegender Bäcker, der den Unterwegsproviant für unseren Kurztrip anbietet. An der Talstation der Felskinnbahn herrscht reges Treiben, schließlich liegt eines der wenigen Sommerskigebiete Europas an den Hängen oberhalb Saas Fees. Viele Ski-Nationalmannschaften und deren Nachwuchs sind daher zum Trainieren vor Ort. Einmal Umsteigen bei der Seilbahn und einmal Umsteigen in die U-Bahn - gegen 8 Uhr stehen wir neben ein paar anderen Seilschaften und vielen Skifahrern am Ausgangspunkt der Normalroute auf das Allalinhorn, dem Mittelallalin (3.456 m).

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Blick von Mittelallalin zum Gipfel      /     Claudia und Ute im Aufstieg

Auf festgewalztem Grund nehmen wir die ersten Meter westwärts durch das Skipistengebiet, huschen durch die Spuren zweier Schlepplifte und erreichen wenig später den Übergang vom Skizirkus in die Bergwelt. Diese Bergwelt präsentiert sich jedoch nur geringfügig weniger überlaufen, als die Skihänge auf dem unteren Feegletscher. Bevor wir jedoch in die gut getrampelte Spur gehen, binden wir uns zu viert ins Seil ein. Im Vorfeld hatte ich Aaron unsere "Seilphobie" anhand unseres unterschiedlichen Gewichts erklärt und eine Zweier-Seilschaft bei Ute und mir stets ausgeschlossen. Doch Aaron und Claudia machen das nicht zum ersten Mal und der spätere Tiefblick in gewaltige Gletscherspalten rechtfertigt dieses Vorgehen. Sicher angeseilt und mit der nötigen Ruhe stapfen wir zum Feejoch (3.826 m). In diesem Anstieg, erzählt Aaron, gab es auch mal eine etwas größere Holzleiter zur Spaltenüberquerung, die in dieser Saison allerdings nicht benötigt wird. Durch die Gletscherbewegung "öffnen" und "schließen" sich die Spalten und es entstehen deshalb stets leicht abgeänderte Aufstiegsrouten, um diese Gefahren bestmöglich zu umgehen.

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Aufstieg     /     Gipfelfoto

Nach einer kurzen "Verschnauf"pause unterhalb des Jochs nehmen wir den etwas steileren Firnhang der Westflanke. Bevor wir auf den kurzen Firngrat zum Gipfel gelangen, gibt es noch eine kleinere Felspartie zu übersteigen und im Anschluß daran eine Zwangspause einzulegen. Zu groß ist der Andrang am Gipfelkreuz, den man zu viert nicht noch "verschärfen" möchte. Gegen 10 Uhr sind wir dann an der Reihe und haben das begehrte Fotomotiv am höchsten Punkt dann auch kurz für uns allein. Ein ausgedehntes Frühstück gibt es ein paar Meter unterhalb, weil es dort die Platzverhältnisse zulassen. Ab und zu reißt dann sogar die Wolkendecke für ein paar Augenblicke auf. Es öffnet sich der Blick auf Strahlhorn und Rimpfischhorn. Bei guter Sicht (so wie am Vortag) kann man sogar bis zum Mont-Blanc-Massiv die Berge begutachten. Dieses Erlebnis fehlt uns zum heutigen Glück - nach Dom (4.545 m / 2010) und Mont Blanc (4.810 m / 2018) der dritte Viertausender abgehakt.

Ob Andy an jenem 11. September 2003 auch hier oben stand, bevor er auf dem Rückweg am Hohlaubgrat abstürzte? Oder ist er schon zuvor verunglückt? Fragen, für die es keine Antwort gibt ... oder noch nicht gibt.

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Gipfelgrat     /     Feegletscher

Der Rückweg gleicht dem Aufstieg. Wir nutzen die vorgegebene Spur und müssen nur im Pistenbereich die notwendige Vorsicht walten lassen, denn das Vorfahrtsrecht scheint auf Seiten der rasant abfahrenden Skifahrer zu liegen. Pünktlich 12 Uhr stehen wir wieder vorm Eingang zur Metro, welche diese Bergfahrt zum großen Teil zur Berg"fahrt" macht und nicht mit einer fairen Besteigung des Berges einhergeht - so wie wir es bisher handhabten. Aufgrund der engen Zeitvorgabe an diesem Wochenende mit nur rund einem Tag "zur freien Verfügung" war keine Besteigung vom Tal resp. von Saas Fee aus möglich. Das kann man sicherlich auch noch nachholen ... ist ja schließlich der einfachste Viertausender im Wallis. Und genau diese Aussage ist trügerisch! Selbst auf dem nur vierstündigen Normalweg lauern durch Gletscherspalten tödliche Gefahren und die anderen Aufstiegsvarianten sind definitiv auch keine Sonntagsspaziergänge. Mit dem nötigen Respekt, den die Berge nun einmal fordern, sollte man solche Unternehmungen generell angehen - egal ob schwierig oder Altweiberberg!

Ein großer Dank geht an Aaron und Claudia, welche uns nicht nur einen schönen Bergtag bescherten, sondern auch durch ihr umsichtiges Handeln beim Rucksackfund 2015 einen großen Schwung Licht ins Dunkel der letzten Tage meines Bruders brachten.

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