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Chemnitz - Schönau am Königssee - Chemnitz ("Tilos Plan B") 2020

Geschrieben von Thomas Delling.

18. - 26.07.2020 1.233,9 km 13.177 Hm+ 13.177 Hm- "Urlaub im Sattel"

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Es ist schon ziemlich frustrierend, wenn der sportliche Jahreshöhepunkt nur durch einen "Plan B" ersetzt wird. Das ist in etwa so, wie wenn die mit Vorfreude erwartete Urlaubsreise anstatt zum Gardasee auf halber Strecke am Königssee endet. Man kann dann dort notgedrungen die Füße kurz in dessen Wasser tauchen und sich anschließend wieder gen Heimat begeben. Der Reiseveranstalter eines solchen Gegenentwurfs ist um so eine Situation sicherlich nicht zu beneiden. Mit den Umbuchungen von Unterkünften und dem Umplanen der Reiseroute hat er locker mehrere Trainingseinheiten auf dem Rad versäumt und kann sich trotz dieser Mehrarbeit seiner Sache nicht hundertprozentig sicher sein - ein unzufriedener "Urlauber" im Trupp kann da schnell die Stimmung kippen lassen.

Die Urlaubsplanung für den Sommer 2020 erfordert ja eine gewisse Weitsicht, welche jedoch auch nur bedingt hilft, wenn man sich das bisherige Wirrwarr und den sich fast täglich ändernden Aktionismus um den Mythos "Covid-19" mal vor Augen hält. Daher ist eine rechtzeitige Absage des geplanten "Trans-Alps" mit anschließendem Rumlungern am Gardasee unumgänglich. Wer weiß, welche Grenze wann wieder geschlossen wird und welcher Landstrich demnächst zum Risikogebiet deklariert wird? Es gibt in dieser Hinsicht keine Klarheit und somit muß das Betätigungsfeld für die Urlaubsaktivitäten stark eingegrenzt werden. Tilo, als Organisator, handelt dabei besonnen und will uns wenigstens einen Teil der Alpen nicht vorenthalten. Somit erstreckt sich unser Aktionsradius innerhalb der Grenzen Deutschlands bis zum Königssee. Um auf kurzfristige Änderungen in der Coronaverordnung reagieren zu können, enthält dieser "Plan B" noch weitere Unterpunkte. In diesen werden Varianten über die Tschechei und Österreich angeboten, welche zudem zwischen den jeweiligen Herbergsorten ordentlich Kilometer vom Tacho nehmen. 

Die ersten drei Etappenorte bleiben, wie zur Gardasee-Tour geplant, unverändert. Aus den 974 Kilometern nach Torbole, welche mit 12.910 Höhenmetern im Anstieg ausgeschrieben waren, werden nun jedoch zwischen 1.200 und 1.300 Kilometern, aus acht Etappen werden neun. Der Betreuungsstab mit Birgit und Kath'l bleibt glücklicherweise der Sache treu und wird auch auf der geänderten Route den Klamottentransport und die An- und Abmeldeformalitäten an den jeweiligen Unterkünften übernehmen. So wird den Akteuren schön der Rücken frei gehalten, sei es vom schweren Rucksack mit den persönlichen Waren des täglichen Bedarfs oder dem lästigen Papierkrieg an der Hotelrezeption.

 

18.07.2020 6:40 Uhr 161,8 km 1.872 Hm+ 1.731 Hm- "Königsetappe"

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Tag 1: Chemnitz - Lugau - Aue - Sosa - Frühbuß (Prebuz) - Katzengrün (Kačerov) - Eger (Cheb) - Mitterteich - Falkenberg

Endlich ist es soweit, der erste Urlaubstag naht! Am späten Freitagabend werden die Koffer dafür gepackt und am noch späteren Abend wird das Reisegepäck (in der Sportlersprache "Dropbag" genannt) am Begleitfahrzeug I von Kath'l abgegeben und mit einem ausschweifenden Abendmahl (besser bekannt als "Pastaparty") im Hause Kozlik abgerundet. Die Nacht ist daher kurz, die Vorfreude jedoch umso größer. Der Morgen ist Hektik pur, denn 7 Uhr ist Treff am "Nischel", dem zornig in den Stadthallenpark blickenden Karl-Marx-Monument.

Mit einem Novum beginnt dann unser Ausflug: erstmals erscheinen Ute und ich als erste am vereinbarten Treffpunkt. Nur Sören (als einzig echter Fan!) und Kath'l als "Offizielle" warten dort schon auf die nun aus allen Himmelsrichtungen eintrudelnden Akteure. Nach einem scheinbar nicht enden wollenden Begrüßungszeremon zwischen Andy, Enrico, Tilo, Siggi, Ralf, Olaf, Ute und mir und allerlei Fotoposen dieser Protagonisten wird mit einer Flasche Sekt (hygienegerecht in Wegwerfbechern portioniert) auf die bevorstehende Urlaubszeit angestoßen. Mit guten Wünschen begeben wir uns mit zehnminütiger Verspätung in die Spur. Die von Tilo errechnete "grüne Welle" durch die Innenstadt ist damit passé. Wir nutzen diese Ampelstops für kurze Gespräche, welche bald in den ersten Anstiegen ins Erzgebirge verhallen werden.

Um 9 Uhr ist das zweite Frühstück bei einem Bäcker in Aue (350 m) angesetzt. Während sich dort die anderen mit Kuchen und Kaffee vollstopfen, kann ich meinem, vor lauter Aufregung aufgewühlten Körper dieses Martyrium nicht antun. Vielleicht freut er sich ja über ein böhmisches Bier, welches hinter dem Erzgebirgskamm auf ihn wartet wesentlich mehr? Na sicher, tut er das! Kaffee und Kuchen - ein nicht auszumerzendes Relikt aus dem spießbürgerlichen Alltag. Dafür muß ich weiß Gott nicht in den Urlaub fahren.

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Wir steigen danach sachte an der Zwickauer Mulde aufwärts. Dort, wo ich zwischen 1987 und 1989 fast jeden Freitag von der Lehre aus Morgenröthe-Rautenkranz kommend, mit der Reichsbahn gen Heimat kutschte, ist der damalige Schienenstrang seit langem in einen Radweg umfunktioniert worden, welchen wir nun in entgegengesetzter Richtung nutzen. An der Talsperre Sosa wird es steiler und im Schlußanstieg zur Kammloipe auch "steiniger". Das ist jedoch kein Grund für Siggi ein paar Gänge 'runterzuschalten. Seine durchtrainierten Beine werden diesen Anstieg kaum registriert haben, seine Kette allerdings schon. Für diese unbändige Wucht ist dieses Bauteil nun mal nicht ausgelegt und so wird schon auf der ersten Etappe der mitgeführte Materialwagen von Ralf für die "Aktion Kreuzotter" (eine interne Beschreibung für eine Kettenreparatur, da gerissene Fahrradketten eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem Reptil aufweisen) herangezogen. Eine Zwangspause, die die Situation in unseren durstigen Hälsen weiter verschärft. Wenige Meter unterhalb des "grünen" Grenzübergangs mit Imbiß am Hirschenstander Paß (938 m) ist dies natürlich ein unangenehmer Umstand. 

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Kurz vor dem Mittag erreichen wir dann doch noch diese Oase, wo böhmisches Bier (Krušnohor) in Gläsern verpackt und Hängematten im Wald verteilt, auf uns warten. Eine halbe Stunde gönnen wir uns diesen Luxus, müssen danach aber unsere Fahrt fortsetzen. Die nächste Pause ist erst wieder für Eger (459 m) vorgesehen. In der Fußgängerzone der ehemaligen Reichsstadt finden wir dafür auch eine entsprechende Gastwirtschaft, welche uns mit Staropramen und verschiedenen Kleinstgerichten bei Laune hält.

Unweit des Stadtausgangs werden wir, flankiert von mehreren Asia-Märkten, in die Oberpfalz entlassen. Nun sind es nur noch ein paar weniger anstrengende Kilometer bis zu unserem ersten Etappenort - Falkenberg (461 m). Dort schlagen wir im "Goldenen Stern" unser Quartier auf. Ein paar "Zoigl" (ein dick und kräftig eingebrautes Bier, mit dem man früher die Fastenzeit gut überstehen konnte) und ein Schnitzelgericht später ist das Tagwerk endgültig vollbracht. Nur noch der Glöckner der benachbarten Kirche steht zu diesem Zeitpunkt im Dienst und dieser Mann versteht sein Handwerk. Alte Schule ... die gesamte Nacht hindurch! Wir sind begeistert!

Durchschnittsgeschwindigkeit: 22,6 km/h
maximale Geschwindigkeit: 55,3 km/h
höchster Punkt: 938 m üNN (km 76 - Hirschenstander Paß)
niedrigster Punkt: 310 m üNN (km 5 - Chemnitzer "Nischel")

 

19.07.2020 8:11 Uhr 154,5 km 911 Hm+ 919 Hm- "Ruhetag"

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Tag 2: Falkenberg - Weiden i. d. Opf. - Nabburg - Schwandorf - Regensburg - Rottenburg a. d. Laaber

Geweckt vom ersten (oder zweiten) Glockenschlag von gegenüber beginnt der Sonntag. Ein deftiges Frühstück schürt danach die Lust auf den zweiten Urlaubstag und mehrere Fotomotive werden vor dem Start noch in den engen Zeitplan eingebaut. Ein sanfter Anstieg führt uns aus dem Ort hinaus und läutet so den heutigen Ruhetag stilvoll ein. Ein paar kleine Anstiege bis Neustadt an der Waldnaab folgen. Danach tingeln wir weiter ab Luhe-Wildenau entlang der Naab und ankern nach rund 42 Kilometern in Wernberg-Kölbitz zur halbstündigen Kaffeepause in einer Bäckerei.

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Die Naab wird uns bis zu unserer Mittagspause in Teublitz ein treuer Begleiter sein. Mittlerweile hat sich Siggi auch als echter Brückenfachmann herauskristallisiert. Es wird nahezu jedes Fotomotiv mit Brückenbezug von ihm mitgenommen. Wieso wir seine Leidenschaft jedoch mit einer "Fuffzehn" auf der stark von Fußgängern und Fahrzeugen frequentierten Naabbrücke von Schwandorf büßen müssen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Haben hier etwa Julius Cesar, Napoleon oder Luther zu ihren Lebzeiten auch einen Halt eingelegt, den es aus historischer Sicht mit einem Innehalten zu beachten gilt? Oder ist es sein Faible für ausgefallene (nicht nachvollziehbare) Rastplätze, welche wir unter seiner Federführung mitnehmen müssen? Jedenfalls hätte nur ein paar hundert Meter weiter ein schattiger Biergarten am Naabufer zum Pausieren eingeladen. So viel Luxus sollte an einem Ruhetag schon möglich sein! Die Alternative dazu wird eine Pizzeria in Teublitz sein: wenig Schatten, lange Wartezeit auf das Bestellte - dafür schmackhaft und extrem günstig.

Dem Regen folgen wir später von Regenstauf bis zu seiner Mündung in die Donau in Regensburg, wo wir die Stadt queren und an deren Ende noch am Stadion des SSV Jahn vorbeikommen werden. Ein weiterer lohnender Anlaufpunkt wäre sicherlich auch die Wolfgangseiche nahe Thalmassing gewesen. Dabei handelt es sich um eine (fast) tausendjährige Stieleiche, deren Stamm hohl ist und die ausladenden Äste mit Pfosten abgestützt sind. Doch diesen Umweg noch in den Streckenverlauf einzubinden, ist Tilo zu kurzfristig. Da hätte ich schon mal am Vorabend was sagen müssen.

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Um 17 Uhr ist der zweite Urlaubsort erreicht - der "Forstnerwirt" in Rottenburg an der Laaber. Der angeschlossene Biergarten lädt dabei zum ersten isotonischen Getränk ein, welches uns Siggi durch seine Sturköpfigkeit in Schwandorf offensichtlich noch nicht gönnte. Doch deshalb verspürt nun niemand aus unserer Truppe irgendwelche Animositäten ihm gegenüber. Auch er darf sich an unseren (reservierten) Tisch setzen und zu vorgerückter Stunde den Ausführungen der amtierenden Hopfenkönigin lauschen, welche im Gasthof kellnert. Da die diesjährige Wahl zu dieser prestigeträchtigen Position (pandemiebedingt) in den Maischebottich fällt, wird uns von ihr der 21. August 2021 ans Herz gelegt. Von 12 bis 15 Uhr fahren dann (Fan-)Busse von Rottenburg nach Wolnzach, dem Ort der nächsten Krönungsfeierlichkeiten. In Sachen Bier und Hopfen muß sie uns deshalb auch ausführlich Rede und Antwort stehen, da wir uns als eine Art Prüfkommission "zu erkennen geben", welche damit die Rechtmäßigkeit ihrer Kandidatur auf die Probe stellt. Diese interne Qualifikationsrunde ist für sie jedoch keine Hürde, zu gut ist sie mit dieser Materie vertraut.

Durchschnittsgeschwindigkeit: 24,1 km/h
maximale Geschwindigkeit: 54,9 km/h
höchster Punkt: 560 m üNN (km 8 - am Abzweig nach Windischeschenbach)
niedrigster Punkt: 333 m üNN (km 110 - Regensburg)

 

20.07.2020 8:16 Uhr 156,7 km 1.253 Hm+ 933 Hm- "Biergartentag"

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Tag 3: Rottenburg a. d. Laaber - Freising - München - Bad Tölz - Lenggries/Fall

Nachdem Tag 2 erfolgreich im Biergarten endete, wird tags darauf ein weiterer Biergartentag auf die Agenda gesetzt. Was gut ist, sollte man ja nicht ändern - auch wenn wir dafür bis München radeln müssen. Den Anfang machen dabei endlose, den Straßenrand säumende Hopfenfelder - ein Hektar davon wird allein für das Münchner Oktoberfest "draufgehen", so haben wir es jedenfalls gestern erfahren.

Ein paar Wellen "über die Dörfer" bis Freising und weiter nach München strengen uns nicht weiter an, nur die Sonne knallt heute bei rund 30 °C etwas intensiver vom Himmel, als am Vortag. Die Rahmenbedingungen für einen zünftigen Biergartenbesuch stimmen also, zumindest aus meteorologischer Sicht. Etwas verstörend ist der Empfang am Eingang des "Aumeister": ein Pförtner regelt dort Ein- und Auslaß, eine Maske schützt beim Gang zum Tisch vor "Unannehmlichkeiten" und Zettel mit allerhand persönlicher Daten müssen zudem ausgefüllt und beim späteren Verlassen des Geländes bei der Tombola, äh beim Platzanweiser abgegeben werden. Egal wie hoch der Tombolagewinn auch ausfallen wird (wenn es hier mal nicht wieder nur um das Abfischen von Adressen für Werbung geht), gewonnen haben wir auch so schon. Zum Beispiel kam Siggi zu der Erkenntnis, daß ein "großes Radler" im Biergartenjargon eben ein "Maß Radler" ist und wenn man zwei davon auf einmal bestellt, man eben zwei Liter Getränk vor sich stehen hat und höchstwahrscheinlich im Anschluß zwei zusätzliche Pinkelpausen mehr einplanen muß.

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Durch den Englischen Garten und entlang der Isar erreichen wir Giesing. Die Heimspielstätte der Münchner Löwen vom TSV 1860, das Grünwalder Stadion (km 88), sowie die Geschäftsstelle mit den Trainingsplätzen der "Roten" des FC Bayern (km 89) säumen nun unseren weiteren Weg. Dazwischen geht von der Säbener Straße ganz unscheinbar und von Tilo nicht registriert, die Stilfser-Joch-Straße ab. Diesem Bergklassiker hätte auf unserer Gardasee-Fahrt ein Extratag gegolten, so sehr hatte sich der Organisator darauf gefreut. Heute würdigt er nicht mal dem Straßenschild einen Blick. Dafür erfreut sich Tilo ein paar Straßenzüge weiter an den Turnübungen von Siggi und mir, die wir vor der FC-Bayern-Geschäftsstelle zelebrieren. Was haben sich da die Herren Lewandowski, Neuer & Co die Nasen an den Scheiben der Säbener 51a plattgedrückt? Das Wackeln der Gardinen ließ so etwas zumindest vermuten. Grundsolider Seniorensport, der die Berufsfußballer neugierig macht! Mich würde es nicht wundern, wenn kurz nach dieser Aufführung der Athletiktrainer des Rekordmeisters ins Büro von Herbert Hainer zitiert wurde.

Um diesbezüglich unbequemen Fragen aus dem Weg zu gehen, befinden wir uns relativ schnell wieder auf der vorgegebenen Streckenführung. Schnurgerade und gaaanz sachte steigend wird dabei der Perlacher Forst durchquert und München über Oberhaching verlassen. Ein paar Kilometer weiter öffnet sich uns in Endlhausen erstmals der Blick auf die Berge - ein Traum. Heute kommen wir zwar irgendwo dort an, doch ganz große Steigungen hat Tilo heute für uns noch nicht vorgesehen. 

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Vom Münchner Biergarten bis Lenggries begleitet uns übrigens der Ex-Chemnitzer Holger auf seinem Tourenrad. Hut ab, wie er hierbei das vorgegebene Tempo der Spitzengruppe hält. Nun gut, er war in seinem früheren Leben mal Radballer und steht zudem mit 40 absolvierten Kilometern auf Platz 66 der Rund-um-Chemnitz-Lauf-Statistik. Da verlernt man das Treten nicht so schnell! Die letzten 14 Kilometer hoch nach Fall wird er sich trotzdem schenken und ab Lenggries mit dem Zug wieder Richtung München zuckeln. Wir haben dann noch eine Steigung, inklusive Tunnel zum Sylvensteinspeicher, dem Staubecken von Isar, Dürrach und Walchen, vor uns.

Im Hotel "Jäger von Fall" gibt es diesmal einen Empfang hinter dem Gebäude. Das Weltenburger Flaschenbier verdünnt dabei den Apfel- oder Tomatengeschmack - allesamt wichtige Bestandteile einer wirkungsvollen Regeneration. Schließlich gibt es (nicht nur) bei mir erste Verschleißerscheinungen im Genick, dem Gesäß oder den Füßen. Dafür zucken die Muskeln in den Beinen nicht noch zusätzlich groß 'rum - war ja heute nur bissel Biergartenradeln. Aus diesem Grund müssen wir uns auch den abends zugewiesenen Platz in der, dem Hotel angeschlossenen Outdoor-Gastronomie als Biergarten schönreden. Doch das schmälert nicht das kulinarische Erlebnis von Faßbier in Verbindung mit einem deftigen Schnitzelgericht.

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Die Fahrräder dürfen heute mal komplett mit in den Hotelzimmern schlafen, schließlich geht es morgen um die ersten Bergwertungspunkte und da soll den Hauptakteuren auch die nötige "Ruhe vor dem Sturm" ermöglicht werden. Diese Ruhe finde ich jedoch nicht. Noch lange plagen mich die Gedanken, die beim gemeinsamen Gang zu den Zimmern auftraten: Was würde wohl passieren, wenn jemand die an der unbesetzten Rezeption vorgeschlagenen Wandertouren manipulieren würde? Die Schilder "schwierige" und "leichte" Touren wären mit wenigen Handgriffen über den jeweiligen Wandervorschlägen auszutauschen gewesen. Doch wer würde so etwas machen? Wer käme wohl auf solch' eine Idee? Es ist wirklich leichtsinnig, wie hier damit umgegangen wird.

Durchschnittsgeschwindigkeit: 22,8 km/h
maximale Geschwindigkeit: 73,7 km/h
höchster Punkt: 777 m üNN (km 155 - Sylvensteinspeicher)
niedrigster Punkt: 415 m üNN (km 42 - Zolling)

 

21.07.2020 8:46 Uhr 121,1 km 1.790 Hm+ 2.084 Hm- "1. Bergetappe"

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Tag 4: Lenggries/Fall - Kreuth - Tegernsee - Spitzingsattel - Bayrischzell - Waller Alm am Sudelfeldkopf - Flintsbach a. Inn - Oberaudorf

Mein erster Blick des Tages gilt dem Albtraum des Vorabends - die Schlaflosigkeit erweist sich jedoch als unbegründet. Die Schilder an der Rezeption sind meines Erachtens noch dem jeweilig korrekten Schwierigkeitsgrad zugeordnet. Vielleicht hatte ich abends auch einfach nur zu tief ins Glas geschaut, denn so denkt doch kein Mensch! Komisch, daß Andreas und Tilo ebenso ticken und dieselbe Vermutung hatten. Welches Level unsere heutige Etappe aufweist, kann man noch nicht festlegen. Der Standard des Frühstücks und vor allem das Kümmern der Kellnerinnen um unser "leibliches Wohl" lassen da jedoch viel zu.

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Bis zur Staumauer des Sylvenstein (dem Fotomotiv des Vortages) fahren wir anfangs zurück, um dann den ersten kleinen Anstieg zum Achenpaß (941 m) zu nehmen. Der Weg dahin ist zwischendurch so "geschottert", daß ein Treten bergauf gar nicht mehr möglich ist und somit das Rad geschoben oder geschultert werden muß. Mit Erreichen des Paßes stehen wir auf dem höchsten Punkt der bisherigen rund 600 zurückgelegten Kilometern Wegstrecke. Entlang der Weißach nehmen wir nun Kurs auf den Tegernsee (747 m), der uns zu einem Fußbad einlädt. Auf der anderen Uferseite des Gewässers sind nun die Umrisse des Wallbergs auszumachen. Zwischen 2004 und 2014 fand dort der von Helmut Reitmeir ins Leben gerufene "Tag des Berglaufes" mit dem 5,3 Kilometer langen Wallberglauf statt, bei dem es zwischen der Tal- und der Bergstation der Wallbergbahn 835 Höhenmeter zu überwinden galt. Ein paar Mal haben auch Ute und ich an diesem recht steilen Laufwettbewerb teilgenommen, heute kann ich mir beim bloßen Anblick des Bergklotzes so etwas gar nicht mehr vorstellen - zumindest nicht in den damals erreichten Zielzeiten. Stattdessen gibt es heute eine Umrundung des Sees, was diesbezüglich wesentlich angenehmer ist.

Einen kleinen Hügel hat Tilo dabei doch ins Programm eingebaut. So kommen wir an den "Alten Linden von Gasse" vorbei, über deren Alter geschrieben steht: "300 Jahre kommen sie, 300 Jahre stehen sie, 300 Jahre gehen sie". So steht es zumindest auf einer Info-Tafel eines Radwegenetzes, welches "von Baum zu Baum" (zu über einhundert besonderen Bäumen) im Miesbacher Land führt. Vielleicht sollte man sich diese Radwege einmal gesondert zu Gemüte führen, denn heute ist dafür keine Zeit eingeplant. Entgegen der Rottach nehmen wir den Anstieg zum Suttensee (980 m) und weiter zum Wechselpaß (1.031 m), der Wasserscheide von Rottach und Weißer Valepp und unserer ersten Bergwertung, wo ich völlig unerwartet auf Platz 4 anschlage.

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In der Weißen Valepp wird ein paar Höhenmeter unterhalb des Paßes pausiert. Das zweite Fußbad, die erste Helmwäsche und ein paar Rückenübungen im Wasser vervollständigen dabei die Trink- und Erfrischungspause. Ein technischer Defekt in der patentierten Fahrradhelm-Waschmaschine (wobei ein schwerer Stein den Helm unter die Strömung des Wassers drückt) löst dabei das zu reinigende Objekt und hätte damit fast zum Ende meiner Radtour geführt. Schnell hat der Helm ein paar Meter Vorsprung zu seinem (auf den Flußsteinen dahinwackelnden) Verfolger herausgeschwommen. Seine Flucht scheint zu gelingen, was somit (aus Sicherheitsgründen) den Ausschluß des Helmträgers zur Folge gehabt hätte. Mutig stellt sich jedoch ein etwas größerer Stein in des Helmes Fluchtweg und beendet damit all' die zwangsläufig im Kopf durchgespielten Szenarien meiner Rückkehr in die Heimat per Zug oder Bus.

An der Vereinigung (900 m) von Weißer und Roter Valepp biegen wir ins Tal des zweitgenannten Bergbaches, welcher uns zum Spitzingsee führt. Mittlerweile ist aber auch ein Essensnachschub beim Großteil der Mannschaft dringend notwendig. Das ständige Gejammere ist schon fast nicht mehr zu ertragen. Deshalb beschließt "Vati" Tilo mit seiner "Familie" in der etwas vom Weg abgelegenen Albert-Link-Hütte (1.053 m) an der Valeppalpe zu dinieren. Bis zum Spitzingsee hätten es seine Jünger sicherlich nicht mehr geschafft! Dies erweist sich im Nachhinein als die genau richtige Entscheidung. In der Alpenvereinshütte der Sektion München gibt es Kaiserschmarrn vom Feinsten und dazu frisch gepresstes, äh gezapftes Bier. Zehn von zehn Punkten lautet nach einer Stunde Aufenthalt das einstimmige Urteil unseres Wirtshaustests. Es wären noch rund zehn Minuten bis zum Spitzingsee (1.084 m) gewesen, dort ist jedoch aufgrund dessen Erreichbarkeit mit dem Kraftfahrzeug wesentlich mehr Trubel und die Gastlichkeit der Albert-Link-Hütte damit sicherlich nicht zu verzeichnen. Vom Spitzingsattel (1.129 m) rollt es sich dann ganz gut gen Tale. Den Abzweig zum Schliersee lassen wir dabei links liegen und ziehen später einen weiten Bogen um Bayrischzell, ehe es wieder straff bergan geht. Hierbei zerfällt unsere Gruppe wieder und jeder nimmt sein eigenes Tempo mit nach oben. Eine Baustellenampel kurz vor dem Sudelfeldpaß (1.123 m) läßt das hintere Feld beim daraus resultierenden Zwangshalt wieder zusammenkommen und somit nur ein neutralisiertes Ankommen am Scheitelpunkt zu. Die ersten drei Fahrer mit Punktberechtigung sind zu diesem Zeitpunkt schon längst "geduscht" und zur Weiterfahrt bereit.

Nach einer kurzen Abfahrt treffen wir rein zufällig auf unsere zwei Materialwagen. Wir können also noch einmal die Trinkflaschen füllen, denn ein "Berg" steht uns nun noch bevor. Es wäre irgendeine Alm am Sudelfeldkopf, von der man eine schöne Aussicht hat - deshalb wollte Tilo diesen Stichweg unbedingt noch mit uns gemeinsam abfahren. Er hätte sich auch einer Verweigerung des Vorschlags durch die Mehrheit angeschlossen, doch niemand will Tilo hier enttäuschen. Letztendlich fahren auch Birgit und Kath'l mit ihren Autos nach oben, um uns mit Bier aus dem Kasten zu erwarten. Um es vorweg zu nehmen: auf mich warten sie (und alle anderen auch) am längsten. So eine Scheiße, wie dort hoch, ist mir in meinem bisherigen Leben noch nicht untergekommen. Keine Ahnung, wie oft ich auf diesem Stück aus der Pedale bin, um zwischendurch mal Luft zu schnappen, um das Plaste der Trinkflasche zu schmecken oder um einfach nur verständnislos in die Landschaft zu starren? Irgendwann habe ich dann auch den Blickkontakt zu meinen Vorderleuten auf der gut einzusehenden Serpentinenstraße verloren. Sicherlich wurde mir schon vorher von Fachleuten attestiert, nicht die bergtauglichste Übersetzung vorweisen zu können - doch daran will ich meine katastrophale Leistung nicht festmachen. Richtig erbärmlich wird es kurz vor dem Ziel: Absteigen und Schieben ist da für ein paar Meter angesagt - kleiner Trost: bis auf Olaf und Tilo erging es in diesem Steilstück allen so.

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Die letzten hundert Meter zum Parkplatz der Waller-Alm (1.410 m) sind flach und an dessen Ende baut sich gerade ein neunköpfiges Begrüßungskomitee auf. Die wollen mich jetzt wirklich mit 'ner La Ola empfangen? Das nehme ich denen nicht ab! Vielleicht kommt hinter mir noch einer mit 'nem Holland-Rad hier hoch, für den sie diese Zielgasse gerade aufbauen? Da muß ich natürlich Platz machen ... und wähle daher die zertrampelte Viehweide nebenan. Etwas holprig und wenn ich jetzt an Tempo verliere und nicht aus der Kurbel komme, kippe ich womöglich noch an den Stacheldrahtzaun. Doch soweit kommt es dann doch nicht. Ebenso wie der Hollandrad-Fahrer, den ich hinter mir wähnte. Das war wohl alles nur ein großes Mißverständnis? Entschuldigend lehne ich trotzdem sämtliche "Glückwünsche" zum Erreichen der Bergwertung ab. Dem zeitgleich dazu gereichten Bier will ich aber nicht entsagen und greife beherzt zu. Das ist dann schon eher eine ehrliche Belohnung!

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Der Abstieg ist logischerweise genauso steil, wie vorher hochzu. An der Grafenherberg (1.090 m) biegen wir ins Tal des Gassenbachs ab und verlieren dabei weiter rasant an Höhe. Erst zum Ende der Etappe wird es wieder flacher und ab Flintsbach (479 m) rollen wir entlang des Inns unserer Herberge entgegen. Das "Hotel Lambacher" ist unser Quartier für die Nacht. Zum Abendbrot müssen wir allerdings die Örtlichkeit wechseln, da in der Pension nur ein Bierausschank erfolgt. Im nahen "Gasthof Kaiserblick" herrscht aufgrund der regen Nachfrage regelrechtes Chaos. Trotz Vorbestellung und emsiger Bedienung ist Geduld gefragt. Irgendwann hat sich der Streß im Gasthof gelegt. Es geht ans Kassieren und dabei findet die Wirtin auch mal ein paar Minuten Zeit für uns. Ob wir ein Kegelclub wären, lautet ihr Einstieg ins Gespräch - Gelächter unsererseits. Dieses wird von ihr klassisch gekontert, als sie die Antwort nach unserer Herkunft vernimmt. Rad'lfahrer aus Chemnitz sind bei ihr sicher noch nie in so großer Stückzahl eingefallen. Diese machen dann, bevor es in die Unterkunft geht, noch einmal am Materialwagen halt. Dort gibt es ein Absackerbier aus Sachsen - für eine ausgewogene Bettschwere. Derweil sind auch erste Anzeichen eines Wetterumschwungs zu vernehmen. In der Nacht regnet und gewittert es.

Durchschnittsgeschwindigkeit: 20,6 km/h
maximale Geschwindigkeit: 64,9 km/h
höchster Punkt: 1.410 m üNN (km 96 - Waller Alm am Sudelfeldkopf)
niedrigster Punkt: 460 m üNN (km 117 - Oberaudorf)

 

22.07.2020 8:17 Uhr 114,1 km 1.635 Hm+ 1.459 Hm- "2. Bergetappe"

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Tag 5: Oberaudorf - Kufstein - St. Johann in Tirol - St. Jakob in Haus - St. Martin b. Lofer - Hirschbichl - Ramsau - Schönau am Königssee

Auch wenn am Abend noch traute Gemeinsamkeit beim Bier am Auto zelebriert wurde, am Morgen ist davon nichts mehr zu spüren: Grüppchenbildung beim Frühstück, maximal zwei Personen pro Tisch, argwöhnische Blicke ... aber nicht unter- oder gegeneinander, sondern ob der hiesigen Auslegung der Hygieneregeln. Andere Länder - andere Sitten. Das gilt wohl dann auch für die Übertragbarkeit des Virus'? Vor der Tür sind jedoch alle Urlauber unseres Trupps wieder gleich! Der anhaltende Regen spült dabei die letzten Gewissensbisse von uns und so kann der Start auch in der Gruppe erfolgen und muß nicht zeitversetzt geschehen. 

Wir überqueren in Oberaudorf (479 m) den Inn und gelangen an dessen Ufer auf österreichischer Seite nach Kufstein. In deren Altstadt erfolgt noch ein etwas zeitintensiverer Fotostop, ehe sich eine halbe Runde um das Kaisergebirge nach St. Johann in Tirol (659 m) anschließt. Dort treffen wir eher zufällig auf unsere Verpflegungsflotte um Birgit und Kath'l, welche neben wesentlich besseren Wetter auch die dringend benötigten Nachfüllpacks für unsere Trinkflaschen dabeihaben. Die richtigen Getränke gibt es aber erst ein paar Höhenmeter und Kilometer weiter in St. Jakob in Haus (856 m). Eine anderthalbe Stunde Siesta mit Dunklem Huber und Gröstl beim "Hauserwirt" sind Pflicht. Man muß ja der Sonne auch genügend Zeit geben, die nassen Klamotten trocknen zu können, die unsere Drahtesel vor dem Wirtshaus großflächig abdecken.

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Mit trockenem Zwirn aber auch etwas Blei an den Füßen geht es danach etwas schleppend weiter - nach St. Ullrich am Pillersee (847 m) und weiter dem Tal des Grießelbachs Richtung Lofer folgend, gelangen wir nach St. Martin (633 m). Dort verordnet Tilo noch eine knapp halbstündige Kneippkur im Wassertretbecken, denn der finale Anstieg zum höchsten Punkt der heutigen Tour (dem Hirschbichl-Paß) steht kurz bevor. Knapp zwanzig Minuten später in Weißbach stellt er uns vor vollendete Tatsachen. Ein Schild zu Beginn des Anstiegs verkündet zwar "Keine Durchfahrt nach Bayern", was sich jedoch nur auf den Kraftverkehr beziehen dürfte. Danach stirbt jeder wieder für sich allein! Recht human windet sich die Straße die ersten Serpentinen hoch, doch spätestens ab dem Busparkplatz Hinterthal (1.015 m) und dem dort aufgestellten 30%-Schild ist selbst des kühnsten Optimisten Ehrgeiz gebrochen. 'Noch einen Tritt, dann steigst du ab!', sage ich mir, nachdem die letzte Rille erreicht scheint und komme jedoch nicht aus den Klickpedalen ... na gut, dann eben noch eine Umdrehung. Irgendwann ist der Moment gekommen, wo man aufgrund des Dahinschleichens umzufallen droht. Das Ausklicken gelingt dann zwangsläufig und der untrainierte Körper sackt erstmal auf dem Lenker zusammen. Die Atmung gleicht der nach einem richtig flotten 400-Meter-Lauf. Man erholt sich zwar recht schnell, doch ein Schieben des Rades scheint effektiver als ein Wiedereinklicken in das Dilemma. Wenn es scheinbar "flacher" wird, wird diese Methode für ein paar Kurbelumdrehungen genutzt - danach heißt es wieder: Luftholen und Schieben. Nach einigen dieser Intervalle bin ich dann auch oben, diesmal sogar mal nicht als Letzter! Zum Schulterklopfen fehlt mir allerdings die Kraft und die Beweglichkeit in den Armen.

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Die folgende Abfahrt zum Hintersee (797 m) ist dann auch nicht ohne: fast komplett noch naß vom Regen und nicht weniger steil, dazu eine leichte Bemoosung in den Kurven. Für Schisser wie mich ein Graus! Zum Glück pegelt sich die Abfahrt recht bald auf normalverträgliches Niveau ein und die Verspannung löst sich allmählich. Am Ortsausgang von Ramsau statten wir noch der Wimbachbrücke (630 m) einen Kurzbesuch ab. Dabei handelt es sich nicht um ein besonderes Bauwerk, sondern um den Einstiegs- und Endpunkt der klassischen Watzmannüberschreitungen. Der derzeitige Rekord dafür liegt bei 2:47 Stunden für die rund 23 Kilometer mit 2.400 Höhenmetern im Anstieg - zu Fuß, wohlgemerkt. Für den Otto Normaltourengeher unbegreiflich und daher stellen Siggi, Ute und ich Bilder vom Start und von der Ankunft dieser Kultrunde nach, welche wir natürlich auf dem Rennrad "absolviert" haben!

In Oberschönau (655 m) residieren wir im sogenannten Sporthotel, wo der Gast eher geduldet als erwünscht ist. So vermittelt es zumindest unsere, die bürokratischen Nebengeräusche abfedernde Speerspitze um Kath'l und Birgit. Deren üblicher Empfang findet daher in einer Art Stuhlkreis auf der vorgelagerten Rasenfläche mit Berchtesgadener Jubiläumsbier statt - Thema: Wie kaschiere ich gekonnt plötzlich auftretende Schwächen am Berg? Gibt es schon Reaktionen auf die (gemogelte) Watzmannüberschreitung mit dem Rennrad? 

Der um die Ecke befindliche "Gasthof Bodner" ist für die letzte Befüllung des Tages verantwortlich. Deftige, also richtig deftige Hausmannskost und kühles, dunkles Bier sorgen für gesättigte Mägen. Dazu wird noch der Obstler des Hauses gereicht - die Bettschwere ist erreicht und passend zum Zimmernamen "Toter Mann" (alle Zimmer sind nach Bergen/Bergzügen benannt) ist kurz darauf auch der Lichtschalter umgelegt.

Durchschnittsgeschwindigkeit: 19,1 km/h
maximale Geschwindigkeit: 53,0 km/h
höchster Punkt: 1.183 m üNN (km 94 - Hirschbichl)
niedrigster Punkt: 468 m üNN (km 1 - Oberaudorf)

 

23.07.2020 8:56 Uhr 134,6 km 1.642 Hm+ 1.952 Hm- "3. Bergetappe"

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Tag 6: Schönau am Königssee - Hinterbrand - Roßfeld - Hallein - Salzburg - Braunau a. Inn - Simbach a. Inn

Das Wecken übernimmt heute ein starkes Gewitter, welches sich über Schönau festgesetzt hat. Grelle Blitze und krachende Einschläge, begleitet von heftigem Regen und eine Sicht, die man gar nicht sehen will - da das Frühstücksbufett des Hauses sowieso erst gegen 8 Uhr freigegeben wird, bleibt noch genügend Zeit, um auf eine Besserung zu hoffen. Viel schlechter kann das Wetter ja nun auch nicht mehr werden. Unser Abschied von Schönau beginnt mit einem Grau in Grau und ordentlich Nässe - vielleicht eine Art "Mitgefühl von oben", weil es jetzt schon wieder heimwärts geht?

Neben dem obligatorischen Besuch des Königssees (603 m) und dem Ablichten dessen klischeehafter Motive (mit und ohne Rad sowie mit und ohne Dynamo-Dresden-Schärpe, dafür aber ganz ohne Regen!) stehen die letzten beiden Bergwertungen auf dem Programm. Nach rund 30 Kilometern Wegstrecke werden diese rund 98 Prozent der heutigen Anstiege erledigt haben. Dem kurzen Fußbad im noch morgendlich ruhenden Königssee folgt das erste große Wadenzwicken im Anstieg zum Parkplatz Hinterbrand (1.130 m). Mit einem herrlichen Blick zum Kehlsteinhaus auf dem Mannlgrat und der Aussicht zum Jenner beginnt diese Tortur recht trügerisch (bei nun einsetzendem Sonnenschein). Später öffnet sich zur Rechten der Blick zur Watzmann-Familie (deren Kinder jedoch in Wolken gehüllt sind) und der anstrengende Teil beginnt. Bis zu 30% Steigung sind wieder zu meistern - glücklicherweise größtenteils im Schatten des Waldes.

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Wer sich vorn die Berg-Punkte holt, entzieht sich meiner Wahrnehmung. Dafür rangiere ich (wie immer) zu weit hinten. Selbst ein Schlauchwechsel bei Ralf im unteren Teil der Vorderbrandstraße läßt mich nur kurzzeitig die "rote Laterne" weiterreichen. Und dann sind da noch diese E-Biker! Mit rund 20 Jahren auf dem Buckel im besten Alter, sich in der Blüte des Lebens stehend, einer elektrischen Hilfe bedienen zu müssen. Das Erwidern deren mühelosen Grüßens beim noch müheloseren Vorbeipedalieren erstickt letztendlich der Kloß in meinem Hals. Zu unverfroren mutet mir diese Höflichkeit an, denn in den Bergen grüßt man doch nur Gleichgesinnte - Leute, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen. So wird doch auch nie der Bergbahnfahrer aus seiner Gondel heraus den schwitzenden Bergwanderer grüßen oder der Motorradfahrer auf der Paßstraße den sich quälenden Cyclisten.

Auch wenn man fast nur noch die martialisch mit Akkumulatoren bestückten Stahlrösser wahrnimmt, gibt es sie aber doch noch, die Old-School-Radfahrer. Während der Abfahrt zum Obersalzberg (970 m) kommen sie uns vereinzelt entgegen und grüßen "gezeichnet" aber freundlich, weil sie sicherlich ihre Spezies auch schon als ausgestorben betrachten. Unterhalb der Mautstation zur Roßfeld-Panoramastraße "dürfen" wir uns dann auch wieder quälen. Es sind rund 600 Höhenmeter im relativ moderaten Profil zu fahren. Wesentlich radsportfreundlicher als davor und dazu noch mit einer spektakulären Sicht im Angebot. Da fährt man doch gerne hoch - wenn auch nur wieder hinten dran. Am Scheitelpunkt der Panoramastraße (1.560 m) holt sich Siggi die noch fehlenden Zähler für das gepunktete Trikot und nach ein paar Schnappschüssen am Roßfeldstraße-Schild gönnen wir uns die Talfahrt nach Bad Dürrnberg in Tirol.

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In einem Supermarkt in Hallein (447 m) erhalten wir die Verhaltensregeln des aktuellen Corona-Knigge (für Salzburg und Oberösterreich) und ein paar Getränke (Wasser und Apfelsaft im Verhältnis 4:1) für unsere Unterwegsverpflegung. Ein paar Straßenzüge weiter lockt dann der Biergarten des Brückenwirts im Stadtteil Rif-Taxach. Obwohl wir erst ein Drittel des Tagwerks hinter uns und noch 90 Kilometer vor uns haben, logieren wir rund eine Stunde bis 15 Uhr unter den Kastanien der Wirtschaft. Neben der standesgemäßen Verkostung des regionalen Bieres interessiert uns auch die Querprobe der lokalen Speisekarte. Neben Brettljause und Kaiserschmarrn gibt es auch sauer eingelegtes Rindfleisch. Nicht jedermanns Geschmack, doch der Hunger treibts 'nei.

Weiter geht es auf dem Tauernradweg entlang der Salzach und mitten durch Salzburg. Dort wechseln wir über den Mozartsteg die Flußseite und genießen die nun tellerflache Streckenführung entlang des Gewässers. Eine Trink- und Entsorgungspause (natürlich dort, wo die meisten Mücken sind) unterbricht unsere hohe Trittfrequenz nur kurz und eine kaum wahrnehmbare Hucke zwischen St. Radegund und Duttendorf läßt uns von der Salzach zum (dann schon mit der Salzach vereinigten) Inn gelangen. Als Grenzfluß zwischen Österreich und Deutschland fungierend, überqueren wir diesen zwischen Braunau und Simbach, unserem Etappenort. Dort treffen wir gegen 18:45 Uhr im Gasthof Wimmer ein, wo unser weiblicher Voraustrupp schon wieder alle Formalitäten erledigt hat.

Somit können wir dann fast nahtlos zum Kulturprogramm übergehen. Geselligkeit ist heute Trumpf! Der Abend klingt mit mehreren Kellerbier (schließlich wurde Andreas tagsüber Opa!) und diversen Lied- und Gedichtvorträgen von Siggi und der 89-jährigen Wirtin erst nach 23 Uhr aus.

Durchschnittsgeschwindigkeit: 20,6 km/h
maximale Geschwindigkeit: 54,1 km/h
höchster Punkt: 1.560 m üNN (km 29 - Roßfeld-Panoramastraße)
niedrigster Punkt: 340 m üNN (km 132 - Braunau a. Inn)

 

24.07.2020 8:22 Uhr 118,2 km 1.266 Hm+ 1.091 Hm- "Ruhetag"

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Tag 7: Simbach a. Inn - Pfarrkirchen - Arnstorf - Wallersdorf - Bogen - Traitsching/Sattelbogen

Der Ruhetag nach den drei Bergwertungsetappen beginnt 7 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück. Heute steht eine eher gemächliche Landpartie ins Haus und dementsprechend locker ist die Atmosphäre. Locker drauf ist auch der Juniorchef des Hauses, Karl Wimmer, ehemals Weltmeister im Triathlon - mit ihm fachsimpeln die Ur-Mamils unserer Truppe über "richtigen Sport" und ein gemeinsames Gruppenbild mit ihm gibt es obendrauf.

Die erste Hälfte der Tour, welche mit der Isarüberquerung bei Zeholfing (km 59) endet, geht leicht profiliert dahin. Der nach 36 Kilometern durchfahrene Ort Oberelend kann daher für die Definition des Gemütszustandes nicht herangezogen werden, obwohl ein Bild genau das Gegenteil "beweist". Zwischen Isar- und Donauquerung ist unser Weg nahezu flach und wird erst gegen Ende hin nochmal etwas profilierter und endet unspektakulär am "Sattelbogener Hof" im gleichnamigen Ortsteil von Traitsching. Dort werden wir um 15:40 Uhr von Kath'l und Birgit mit einem Begrüßungsbier empfangen, zudem ist für 16 Uhr schon der erste Gang (bestehend aus Kaffee mit Kuchen) im Garten des Hotels anberaumt. Ein regelrechter Wohlfühltag, denn tagsüber verpflegten wir uns ausgiebig (eineinviertel Stunde) im Biergarten von Wallersdorf, wo neben den verschiedenen Biervariationen ein sogenannter Sülzteller den Gaumen erfreute. Abends gibt es wieder reichlich Hausmannskost und noch einen Johannisbeerschnaps des Hauses.

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Zwischen den Hotel-Mahlzeiten verschlägt es sogar einige Akteure ins benachbarte Schwimmbad (welches Hotelbesucher kostenfrei nutzen können). Dort sind sie jedoch anfangs einem endlosen Monolog des Bademeisters ausgesetzt - das Verlesen der bestehenden Corona-Verordnung verlangt dies nun mal. Bürokratie muß sein - Geschwommen ist dann schnell!

Durchschnittsgeschwindigkeit: 21,9 km/h
maximale Geschwindigkeit: 57,1 km/h
höchster Punkt: 578 m üNN (km 116 - Bergkuppe oberh. Sattelbogens)
niedrigster Punkt: 310 m üNN (km 89 - Bogen)

 

25.07.2020 9:05 Uhr 117,3 km 1.338 Hm+ 1.280 Hm- "Mutter-Kind-Etappe"

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Tag 8: Traitsching/Sattelbogen - Cham - Waldmünchen - Weißensulz (Belá nad Radbuzou) - Tachau (Tachov) - Marienbad (Mariánské Lázne)

Der Urlaub neigt sich langsam dem Ende. Nachdem gestern der 10.000. Höhenmeter erklommen wurde, steht heute kurz hinter der bayrisch-böhmischen Grenze der offizielle Kilometer 1.000 auf dem Tacho. Dafür ist der Schwierigkeitsgrad der Etappe wiederum nicht zu hoch angesetzt, man will ja schließlich dieses kleine Jubiläum nicht von Schwäche gekennzeichnet, mit letzter Kraft gestützt auf dem Fahrradlenker für die Nachwelt festhalten. Dafür braucht man frisch wirkende Typen, die mit ihrer Ausstrahlung weiteren Elan vermitteln können. Daher beginnt die Reise ganz entspannt mit einem längeren Bergabstück.

Der Rest des Tages wird danach leicht wellig dahinsappern. Einmal wird es noch ein wenig mühsam, als wir in Waldmünchen stur dem vorgegebenen Weg folgend, das Rad schiebend und tragend, durch eine Brückenbaustelle müssen. Sicherlich hätte man auch ein paar Meter oberhalb auf der Staumauer des Perlsees fahren können, doch so viel Mutter-mit-Kinderwagen-Flair wollte uns Tilo dann auch nicht zumuten.

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Wenig später sind wir mal wieder in der Tschechei. Unser Kurs nimmt dabei nach dem Grenzübergang Haselbach (Lísková) einen Bogen nach links und dann beginnt auch schon das Herunterzählen der letzten Meter bis zum 1.000-er Jubiläum. Mitten im Böhmerwald (Česky Les) steigen wir um 11:11 Uhr von den Rädern. Ein Erinnerungsfoto soll nun noch flink geschossen werden, ehe wir die zweiten Tausend angehen. Die Idee, die hochstehende Sonne für eine, mit menschlichen Schatten auf die Straße geworfenen Eintausend zu nutzen, ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Leider hapert es dabei an der Beweglichkeit der Laiendarsteller, einen dann auch als Eintausend definierbaren Schatten zu kreieren. Es besteht akute Verletzungsgefahr! Da braucht man wirklich kein Fachmann auf dem Gebiet der Chiropraktik zu sein, um dies aus den wirren Bewegungen herauszulesen. Mensch Leute, hier ist noch lange nicht unser Ziel! Wie kann man so leichtsinnig die gesamte Mission aufs Spiel setzen? Hier nützt das im Schulunterricht vermittelte "Namentanzen" nichts - hier muß eine Lösung her ... und dabei ist diese ganz einfach. Ich schiebe also mit letzter Kraft die Komikertruppe vom Asphalt und opfere eine meiner zwei Trinkflaschen (an einem recht warmen Tag ist das nun wirklich keine Selbstverständlichkeit!). Mit deren Inhalt "schreibe" ich die Tausend aufs Parkett, Andy fügt danach noch die Maßeinheit "km" hinzu. So einfach gehts und somit ist nicht die gesamte Unternehmung (durch Verletzungen) gefährdet, sondern steht nur mein Scheitern (wegen Dehydrierung) im Raum.

Der weitere Weg führt nun fast ausschließlich durch Wälder. Dort gibt es vereinzelt "Wegweiser", welche auf die "untergegangenen Dörfer" hinweisen, die im Zuge der Vertreibung der Sudetendeutschen abgerissen wurden: Oberhütten, Unterhütten, Paadorf, Grafenried, Franzbrunnhütte, Kreuzhütte, Dianahof, Bernstein und Schwarzach. In Waier (Rybnik) treffen wir dann wieder auf Zivilisation. Sogar ein Biergarten säumt den Straßenrand, doch hier ist es noch zu früh, um einzukehren. Bis Weißensulz (Belá nad Radbuzou) genießen wir daher noch die Einsamkeit. Dann heißt es aber "rechts 'ran", die Fahrräder in die Ecke und Knödel mit Rind auf den Tisch! Über eine Stunde legen wir die Füße hoch, ehe es wieder auf den (stellenweise sehr schlechten) Asphalt geht. Besonders holprig ist der Radweg dabei in Dürrmaul (Drmoul), vor den Toren Marienbads. Werdende Mütter würden hier sicherlich ihren bevorstehenden Geburtsvorgang erheblich abkürzen können - eine These, die zwei in der angrenzenden Wiese "lauernden" Störche zusätzlich zur heutigen "Mutter-Kind-Etappe" befeuern.

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In Marienbad logieren wir im "Devin", müssen uns aber für einen gemeinsamen Absacker nochmal außer Haus begeben und landen in einer Art Freiluft-Disco. Sicherlich braucht man zum Tagesausklang nicht noch irgendwelchen Nerv im Ohr, aber die Kellner sind recht witzig und das Bier schmeckt natürlich auch. Becherovka rundet das Ganze stilvoll ab - schließlich will man im Urlaub auch die regionalen Geschmäcker kennenlernen. 

In Sachen Covid-19 läuft der ganze Hype im Böhmischen wesentlich entspannter ab: das Tragen einer Maske entfällt nahezu komplett. Wer will, kann - wer nicht mag, muß nicht! Desinfizieren der Hände? Maximal auf der Toilette steht so ein Gefäß dafür herum. Klingt komisch, ist aber so! Andere Länder - anderes Virus!

Durchschnittsgeschwindigkeit: 23,4 km/h
maximale Geschwindigkeit: 58,5 km/h
höchster Punkt: 610 m üNN (km 117 - Marienbad)
niedrigster Punkt: 366 m üNN (km 14 - Cham/Janahof)

 

26.07.2020 8:25 Uhr 155,6 km 1.520 Hm+ 1.778 Hm- "Ausrolletappe"

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Tag 9: Marienbad (Mariánské Lázne) - Karlsbad (Karlovy Vary) - Bergstadt Platten (Horní Blatná) - Johanngeorgenstadt - Zwönitz - Chemnitz

Der letzte Urlaubstag bricht an. Ein bißchen Wehmut ist schon dabei und auch das Wetter schließt sich dem ganzen Dilemma mit einem ordentlichen Regenguß an. Dieser soll sich "bestenfalls" über den gesamten Tag ziehen, so diverse Wettervorhersagen für unseren Aktionsradius. Mit ein paar Höhenmetern bis Rauschenbach (Sítiny) wird die Etappe eingeläutet, danach verlieren wir über Einsiedl (Mnichov) ins Tal der Tepl (Teplá) wieder sanft an Höhe und rollen Seit an Seit mit dem Fluß die nächsten knapp 35 Kilometer bis Karlsbad (Karlovy Vary) hinab.

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In dem traditionsreichen Kurort wird dann eine längere Pause eingelegt. Schließlich gibt es neben den Heilquellen auch noch die Schönheit der Innenstadt und der Parkanlagen mit ihren Baumdenkmälern zu begutachten. Über St. Joachimsthal (Jachymov) und Oberwiesenthal wäre jetzt sicherlich der kürzeste Weg heim - doch den Anstieg nach Gottesgab (Bozí Dar) habe ich dabei eher "nicht so gut" in Erinnerung. Doch Tilo will uns am letzten Urlaubstag nicht noch schnicken und hat den sanfteren Anstieg über Ottowitz (Otovice), Großenteich (Velky Rybník), Lichtenstadt (Hroznetín) und Bärringen (Pernink) nach Platten gewählt. Dabei befinden wir uns in Salmthal (Pstruzí) direkt unterhalb des Pleßberges (Plešivec), wo unsere letzte Radtour (vor der Urlaubsreise) hinführte.

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In der Bergstadt Platten (Horní Blatná) nutzen wir die (vielleicht letzte) sich bietende Chance, Böhmische Knödel mit Gulasch zu testen - ein landestypisches Getränk inklusive. Also halten wir am erstbesten Gasthof (Vlčí Jáma) und verschwinden im (zum Biergarten hergerichteten) Hinterhof. Dort können sich unsere Räder frei im Gelände verteilen und auf ihnen die nassen Jacken und Hemden in der Mittagssonne trocknen. Ein kulinarisch angemessener Abschluß des Urlaubsgeschehens ... selbst der später einsetzende Regenguß verdirbt uns den Tag nicht mehr, da wir uns ins Gebäudeinnere zurückziehen und dort das Festmahl ausklingen lassen.

Als die Sonnenstrahlen die Straße schon wieder fast komplett getrocknet haben, steht die Schußfahrt nach Breitenbach (Potucky) an. An dessen Ortseingang steht die legendäre, von Anton Günther besungene Draakschenk, der wir heute unsere musikalische Ehrerweisung zukommen lassen wollen. Jeder Tour-Teilnehmer hat für diese Huldigung von mir den Text des 1904 entstandenen Liedes zum Lernen bekommen, was meines Erachtens nur Siggi auch wirklich umsetzte. Man spürte im Vorfeld seine Aufregung - oft ließ er sich während der Etappe aus der ihm liebgewordenen Spitzengruppe zu mir zurückfallen, um noch bestehende Textunsicherheiten auszubügeln. Zu tief saß der Stachel, in Regensburg auf der Donaubrücke, das "Ich steh' auf der Brücke und spuck' in den Kahn"-Lied nicht fehlerfrei vorgetragen zu haben. Er brannte vor Ehrgeiz!

Ob es letztendlich zu viel Ehrgeiz war, welcher ihn, im Sog des Geschwindigkeitsrausches oder was auch immer, hat an diesem historischen Ort vorbeifahren lassen, bleibt ungeklärt. Von Siggi und der Ausreisergruppe fehlt jede Spur und so stehen Ute, Andy, Tilo und ich allein vor der in Renovierung befindlichen Kneipe. Demzufolge gibt es keine zweistimmige Hommage, sondern nur ein Solo von mir: "A der Grenz vu Sachsen, wu de Schwarzbeer wachsen, wu sich Braatenbach hizieht, wus nüm nach Hannsgörngstadt gieht, dorten stieht a Witshaus, guckt aus Busch un Baam raus, ubn is ah e Tafel dra, die zeischts enn jedn ah: Des is de Draakschenk, se is weit un braat bekannt, weit rüm in Sachsen wie in Böhmerland. Un gieht mer dort vorbei, da räßts en jedn nei. Waar in der Draakschenk ruht, daar klabt ah gut!". Während dieses Vortrags läuft die Kamera von Tilo mit. Der Rest ist bekannt: Tilo veröffentlicht das Musikvideo, welches sofort einschlägt und wochenlang Platz 1 der Single-Charts beansprucht. ... so werde ich es zumindest später einmal, im Lehnstuhl sitzend, meinen Nachfahren erzählen.

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Siggi hat in aller Aufgeregtheit, die ihm bekannten Koordinaten der Draakschenk vergessen und ist mit Olaf, Ralf und Enrico in Breitenbach ins Schwarzwasser (Černá voda) Richtung Seifen (Ryzovna) abgebogen, wie wir es vor ein paar Wochen mal abgeradelt sind. Daher umfahren wir uns auch großzügig und finden erst in Schwarzenberg wieder zueinander, als uns das Ganze zu suspekt erscheint und wir deshalb am Straßenrand auf Siggi & Co. warten. Während dieses Problem geklärt scheint, offenbart sich mit dem Bowdenzugriß von Tilos Schaltung weiteres Ungemach. Er hat den größten Gang aufgelegt und dies ist für unsere Reparaturabteilung um Ralf und Olaf nicht auf die Schnelle zu manipulieren. Er wird wohl oder übel mit dieser Übersetzung heimtreten müssen! Zwei Hucken muß er aber damit noch hoch, welche er vorbildlich meistert. Ab Zwönitz geht es danach im gleichnamigen Tal (fast) nur noch leicht bergab. Ein Kinderspiel für ihn (und uns).

In Erfenschlag befindet sich dann das Ortseingangsschild von Chemnitz. Wenn man weiß, wo es steht! Der Wildwuchs eines Bergahorn hat sich schon der Renaturierung des Schildes angenommen, denn ein paar Äste wölben sich von oben über die gelbe Tafel. Ein schönes Bewerbungskriterium für die selbsternannte "Stadt der Moderne" im Kampf um den Titel der "Kulturhauptstadt Europas 2025". Doch so viel Grün braucht die ehemalige Industriestadt nun wirklich nicht! Fachmännisch wird deshalb das störende "Straßenbegleitgrün" vom Schild genommen und dem obligatorischen Ortseingangsschild-Foto sein zustehendes Motiv zurückgegeben.

Es ist 17:45 Uhr, als wir wieder am Marx-Nischel eintrudeln - ein Moment für die Ewigkeit! Nicht etwa, weil wir mal eine etwas andere Urlaubsreise gemacht haben. Nein, zu diesem Zeitpunkt empfangen uns mehr Fans, als es später beim gesamten Champions-League-Turnier der Fußballmillionäre in Lissabon zusammen sein werden. Tja, "Fußball nur noch zum Geldscheffeln" zieht eben nicht mehr so sehr die Leute hinter'm Ofen hervor, wie Non-Profit-Radfahren (ohne Medikamente und Akkumulator). Neben unseren Betreuern Kath'l und Birgit sind die Lauffreunde Sören und Yvonne, aber auch Steffen aus Cossen und Heike anwesend. Mit einer Sektdusche für die Akteure versucht kurz darauf Enrico, den Schweißgeruch unserer Textilien standesgemäß zu übertünchen. Ein Feierabendbier wird gereicht und das Abschlußbild am Sockel des Monuments geschossen - vielleicht auch mit der ein oder anderen Träne im Augenwinkel? Augenblicke später kann selbst der Radfahrergott im Himmel nicht mehr an sich halten und beginnt hemmungslos zu heulen. Fluchtartig begeben wir uns deshalb unter den Vorbau des dahinterliegenden Gebäudes. Zu erzählen gibt es ja genug und Eile ein Fremdwort.

Nach dem offiziellen Teil kommt nur noch das Heimradeln. Es sind nur noch ein paar Kilometer für Ute und mich, welche wir anfangs mit Enrico teilen. Kilometer 1.233,5: es sind noch 400 Meter bis heim und der Kreisverkehr "an der Haustür" liegt vor mir und kurz darauf ich in ihm. Durch die Nässe des Regengußes zieht es mir in der unteren Biegung des Kreisels das Rad ohne Vorwarnung unter'm Arsch weg. Löblich, daß so etwas am Ende und nicht schon eher passiert ist. Auch wenn es nur ein paar Schürfwunden an Arm und Bein sind, muß man so etwas wahrlich nicht täglich im Urlaub mit sich 'rumschleppen. Aufgrund des hohen Wassergehalts des Teers bleiben Rad und Kleidung bei dem Sturz unverletzt! Danke, lieber Radfahrergott - auch wenn ich noch lange nicht zu deinen Schäfchen zähle, die du beschützen sollst!

Durchschnittsgeschwindigkeit: 23,8 km/h
maximale Geschwindigkeit: 53,3 km/h
höchster Punkt: 910 m üNN (km 73 - oberhalb der Bergstadt Platten)
niedrigster Punkt: 310 m üNN (km 151 - Chemnitzer "Nischel")

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Fazit: Wer hätte gedacht, daß ein Nicht-Urlaub am Gardasee so emotional sein kann? Vielleicht müssen es ja auch nicht immer diese Touristen-Magnete sein, um den nötigen Abstand vom Alltag zu gewinnen? Ist das vielzitierte "Der Weg ist das Ziel" mit seinen vielen Kontrasten etwa die Würze des Ganzen - endlose Asphaltabschnitte gegen malerische Schluchten und glasklare Bergbäche, kräftezehrende Steigungen gegen gediegenes Ausrollen, Herzlichkeit und Gastfreundschaft gegen Kommerz und Gleichgültigkeit oder die spartanische Verpflegung auf dem Rad gegen die zünftige Biergarten- und Gasthausatmosphäre? Auch wenn nicht jeder Augenblick zum Zungeschnalzen war, ist doch jeder Meter ehrlich zurückgelegt worden - ohne auch je nur einen winzigen Gedanken an eine zusätzliche Hilfe mittels "Batterie" zu verschwenden. Zudem war ich erstmals in den Alpen, ohne dabei einen Berg bestiegen zu haben - und trotzdem gehört diese Ausfahrt zu meinen Alpen-Highlights. Ich weiß jetzt auch die Radfahrer richtig zu schätzen, die sich in den Serpentinen von Alpen und Pyrenäen verdingen. Doch das muß man wollen - dafür fehlt mir allerdings die letzte Überzeugung und jede Menge dazugehörige Sportlichkeit.

Nach dem 2019-er Rucksack (der sinnbildlich für eine nicht beendete Aktion steht), welcher noch in den Weiten Andorras auf Abholung wartet (jedoch aufgrund der Komplettabsage des Andorra Ultra Trail Vallnord nicht mehr "abgeholt" werden kann), gesellt sich nun jener vom Gardasee hinzu (der normalerweise nur virtuell dort unten steht). Die ausgefallene Radtour zum Gardasee hat weder Tilo noch Ute oder ich aus der künftigen Urlaubsplanung gestrichen - mal sehen, ob es dazu noch ein Happy End gibt?

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Fotos: Tilo Kozlik, Siegfried Beyer, Ute Herfurt, Ralf Landgraf, Kathrin Kozlik, Enrico Eder, Olaf Fischer, Sören Schramm, Thomas Delling

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