28.05. - 01.06.2025 / 527,9 km / 6.655 Hm+ / 6.655 Hm- / Radausflug

Das durch Christi Himmelfahrt und anschließendem Brückentag verlängerte Wochenende hat sich mittlerweile zur verpflichtenden fünftägigen Radpartie gemausert. Dieser künstlich aufgeblähte Männertagsausflug entspricht aber nicht der weitläufig mit Vorurteilen behafteten Herrenpartie, wo sich einzig und allein Männer oder Väter mal einen Tag Auszeit vom Alltagstrott gönnen und wieder zu den lebenswerten Dingen des Seins zurückkehren. Nein, dem dafür verantwortlichen Reiseveranstalter ist es völlig egal, welches Geschlecht sich seiner Tortur unterzieht und ihm somit die Taschen zur Begleichung seiner nächsten Schiffskreuzfahrt-Rechnung füllt. Selbst bekennende Nicht-Radfahrer sind auf seiner Tour gern gesehene Gäste.
Was habe ich herzhaft gelacht, als ich das erste Mal mit dem Begriff "MTT" konfrontiert wurde - stammte dieses Kürzel doch aus der Feder eines der beiden "Rund um Chemnitz"-Organisatoren. Diese 60 bis 62 Kilometer lange läuferische Umrundung meiner Heimatstadt wurde im Volksmund auch als MKL (Mutter-Kind-Lauf) tituliert, was mich zu der Vermutung hinreißen ließ, daß MTT für Mutter-Tochter-Tour steht. Beim genaueren Hinsehen auf die reiseinternen Daten verging mir das Lachen relativ schnell. Für Kaum- oder Nicht-Radfahrer standen da ganz schön große Zahlen auf der Einladung und MTT war damals noch ganz profan die Abkürzung für Männertagstour. Das Wort "Tortour" ist später, höchstwahrscheinlich nach einzelnem Kundenwunsch oder zur Minimierung des Veranstaltungserlöses eingestreut worden - geräderte Teilnehmer (nach Veranstaltungsende) und noch keine einzige (nachweisbare) Schiffskreuzfahrt belegen diese Theorie.
Männertag und Hauptuntersuchungen - Beginn eines traditionellen Rituals (2020)
Für die 2020-er Premiere standen die Zeichen ganz besonders schlecht. Staatliche Maßnahmen verhinderten damals die MSR (Mecklenburger Seen-Runde), für deren 300-er eine Anreise mit dem Fahrrad geplant war. Rund 700 Kilometer hätte danach der Fahrradtachometer vorzeigen können. Konnte er aber nicht! Also wurde kurzerhand eine Planänderung vollzogen und im Quartett eine fünftägige Runde durch Ostsachsen (571,0 km / 4.808 Hm+) abgeradelt.
Männertagsspaziergang im Regen (2021)
Im Jahr darauf brach das öffentliche Leben komplett zusammen und ein Bereisen des Landes in der gewohnten Größenordnung stellte einen Straftatbestand dar. Also weinte der Himmel (zur Himmelfahrt) bittere Tränen und es blieb uns nur ein, dem Alkoholgenuß gewidmetes Spaziergängchen (9,1 km / 370 Hm+) zum nahegelegenen Klaffenbacher Wasserschloß. Die Fahrräder hätten sich an diesem Tag mit hundertprozentiger Sicherheit den Wettereinflüssen erfolgreich widersetzt und wurden daher wohlweislich in ihren Behausungen gelassen.
MTT mit inkludierter MSR im mecklenburgischen Chemnitz (2022)
Für die Folgejahre 2022 und 2023 konnte dann endlich die MSR (305 km) in die MTT-Planung einbezogen werden. In die Jahre gekommen, war nun aber an eine Anreise nach Neubrandenburg mit dem Drahtesel nicht mehr zu denken und so wurde der kraftfahrzeuggebundene Transfer dahin bevorzugt. Damit verringerte sich die Tortur auf jeweils drei Werktage, welche allerdings zufriedenstellend ausgereizt wurden (490,5 km / 2.928 Hm+ sowie 490,0 km / 2.781 Hm+).
Getränke mit 12% Alkoholgehalt bitte nicht während der Fahrt konsumieren! (MTT 2023)
Im vergangenen Jahr wurde vom Reisebüro ein ganz neuer Modus für den Männertagsausflug vorgeschlagen. Mit dem Fahrrad wird am Vorabend des Männertages ein Quartier in Böhmen angesteuert, von welchem die darauffolgenden Radtouren unternommen werden sollen. Da jenseits des nahegelegenen Erzgebirgskamms schon zu viele Geländebefahrungen mit dem Stahlroß stattfanden, wurde dieser zentrale Ausgangspunkt in die Böhmische Schweiz nach Stimmersdorf (Mezná) verlagert. Dort gab es noch viel Neues zu entdecken, da man die Ausflüge auch bis zum Jeschken (Ješted) ausdehnte (insgesamt 649,7 km / 8.424 Hm+).
Höchster Punkt der MTT 2024 - der 1.012 Meter hohe Jeschken
Nun geht es wieder dorthin! Das Teilnehmerfeld ist in diesem Jahr etwas ausgedünnt und die Anreisemodalitäten sind durch berufliche Verpflichtungen noch individueller, als gehabt. So werden nur Tilo, Ute und ich den vorgeschriebenen Auftakt mit dem Fahrrad vornehmen. Siggi wird am Abend noch (von Bad Schandau aus) mit dem Rad zu uns stoßen, während Andy aus Dresden erst am Morgen nach dem Männertag anreisen kann.
28.05.2025 / 8:21 Uhr / 153,5 km / 1.334 Hm+ / 1.374 Hm-
Duathlon (Radfahren u. Schwimmen) von Chemnitz nach Stimmersdorf
Fahrt nach Böhmen
Das muß man wollen! Seit 7 Uhr regnet es und ein Ende der feuchten Zugabe zur anspruchsvollen Tagesaufgabe ist in der Wettervorhersage nicht vorgesehen. Eine Art Duathlon, mit Mix aus Radfahren und Schwimmen steht demnach bevor. Da kann man den Start in den Tag auch noch etwas hinauszögern und die ersten hundert Meter gewohnheitsmäßig ohne Helm bestreiten. Die Mütze muß aber mit, da sie das Haar vor der aufdringlichen Nässe schützen wird. Daher schnell noch einmal zurück und die Kleiderordnung komplettieren. Tilo wartet derweil (wiederum) etwas länger auf seine Abholung, da auch heute wieder eine "rote Welle" durch die Stadt die Anfangseuphorie ausbremst.
Ortsausgang von Chemnitz (li.) und Bahnübergang in Flöha (re.)
Die Route zu unserem Quartier weicht in mehreren Abschnitten von unserer vorjährigen Anreise ab, der Regen bleibt uns aber in unterschiedlicher Intensität erhalten. Über Euba und die Struth radeln wir rüber nach Flöha. Dort muß der einstige Unfallort unseres Reiseleiters Tilo (der zweite Bahnübergang Richtung Falkenau) mit äußerster Vorsicht genommen werden, da dort angewandte Routine zu einer längeren Ausfallzeit beim Probanden führte - das können wir uns heute (und auch in Zukunft) nicht erlauben.
"Das regnet sich ab - bis wir dort hinten sind!", so der einhellige Tenor in unserem Trio.
Gefahren lauern auf dem weiteren Weg nun nicht mehr (wenn man mal von den vielen gesperrten Baustellenpassagen absieht), dafür hat es sich ordentlich eingeregnet. In Gahlenz suchen wir für eine Trinkpause (!) Schutz unter einem Holzverbau. Doch der Wind pfeift auch hier ordentlich durch und zwingt uns so zum schnelleren Wiederaufsitzen.
Oberbobritzsch - unsere Räder spiegeln sich (fast) im Dorfteich (?)
Wir kämpfen uns bis Tharandt durch - die Hälfte der Strecke ist geschafft! Ein Fischhändler mit angrenzendem Biergarten nötigt uns nun zwangsläufig zu einer Rast. Da es zwischenzeitlich auch in der Bekleidung recht ungemütlich naß geworden ist, verzichten wir auf einen Sitzplatz im Freien (wo selbst die aufgestellten Sonnenschirme der Regenlast nicht gewachsen sind) und verziehen uns in den Verkaufsraum. Dort entstehen im Nu größere Pfützen unter unseren Stühlen, ein Phänomen, welches im Außenbereich sicherlich nicht so zur Geltung gekommen wäre. Doch wir stehen zur Inkontinenz unserer wasserdurchzogenen Klamotten und lassen sie weiter auslaufen.
Der hat doch einen in der Krone! Oder: Nur Fahrradhelme schützen zuverlässig gegen Nässe von oben.
Nach einer kleinen Stärkung (in Form von Fischsoljanka und Heißgetränken) verlassen wir etwas "besser in Form" den Raum und stellen verwundert fest, daß es aufgehört hat, zu regnen. Was nun? Wir wollten doch wie Helden, völlig ausgekühlt und glitschnaß, in unserem Quartier ankommen und jetzt schreiben die hier das Drehbuch um. Den herbeigesehnten heroischen Zieleinlauf können wir uns vorerst abschminken. Mit einem "Da habt ihr ja mit dem Wetter nochmal Glück gehabt." wird man uns stattdessen empfangen - 75 Kilometer im teils strömenden Regen nimmt uns dann sowieso keiner ab. Aber es fährt sich ohne Regen wesentlich angenehmer. So ehrlich muß man dann doch auch sein.
Das "Blickbarometer" im "Fischhaus" reicht von freundlich (li.) bis grimmig (re.)
In Freital radeln wir (entlang der Weißeritz) den Richard-Hofmann-Weg komplett ab. Meine beiden Mitstreiter wissen mit diesem Namen natürlich nichts anzufangen und auch der Erklärzusatz unter dem Wegschild kann natürlich nicht dessen komplette Biographie preisgeben. Ich hatte mich allerdings schon als Kind umfassend über Richard Hofmann informiert, als mir mein Onkel das 1958 in kleiner Stückzahl aufgelegte Buch "Hofmann vor - noch ein Tor" von Herbert Beyer gab. Dieses hatte ich mehrfach kreuz und quer durchgelesen - schließlich waren Daten zum Vorkriegsfußball in der DDR-Geschichtsschreibung rar und wurden dementsprechend intensiver aufgenommen.
Landeshauptstadt Dresden - da wirft doch weiß Gott die Sonne Schatten auf die Straße!
Der Fußballer Richard Hofmann (1906 - 1983) stammte aus Meerane, wo er von 1913 bis 1928 für die örtliche SpVgg. 07 als Stürmer auflief und 1925, 1927 und 1928 den Meistertitel der Gauliga Westsachsen errang. Sein Talent sicherte sich danach der Dresdner SC, mit dem er 1940 und 1941 den Pokal sowie 1943 und 1944 die Deutsche Meisterschaft erkämpfte. Nach dem Krieg spielte er noch für die SG Hainsberg (1945 bis 1947), den VfL Willich (1947/48) und die SG Friedrichsstadt (1948 bis 1950). Er war der erste deutsche Nationalspieler, der die damalige "Schallmauer" von 25 Länderspielen (1927 bis 1933) erreichte. Dabei erzielte er 24 Tore, wobei ihm in fünf Spielen je drei Treffer gelangen. Legendär sind dabei seine Dreierpacks beim 3:0 gegen das "bestbeleumdete" Schweden in Köln (1929), als ihm zudem drei weitere Treffer verweigert wurden und die Presse hinterher jubelte: "Was die Schweden können, wissen wir. Wir wissen, was Schottland, Italien, was die Spieler aus Uruguay können. Aber was der Meeraner Hofmann, der jetzt beim Dresdner SC spielt, kann, das ist einfach phänomenal. Wer hatte den Ball? Hofmann! Wer führte den deutschen Sturm? Hofmann! Wer übertraf sämtliche Deutschen und Schweden an technischem Können? Hofmann! Wer schoß die Tore? Hofmann! Hofmann! Hofmann! Ein prachtvoller Fußballer, dieser Sachse, ein Spieler von solchem Ehrgeiz, von solcher Ausdauer und solcher Schußkraft ... es ist kaum zu glauben. Nur wer ihn spielen sah, kann das Können dieses Halblinken ermessen. Sechs Tore schoß der kleine, untersetzte, wendige Mitteldeutsche, eins schöner als das andere, nur drei erkannte der Wiener Schiedsrichter Braun an." (zitiert aus o.g. Buch). Nach dem nicht für möglich gehaltenen 3:3-Remis gegen England (1930 in Berlin) wollten gar die verdutzten Engländer dem Dreifachtorschütze Hofmann die Spielerkleidung (inklusive der Schuhe) abkaufen, "als Andenken an einen Stürmer, der ihnen beinahe eine Niederlage beigebracht hätte. Richard Hofmann schüttelt den Kopf; er weiß nicht, was er machen soll. Schließlich geben die Engländer auf; sie drücken dem Dresdner noch einmal die Hand und gehen." (ebenfalls aus Beyers Buch zitiert).
Herbert Beyer "Hofmann vor - noch ein Tor!": Richard Hofmann (DSC) und Ernst Kuzorra (Schalke 04)
Der nächste große Fußballer, der mittels Straßennames geehrt wird, ist der Sturmpartner Richard Hofmanns beim DSC, Helmut Schön. Auch er holte zweimal die "Viktoria" und zweimal den "Tschammer-Pokal" in die Elbmetropole. Er erzielte in 16 Länderspielen (1937 bis 1941) 17 Tore und wurde erst durch seine erfolgreiche Trainertätigkeit (WM-Titel 1974) berühmt. Die nach ihm benannte Allee führt uns am Rudolf-Harbig-Stadion vorbei. Heute hält allerdings die Heimstätte der SG Dynamo mal nicht für den Ballsport her, sondern wird eher seinem Namensgeber (einem der besten deutschen Leichtathleten) gerecht, indem dort ein 5-km-Frauenfirmenlauf (über den gesamten Abend, auf mehrere Startwellen verteilt) stattfindet. Der Mittelstreckenspezialist Harbig erlief in seiner Karriere mehrere Weltrekorde, war siebenfacher Deutscher Meister und zweimal Europameister - zudem war er als Konditionstrainer indirekt an den o.g. fußballerischen Erfolgen seines DSC beteiligt.
Radfahrer teilt seinen Wasservorrat mit einer dürstenden Konifere
Wir mogeln uns durch die bestehenden Wettkampf-Absperrungen in den Großen Garten und weiter über Nebenstraßen zum Elbufer. Mit Erreichen des Elberadweges wird es für uns wieder ruhiger. Das stockende Großstadtgezuckel geht in flüssiges Fahren um die 30 km/h über. Wir machen schnell verlorenen Boden gut, fahren aber auch (bei Wehlen) in die nächste Regenfront. Die vom Fahrtwind getrockneten Regenjacken kommen also wieder über den Pelz. Der Regen kriegt uns nun auch nicht mehr klein! Irritierend sind nur die Donnergeräusche in der Ferne.
Erster Bahnübergang in Oberrathen - noch im "Sonnenschein"
Zweiter Bahnübergang in Oberrathen - wieder im Regen
In Bad Schandau nutzen wir die wieder freigegebene Elbbrücke zum Uferwechsel. Sie war in der Carolabrücken-Einsturz-Hysterie vorsorglich vom 07.11.2024 bis 10.04.2025 für jeglichen Verkehr gesperrt worden - was dem Genickbruch für die Region gleichkommt, schließlich führt über das 270 Meter lange Bauwerk die Hauptverkehrsader Richtung Böhmen. Nach einem Belastungstest ist sie nun für Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen Gesamtgewicht wieder befahrbar. Noch rund zehn Kilometer liegen vor uns.
Festung Königstein und der dunkle Wolkenvorhang über dem Elbtal
Kurz nach 16:15 Uhr ist Böhmen erreicht
Kurz vor halb fünf haben wir uns in Herrnskretschen (Hrensko) mit tschechischen Kronen versorgt und nehmen anschließend die letzte Steigung nach Rainwiese (Mezní Louka). Die vom 2022-er Waldbrand kahlen Hänge zu beiden Seiten verzeichnen ein saftiges Birkengrün, welches im Vorjahr so nicht zu verzeichnen war. Die Natur wird sich diese Mondlandschaft nun Stück für Stück zurückholen. Das dunkle Schwarzgrau des Himmels wird zunehmend heller. Wir wähnen uns schon am Ziel, als urplötzlich ein über den gesamten Horizont verteilter Blitz mit einem ohrenbetäubenden Scheppern unsere Vorfreude jäh unterbricht. Das war knapp! Wir suchen in einem hölzernen Unterstand Schutz vor diesen nicht ganz ungefährlichen Wetterkapriolen.
Ankunft in Stimmersdorf
Die Kapazitätsgrenze im Trockenraum ist erreicht!
Kurz nach 17 Uhr ist unsere Fahrt nach Stimmersdorf (Mezná) beendet. Wir schaffen unsere Stahlrösser in ihre gewohnte Stallung und begeben uns "in die Maske" (wie es im Reiseführer geschrieben steht). Unser Gepäcktransport wurde schon am Vortag vom Reiseleiter höchstpersönlich realisiert, so daß wir uns nur noch ins gemachte Nest setzen müssen. Nach der Wiederaufbereitung des Körpers zur Eingliederung in "das Leben nach dem Radfahren" (kurz: Duschen), verfallen wir in die gewohnten Rituale der Vorbeugung gegen drohende Dehydrierung und würzen diesen Vorgang noch mit ein paar Bonus-Becherovka nach. Diese stehen zwar nicht auf dem von der Reiseleitung ausgeklügelten Ernährungsplan, sind aber als Willkommenstrunk von Gastgeberin Beatrice nicht "verhandelbar".
Üppiger Zwiebelsalat mit kleiner Fleischbeilage
Tagesausklang im Hotel Hubert
Nun fehlt nur noch Siggi. Er wird von uns (wie im Vorjahr) in der Gaststube des Hotel Hubert erwartet. Dort gibt es neben fahrradfahrertypischer Kost weitere flüssige Unterstützung auf mineralischer Basis - welche in der Unterkunft zwanglos (bis zum Eintreten der Nachtruhe) fortgesetzt wird.
29.05.2025 / 10:13 Uhr / 112,8 km / 1.790 Hm+ / 1.790 Hm-
Vatertagsausflug zur Brauerei Zwickau (selbstverständlich mit HU)
Flüssige Zwischenmahlzeit am Etappenziel
Es ist ein Phänomen, wie tags zuvor tadellos funktionierende Fahrräder am nächsten Tag plötzlich nicht mehr wollen. Gerade am Morgen des Männertages tritt diese unerklärliche Funktionsstörung nun nicht zum ersten Male auf. Diesmal fehlt bei Utes Hinterrad die Luft, der dafür infragekommende Täterkreis ist überschaubar. Um keine Zeit zu verlieren, werden zur Ursachenforschung keine Personen abgestellt sondern alle verfügbaren Kräfte in die Behebung des Schadens eingebunden. Noch vor dem Frühstück soll die Fahrtüchtigkeit von Utes Rad wiederhergestellt sein. Dies wäre sicherlich auch gelungen, hätte man den Schlauch an der richtigen Stelle geflickt. Doch zwei Millimeter neben dem Loch sind auch vorbei und so beginnt das Spiel noch einmal von vorn.
Bastelarbeiten am Fahrrad - vor Beginn (li.) und 6,73 Kilometer nach Beginn des Radausflugs (re.)
Unterbrochen wird dieser beschämende Akt dann doch durch das Frühstück, welches Punkt 8 Uhr von Herbergsmutter Beatrice geliefert wird. Jetzt heißt es, Disziplin walten zu lassen und gezielt die Sehkraft (für die kommenden Handgriffe) stärken. Obst und Gemüse sollen dies bewerkstelligen, der zuvor vom Tischdienst aufgetafelte Becherovka verschwindet wieder im Kühlschrank. Nüchtern in einen Männertag zu starten, schafft sicherlich nicht jeder - wir müssen es regelrecht!
So ein Schlauchwechsel kann auch richtig Spaß machen
Als wir nach all' dem kulinarischen Verzicht und nervenaufreibender Friemelei an Utes Fahrzeug (an dem auch noch die vom Regen stark verschlissenen Bremsgummis neu justiert wurden) irgendwann auf unseren Rädern sitzen und uns den Fahrtwind hinab nach Herrnskretschen (Hrensko) um die Ohren wehen lassen, merken wir innerlich, es fehlt uns trotzdem irgendwas. Genau, es ist Siggis Hilferuf nach Unterstützung bei einer seiner uns liebgewonnenen Hauptuntersuchungen an seinem Gefährt. Gerade einmal 6,73 Kilometer stehen auf der Uhr, als uns dieser wohltuende Klang aus unserer Lethargie reißt. Kurz hinter dem Ortsschild im Anstieg nach Jonsdorf (Janov) entlüftet ein spitzer Stein Siggis Vorderreifen und die zuvor geübten Handgriffe können jetzt erneut unter Beweis gestellt werden.
Barockkirche von Arnsdorf und der Rosenberg
Der Straßenabschnitt nach Jonsdorf ist für den Autoverkehr gesperrt - Grund dafür sind Hangsicherungsarbeiten am Ortseingang, an denen wir uns gekonnt vorbeischieben können. In Arnsdorf (Arnoltice) müssen wir noch einen Stichweg zum Aussichtspunkt Belvedere (Belvedér) nehmen. Schließlich wurde uns dieser herrliche Ausblick auf das Elbtal zum vorjährigen Männertag (der danach zum Mutter-Kind-Ausflug umgedeutet wurde) verwehrt. Er war in die damalige Route neben dem Schneeberg (Dečínsky Snezník) und der Schäferwand (Pastyrská stena) eingeplant, konnte jedoch (aus Zeitmangel) nicht mehr mit realisiert werden.
Belvedere, da wären wir! Nun zeig' uns deine schöne Aussicht!
Wir biegen also Richtung Elbleiten (Labská Strán) ab und gelangen so zur, in den Stein eingearbeiteten Aussichtsterrasse vorm Hotel Belvedere. Vor Ort ist es angenehm menschenleer und unser Blick konzentriert sich auf das Treiben rund 130 Meter unter uns - die Ortschaft Niedergrund (Dolní Zleb) vor den bewaldeten Felswänden, die Elbe mit der dahinterliegenden (stark frequentierten) Bahnstrecke, auf der gerade ein Güterzug mit 54 Waggons durchs Bild "rauscht".
Eisenbahnromantik am Elbufer
Nach kurzem Aufenthalt müssen wir wieder aufsatteln und zurück nach Arnsdorf (Arnoltice). Nun geht es leicht profiliert über Binsdorf (Bynovec), Heidenstein (Kámen), Neu-Ohlisch (Nová Oleška) nach Johnsbach (Janska). Danach folgt der lange Anstieg über Böhmisch-Kamnitz (Česka Kamenice) und Preschkau (Prysk) zum Blottendorfer Berg (Polevsky vrch). An dessen Sattel (Nad Polevskem), an der Knäspel-Kapelle (Knäspelova kaple), stoppt uns die herrliche Aussicht, welche bis zum Jeschkenkamm (Ještedsky hrebet) reicht: Töpferberg (Hrnčírsky vrch), Schmiedeberg (Kovárovsky vrch), Torzberg (Tlusec), Hutberg (Strazny vrch), Ortelsberg (Ortel), Kleiner und Großer Hirschberg (Maly + Velky Jelení vrch), Slabitschen (Slaviček) und Rollberg (Ralsko). Den größten Blickfang stellt allerdings der markante Kegel des Kleis (Klič) dar, der sich auf unserer weiteren Route Richtung Zwickau (Cvikov) plaziert hat.
"Das dort ist der Kleis, da fahren wir dann gleich noch dran vorbei!"
Einer steilen Abfahrt durch Blottendorf (Polevsko) folgt ein noch steilerer Anstieg. Als einziger unseres Quartetts kann ich mich dabei an die Qualen vom Vorjahr erinnern, als wir diesen Hang bei unserer Rückreise vom Jeschken (Ješted) schon einmal bezwingen mußten. Im Umkehrschluß bedeutet dies, daß sich bei keinem meiner drei Mitstreiter die Mühen von damals so sehr ins Gehirn eingebrannt haben, um sie heute wieder abrufen zu können. Das sagt natürlich einiges über meinen desolaten Trainingszustand aus, denn auch heute "fahre" ich ihnen in gehörigem Abstand hinterher. Erst am Ende des Anstiegs werden bei Reiseleiter Tilo & Co. sanfte Erinnerungen an den 2024-er Streckenabschnitt geweckt - der Sattel oberhalb der Siedlung Tanneberg (Jedličná). "Klar doch, damals sind wir dann drüben wieder runter. Heute biegen wir rechts ab." und glücklicherweise (für mich) geht es ebenfalls bergab.
Kleis
Wir schlängeln uns durch den Wald, vorbei an Bärhübel (Medvdí vrch), Kleis (Klíč) und Falkenberg (Sokolčik). In Röhrsdorf (Svor) nehme ich im Augenwinkel einen Wegweiser nach "Papua N. Guinea" war. Auf Nachfrage bei meinen (an einer Kreuzung auf mich wartenden) Begleitern ernte ich nur ungläubige Blicke und eine weitere Auskunft dazu kann nicht gegeben werden. Schade! Sie sind eben wesentlich schneller als ich unterwegs und solchen Details schenkt man da nun wirklich keine Beachtung.
Blick von Zwickau zurück zum Kleis (im Vordergrund eine Nachbildung dieses Kegelberges)
Nun hindert uns am Ortsausgang eine größere, auch mit Fahrrädern nicht zu bezwingende Baustelle an der planmäßigen Weiterfahrt. Wir müssen also wieder zurück und auf die große Einfallstraße ausweichen. Das am anderen Ortsende Zwickaus befindliche Brauhaus liegt passenderweise an der Straße Pivovarská. Seit 2013 wird in Zwickau (Cvikov) wieder Wasser durch Hopfen und Malz veredelt, nachdem die örtliche Brautradition von 1560 am Neujahrstag 1968 eingestellt wurde.
Der Zwickauer Vierzylinder - ein beliebtes Fotomotiv
Die Mittag(essen)szeit ist zwar schon lange durch, doch der Brauereihof ist ordentlich zugeparkt. Wir verziehen uns ins Innere der Gastwirtschaft und wählen aus der Getränkekarte zuerst das Festbier (Sváteční 13° / 5,6% alc.) und später das Kleis (Klíč 12° / 4,8% alc.) - ein helles Lagerbier. Außerdem bietet das Brauhaus filtrierte helle Lagerbiere, benannt nach den Gipfeln des Hochwald (Hvozd 11° / 4,8% alc.) und der Lausche (Luz 10° / 4,2% alc.) an. Zudem gibt es mit dem Glasbläser (Sklar 8° / 3,7% alc.) ein leichtes und mit dem "felsigen" (Skalka / 0,49% alc.) ein alkoholfreies Bier auf der Liste.
Das Gasthaus in Groß Mergtal, in dessen Biergarten wir im Vorjahr erstmalig mit Zwickauer Bier Kontakt aufnahmen.
Nach ausgiebiger Rast setzen wir unsere Tour über Klein Grün (Drnovec), Groß-Mergtal (Marenice), Juliusthal (Juliovka), Krombach (Krompach) und Schanzendorf (Valy) zur tschechisch-deutschen Grenze fort. Man will ja schließlich noch ein paar Impressionen vom Vatertag (der in der Tschechischen Republik kein Feiertag ist) aus der sächsischen Heimat aufsaugen. Die von uns befahrenen Straßen sind frei von Glasscherben und nur vereinzelt haben Personen mit den Elementen zu kämpfen, lehnen an Masten oder üben die stabile Seitenlage. So (entspannt, wie wir diesen Tag erleben) geht das aber nicht! Wie will man denn da den Männertag weiter verteufeln? Daher wird sich die Presse wieder ein paar Negativbeispiele zurechtsuchen müssen, um diese auf das Gesamtgeschehen umzumünzen.
Grenzüberschreitender Verkehr
Von Jonsdorf gelangen wir nach Waltersdorf. Der höchste Berg des Lausitzer Gebirges, die Lausche, schiebt sich nun in den Mittelpunkt der Wahrnehmung. Aber auch ein am Straßenrand stehender Lindentorso weckt das Interesse von Ute und mir. Während wir ein paar Bilder dieses Unikats schießen, gerät unser Quartett völlig aus den Fugen.
Blick von Waltersdorf zur Lausche
Vier Leute schaffen es tatsächlich, sich durch diesen kurzen Fotostop, aus den Augen zu verlieren. So peu a peu finden sie nach geraumer Zeit wieder zusammen. Der eine wartet an der Kreuzung, der andere ein paar hundert Meter weiter, einer fährt einen Bogen um die zwei und bringt aus der anderen Richtung kommend, Ute mit. Die grobe Koordination stimmt also.
Lindentorso am ehemaligen Gasthof "Stadt Wien" in Waltersdorf
Über Herrenwalde fahrend, gelangen wir wieder zur Grenze. Ein Fußweg bringt uns ganz unspektakulär zurück ins Böhmische: Niedergrund (Dolní Podluzí), Katharinenthal (Katerina), Obergrund (Horní Podluzí), Teichstatt (Rybništé) und Daubitz (Doubice) sind unsere nächsten Ortsdurchfahrten, ehe wir im langen Waldabschnitt, der uns nach Hohenleipa (Vysoká Lípa) bringt, verschwinden.
Blick von Obergrund zum Tannenberg (Jedlová)
In Hohenleipa (Vysoká Lípa) ist die nächste Rast fällig, schließlich warten noch rund fünf Kilometer (größtenteils bergan) auf uns. Im Hotel Kortus (dem ehemaligen Gasthaus Waldesruh) nehmen wir im Außenbereich für das Abendmahl platz. Neben Suppe und Schnitzel wird Falkensteiner Helles Lagerbier (Falkenštejn Sveták 11°) gereicht - es stammt aus der gleichnamigen Brauerei (Pivovar Falkenštejn) in Schönlind (Krásná Lípa), welche seit 2013 die lokale Brautradition fortsetzt. Ihren Namen verdankt die Brauerei der Felsenburg Falkenstein (Falkenštejn) bei Dittersbach (Jetrichovice) und dem freistehenden Felsen Falkenstein bei Bad Schandau, einem der beliebtesten Kletterfelsen der Sächsischen Schweiz.
Feierabendbier aus Schönlinde
Um 19:47 Uhr ist unsere Herren-plus-eine-Frau-Partie am Gartentor unserer Unterkunft beendet. Im Gegensatz zum Vorjahr ziehen wir nicht noch mal los und besuchen die Schankwirtschaft am Ortseingang von Stimmersdorf (Mezná). Die sind bestimmt froh, wenn sich an so einem anstrengenden Tag nicht noch ein paar Zecher mehr im Gastraum breit- und vollaufen lassen. Für solche Abende hält "unser" Kühlschrank heimische Getränke parat, die natürlich die Heimreise nicht wieder mit antreten möchten. Zudem kann man wirklich auch mal außer der Reihe anstoßen, schließlich ist der diesjährige Männertagsausflug mit seiner Distanz von "100+" 'ne Notiz in der Jahresstatistik wert. Das hat ja 2024 (mit seinen "mädchenhaften" 80 Kilometern) nicht ganz so geklappt!
30.05.2025 / 10:10 Uhr / 104,7 km / 1.414 Hm+ / 1.414 Hm-
Erfolgloser Besuch der "Klosterbrauerei" in Böhmisch-Leipa
Wenn schon kein Bier, dann wenigstens Eis!
Heute ist "Tag des Fahrrad-Flickzeugs". Das hatte sich vor ein paar Jahren so etabliert, weil man der Meinung war, als Radfahrer am Folgetag des Männertages die gläsernen Überbleibsel der feucht-fröhlichen Herrenpartien mit den Pneus aufsammeln zu müssen. Da jedoch bei Siggi dieses Ereignis täglich stattfinden kann, ohne dabei durch ein Glasscherbenmeer fahren zu müssen, ist dieser Ehrentag für unsere Reisegruppe nahezu bedeutungslos. Nur Siggi weist durch die Dekoration des Frühstückstisches mit eben jenem Fahrradflickzeug noch einmal bewußt darauf hin.
Nicht zu übersehen: das Fahrradflickzeug (zwischen Gemüseteller und Milchkarton)
Doch wer benutzt denn heutzutage (unterwegs) noch Flickzeug? Da fliegt doch aus Zeitgründen nur der defekte Schlauch raus und wird durch einen neuen ersetzt. Und wenn dieser wieder Luft läßt, wiederholt man das Spiel. Das nostalgische Flicken - mit Defektsuche im Wasserbad, Anrauen der Klebestelle und Hoffen auf Dichtheit des "Bauwerks" macht doch heute kaum noch jemand. Viele solcher "Feiertage" (z.B. Valentinstag) wurden ja schon, als von der jeweiligen Industrie zur Verkaufsförderung der dazugehörigen Produkte (Blumensträuße, etc.) entlarvt. Bei diesem Tag sehe ich allerdings dessen Notwendigkeit ein, denn im schlimmsten Fall droht sonst ein "Tag des Fahrrad-Ersatzschlauches" oder "Tag des defekten Fahrrades schieben" - und diese braucht nun wirklich niemand.
Arbeiten, wo andere Urlaub machen - ohne Tischdienst ist der gesamte Urlaub nichts!
Mittlerweile ist durch die Anreise von Andreas aus Dresden die Reisegruppe komplett. Er kann ja (und da muß ich das "Tal der Ahnungslosen" noch einmal hervorkramen) noch nicht wissen, welch' wohlschmeckende Hopfenveredlungen es in diesem Landstrich gibt. Wir überzeugen ihn daher von einer Tour zu einer Klosterbrauerei in Böhmisch-Leipa (Česka Lípa), wohlwissend, daß dort gar kein richtiges Brauhaus ist und der Ausschank innerhalb der Klostermauern erst 16 Uhr seine Pforten öffnet und wir uns da schon längst wieder auf dem Rückweg befinden (müssen). Doch Anreize müssen gesetzt werden, auch wenn sie grundlegend falsch sind!
Mannschaftsbild am Aussichtspunkt beim Kriegerdenkmal - beim sechsten Versuch sind alle auf dem Bild.
Wir beginnen unseren Ausflug, wie am Vortag. Nur diesmal passieren wir Siggis Pannenort (nach 6,73 Kilometern Wegstrecke) "unverletzt", planen dafür eine kurze Aussichtspause ein paar hundert Meter weiter oben ein. Am Kriegerdenkmal (an dem jegliche Inschriften entfernt wurden) hat man einen schönen Blick auf Herrnskretschen (Hrensko), den wir uns gönnen wollen. Doch Siggi erinnert sich nur sehr ungern an solche Abmachungen und sieht in der rund drei Kilometer langen Steigung nach Jonsdorf seine Mission, den Sieg der Bergwertung. Da er es nicht ganz schafft, außer Rufweite vorauszufahren, kann er für ein Mannschaftsfoto (welches erst im vierten oder fünften Versuch gelingt) zurückgepfiffen werden.
Vorentscheidung der Bergwertung am Betonpoller in Jonsdorf
Die Bergetappe gewinnt er dann trotzdem nicht, da er sich im nun wesentlich martialisch abgesicherten Baustellenbereich (zwei zusätzliche Betonpoller) mit Tilo und mir verplempert. Ute ist für die immens wichtigen Berg-Lorbeeren schon viel zu weit voraus. Auch Andy ist nicht mehr in Schlagweite. Es sind noch 300 Meter (die Zahlen sind von der 2.000-Meter-Marke weg auf dem Asphalt hinterlegt) als das Stechen um Platz 3 beginnt. Belauern, Beobachten und dann den richtigen Moment zum Antritt finden. Damit der Tag für Siggi nicht ganz so deprimierend endet (denn er wird heute kein Fahrrad-Flickzeug oder -Ersatzschlach benötigen), wird er sportlich fair aus seiner aussichtslosen Nische gelassen und sein folgender Antritt nur noch ein paar Meter gekontert. Danach wäre ein Schaltvorgang von Nöten, den ich meinem Rad "unter Vollast" nicht zumuten möchte - schließlich steht heute "nur" das Flickzeug im Fokus und nicht eine Komplettsanierung des Fahrrads.
Oberhalb von Johnsbach
Heute halten wir uns in Jonsdorf (Janov) mal links und fahren weiter bis Rosendorf (Ruzová). Vorbei an Simsberg (Kovaruv vrch) und Rosenberg (Ruzovsky vrch oder Ruzak) gelangen wir nach flotter Talfahrt in Windisch-Kamnitz (Srbská Kamenice) auf die Route des gestrigen Tages. Dieser folgen wir aber nur kurz und verlassen sie in Johnsbach (Janská) schon wieder. Eine kurze Steigung durch den Wald folgt, ehe wir uns wieder ins Tal stürzen. Die Abfahrt zieht sich diesmal und ab Markersdorf (Markvartice) schlängeln wir uns mit dem Absbach (Bystra) durch Ober- und Nieder-Ebersdorf (Horní + Dolní Habartice) bis Bensen (Benešov nad Ploučnici).
Kirovetz 700 in Ober-Ebersdorf
Dort mündet unser Wegbegleiter in den Polzen (Ploučnice), dem wir nun stromaufwärts folgen: Franzenthal-Ulgersdorf (Františkov nad Ploučnici) und Klein Schokau (Maly Šachov) werden passiert. In Oberpolitz (Horní Police) versorgen wir uns im örtlichen Lebensmittelgeschäft, fahren weiter durch Neustadtl (Jezvé) und Straußnitz (Struznice). Am Mühlberg (Mlynsky vrch) wählen wir die andere Talseite und verlassen den Polzen (Ploučnice). Über Niederliebich (Dolní Libchava) gelangen wir nach Böhmisch-Leipa (Česká Lípa).
Klostergarten des Augustinerklosters in Böhmisch-Leipa
In Böhmisch-Leipa (Česka Lípa) darf seit dem 23. März 1381 Bier gebraut werden. Daraufhin entstanden eine herrschaftliche Brauerei und eine Bürgerbrauerei, in der die Leipaer Bewohner unter Anleitung eines erfahrenen Brauers ihr Bier herstellen konnten. Beide Brauhäuser wurden jeweils durch Brände (1698 bzw. 1787) zerstört. Die letzte Leipaer Braustätte war die Bürgerliche Brauhaus AG, welche am 3. Oktober 1901 gegründet wurde und im Dezember 1945 ihren Betrieb einstellte. Die derzeit im Augustinerkloster (Augustiniánsky Klášter) ansässige Brauerei Lípák, welche die Zwerge als ursprüngliches Markenzeichen der örtlichen Braukunst im Logo benutzt, braut ihre Biere allerdings auswärts. So werden die Sorten Bumbal 11° (4,5% alc.), Chmelda 13° (5,4% alc.), Cipisek (3,8% alc.), Prófa (5,0% alc.) und Reipal (5,0% alc.) in den Brauereien Muflon Kunersdorf (Kunratice), Kapitán Tetschen (Dečín) und Kotouč Böhmisch-Kamnitz (Česká Kamenice) hergestellt.
Brauerei Lípák
Nach einem Rundgang durch den Klostergarten verschwinden wir wieder - schließlich öffnet der Schankraum der Klosterbrauerei erst 16 Uhr (und das ist erst in zweieinhalb Stunden). Für den Heimweg hat sich Eisenbahnromantiker Tilo natürlich etwas nach seinem Geschmack rausgesucht. Die 1903 eröffnete und 1979 stillgelegte Bahnlinie nach Steinschönau (Kamenicky Šenov). Diese ist seit 2013 mit Asphalt versiegelt und dient als sogenannter Orgel-Radweg (Cyclostezka Varhany), benannt nach dem Ziel, den Steinorgeln des Herrenhausfelsens (Panská skála).
Bahnwaggon bei Wolfersdorf
Ehemalige Bahntrasse von Böhmisch-Leipa nach Steinschönau
Natürlich trifft diese Entscheidung Tilos auch unseren Nerv, da die rund 300 zu absolvierenden Höhenmeter auf rund 17 Kilometer verteilt werden. Bis Manisch (Manušice) geht es dabei nur flach dahin, danach beginnt die überaus sanfte Steigung: die ehemaligen Bahnhöfe von Oberliebich (Horní Libchava), Wolfersdorf (Volfartice), Neudörfel (Nová Ves u Ćeské Lipy), Meistersdorf (Mistrovice) Ullrichstal (Novy Oldrichov) und Steinschönau (Kamenicky Šenov) werden auf dem sehr gut angelegten Radweg passiert. Ein paar hundert Meter weiter stechen aus einer Wiese die Orgeln des Herrenhausfelsen (Panská skála) hervor.
Der angenehme Wiesenbelag gibt es her: Ausklicken nicht geschafft und trotzdem glücklich.
Zur Entstehung der Basaltsäulen des Naturdenkmals gibt es zwei unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse. So informiert eine Tafel über die vulkanische Tätigkeit in diesem Gebiet, bei der dieses Gestein aus mehr als 30 Kilometern Tiefe an die Erdoberfläche gedrückt wurde. Das war vor rund 30 Millionen Jahren und der Felsen stellt den abgekühlten Rest dieser Eruption dar. Die zweite Theorie schreibt die Basaltorgeln den verbrannten Überresten eines Schlößchens zu, welches einst von einem "Massenmörder" bewohnt wurde, der seine Seele dem Teufel verkaufte. Hierzu fehlen allerdings die genauen Zeitangaben zu diesen mysteriösen Vorgängen, die daher eher anzuzweifeln sind.
Herrenhausfelsen - Blick nach oben
Herrenhausfelsen - Blick nach unten
Wir rollen von den Steinorgeln hinab zum dafür angelegten Parkplatz, der die Größe und das Aussehen eines Motodroms aufweist. Die Ausnutzung ist dabei minimal - vielleicht mußten hier ja schnell noch Fördermittel "versenkt" werden, anders kann man sich diesen Frevel nicht erklären. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich eine kleine Eisdiele. Reiseleiter Tilo zückt hier für alle sein Portemonnaie, denn bisher hat noch keiner gemault oder 'rumgezickt und das wird selbstverständlich mit einer Portion Softeis belohnt. Tilo weiß eben, wie man seine Schäfchen bei guter Laune hält.
Felsenkapelle in Nieder-Steinschönau
Doch irgendwie kann er sich diesen Kinderkram ans Knie nageln. Wir sind doch nun alle keine fünfzig mehr, wo man die Leute mit so etwas locken kann. Denke jetzt nur ich so? "Vati, krieg' ich jetzt endlich mein Bier!", möchte ich ihm am liebsten lautstark an den Kopf werfen. Doch noch klemmt der Kloß im Hals und eine Eskalation diesbezüglich unterbleibt. Als er dann noch von einer Felsenkapelle fabuliert, die wir auch noch besuchen müßten, platzt mir fast das Helmdach. Ich spiele das Spiel notgedrungen mit, gebe mich ja gern als "Teamplayer". In Steinschönau (Kamenicky Šenov) befinden wir uns im "Grenzgebiet" von Böhmischen Mittelgebirge (Ćeské stredohorí) und Lausitzer Gebirge (Luzické hory). Unweit des Steinschönauer Bachs (Šenovsky potok) ist die Heilig-Kreuz-Quelle (Pramen Svatého Kríze) in den Fels gehauen, von der aus ein Kreuzweg (Krízová cesta) zum Mühlberg (Stráz) führt. In einer Felsnische befindet sich die Kapelle des Heiligen Grabes (Kaple Bozího hrob) - Ziel unseres Abstechers von der Originalroute nach Böhmisch-Kamnitz (Ćeska Kamenice).
"Sommerfrische Nieder-Steinschönau" ist diese Abbildung auf einer Tafel nahe der Felsenkapelle tituliert
Endlich! Böhmisch-Kamnitz (Ćeska Kamenice) ist erreicht! Doch was ist jetzt? Machen wir hier eine Stadtrundfahrt? Ich denke, wir wollen diese eine Brauerei ansteuern, die es hier gibt! Nach einigen Runden durch die Straßen der Stadt taucht endlich der Schriftzug der Brauerei auf - wir sind gerettet, oder besser: Tilo, du hast dich (gerade noch so) gerettet!
Sechs Bier für fünf Personen - so blöd klug muß man erstmal sein
Seit Gründung der Gutsbrauerei Kinsky im Jahre 1640 wurde in Böhmisch Kamnitz bis zur Schließung der Brauerei 1951 ununterbrochen Bier bebraut. Diese Tradition wurde erst Ende 2015 wiederbelebt. Derzeit kann die Brauerei Kotouč folgende Palette an Biersorten anbieten: das helle Lagerbier Kamenicky Zlat'ák 11° (4,3% alc.), das helle Kamenická Kaple 14° (5,8% alc.), das kräftige Vollbier Kamenicky Granát 18° (7,2% alc.), das mittelstarke, vollmundige Kamenicky Jantar 13° (5,0% alc.), das helle Lagerbier Kamenické Turbo 12° (5,0% alc.) und das Faßbier Kamenická Desítka 10° (3,7% alc.).
Besser mit Helm! Wenn Kinder spielen, sind sie gesund!
Nach einigem Hin und Her haben wir dann unser Getränk auf dem Tisch stehen. Komischerweise wurde da ein Gebinde zuviel bestellt - ahnte Tilo etwa eine Meuterei und will dem damit entgegenwirken? Der Frust ist mit dem ersten Schluck Brauereiwasser sowieso vergessen. Als dazu noch eine "Freifahrt" auf dem Kinderkarussell dazukommt, scheint der Tag gerettet und Tilos Zweckgemeinschaft (fester als je zuvor) zusammengeschweißt.
Wir müssen (leider) weiter!
Das Wir-Gefühl stimmt! Käpt'n Tilo hat das Steuer im richtigen Moment 'rumgerissen und so ein heilloses Durcheinander vermieden. Nun geht es teils stark profiliert über teils bekannte Straßen unserer vorjährigen und gestrigen Ausflüge. Im Auf und Ab werden Kunersdorf (Kunratice), Limpach (Lipnice), Kaltenbach (Studeny) und Niederkreibitz (Dolní Chribská) genommen und am Informationszentrum des Nationalparks in den Wald abgebogen.
Böhmerstraße nach Hohenleipa
Wir nehmen nun den gestern schon von uns abgestrampelten Weg wieder unter die Räder. Wir folgen grob dem Daubitzer Bach (Doubicky potok), biegen am Abzweig zur Balzhütte (Na Tokání) in den Lagergrund (Táborovy dul) und gelangen durch den Nassen Grund (Mokry dul) auf die Böhmerstraße (Ćeská silnice), welche uns nach Hohenleipa (Vysoká Lípa) bringt. Auf Empfehlung unserer "Hüttenwirtin" steht nun ein Abendmahl im U Nas an - doch dafür müssen erstmal noch ein paar Plätze im überfüllten Biergarten freigeräumt werden.
Nichts gemacht aber Fressen klappt ganz gut!
Es stehen geradeso 100 Kilometer auf der Uhr, gefressen wird aber als wären es mindestens 250. Dem zwingend notwendigen "dunklen" Mineralgetränk Kozel 10° folgt die feste Kost: Eisbein mit Brot oder (für die ganz Hungrigen) mit Knödel, Gebackener Zander mit Salzkartoffeln und als Nachtisch Heidelbeerknödel mit Quark oder Palatschinken mit heißen Heidelbeeren, Eis und Schlagsahne.
Abendstimmung
Dementsprechend zäh ziehen sich die verbleibenden Kilometer über Rainwiese (Mezní Louka) nach Stimmersdorf (Mezná), wo im Rahmen des Teambuildings (Budování tymu) noch eine Auswertung des Tagesgeschehens abgehalten wird. Man, ist das anstrengend!
31.05.2025 / 10:06 Uhr / 23,8 km / 919 Hm+ / 919 Hm- (Wanderung)
Ruhetag statt "Teambuildingmaßnahme" in einer weiteren Brauerei
Das Fahrrad muß heute mal pausieren - R U H E T A G !
Es deutete sich an! Die erzwungene Stärkung des Wir-Gefühls nimmt immer groteskere Züge an, fehlt nur noch die Übersetzung des "Mia san mia" ins Deutsche. Nee, Jungs! Lasst mal! Da sind "wir" (Ute und ich) raus! "Wir" brauchen dringend Abstand, einen Ruhetag. Wir können doch nicht die ganze Zeit Hierarchien in unserer Reisegruppe aufweichen aber gleichzeitig durch eine vorgeschriebene Thronfolge den WC-Besuch regulieren. Kommt wieder zur Besinnung, lasst das fettige Essen weg, wenn ihr wieder eine Brauerei besucht und beschränkt euch aufs Wesentliche, indem ihr euch die Birne ordentlich mit Bier durchspült!
Teambuilding bei der Frühstücksvorbereitung - vom gemeinschaftlichen Phrasendreschen deckt sich nun mal nicht der Tisch!
Gefrühstückt wird noch in gemeinsamer Runde - schließlich ist ja nicht alles, was Worthülsen-Klaus und seine Kumpels von sich geben, schlecht. Danach geht jeder seiner Wege! Für Ute und mich muß zwingend ein fahrradfreier Tag her. Der hochgelobte "Sport im Sitzen" hinterläßt nunmal seine arttypischen Spuren: das zur Kehrschaufel verkommene Gesäß lechzt nach einer längeren Pause und die permanent angespannten Schultern wollen auch nicht mehr. Ausgebrannte menschliche Ruinen, die sich nach Ruhe sehnen: leichte Fernsehunterhaltung nonstop, nur unterbrochen vom Gang zum Kühlschrank oder auf die Toilette - das schwebt uns vor.
Sonnenbrille und Helm bleiben heute für Ute und mich im Quartier
Reiseleiter Tilo, Siggi und Andy sind da natürlich viel härter im Nehmen und haben den nächsten Brauereibesuch auf ihrem Zettel. Über 100 Kilometer Pedalen(t)ritt nehmen sie dafür (ohne mit der Wimper zu zucken) in Kauf - Teufelskerle! Von ihrer "Teambuilding-Maßnahme" geben sie hinterher nicht allzuviel preis. Ein paar Bilder zu ihrem Ausritt finden sich spät abends im Umlauf. Doch sie werfen jede Menge Fragen auf ...
"Brauerei Warnsdorf! Bitte einsteigen!" Nehmen Tilo & Co. diesen Aufruf wörtlich?
"Pivovar Varnsdorf! Všichni cyclisté vystupte!" ("Brauerei Warnsdorf! Alle Radfahrer austeigen!")
Entlarven diese Bilder vom Bahnhof Warnsdorf die gemeinsame Zuganreise zur Teambuildingmaßnahme?
Na wenigstens fürs Erinnerungsbild wird eine fahrradfahrbezogene Szene gestellt
Darauf ein Bräu! Zur Stärkung des Wir-Gefühls bitte in unterschiedlichen Farben!
Die Brauereiuhr, bei der sich kein Kuckuck, sondern Brauereiprodukte "melden"
Innenleben der Brauerei "Schwarzer Kater"
Vielleicht ging aber auch alles mit rechten Dingen zu!?
Da auch Ruhetage dokumentiert werden, die hier kategoriemäßig nicht reinpassen (weil die zweirädrige Fortbewegungshilfe fehlt), nun der kurze Abriß unseres Tagesablaufs:
Der in Sichtweite von unserer Unterkunft liegende Rosenberg (Ruzak oder Ruzovsky vrch) bietet sich für eine sinnvolle Freizeitgestaltung an. Dafür müssen wir aber erstmal runter in die Wilde Klamm (Divoká souteska), um danach Richtung Einöde Kuttelburg (Hájenky) wieder aufzusteigen. Vorbei am Indianerdorf "Rose Hill", bringt uns ein breiter, sanft ansteigender Weg zum Aussichtspunkt von Rosendorf (Ruzová). Es wäre töricht, den auf dem Weg liegenden Hutberg (Pastevní vrch) zu ignorieren, da er doch eine herrliche Rundumsicht garantiert.
Hinweis auf den Aussichtspunkt Hutberg
Früher wurden von dort militärische Aktionen koordiniert, auch eine Windmühle zierte bis 1868 diesen Hügel. Bis 1958 stand die Hubertusbaude mit ihrer Aussichtsterrasse am Hutberg, wurde aber in ihren letzten Jahren vom Militär genutzt. Ab 2005 bot dann ein hölzerner "Jägerstand" einen besseren Ausblick vom Berg, bis dieser vom jetzigen Steinausguck abgelöst wurde.
Der neu errichtete Aussichtsturm auf dem Hutberg
Der 2018 errichtete Aussichtsturm erinnert in seiner ungewöhnlichen Form an einen Oktopus aber auch in seiner Betonbauweise mit den Ausgucklöchern an die Bunker der Schöberlinie, welche u.a. in der näheren Umgebung zu finden sind. Sie wurden bis 1938 in Grenznähe zur Verteidigung gegen das Deutsche Reich errichtet, verloren durch das Münchner Abkommen jedoch ihren Zweck. Offiziell heißt das Gemäuer Röschen (Ruzenka), in Bezug auf die Gemeinde Rosendorf (Ruzová). Dieser sechs Meter hohe Turm gewährt einen Rundumblick von Böhmischer Schweiz (Ćeské Švycarsko) über Elbsandsteingebirge bis zum Böhmischen Mittelgebirge (Ćeské stredohorí) und dem Lausitzer Gebirges (Luzické hory).
Gab es damals wirklich "Erektionsbücher"? (Ausschnitt Informationstafel zu Rosendorf)
Vor dem Aufstieg zum Rosenberg kommt der Abstieg vom Hutberg. Am Wanderparkplatz zwischen beiden Bergen stehen Informationstafeln zur hiesigen Historie. Auf einer dieser Tafeln wird von sogenannten Konfirmations- und Erektionsbüchern berichtet, welche als älteste schriftliche Quellen (aus dem Jahr 1352) von Rosendorf (Ruzová) vorliegen. Interessant, was damals alles aufgeschrieben wurde.
Aufstieg zum Rosenberg / Gipfelkreuz des Rosenberges
Ein breiter Weg führt anfangs ohne merklichen Höhengewinn zum höchsten Berg des Nationalparks Böhmische Schweiz (Národní park Ćeské Švycarsko), welcher zudem im einzigen nationalen Naturreservat dieses Gebietes (NPR Ruzák) liegt. Wir treffen auf den Ausläufer des Kammweges Jeschken - Rosenberg (welcher als Anschluß zum Erzgebirgskammweg weiter bis Tetschen führt) und der Anstieg zum Gipfel nimmt entsprechend Gestalt an. Der schattige Mischwald mindert dabei unseren Schweißfluß nur unmerklich. Kurz nach halb eins haben wir den höchsten Punkt erreicht.
Blickfenster zum Hohen Schneeberg
Einst war der Rosenberg (Ruzák) mit Aussichtsturm und Schankwirtschaft ein überlaufener Gipfel, davon ist heute allerdings nichts mehr zu spüren - nur noch die Fundamente der Bebauung zeugen davon. Wir tragen uns ins Gipfelbuch ein, machen eine Trinkpause und würden gern die Fernsicht genießen. Diese ist durch die Bewaldung jedoch stark eingeschränkt und so bleibt uns nur der Blick zum Hohen Schneeberg (Dečínsky Snezník) durch eine kleinere Sichtschneise. Von Nordost zeiht derweil ein Gewitter auf und kürzt unsere Gipfelrast gezwungenermaßen abrupt ab.
Bierpause in Windisch-Kamnitz
Der Abstieg (von etwas über 400 Höhenmetern) nach Windisch-Kamnitz (Srbská Kamenice) geht dementsprechend flott. Das Gewitter hat sich über uns festgesetzt - Wald und später Stromleitungen auf einer Freifläche sind da nicht die besten Wegbegleiter. Im Tal ist der Spuk vorbei und wir gönnen uns eine zusätzliche Bierpause (Bakalár 10°), eher wir weiter Richtung Grundmühle (Dolní Mlyn) ziehen.
Bunker de Schöberlinie in Windisch-Kamnitz
Vorbei an einem Bunker der Schöberlinie folgen wir weiter der Bachführung der Kamnitz (Kamenice). Dieser Weg in Ufernähe endet in Höhe der Einmündung des Kreibitzbaches (Chribská Kamenice) und nimmt nun die mit ein paar Höhenmetern versehene Variante durch den (lichten) Wald zum anderen Ende der Ferdinandsklamm (Ferdinandová sousteska).
Weg zur Grundmühle (mit weiterem Bunker) / Ruine der Grundmühle
Reger Andrang herrscht bei unserem Eintreffen an der Grundmühle (Dolní Mlyn), obwohl die besten Jahre dieses beliebten Ausflugsziels der Böhmischen Schweiz längst vorbei sind. Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Mühle erstmalig urkundlich erwähnt. Nach einem Brand wurde sie 1727 neu errichtet und gehört zu den ältesten (erhaltenen) Gebäuden im Nationalpark. In den einst vier Häusern herrschte über die Jahrhunderte hinweg rege Betriebsamkeit: u.a. eine Wache der Finanzpolizei bekämpfte den Schmuggel; eine Bäckerei, eine Brennerei, ein Schankhaus und eine Art Hotel gehörten ebenfalls zum "Dorfgeschehen". Bis 1931 wurde in der Mühle noch Getreide gemahlen, bis 1939 Bootsfahrten durch die Klamm betrieben - dieses "öffentliche Leben" endete (1945/46) mit der Vertreibung der Sudetendeutschen und das Areal verfiel innerhalb kürzester Zeit. Noch zweimal bot es die Kulisse für Märchenfilme, für die 1951 und 2008 hier gedreht wurde. Seit 2007 ist die Mühle Kulturdenkmal und wird von Ehrenamtlichen einer Bürgerinitiative durch Sicherungsmaßnahmen an den bestehenden Bauten am Leben erhalten.
Steig nach Hohenleipa / Achtstämmige Linde in Hohenleipa
Wir halten uns nicht zu lange vor Ort auf und setzen unsere Wanderung hinauf nach Hohenleipa (Vysoká Lípa) fort. Da wir noch genügend Zeit haben, suchen wir die (auf einer Hinweistafel angepriesene) Stieleiche, die "in der Mitte der Gemeinde steht und ein Wahrzeichen bildet". Doch wo ist denn die Mitte einer so auseinandergezogenen Ortschaft? Eine markannte Linde sticht bei unserer Suche in oberen Ortsteil unterhalb des Schloßberges (Zámecky vrch) hervor. Sie weist einen Stammmfang von immerhin neun Metern auf, wie wir "händisch" nachgemessen haben. Doch eine Eiche? Fehlanzeige!
Auch Buntspechte lieben das Großpriesener Schwarzbier
Aufgrund der "Aussichtslosigkeit" mieten wir uns für ein Großpriesener Kaltgetränk (Breznák 10°) am Imbiß Občerstveni Zvoneček ein und haken da mal zum Thema nach. Der freundliche Herr kommt dafür extra aus seinem Verkaufsstand und zeigt uns den Baum, der allerdings nicht zugänglich ist, weil er sich in einer Kuhweide (zwischen dem oberen und unteren Ortsteil) befindet.
Stieleiche in Hohenleipa
Unser Heimweg führt uns sowieso in diese Richtung, vielleicht kommt man ja doch irgendwie in die Nähe der Eiche? Keine Chance! Hohe Weidezäune und dazu noch ein tiefeingeschnittener Bachlauf behindern die angedachte Stipvisite. Daher geht es ohne große Umschweife (wie etwa noch ein Restaurantbesuch im "Unterdorf") weiter. Unser Wanderweg nach Rainwiese (Mezní Louka) führt zu Beginn entlang der Straße und schlängelt sich später durch Wald und Wiesen. Ab und zu haben wir dabei die Straße im Blick und mustern vorbeifahrende Radfahrer, denn auch unsere Mitbewohner müssen durch diese "hohle Gasse", wenn sie von ihrem Brauereibesuch heimfahren. Doch dafür ist es noch viel zu früh am Tag.
Karlsbader "Teambuildingmaßnahme" (li.) / ... und schon ticken unsere Uhren wieder gleich (re.)
Wir staunen nicht schlecht, als bei unserem Eintreffen im Quartier, das Radfahrer-Trio schon bei der mündlichen Auswertung des Tagesgeschehens, insbesondere der Erfolge des erzwungenen Miteinanders, ist. Obwohl die ersten leeren Bierflaschen unseren Weg ins Haus versperren, wären die drei Brauereibesucher auch erst gerade hier eingeflogen. Wer's glaubt!? Da wurde doch gemogelt, oder? Fehlt nur noch, daß irgendwo die Bahntickets unserer Rekordradler auftauchen.
Aufräumarbeiten auf der Terrasse
Wir wollen aber dieses Thema nicht weiter vertiefen, denn nun ist eine geschlossene Mannschaftsleistung von Nöten. Morgen geht es schließlich schon wieder heim und da müsste hier noch aufgeräumt werden. Als erstes muß die Flasche Becherovka geleert und die noch vorhandenen vollen Bierflaschen in dieses Prozedere eingebunden werden. Dabei hilft uns Gastgeberein Beatrice und es wird so noch ein sehr geselliger Tagesausklang auf der Terrasse vorm Haus. Auch unsere mitgebrachte Notversorgung muß nun noch die Kochplatten der Küche durchlaufen und auf alle Beteiligten verteilt werden. Einer Nudelsuppe als Vorspeise folgt ein großer Teller Spaghetti. Damit ist die Hausarbeit so gut wie erledigt - das Klamottenpacken kann man am nächsten Morgen erledigen.
01.06.2025 / 10:07 Uhr / 154,2 km / 2.117 Hm+ / 2.077 Hm-
Aprilwetter-Heimreise (mal wieder mit Hindernis)
Natürliche Straßensperre oberhalb der Neunzehnhainer Talsperre
Es geht wieder heim! Scheinbar fiebert eine ganze Ortschaft diesem Ereignis entgegen, denn kurz nach 2 Uhr sendet der Hahn vom benachbarten Grundstück seine ersten drei Weckrufe in unsere Richtung - erfolglos. Gegen 5 Uhr probiert er es erneut und erzielt damit einen Teilerfolg, denn damit läutet er unsere weiteren Vorbereitungen zur Heimreise ein. Wenn auch alles Zusammenpacken in Zeitlupe abläuft, müssen die richtigen Entscheidungen zur Kleiderwahl getroffen werden. Es soll regnen und laut Prognose sollen in Sachsen sogar vereinzelt schwere Gewitter drohen.
Kurze Ruhepause für uns und unsere Räder auf der Fähre nach Schöna
Nach ausgiebigem Frühstück und Verabschiedungszeremonie begeben wir uns zu viert auf den Weg. Andy wird mit seinem Kfz unser (nicht für die Radfahrt benötigtes) Gepäck nach Chemnitz transferieren. Vielen Dank für deine Kooperation! Für uns geht für hinab zum Elbufer, wo uns die Fähre auf die andre Uferseite bringt.
Genußradeln entlang der Elbe
Tilo hat für die Rückreise die Tour so geplant, daß die meisten Höhenmeter schon zu Beginn der Fahrt abgehakt werden. Wir sind demnach bei Kilometer 65 "oben" und haben dann keine 90 Kilometer mehr vor uns. Das war im Vorjahr anders, als wir stundenlang auf leicht profiliertem Kurs durch das Böhmische Becken radelten und erst am (ganz) späten Nachmittag den Anstieg zum Erzgebirgskamm in Angriff nahmen. Fast 190 Kilometer standen damals auf dem Tacho - diese Zahl wurde für heute (altersgerecht) weit nach unten korrigiert.
Der lange und steile Anstieg nach Kalmswiese
Denkmal am Ortsausgang von Kalmswiese
In Tetschen (Dečin) kommt nach der flachen Einführungsstrecke entlang der Elbe nun der erste Anstieg. Von Peiperz (Príper) geht es recht anspruchsvoll hoch nach Kalmswiese (Jaluvčí). Danach wird es etwas gemäßigter - der übermäßige Schweißfluß bleibt jedoch erhalten. Kurz vor Tyssa (Tisá) mildert einsetzender Nieselregen diese Quälerei etwas ab. Noch besser kommt aber die Getränkepause an der Touristebaude (Touristická Chata Tisá) dem geschundenen Körper zugute. Wir sitzen unter dem Sonnenschirm des dazugehörigen Biergartens die Schlechtwetterphase aus, denn mittlerweile regnet es sehr heftig.
Touristenbaude Tyssa
Typisch böhmische Deckenmalerei (Biergarten der Touristenbaude) / Teil der Tyssaer Wände
Die Luft ist durch den Regen deutlich besser und mit ein paar Bergabpassagen macht auch das Radeln wieder richtig Spaß. Zwischen Adolfsgrün (Adolfov) und Voitsdorf (Fojtovice) säumen starke Eschen den Weg und linkerhand öffnet sich der Blick auf das markante Bauwerk des Mückentürmchens auf dem Mückenberg (Komárí hurka).
Blick zum Mückentürmchen
Bald darauf ist Böhmisch Zinnwald (Cinovec), mit 880 Metern Seehöhe der höchste Punkt unserer heutigen Tour, erreicht. Nun geht es tendenziell bergab. Wir gelangen zur Wittichbaude (Vitiška Horská chata), wo wir am Hang des Bornhauberges (Pramenáč) einen herrlichen Blick zum gegenüberliegenden Stürmer (Bournák) bis zum Böhmischen Mittelgebirge (Ćeské stredohorí) genießen.
Traditioneller Luftverlust bei Siggis Bereifung
Die Beschaffenheit der Straße, auf der die Erzgebirgsradmagistrale (Cyklotrassa 23 - Krušnohorská magistralá) durch den Wald führt, wird vom Bergrücken des Steinhübels (Nad Krízem) zur Talsperre Fleyh (Údolní nádrz Fláje), wo wir eine Rast einlegen wollen, für tschechische Verhältnisse ungewöhnlich schlecht. Daher kommt uns die Pause auch zuvor, weil Siggi (Wer sonst?) seinen Hinterreifen durch einen spitzen Stein (aus dem Mulm des Straßenbelages) entlüften lassen hat. Doch solche kleinen Basteleien stellen für seine routiniert sitzenden Handgriffe keine zu große Herausforderung dar und wir können ein paar Kilometer später auch noch eine Eß- und Trinkpause am Stausee der "oberen" Flöha (Flájsky potok) einlegen.
Jeder Tisch (ißt) für sich!
Mit der aus dem Staugewässer abfließenden Flöha schlängeln wir uns hinab nach Georgendorf (Česky Jiretín), wo wir die Grenze ins benachbarte Deutschgeorgenthal passieren. Es rollt! Ohne große Mühen geht es in rasanter Fahrt entlang der Talsperre Rauschenbach, weiter u.a. durch Neuhausen (mit Blick zum Schwartenberg) bis Olbernhau.
Links am Horizont der Schwartenberg mit seiner Baude
Es wird Nacht, Señorita - zumindest in Olbernhau
Dort kündigt sich jedoch Ungemach an. Eine Korrektur der Kleiderordnung wird zwingend notwendig. Der Himmel hat sich mit dunklen Wolken verhangen, Sturmböen ziehen durch die Straßen und wenig später setzt ergiebiger Regen ein. Ein Gewitter hängt zudem in Lauerstellung zu unserer Route - es gibt sicherlich schönere Momente beim Radfahren.
Talsperre Neunzehnhain I
Wir kämpfen uns entlang der Flöha weiter bis Pockau, nehmen den Anstieg nach Lengefeld und zuckeln die Serpentinen hinab zum Abzweig zur Talsperre Neunzehnhain I (Leutenbach-Talsperre an der Klatzschmühle). Da es bis jetzt wie am Schnürchen lief, melden sich (zur Abwechslung) die Bremsen meines Gefährts. Durch die verstärkte Nutzung, in Verbindung mit der "auflösenden Kraft" des Wassers, sind die Bremsgummis verbraucht. Vom Spritzwasser des Vorderrades graugetünchte Waden zeugen vom erhöhten Abrieb der Gummis. Nun ist vorausschauende Fahrweise angesagt, denn zwei längere Abfahrten stehen noch auf dem Plan.
"Wer hat denn den hier hergelegt?"
... enthält Abschnitte, auf denen sie ihr Rad schieben oder tragen müssen
Ausgebremst werden wir dann aber erst einmal im leichten Anstieg durch den Bornwald. Dort hat sich an der ehemaligen Hammerschenke eine (nicht dem Sturm gewachsene) Rotbuche sowie kleinerer (mitgerissener) Aufwuchs über der Forststraße breitgemacht. Mit vereinten Kräften können jedoch alle teilnehmenden Personen mit dazugehörigen Fahrzeugen durch das Dickicht geschleust werden - ein Erfolg der vorangegangenen Maßnahmen zur gut funktionierenden Zusammenarbeit in unserer Reisegruppe, welcher wenig später mit frischem Quellwasser vom hölzernen Ausfluß "am Straßenrand" begossen wird.
Trinkpause im Bornwald
Katzenpfötelpaß Krumhermersdorf
Bis auf die zwei Abfahrten von Hohndorf nach Zschopau und von Weißbach ins Zwönitztal, ist der Rest der Heimreise Kompott. Leider fehlt in Erfenschlag das Ortseingangsschild von Chemnitz (Etwa ein Mitbringsel von einer Herrenpartie am Donnerstag?) für das x-te "Wir-sind-wieder-daheim-angekommen"-Bild. Es ist 20 Uhr, als wir uns von Tilo und Siggi in Altchemnitz verabschieden und uns für das herrliche Fünf-Tage-Wochenende bedanken. Der Regen ist durch und die sich nun durch die Wolken drängende Abendsonne garantiert beiden für ihre restlichen Kilometer noch ein Abtrocknen der durchnäßten Kleidung. So wünschen wir es ihnen zumindest.
Feuchtfröhliches Finale in Altchemnitz
Fazit: Am Ende des Tages Wochenendes bleibt ein hervorragend organisierter und tadellos umgesetzter Männertagsausflug für die Annalen. Die Distanzen werden altersgerechter, indem die Kilometer überschaubarer werden - doch diese Kategorie ist ja für uns keine Bringschuld irgendjemanden gegenüber. Wir waren an der frischen Luft, haben uns die Beine ein wenig vertreten und hatten dabei sogar noch ein bißchen Spaß. Reisebüro Kozlik - weiter so! Vielleicht springt ja auch mal (finanziell) wieder eine Sschiffskreuzfahrt für dich raus.
Fotos: Tilo (60), Thomas (59), Siggi (6), Ute (5)





