08.11.2025 / 10 Uhr / 42,195 km / 198 Hm+ / 198 Hm- / Gruppenlauf

Es ist November, das Wetter ist dementsprechend ungemütlich und nicht für die schönen Seiten des Lebens gemacht - besonders schlaue Lebewesen ziehen dieser meteorologischen Misere nun den Winterschlaf vor. Für die Krönung der Schöpfung, den Marathonläufer, ist das sonnenscheinreduzierte, naßkalte Wetter wiederum nahezu ideal, um aus der Deckung zu kommen und seiner Bestimmung zu frönen. Wenn dabei noch ein Jubiläum zu begehen / zu belaufen ist, dann gibt es erst recht kein Halten mehr. Zum 50. Mal begibt sich der Autor dieses Artikels auf die ikonische Marathondistanz, zum 50. Mal erhofft er sich dabei ein Finish nach 42,195 Kilometern und zum 50. Mal wird er im Anschluß mit seinem erzielten Ergebnis hadern. Doch so sind Marathonläufer nun einmal, einen als "optimal" in den persönlichen Akten abgelegten Marathon gibt es für sie nicht.
So ein Zweiundvierziger gehört auch nicht zu den angenehmen Seiten im Leben, erfordert er doch eine gewisse Trainingsdisziplin im Vorfeld und eine wohldurchdachte Dosierung der vorhandenen Kräfte während des Laufes. Wohlfühlen ist dabei unerwünscht - so gaukeln es zumindest alle möglichen Trainings- und Wettkampfvorschriften dem Marathoni vor. Doch es gibt da eine Ausnahme und diese heißt Borna.
Siggi muß nur noch den Vorausscheid bestehen - dann ist auch er dabei!
Borna - am südlichen Rand der Leipziger Tieflandsbucht gelegen, wo einst ohne Rücksicht auf Mensch und Natur Braunkohle abgebaut wurde, wo Abraumhalden und Tagebaulöcher eine dem Novemberwetter adäquate, triste Bühne boten und wo nach dessen Renaturierung ein Teil des Leipziger Neuseenlandes entstand. Zum 19. Mal ist dieses Borna Austragungsort einer Marathonveranstaltung, deren Format es so nicht allzuoft gibt. Es ist perfekt für den Einstieg in die Königsdisziplin des Laufsports angelegt. Großzügige Zeitpolster erleichtern dem Novizen das Warmwerden mit dieser Distanz und wenn dies immer noch nicht ausreicht, kann man sich die Strecke auch mit einem Radfahrer teilen - doch diese Variante sollte wirklich nur von gänzlich unerfahrenen Sportlern in Betracht gezogen werden.
Wassertemperatur > Außentemperatur = zum Aufwärmen ins Wasser!?
Nun hat ja auch diese Veranstaltung um ihrem Fortbestand im Laufkalender zu kämpfen, daher hatte ich vor einem Jahr den persönlichen Borna-Bericht diesem Thema gewidmet und alle Leser des Artikels zu einer Anmeldung für 2025 aufgefordert. Doch scheinbar hat niemand (der rund 700 Leser) den Ernst der Lage erkannt und dieses "Wer das gelesen hat, meldet sich zum 19. Bornaer Marathon an! Punkt! Keine Widerrede!" in die Tat umgesetzt, denn die Teilnehmerzahl ist nicht (wie erhofft) sprunghaft gestiegen, sondern stagniert weiterhin an der 30-er Marke. Bleibt zu hoffen, daß es wenigstens noch einen Jubiläumslauf im nächsten Jahr gibt.
Ungeplante Aufstockung des Marathon-Teilnehmerfeldes
Doch erstmal zur diesjährigen Veranstaltung: Wie schon bei meinen bisherigen sieben Marathonbesuchen in Borna ist die Anmeldung in der Fünf-Stunden-Gruppe Pflicht. Das ist ein angenehmer Zeitraum für einen Marathon, es bleibt demnach viel Zeit, um sich der Bewirtung durch das begleitende Verpflegungsfahrzeug zu widmen - so ist zumindest der Grundgedanke, der jedoch auch ganz schnell verblasst. Beim Prüfen der Zwischenzeiten wird anfangs noch ein kleines Defizit registriert und weggelächelt. Schließlich besteht der Marathon nicht aus zwei identischen Halbmarathons - die zweite Hälfte sollte, wenn man ein richtiger Marathoni ist, stets "etwas flotter" absolviert werden. Man wägt sich also weiterhin in Sicherheit (was die Fünf-Stunden-Zielzeit betrifft) und nimmt auch ein sich schleichend fortsetzendes Zeitminus in Kauf.
Windmühle mit modernem Antrieb
Wenn dann noch der (für das individuelle Wohl) an den Streckenrand beorderte Bierlieferant dazwischen kommt, wird es Zeit, den weiteren Verlauf realistisch zu reflektieren. Es ist demnach schon nach 35 Kilometern (rein rechnerisch) nicht mehr möglich, 15 Uhr die Glück-Auf-Sporthalle in Borna zu erreichen. Und nun? Ein DNF beim persönlichen Jubiläumslauf heraufbeschwören? Die weiße Fahne schwenkend, am Streckenrand stehen bleiben? Sieht das überhaupt jemand? Wird man da vom Veranstalter auch abgeholt? Wie groß wäre der Imageschaden, wenn man dann (vor versammelter Mannschaft) als gebrochener, weil kläglich gescheiterter "Held des Laufsports" aus dem Fahrzeug steigt? Dann doch lieber nur vor den fünf Stunden kapitulieren! Die Beinarbeit wird zwangsläufig fortgesetzt, auch wenn diese mittlerweile keiner Laufsportart mehr klar zuzuordnen scheint.
Bild und Bier von Mirko Wollschläger, dem zuverlässigen Getränkeversorger aus Kahnsdorf
Borna ist schließlich ein Wohlfühlmarathon! Da kann man auch mal aus der Reihe tanzen. Das allerletzte Quälgen muß nicht aus der Kiste gezaubert werden und kann getrost weiterruhen. Auftretende Schmerzen müssen nur mit einem Lächeln überspielt werden, damit es wenigstens so aussieht, als hätte man "Spaß" beim immer mühsamer werdenden "Vorankommen". Die allgemeine Körperverfassung und das triste Novemberflair sind nahezu eins und gehen nun Hand in Hand dem Ziel entgegen. Dort ist mittlerweile alles leergefegt, die für alle Teilnehmer anvisierte Zielzeit von 15 Uhr ist lange durch - und trotzdem werde ich mit Handschlag begrüßt und mein Marathon mit einer Medaille geehrt.
Das Marathon-Finish naht - Endbeschleunigung auf der Zielgeraden
Marathon Nr. 50 ist im Sack - abgelegt in einer der "unteren Schubladen" im persönlichen Ergebnisse-Archiv. Novembergraue 5:16:12 Stunden war mir dieses Jubiläum wert und kann natürlich einen Marathonbezwinger nicht sonderlich zufriedenstellen. Vielleicht versuche ich mich ja auch noch einmal auf dieser Distanz? Ein noch tristeres Ergebnis ist dafür kaum vorstellbar - erhöhter und gut getakteter Trainingsaufwand sowie eine strenge Wettkampfdisziplin sollten dieses sportliche Tief abwenden. Doch das ist Zukunftsmusik, denn nach einem Marathon ist Ausruhen angesagt, welches mit einem gemütlichen Beisammensein im Foyer der Sporthalle bei Bier, Wurst und Kuchen eingeläutet wird.
Marathon Nr. 50 in der Datenbank von COROS
Wünschenswert wäre eine Fortsetzung meiner persönlichen Marathonsammelei im nächsten Jahr in Borna. Doch dafür dürfte das allgemeine Interesse an dieser Veranstaltung nicht noch weiter abebben. Niemand wird deshalb von mir genötigt, seine kostbare Zeit für diesen Lauf zu opfern, schließlich ist man hier wesentlich länger unterwegs, als auf den schnellen Marathonstrecken dieser Welt. Ein betrübtes "Ach, den Borna-Marathon gibt es nicht mehr!? Den hätte ich gern mal gemacht." will ich dann aber auch nicht hören.





