20.06.2026 / 9:00 Uhr / 50 km / 2.000 Hm+ / 2.000 Hm-

Es war einmal beim Rennsteiglauf - die Beine waren noch halbwegs intakt und die Verpflegung an der Glasbachwiese lag gerade hinter mir. Mit neuem Elan verschwand ich wieder im Wald, der Weg war mit Wurzelanläufen der Fichten durchzogen und erforderte demnach erhöhte Aufmerksamkeit. Doch da war auf einmal ein Banner in den hinteren Reihen der Bäume befestigt, welches mehrfaches Hinsehen erforderte, um es zu entschlüsseln. Dieser Versuch war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und schickte mich recht unsanft auf die Bretter. Im Jahr darauf war ich vorgewarnt, der Aushang hing zudem näher an der Streckenführung und das Zusammenspiel von Augen- und Beintätigkeit klappte besser. Das Decodieren gelang und die Ankündigung eines sogenannten „Messerpokallaufs“ (nicht Messepokallauf, wie in Leipzig) wird erstmals zur Kenntnis genommen.
Doch: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Zwar erfolgte beim abermaligen Passieren des Plakats bei den Rennsteigläufen eine Erinnerung an diesen mir unbekannten Wettbewerb, doch erst ein paar Tage vor der Veranstaltung drängt er sich (bei der Suche nach einer sinnvollen „Wochenendtätigkeit“) regelrecht energisch wieder in mein Bewußtsein. Seit 2014 gibt es den „Messerpokallauf“ als „Crosslauf am Inselsberg“, dessen Namensgeber nun nicht gerade vor der Haustür von Steinbach liegt. Deshalb mußte für diesen Zusatz im Veranstaltungsname auch die Marathondistanz herhalten, die ab 2019 mit einen Fünfziger ergänzt wurde.

Was gibt es da noch zu überlegen? Das können wir uns ja mal aus der Nähe betrachten. Viertelmarathon? Halbmarathon? Marathon? Nein, wir gucken mal, wie sich der Ultra so läuft. Der heißt hier wirklich so. Das erwähne ich jetzt, weil der (hier „durchziehende“) Rennsteiglauf auch oft als Ultra tituliert wird , offiziell aber als Supermarathon ausgeschrieben ist. „Ja, logisch, ich laufe den Ultra von Eisenach.“, hört man da meist akzentfrei auf Nachfrage zur Streckenlänge. Doch das ist falsch, soviel maße ich mir jetzt hier an. Den Ultra läuft man demzufolge im Waldgebiet zwischen Bad Liebenstein und Bad Tabarz und nicht von der Wartburgstadt nach Schmiedefeld.


Zwei Tage vor der Angst („Schaffen wir die 50 überhaupt?“) melden wir uns an - 37 Euro Startgeld (bis zwei Wochen vor dem Lauf kostet der Spaß gerade mal 29 Euro) für einen Ultra! Was kann man da erwarten? Was wird geboten? Selbst eine Anfrage in Thüringer Läuferkreisen (Kirsten aus Jena) stempelt diese Veranstaltung als unbekannt, also eine Art Geheimtip, ab. Doch ganz so unter dem Radar scheint sich die Sache im Bad Liebensteiner Ortsteil nicht zu bewegen, denn 2026 ist sie (neben Schweriner Seentrail, SachsenTrail, Maintal-Ultratrail und Südthüringentrail) Bestandteil des German Trailrunning Cups.


Aus der Kalten heraus (also doch meist bei ziemlich warmen Bedingungen) haben wir beide mal wieder an regionalen Wettkämpfen teilgenommen, das Trainingsdefizit für einen 50-km-Lauf ist damit dann doch nicht soooo groß, wie man es im Nachhinein zur Argumentation eines schlechten Ergebnisses (oder gar Scheiterns) heranziehen könnte: Chemnitzer Biermeile (ohne Schatten), Limbacher Marktlauf (nur Ute), Burgenlauf im Zschopautal (Gruppenlauf) oder Adelsberglauf (hügeliger Zehner).


Um 6 Uhr brechen wir in Chemnitz auf. Die 180 Kilometer sind mit zweieinviertel Stunden Fahrzeit angegeben, was aufgrund des mauen Wochenendverkehrs durch die Baustellenlandschaft der BAB4 auch machbar erscheint. Obwohl für heute mal wieder Hochsommer vorhergesagt wurde, sinkt das Thermometer Stück für Stück von 23° auf 17°C ab, der Himmel ist pechschwarz und Höhe Erfurt erhellen Blitze die Szenerie.





Nach der Autobahn wird die Straßenführung kurvenreicher und verengt sich bis zum Steinbacher Schleifkotengrund (einem Tal mit Schleifmühlentradition, welche bis ins Mittelalter zurückführt) zusehend. Diese Sackgasse, die zur Schanzen- und Inlineranlage führt, ist bei unserem Eintreffen schon relativ voll mit geparkten Fahrzeugen. Uns wird daher als Abstellmöglichkeit der „Nebeneingang“ zum Steinbacher Messerhaus zugewiesen, nur wenige Meter vom Start-/Zielbereich entfernt.





Wir haben nun genügend Zeit, unsere Startnummern zu holen. Der Trubel ist insgesamt nicht allzu groß und man hat sich schnell den nötigen Überblick verschafft. Eines ist dabei recht auffällig: Ute und ich sind die einzigen Starter, die keine Laufweste (oder -rucksack), geschweige denn Stöcke dabeihaben. Etwas irritiert, frage ich bei der Anmeldung nach, ob es vielleicht doch eine Art Pflichtausrüstung gibt. Darauf legt man aber in Steinbach keinen Wert, schließlich wären genügend Verpflegungspunkte an der Strecke verteilt, die auch entsprechend ausreichend mit Überlebensrationen ausgestattet sind. Doch Trailrunning besteht nunmal (zu hoffentlich gleichen Teilen) aus Rucksack, Stöcken und Sonnenbrille sowie steilen Rampen, zugewachsenen Trampelpfaden und weglosen Wiesenabschnitten.




Neben der 50-km-Strecke bietet der WSV 1907 Steinbach auch noch einen Marathonlauf (1.550 Hm+), sowie einen Halb- und einen Viertelmarathon (760 bzw. 370 Hm+) - wahlweise als Lauf oder Nordic-Walking-Disziplin an. Im Halbstundentakt werden die Laufwettbewerbe ins Gelände geschickt (50 km um 9 Uhr, Marathon um 9:30 Uhr, Halbmarathon um 10 Uhr und Viertelmarathon um 10:30 Uhr), die Walker starten 10:45 Uhr. Abgesichert wird der gesamte Wettkampftag (Zielschluß für alle Wettbewerbe ist 19 Uhr) von der Bergwacht Bad Liebenstein.


Der Start ist unspektakulär, niemand steht ganz vorn an der Meßmatte, alle verteilen sich auf dem „Vorplatz“ in recht defensiver Weise. Es gibt noch eine kleine Einweisung in die Strecke, die mit 50 Zusatzpfeilen an Bäumen, zur blauen Markierung am Boden, versehen ist - zumindest wäre dies bei einer Begutachtung am Abend (allerdings vor dem Starkregen) noch vorhanden gewesen. Nach dem Runterzählen geht es gemächlich in die Spur, ein schmaler Wiesenpfad gibt dabei schon mal die grobe Marschrichtung vor, und diese geht „nach oben“. Das ist aber nur zur Einstimmung gedacht, denn es wird kurz darauf wieder flach und das Feld kann sich auf dem dann breiteren Waldweg vorsortieren. Ute und ich haben dabei keine Eile, wollen jedoch schon mal die „Wandergruppen“ hinter uns lassen.

Nun geht es quer durch den Wald, das Repertoire an Möglichkeiten der Streckenlegung wird bestmöglich ausgeschöpft und erinnert stark an die Wegequalität des Südthüringentrails - wenn möglich, biegt die Route vom Weg ins Unwegsame ab und das Wechselspiel zwischen Hoch und Runter ist bei zu erwartenden 2.000 Höhenmetern natürlich auch Programm. Noch schirmen uns die Wolken vor der Sonneneinstrahlung ab, doch um die Mittagszeit wird es mit dieser Luxussituation für uns vorbei sein. Noch ist aber das Ergebnis des nächtlichen Wolkenbruchs, in Form schlammiger Waldpassagen, schmieriger Abfahrten, nassem Geästs im Gesicht und feuchter Wiesenabschnitte präsent - wir werden uns später am Tag danach sehnen! Es dauert auch nicht lang und die 50 (vorm Start erwähnten) Richtungspfeile sind von uns passiert. Doch da wurde vom Veranstalter klassisch untertrieben oder ich habe nicht richtig zugehört, denn die Streckenmarkierung läßt in ihrer Quantität/Qualität nicht nach und ein Verlaufen ist demnach nahezu unmöglich.


Der Kurs windet sich (auf Lutherweg, Messerweg, Breitunger Rennweg, Rennsteig) entlang der Hänge der umliegenden Anhöhen (u.a. Hohe Klinge, Gehege, Trockenberg, Inselsberg, Beerberg) und bindet auch die dazugehörigen Täler (u.a. Trusetal, Lauchagrund, Felsental) mit ein. Die Verpflegungspunkte kommen dabei in „schöner Regelmäßigkeit“ und bieten ein völlig ausreichendes Buffet an fester und flüssiger Nahrung an - da braucht man wahrlich keinen Ballast mitschleppen. Zur zusätzlichen Erfrischung bei sommerlichen 30°C nutzte ich z.B. nicht den Holzsteg über das Gehegewasser, sondern den Weg durchs Naß (so war es außerdem auch markiert) - da konnten die qualmenden Füße für einen kurzen Moment Erholung erfahren und am Flüßchen Strenge die Birne eine drohende Überhitzung durch eine intensive Kopfwäsche abwehren.


An den organisatorischen und topographischen Voraussetzungen hat es demnach nicht gelegen, daß wir uns letztendlich viel zu lange auf dem Rundkurs aufhielten. Eine 50-km-Zeit von über sieben Stunden (7:06:24 h) ist schon recht heftig - doch unser aktueller Trainingszustand läßt derzeit einfach nicht mehr zu. Klar, nervt es im Wettkampf, auf den letzten Kilometern noch ein paar Läufer vorbeilassen zu müssen, doch das war uns heute völlig egal. Wir waren Teil einer wunderbaren Laufveranstaltung, bei der man im Ziel sogar noch eine Medaille und ein (scharfes) Messer ausgehändigt bekam.


Ergebnis: 52 Starter (davon 49 im Ziel) beim 50-km-Lauf
Ute: 6. Frau (von 12), 2. W60 (von 2)
Thomas: 18. Mann (von 40), 5. M55 (von 10)


Fazit: Geländelauf, Trailrunning, Ultra - wie auch immer … die Streckenführung teils recht fordernd, teils zum Genießen … Versorgungspunkte, die „an alles gedacht hatten“ und deren Betreiber dem Teilnehmer stets motivierend zur Seite standen … eine (immer seltener werdende) familiäre Atmosphäre und ein gutdurchdachtes Konzept, welches ein paar Interessenten mehr verdient hat






