26.07.2026 / 1:05 Uhr / 162,3 km / 2.213 Hm+ / 2.213 Hm-

Es gibt sie noch, die Zusammenkünfte nach Feierabend, bei denen man für alle Anwesenden verbindliche Pläne schmiedet. Dieser Umstand macht es Tilo leicht, mit seinen ungewöhnlichen Ideen zur Wochenendgestaltung hausieren zu gehen. Sein Muster ist dabei schon fast kriminell. Er kündigt sich kurzfristig an, tritt als durstiger Radfahrer auf, befeuert danach geschickt die Alkoholzufuhr seines Gegenübers, um bei einer gewissen Füllgrenze seine Karten auf den Tisch zu legen. Die von ihm erwartete Zustimmung zu seiner Idee folgt prompt, was ihn freudestrahlend den imaginären Plan einpacken läßt - nur der „Unterzeichnende“ ohrfeigt sich zwei Tage später, weil er deshalb mitten in der Nacht aufstehen muß.

Dieser Groll ist jedoch schnell verflogen, schließlich geht es um eine nichtalltägliche Sache, die jedoch täglich stattfindet. Es geht um den Sonnenaufgang. Diesem wird von der Masse kaum noch Beachtung geschenkt, ist aber an bestimmten Orten unbezahlbar schön - so z.B. im Gebirge, wo man bei alpinen Unternehmungen zeitlich weit vorher in die Spur geht und diesen dann neben den Felswänden oder über den Schneehucken der Bergmassive wahrnehmen kann.
Nun gibt es sicherlich auch in Chemnitz und Umgebung ein paar geeignete Orte dieses Schauspiel der Natur zu beobachten. Der erste Vorschlag ist dabei der nahegelegene Schellenberg mit seiner Augustusburg - dem Lieblingsreiseziel Tilos. Doch dort ist die Bergkuppe komplett zugebaut und ein Rundumblick nur schwer umsetzbar. Auch der Fichtelberg wird in die nähere Betrachtung mit einbezogen, zumal diesen Olaf & Co. schon einmal vor ein paar Wochen mit dem Rennrad von Lunzenau aus zum „Tagesanbruch“ einen Besuch abstatteten. Jedoch fehlte die nachträgliche Auswertung dieser Reiseeindrücke vollends, als hätten sie das angestrebte Ereignis um wenige Minuten verpaßt. Zudem wäre diese Radtour nur eine billige Kopie von Olafs Wirken und daher ein Fall für den Rotstift.

Eine etwas „unscheinbarere“ Alternative wäre der Kupferhübel (Mednik) im Preßnitzer Bergland (Prisečnicka hornatina). Dorthin führte uns am 29. Oktober 2022 der interne Abschluß der Radfahrsaison über 100 Meilen mit knapp 2.000 Höhenmetern und den Bergwertungen auf dem Plattenberg und dem erwähnten Kupferhübel. Damals (und ich muß es einfach noch einmal erwähnen) gelang mir (als mit Abstand schwächsten Fahrer unseres Quartetts) der Sieg beider Bergwertungen. Ich verstand es, meine Konkurrenten immer wieder einzulullen und im entscheidenden Moment zuzuschlagen. Lange Gesichter, finstere "Blick-Dialoge“ und schalschmeckendes Bier waren die Folge - Dinge, die niemand braucht, die aber bis zum nächsten Jahr wieder vergessen waren.
Nicht vergessen hatte ich den gigantischen Rundumblick vom Kupferhübel, den ich nun wieder ins Spiel bringe. Dieser Vorschlag muß allerdings noch unbeschadet die Schreibtische von Siggi und Tilo passieren - die finale Entscheidung (Fichtelberg oder Kupferhübel) fällt erst wenige Stunden vor unserem gemeinsamen Start. Ich wäre höchstwahrscheinlich nicht mitgefahren, wenn sich der Panoramablick über den Steilabbruch des Erzgebirges zum Egergraben (Ohersky rift), hinüber zum Duppauer Gebirge (Dupovské hory), auf den Haßberg (Jelení hora), den Schmiedeberger Spitzberg (Velky Špičák), den Fichtelbergklotz sowie das Keilbergmassiv (Klínovec) mit dem Wirbelstein (Meluzina) nicht durchgesetzt hätte.

Kurz nach Mitternacht klingelt der Wecker, noch zweimal rumdrehen, dann geht es aber ab in die Klamotten, bissel Kaffee und schon stehen unsere Mitstreiter Tilo und Siggi vor der Tür. Sommerliche 18°C, Sternenhimmel, gute Laune - auf gehts! Der Anfang gestaltet sich (erwartungsgemäß) äußerst zäh. Siggi (in Wittgensdorf gestartet) und Tilo (ab Wissmannhof) sind da schon warmgefahren und drücken mächtig aufs Gas. Siggi wird kurz darauf in Weißbach seine einzige Bergwertung (des Tages) gewinnen. Wir strampeln weiter durchs Zschopau- und später durchs Preßnitztal. Dort behinderte uns vor zwei Wochen eine Baustelle, daher biegen wir in Streckewalde Richtung Mildenau ab. Steil und ziemlich eng führt die Straße nach oben. Es ist herrlich, nur wenig Verkehr und daher ziemlich streßfrei.

In Jöhstadt nehmen wir den Fußgänger-Grenzübergang nach Pleil-Seligenthal (Černy Potok). Das Thermometer ist mittlerweile bis zur „3“ zurückgefallen. Eine Kleiderergänzung bei den „nicht ganz so Harten“ folgt, doch bis Schmiedeberg (Kovárská) geht es tendenziell bergauf, da wird einem auch so wieder warm. Wenn wir jetzt nur an einem Kiosk oder an einer Tankstelle vorbeikämen und uns was zu Lesen (z.B. die Tageszeitung oder sonstige Schnulzenromane) besorgen könnten, denn die errechnete Zielzeit ist viel zu früh am Tage. Da braucht man zumindest eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bis zum angestrebten Sonnenaufgang. Dem ist aber nicht so und so können wir die verbleibenden Kilometer etwas ruhiger angehen. Da ich gewöhnlich der Truppe gern in gebührendem Abstand hinterherfahre, verpasse ich (um ca. fünf Meter) die Kollision mit zwei stattlichen Rehen, die die Vorhut (um Tilo, Siggi und Ute) aus dem angrenzenden Feld aufgescheucht hatte.

Am Ortseingang von Kupferberg (Medenec) beginnt die Bergetappe zum Kupferhübel - anfangs auf Asphalt, danach wird es unradsam (d.h., an ein Ausfechten der Bergpunkte auf zwei Rädern nicht zu denken). Wir wählen komplett die Schieb- und Tragestrecke des Vorjahressiegers, auf der allerdings Mannschaftskapitän Siggi schwächelt. Schwächelt? Er verweigert (durch sein nichtfahrradfahrerisches Unvermögen) regelrecht die sportliche Herausforderung - er wird abgeschlagen Vierter. Die 20 Punkte (der Hors catégorie) gehen an Ute, der Verfasser dieser Zeilen sichert sich 15 Zähler, Tilo bekommt noch 12 und Siggi bleibt gerade so in der Karenzzeit.

Es ist kurz nach halb fünf, als wir an der Rotunde (Kapelle zur Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria) des Kupferhübels platznehmen. Fast eine Stunde müssen wir noch überbrücken, ehe sich 5:27 Uhr die Sonne zeigt. Es weht ein frischer Wind und die übergezogene Windjacke ist da nur ein schwacher Trost. Kurz nach fünf erscheint noch ein Einheimischer, der sich den Sonnenaufgang in Video und Bild für die Nachwelt sichern will.
Der Himmel östlich des Kupferberges färbt sich zusehend rot. Punktgenau erscheint dann auch unser Protagonist, schiebt sich immer höher und verschwindet nach ein paar Minuten hinter den darüberliegenden Wolken. Kann man dies gleich noch als Sonnenuntergang durchgehen lassen? Dann hätten wir ja gleich zwei Naturschauspiele mit einem Male erledigt. Der Sonnenball leuchtet jedoch weiterhin in einer intensiven Rottönung durch die Wolkenschicht. Doch irgendwann verblast auch dieses „große Kino“. Wir brechen auf und begeben uns Richtung Egertal, nach Klösterle (Klašterec nad Ohrí), denn 7 Uhr öffnet dort ein „Lidl“ (so zumindest die Internetrecherche des Organisators) - der einzige „VP“, der um diese Zeit was anbietet, denn die Kneipen haben gegen 6 Uhr nun mal noch nicht die Zapfhähne scharfgeschaltet.
Von Kupferberg fahren wir die „22314“, passieren dabei die Kupferberger Sphinx (Medenecké Sfing), einem sphinxähnlichen Felsgebilde, zu dem bis 1945 noch ein Gasthof gehörte. Im Talort angelangt, stellen wir wiederholt unsere „Voreiligkeit“ fest. Der Laden hat um 6:30 Uhr noch nicht geöffnet, daher wird der Besuch des örtlichen Schloßparkes noch dem Lebensmittelnachschub vorgeschaltet. Einem ausgiebigen Frühstück folgt eine kräfteschonende Partie an der Eger (Ohre) bis Kaaden (Kadan). Dort wird im örtlichen Potraviny das zweite Frühstück (flüssig, zum Mitnehmen) besorgt. Ein paar flache Kilometer folgen, ab den weithin sichtbaren Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks der ČEZ-Gruppe geht es in den Anstieg zum Erzgebirgskamm.

Dieser führt rund elf Kilometer von Brunnersdorf (Prunérov) über Wohlau (Volyne) zum Paß am Reischberg (Lysá hora) hat anfangs nur zwei bis drei Prozent, ab der Hälfte werden es „machbare“ fünf bis sechs Prozent Steigung. Permanentes Gekurbel auf einer wenig befahrenen Straße wird an deren Scheitelpunkt mit einem (durch mehrere Windmühlen verschandelte) Rückblick zum Kupferhübel honoriert. Die Bergwertungspunkte gehen wiederholt an Ute. Siggi und Tilo folgen im Abstand von ca. fünf Minuten. Ich fahre kontrolliert im Zeitlimit zu Ende und gönne mir auf den Schlußmetern die (ab Kaaden) mitgeführte Büchse Kozel 10°. Parallelen zur heute zu Ende gehenden Frankreichrundfahrt sind dabei von mir gewollt, schließlich belohnten sich da beim Austrudeln auf der Avenue des Champs-Élysées die Fahrer auch mit einem Glas Sekt von den vorangegangenen Strapatzen.
Auf der anderen Seite sind nun Spitzberg und Haßberg die markanten Erhebungen, deren Mitte wir nun, mit einer Passage entlang der Preßnitztalsperre (Vodní nádrz Prísečnice), ansteuern. Am Westhang des Haßberges wird am Karlsbrunn (Karluv pramen) noch das abgestandene Wasser aus der Trinkflasche durch frisches Quellwasser ersetzt. Der große Durst wird aber erst, nach dem Passieren der Staumauer (hinter der sich die „versunkene“ Bergstadt Preßnitz befindet) in Christophhammer (Kryštofovy Hamry) behandelt. Dazu gibt es noch Gulaschsuppe oder eben den böhmischen Klassiker Gulasch mit Knödel.

Nach dem Grenzübertritt wird der bisher angenehme Radweg anspruchsvoller, denn zurückgelassenes Geäst von forstwirtschaftlicher Tätigkeit behindert den Tretrythmus erheblich und im Mechanismus verheddertes Astwerk bringt den Drahtesel schon mal aus dem Gleichgewicht in die Seitenlage. Ohne Schäden erreichen wir Schmalzgrube und können wieder ein etwas höheres Tempo ansetzen. Die Baustelle von vor zwei Wochen umfahren wir gekonnt über den Nebenweg, mit der Feststellung, daß die Straße schon wieder komplett freigegeben ist.

Wir treffen in Streckewalde wieder auf den Hinweg und lassen es nun „ausrollen“. Ein Hundertmeiler, der schon mal am frühen Nachmittag beendet ist - trotz ausgiebiger Pausen und angenehmer Reisegeschwindigkeit. Wir wissen zudem, wo am Sonntag dessen Namensgeberin aufgeht - nach neuestem Stand der Wissenschaft (in diesem Fall, unserer Radpartie) nicht im Osten, sondern im Süden! … denn der Kupferhübel liegt südlich von Chemnitz! Radfahren bildet! Quod erat demonstrandum - Danke für diese Horizonterweiterung, Tilo!
Fotos: Tilo (13), Thomas (25), Ute (2)





