11.07.2026 / 8:20 Uhr / 100 Meilen / 1.968 Hm+ / 1.968 Hm-

Wenn das Radreiseunternehmen Kozlik mit dem Aufsuchen böhmischer Apotheken droht, ist man regelrecht gezwungen, dieser Unternehmung seine Zusage zu erteilen. Diese hopfensaftbasierte Ausfahrt findet im elitären Personenkreis statt - je weniger Teilnehmer in diese Art der „Blutwäsche“ eingeweiht sind, umso weniger dringt davon „nach außen“. Die Zuzahlungen zur verabreichten Flüssigmedizin sind jenseits des Erzgebirgskammes moderat und rechtfertigen deshalb auch eine etwas zeitraubende Anfahrt mit dem Zweirad.
Tagesausflüge in die Tschechische Republik benötigen keine lange Vorbereitungszeit, sie sind alternativlos (Was will man auch im Sommer zu irgendwelchen überlaufenen Seen nahe Leipzig radeln?) und stets recht unterhaltsam. Freitags kommt die Anfrage zur Wochenendgestaltung per WhatsApp (die jetzt auch ganz offiziell wieder den Eingang ins „Staatsarchiv“ findet), eine telefonische Feinjustierung des Rahmenprogrammes folgt im Anschluß und tags darauf finden sich vier Interessenten am vereinbarten Treffpunkt ein, um zur medizinischen Behandlung ins Nachbarland aufzubrechen. Ehe also die Dopingermittler zuschlagen können, sind wir unterwegs.

Den Duft von Saazer Hopfen in der Nase und das raue Gelände der Erzgebirgs-Nordrandstufe vor den Pneus, folgen wir der Zwönitz bis Einsiedel. Am ortsansässigen Brauhaus (welches ein „Echt Einsiedler Böhmisch“ braut), biegen wir über die Ziegenschweiz (welche heutzutage nur noch mit Hühnerzucht aufzuwarten weiß) und Eibenberg zum Eisenweg ab. Diesen könnten wir nun bis tief ins Erzgebirge nutzen, wenn wir nicht einen Radfahrer mit Handicap (resp. Rennrad) dabeihätten, dem diese Routenwahl den (fahrzeugtechnischen) Stecker ziehen würde.
An der Schönen Aussicht, dem Straßenpaß zwischen Jahnsdorf (Würschnitztal) und Meinersdorf (Zwönitztal), müssen wir daher notgedrungen ins Zwönitztal zurück. Die Beschaffenheit des weiterführenden Eisenweges zur Forzbach’l-Quelle über die Tabakstanne nach Brinnltz (Brünlos) würde nun den Reifen des Straßenfahrrades um einiges mehr zusetzen, als es diese sich wünschen würden. Erste Ermüdungserscheinungen zeigt jedoch das Vorderrad meines Geländegefährts. Druckverlust und eine Nachbefüllung mit Luftpumpenluft ist deshalb unumgänglich. In der Eile des Gefechts verbiege ich dabei das Ventil, welches sich (im Anschluß der Befüllungsarbeiten) nur noch mühevoll zurückdrehen läßt und nur noch an „einem Faden“ hält.

Doch zurück zur Radtour, welche nun nur noch auf der Straße (oder asphaltiertem Radweg) stattfindet und in Kühnhaide beim Bäcker abrupt schon wieder stoppt. Ein Nachfüllen der verbrauchten Energiereserven folgt, schließlich steht nun der zweite Anstieg der Ausfahrt vor der Tür. Eine wohltuende Waldpassage erleichtert dabei das Gekurbel, welche kurz darauf schon wieder nahezu kräfteschonend, durch die Täler von Fisch- und Oswaldbach sowie Schwarzwasser bis (fast) zur Grenze erfolgt. Flache Strecke aber auch ein fast flacher Reifen meines Vorderrades - da muß offensichtlich nachgebessert werden. Das geht ja relativ fix - beim Aufpumpen verschluckt die Luftpumpe allerdings den oberen (angebrochenen) Ventilteil, so daß eine Komplettsanierung im Vorderrad von Nöten ist.

In Johanngeorgenstadt wird daher die „letzte Tankstelle vor der Grenze“ von uns aufgesucht. Siggi hat diesen genialen Einfall und begutachtet nun das langwierige Prozedere des Schlauchwechsels mit Argusaugen (Mehrzahl!). Mit so einer Einlage können wir ihn freilich nicht zum Umstieg auf ein Schotterrad/Gravelbike animieren. Er genießt diese (für uns) unangenehme Situation so intensiv (sein stechender Blick hinter meinem Rücken fühlt sich dabei wie ein Sonnenbrand an), daß wir ihm einen Platzverweis erteilen müssen. Zum Glück haben wir alles notwendige Werkzeug dabei, sogar der wichtige Adapter für die Realisierung der Luftzufuhr (vom Kompressor) ist im Werkzeug-Besteckkasten vorhanden. Das fehlende Gleitmittel für die richtige Einlage des Mantels (Höhenschlag!) organisiert Tilo aus dem Tankstellen-WC. Es klappt alles wie am Schnürchen, der Mantel drückt die Seifenblasen aus der Felge und „knallt“ in die vorgesehene Position. Die Lage entspannt sich. Siggi könnte sich nun wieder zu uns gesellen. Doch, will er das überhaupt? Sein Trotz ist verständlich und es bedarf eines uralten Taschenspielertricks, ihn wieder in unsere Reihen zurückzuholen. Ute pflückt eilig ein paar blumenähnliche Gebilde von der Tankstellenwiese, die ich Siggi (mit viel Reue in der Stimmlage) überreiche. Es klappt, Siggi ist fortan wieder ein Teil unserer Radfahrgemeinschaft.
Kurz darauf passieren wir den Grenzübergang. Es ist der Schritt in eine andere Welt. Hier, in Breitenbach (Potučky) befindet sich auf nur wenigen Quadratmetern ein Handelszentrum, welches manche Großstadt nicht zu bieten hat. Wir haben jedoch schon mit der Vorderrad-HU genügend Zeit verplempert, so daß wir uns hier nicht von der feilgebotenen Warenvielfalt locken lassen können - zudem steht auch der angedachte Brauereibesuch auf der Kippe. Das ist ärgerlich, aber nicht verhandelbar - schließlich beruht Tilos Erfolgsrezept für Radausflüge auf einem minutiös ausgeklügelten Zeitplan, den man nicht aus der Bahn werfen kann.
Ins Schwarzwassertal (Údolí Černé) fahrend, entfernen wir uns schnell vom Trubel der Wochenendeinkäufer. Endlich Ruhe! Scheinbare Ruhe! Auch wenn es unausgesprochen bleibt, hallt dieses „Durst ist schlimmer als Heimweh“ durchs Tal. Es muß dringend gegengesteuert werden. Tilo hat ein Einsehen und plötzlich „kennt“ er auch rein zufällig eine Kneipe unweit unserer Route - den „Roten Fuchs“ (Restaurace U Červené lišky), wo die Burgstädter (Vereinsläufer), bei der Durchführung ihrer jährlichen Trainingslager auf dem Rabenberg, Stammgäste sind. Wir biegen links ab, folgen dem Streitseifner Bach (Podlesky potok) durch den Wald und nehmen kurz darauf vor dem Gasthaus platz.
Dieses (erste) Bier ist wahrlich sauer verdient. Es ist vom Heineken-Ableger „Krušovice“, der Königlichen Brauerei Kruschowitz (Královsky pivovar Krušovice) - einer der ältesten Apotheken, äh Braustätten Böhmens. Doch allzu lang können wir die Getränkepause nicht ziehen, denn der Zeitplan hängt schon mächtig schief. Wir müssen zurück zum Schwarzwasser. Begleitet von den Tafeln des Gebirgslehrpfades Breitenbach (Horská naučná stezka Podučky) fahren wir bachaufwärts. Darauf gibt es interessante Beiträge zu verschwundenen Ansiedlungen, zur Geologie und zur Flora und Fauna. Auf einem der Schilder wird u.a. die insektenfressende, seltene Wasserspitzmaus vorgestellt: „… Sie hat einen hohen Futterverbrauch und muß daher ein großartiger Jäger sein. Einige Experten sind der Meinung, daß sie eine Gefahr für den Menschen darstellen könnte, wenn sie so groß wie eine Katze wäre. Glücklicherweise ist sie nur 5 bis 7 cm groß.“ Kollektives Aufatmen und weiter gehts!

Seifen (Ryzovna) liegt knapp unter der Tausender Höhenmarke, wo ein besonders raues Gebirgsklima herrscht. Bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung bestand die Streusiedlung aus 70 Häusern, in denen bis zu 800 Einwohner registriert waren. Deren zwangsangesiedelte „Nachfolger“ kamen mit der vorgefundenen Situation von „acht Monaten Winter und vier Monaten kalt“ nicht zurecht und so verschwand im Laufe der Jahre fast der gesamte Ort. Vier Häuser blieben übrig, in einem davon (dem ehemaligen Dorfschulgebäude) ist unser heutiges Reiseziel untergebracht - die Kleinstbrauerei von Seifen (Pivovar Ryzovna).
Hier wird Bier nach handwerklicher Tradition aus Gerste, Hopfen, Wasser und Hefe gebraut: ein untergäriges, helles Lagerbier namens „12° Bozí Dar“ (4,9% alc.), ein aus fünf verschiedenen Malzsorten hergestelltes, bernsteinfarbenes „13° Rapl“ (5,2% alc.) und ein stark gehopfter, mit angenehmer Bitterkeit versehener Durstlöscher „8° Skolák“ (3,1% alc.). Wir entscheiden uns für das Dunkle - eine vortreffliche Wahl! Auch die Wiederholung dieser Bestellung bestätigt dieses Ergebnis.

Nach einer längeren Pause müssen wir die Heimreise antreten. Diese führt über Gottesgab (Bozí Dar) Richtung Keilberg (Klínovec) und weiter nach Schmiedeberg (Kovárská). Dort könnten wir noch einen Gasthausaufenthalt einschieben. Doch 17 Uhr werden im Ort die Bordsteine hochgeklappt - keine Chance mehr, ein weiteres böhmisches Bier-Rezept einzulösen. So bleibt nur noch der örtliche Lebensmittelladen, der mit der billigen Büchsenvariante aushilft. Das ist natürlich kein allzu schöner Tagesausklang, doch die vorgegebene Infrastruktur läßt es dabei bewenden. Dementsprechend trist gestaltet sich die Heimfahrt über Jöhstadt und das Preßnitztal, wo allerdings ein Fahrrad-Schiebe-Sektor in einer Straßenbaustelle die Situation dann doch etwas auflockert.

Der Rest der Strecke ist Routine: Zschopautal, Weißbach, Zwönitztal. Der Tag neigt sich langsam dem Ende. Der Biergarten in Einsiedel ist glücklicherweise (schon) geschlossen, denn sonst hätten wir dort noch eine Zwangspause einlegen müssen - Hopfenentzug ist schlimmer als das rezeptfreie Heimweh! Doch kurz darauf ist es für Ute und mich geschafft, Siggi und Tilo müssen noch ein Stück weiter. Ein Ausflug, der in der Kategorie „Kurreisen“ der Apotheken-Rundschau nicht besser hätte angeboten werden können. … und Tilo hat schon die nächste „unscheinbare“ Heilungsanstalt in Böhmen benannt. Mal sehen, wann da die stark limitierten Kurplätze über WhatsApp ausgeschrieben werden.

Standbilder: fast alle von Tilo, zwei von Siggi, ein paar vom Autor





